Das Geschichtsbuch der Frühpädagogik in Deutschland hat in den letzten Jahren unwiderruflich das Kapitel der Bildungsglobalisierung aufgeschlagen. Mit der PISA-Studie müssen sich 15jährige Schüler weltweit messen lassen und geben damit Aufschluss über das Bildungssys-tem ihres Herkunftslandes. Das Bildungssystem in Deutschland ist – so die Ergebnisse der PISA-Studien – eines der Chancenungleichheiten: die soziale Abstammung bestimmt Bil-dungschancen, welche wiederum Arbeitschancen und somit Lebenschancen bestimmen. Kurz gesagt: Armut in Deutschland wird sozial vererbt. Seit etwa zehn Jahren ist die Fachöffentlichkeit damit beschäftigt, vehement auf dieses Problem hinzuweisen und die Politik will jetzt handeln, indem Chancengleichheit von Anfang an als Rechtsanspruch auf einen Kinderkrippenplatz mit einem Lebensjahr durch das KiföG in das SGB VIII aufgenommen wurde bzw. ab 2013 verwirklicht sein soll. Dies scheint dringend nötig in einer zunehmend individualisierten und pluralisierten Welt von morgen, in der Deutschland als Exportland den globalen Anschluss nicht verlieren darf. Global sind auch einige Lösungen, die das Bildungssystem im Elementarbereich sucht: endlich ist eine einheitliche Positionierung der Erzieherin an Universitäten und (Fach-)Hochschulen in Sicht, wie es fast in ganz Europa der Fall ist. Es werden neue Ansätze diskutiert, wie Bildungs- und Lerngeschichten als qualitative und individuelle Entwicklungsforschung in Kindertageseinrichtungen nach dem Beispiel Neuseeland oder Transitionskonzepte aus Schweden.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Klärung verwendeter Begrifflichkeiten
2.1 „Frühpädagogik“ und „Sozialarbeit im Kindergarten“
2.2 „Professionelle soziale Arbeit“
3 Die Frühpädagogik als Handlungsfeld sozial helfender Berufe
3.1 Fachspezifisches der Frühpädagogik
3.1.1 Erziehung
3.1.2 Betreuung
3.1.3 Pflege
3.1.4 Bildung
3.2 Berufsgruppen in Kindertageseinrichtungen
3.3 Geschlechterverteilung und Perspektive
3.4 Das System der Frühpädagogik als Gegenstandsbereich sozialer Arbeit
3.4.1 Die zwei Ebenen von sozialer Arbeit
3.4.2 Prävention als Grundausrichtung
3.4.3 Die „Feuerwehrfunktion“ sozialer Arbeit
3.4.4 Das analytische Konzept einer „reflexiven Sozialpädagogik“
3.4.5 Das Konzept der Lebensweltorientierung
3.4.6 Empowerment als Handlungsmaxime
3.4.7 Die Bedeutung des Flow-Erlebens
3.4.8 Schaffung sozialer Chancengleichheit
3.4.9 Anwalt des Klienten: Kinder haben Rechte
3.4.10 Das Bild des praktizierenden Philosophen
3.4.11 Zusammenfassung zur Bedeutung von Sozialarbeit in der Frühpädagogik
4 Das System der Kindertageseinrichtungen in Bayern
4.1 Kindertagesbetreuung in Bayern bis in das Jahr 2005
4.2 Kindertagesbetreuung in Bayern ab dem Jahr 2005
4.2.1 BayKiBiG und AVBayKiBiG
4.2.2 Der BayBEP
4.2.3 Befragung in Kindertageseinrichtungen
5 Hauptaufgabenfelder sozialer Arbeit in Kindertageseinrichtungen
5.1 Soziale Arbeit im Kontext von Einzelfallhilfe und Gruppenarbeit
5.2 Soziale Arbeit im Kontext von strukturellen Veränderungen auf Einrichtungsebene
5.2.1 Das „Theaterraumprojekt“
5.2.2 Implementierung veränderter Anforderungen in den Einrichtungsalltag
5.2.3 Konzeptionelle Arbeit und Qualitätsmanagement
5.2.4 Arbeit an der Kommunikationsstruktur der Einrichtung
5.3 Soziale Arbeit im Kontext von Gemeinwesenarbeit
6 Frühpädagogik im Schatten der PISA-Studie: ein Ausblick
6.1 Allgemeiner Trend: Höherqualifizierung des Personals
6.2 Transitionen gelingend gestalten: ein Idee am Beispiel Schweden
7 Zusammenfassende Ergebnisse
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Notwendigkeit und den spezifischen Gegenstandsbereich professioneller Sozialer Arbeit innerhalb des frühpädagogischen Sektors, um Fachkräfte und Studierende bei der Abgrenzung zu anderen traditionellen Berufen im Kindertagesstättenwesen zu unterstützen.
- Professionalisierung der Sozialen Arbeit im Kindergarten
- Strukturzentrierte Interventionsmöglichkeiten in Kindertageseinrichtungen
- Verhältnis von Frühpädagogik und Sozialer Arbeit
- Bedeutung gesetzlicher Rahmenbedingungen (BayKiBiG, BayBEP) für die pädagogische Arbeit
- Empowerment und Prävention als zentrale Handlungsmaximen
Auszug aus dem Buch
3.4.1 Die zwei Ebenen von sozialer Arbeit
Der Klient steht im Mittelpunkt sozialer Arbeit. Die soziale Dienstleistung direkt „am“ Klienten ist die grundlegende Pflicht in der Frühpädagogik. In Kindertageseinrichtungen bilden Erziehung, Betreuung, Pflege und Bildung die Schlüsseldimensionen der direkten Arbeit mit dem Klienten Kind. Ebenso gehören zur Grundlage pädagogischer Arbeit im Elementarbereich, dass mit bzw. über Dritte klientenbezogen gearbeitet wird: beispielsweise bei Elterngesprächen oder der Vernetzung mit anderen Einrichtungen und Ämtern. Bereits in der Abstufung von direkter Arbeit am Klienten zur klientenbezogenen Arbeit mit Dritten verschiebt sich der Kompetenzbereich von Berufsgruppen: Während Erzieherinnen beides übernehmen, handeln Kinderpflegerinnen schwerpunktmäßig in einem Bereich direkt mit dem Kind: Kinderpflegerinnen führen weniger (geplante) Elterngespräche und wirken zum Beispiel beim Beantragen von Fördergeldern (etwa bei der Beantragung des Integrationsstatus für ein Kind) in der Regel nicht mit. Die Höherqualifizierung des Erzieherberufes sollte hierfür die ausschlaggebende Begründung sein. Neueste Entwicklungen, dass die Anforderung an pädagogische Qualität und an Bildungsqualität im Elementarbereich (vgl. Fthenakis 2003a, S. 66 f; vgl. Fthenakis 2003b, S. 82) zunehmen sowie die aktuelle Diskussion über eine zunehmende Akademisierung des Erzieherberufes in Deutschland, welche ich im 7. Kapitel genauer einbeziehen werde, implementieren bereits, dass Mitarbeiter in Tageseinrichtungen für Kinder in Zukunft mehr in einen Bereich nicht direkt klientenbezogener Arbeit mit Dritten einbezogen werden müssen. Hierbei handelt es sich vor allem darum, dass Einrichtungen im Rahmen gesetzlicher Vorlagen individuelle Standards für die eigene Arbeit entwickeln, diese evaluieren, und dass ihre Mitarbeiter aktiv an Fortschreibung sowie Weiterentwicklung der pädagogischen Konzeption teilhaben (vgl. Oberhuemer 2004, S. 364 ff; vgl. Kalicki 2003, S. 102); also allgemein um Qualitätsmanagement und Qualitätsentwicklung. Es unterscheiden sich zusammenfassend drei Grade der Klientenbezogenheit:
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Rolle der Sozialarbeit in der Frühpädagogik und begründet die Notwendigkeit ihrer professionellen Profilierung.
2 Klärung verwendeter Begrifflichkeiten: In diesem Kapitel werden die zentralen Begriffe wie „Frühpädagogik“, „Sozialarbeit im Kindergarten“ und „professionelle soziale Arbeit“ definiert und theoretisch eingeordnet.
3 Die Frühpädagogik als Handlungsfeld sozial helfender Berufe: Das Kapitel analysiert die fachspezifischen Anforderungen der Frühpädagogik und leitet Arbeitsregeln für Sozialarbeiter in diesem Feld ab.
4 Das System der Kindertageseinrichtungen in Bayern: Dieser Abschnitt beschreibt die gesetzlichen Rahmenbedingungen in Bayern und deren Auswirkungen auf die pädagogische Praxis.
5 Hauptaufgabenfelder sozialer Arbeit in Kindertageseinrichtungen: Anhand praktischer Beispiele werden Handlungsfelder aufgezeigt, in denen Sozialarbeit unterstützend und intervenierend tätig wird.
6 Frühpädagogik im Schatten der PISA-Studie: ein Ausblick: Hier wird diskutiert, welche Konsequenzen die PISA-Studien für die frühkindliche Bildung haben und wie Transitionen professionell begleitet werden können.
7 Zusammenfassende Ergebnisse: Das Fazit fasst die Rolle des Sozialarbeiters als Bindeglied zwischen Trägern und Einrichtungen zusammen und plädiert für eine reflexive Sozialpädagogik.
Schlüsselwörter
Frühpädagogik, Sozialarbeit im Kindergarten, Elementarerziehung, Kindertageseinrichtungen, BayKiBiG, BayBEP, Prävention, Empowerment, Lebensweltorientierung, Transitionen, Qualitätsmanagement, Sozialpädagogik, professionelle soziale Arbeit, Gemeinwesenarbeit, Bildungslandschaften.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Rolle und der Notwendigkeit professioneller Sozialer Arbeit im Bereich der Frühpädagogik, insbesondere in Kindertageseinrichtungen.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zu den zentralen Themen gehören die gesetzlichen Rahmenbedingungen (z.B. BayKiBiG), die Professionalisierung der Fachkräfte, Qualitätssicherung und die Zusammenarbeit mit anderen Berufsgruppen.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, den spezifischen Gegenstandsbereich Sozialer Arbeit in der Elementarerziehung zu definieren und den Nutzen professioneller Sozialarbeit für die Einrichtung und die Kinder herauszuarbeiten.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Neben der theoretischen Fundierung durch Fachliteratur nutzt der Autor Praxisbeispiele und fokussierte Interviews mit Einrichtungsleitungen in Dachau.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Aufgaben von Sozialarbeitern, etwa in der Einzelfallhilfe, der Organisationsentwicklung und der Qualitätssteigerung im Einrichtungsalltag.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Frühpädagogik, Empowerment, Lebensweltorientierung, Transitionen und Qualitätsmanagement.
Wie beeinflussen die Gesetze in Bayern die tägliche Arbeit in den Kitas?
Gesetze wie das BayKiBiG erfordern eine stärkere Dokumentation, eine pädagogische Konzeption und eine verstärkte Ausrichtung an den Bedürfnissen des Kindes, was die Einrichtungen vor organisatorische und zeitliche Herausforderungen stellt.
Was bedeutet die „Feuerwehrfunktion“ der Sozialen Arbeit laut dem Autor?
Sie beschreibt die Fähigkeit der Sozialarbeit, dort einzugreifen, wo traditionelle Berufsgruppen an ihre Grenzen stoßen oder keine Zuständigkeit gegeben ist, um akute Problemsituationen präventiv und reflexiv zu bearbeiten.
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- Tobias Beygang (Author), 2009, Sozialarbeit im Kindergarten, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/146788