Essen als Friedensstifter - ein Vergleich der Darstellung des Gastmahls in der Novelle 'Babettes Fest' und in der gleichnamigen Verfilmung


Hausarbeit, 2007

19 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Hauptfiguren in Buch und Film
2.1 Die Schwestern
2.2 Babette

3. Das Gastmahl
3.1 Darstellung des Festessens in der Novelle
3.2 Darstellung des Festessens im Film
3.3 Der religiöse Hintergrund
3.4 Essen als Friedensstifter

4. Bibliographie

1. Einleitung

Die dänische Autorin Karen Blixen[1] schrieb die Erzählung Babettes Fest 1950 und veröffentlichte sie unter ihrem Pseudonym Isak Dinesen zunächst in der Zeitschrift Ladie’s Home Journal und später im Jahre 1958 in dem Band Anecdotes of Destiny[2]. Der Manesse Verlag nennt die Geschichte um ein magisches Festmahl „Gourmet-Novelle“. Dieser Untertitel ist bereits ein Hinweis auf den Inhalt, der von einem mystisch anmutenden, fast irrealen Festessen handelt. Die Erzählung klärt wie es zu dem Festmahl kam und beschreibt eindringlich die Entwicklung von dem anfänglichen Gedächtnismahl hin zu einem aussöhnenden Friedensmahl. Dabei setzt Blixen durchaus auch komische Elemente ein, die sich vor allem in dem Zwischenspiel von General und Gemeinde zeigen. Diese wurden ebenso von Regisseur Gabriel Axel aufgegriffen, der 1987 die Novelle unter dem Titel Babettes gæstebud[3] verfilmte und dafür 1988 einen Oscar als bester ausländischer Film bekam, sowie mit dem „Prädikat wertvoll“ ausgezeichnet wurde. Die neunundneunzig-minütige Verfilmung ist sehr nah an der Textvorlage orientiert und spiegelt mit filmischer Bildkraft die lakonische Darstellungsweise aus Blixens Erzählung wider. Wie auch die Novelle so versteht sich die filmische Variante als Schicksalsanekdote, wobei mit Jütland ein dänischer anstatt ein norwegischer Schauplatz gewählt wurde. In Buch und Film steht Babettes Festmahl im Mittelpunkt, welches ich in dieser Hausarbeit genauer untersuchen möchte, wobei ich meinen Schwerpunkt hierbei auf die Frieden stiftende Wirkung des Essens lege sowie dessen Darstellung in der Novelle und der Verfilmung.

2. Die Hauptfiguren in Buch und Film

Die Autorin schreibt distanziert über die Hauptfiguren und die kleine ruhige Stadt am Fjord. Sie beschreibt keine Landschaftsidylle, denn Berlevaag ist schroff und karg und von der Außenwelt abgeschlossen. Das politische Weltgeschehen der Zeit findet nur durch Babette, mit deren Ankunft der französische Bürgerkrieg erwähnt wird, und den General Anklang. Der Film gibt direkt zu Anfang ein sehr prägnantes Bild der in der Novelle vorherrschenden Stimmung. Die erste Einstellung zeigt die raue Landschaft am Fjord, woraufhin aufgehängter Stockfisch die Szene mit Martine und Philippa einleitet.

Die im Film gewählte Farbgebung, hauptsächlich bestehend aus dunklen, kalten Farben ohne Intensität, vermittelt dem Zuschauer ein Gefühl von dem rauen, unwirtlichen Klima an der Küste. Die Sonne ist kaum zu sehen, trübe, graue Farbtöne bestimmen das Bild, was oft regnerisches, stürmisches Wetter zeigt. Einzige Ausnahme hierbei sind die Uniformen des Generals und des Postboten, das Feuer in Martines Alptraum sowie die intensiven Farbtöne des Weins und der diversen Speisen, welche Babette zubereitet. Die Hintergrundmusik wird sehr spärlich eingesetzt und besteht hauptsächlich aus einzelnen Klaviertönen oder einer einsamen Geige.

Im Buch wird die Handlung aus einer auktorialen Erzählperspektive berichtet, was im Film durch eine weibliche Erzählstimme aufgegriffen wird. Gelegentlich werden von ihr Erklärungen, Zeitsprünge, Gedanken und Gefühle erwähnt. Ebenso helfen Einblendungen Vergangenes verkürzt darzustellen. Die Kapitel eins bis vier, in denen erklärt wird warum Babette zu den beiden Schwestern kam, ergeben die Vorgeschichte zu dem eigentlichen Hauptteil der Erzählung, nämlich Babettes Festessen.

2.1 Die Schwestern

Die Schwestern Martine und Philippa sind, neben der im Titel erwähnten Babette, die beiden Hauptcharaktere in Blixens Novelle. Sie leben ein bescheidenes, einfaches Leben in Berlevaag, einem kleinen norwegischen Städtchen mit bunten Holzhäusern, welches an einem Fjord liegt. Martine, die ältere der beiden Schwestern, ist nach Martin Luther benannt und die jüngere Schwester Philippa nach Philipp Melanchthon, dem Freund Martin Luthers. Hier zeigt sich die starke religiöse Prägung des Vaters, der seine beiden Töchter sehr gläubig erzogen hat. Er war Propst und Gründer einer pietistischen Sekte, die in ganz Norwegen Bekanntheit erlangte. Die Sekte strebt nach dem neuen Jerusalem und lehnt alle weltlichen Freuden ab, die sie als Sinnentrug ansehen. Über die Mutter der beiden Mädchen werden keine Informationen gegeben, ihr Name wird noch nicht einmal erwähnt. Beide gottesfürchtigen Schwestern haben ihr Leben der Nächstenliebe gewidmet. Bescheidenheit ist ihnen wichtig, was an ihrer Kleidung („züchtiges Grau und Schwarz“[4]) und an ihren kargen Mahlzeiten sichtbar wird. Dies wird durch die Wahl der Kleidung und die spärliche Hauseinrichtung optisch in der Verfilmung der Novelle umgesetzt. Abgesehen von einem alten Klavier, auf dem Philippa die singende Gemeinde bei ihren Treffen begleitet, ist das Haus der beiden Schwestern sparsam möbliert und wirkt dadurch kühl und ungemütlich. Alle Frauen tragen hochgesteckte Haare, was ihre strenge Gläubig- und Sittsamkeit unterstreicht. Mehrmals singt die Gemeinde bei ihren Zusammentreffen Choräle, was im Film durch viele Gesangsszenen noch stärker hervorgehoben wird, als in der Novelle.

Beide Schwestern werden in Blixens Erzählung als sehr hübsch („übernatürlich“[5]) beschrieben und gehen regelmäßig in die Kirche, meiden jedoch Bälle und Gesellschaften. Für die Sekte des Propstes ist keine irdische Liebe von Bedeutung und wird als Sinnentrug angesehen. Daher wurden auch die beiden Mädchen zur Idealvorstellung himmlischer Liebe erzogen und weltliche Gefühle oder sinnliches Verlangen lassen sie nicht an sich heran. Beide haben in Berlevaag Verehrer, doch ihr Vater, der sie als seine „rechte und linke Hand“[6] bezeichnet, zeigt den jungen Männern auf, dass sie keine Chance bei seinen Mädchen haben. Es gibt in ihrem Leben kaum Kontaktpunkte mit der Welt außerhalb des Fjords, nur ihre zwei Verehrer und später Babette lassen davon ahnen.

Martines Verehrer ist der junge Offizier Lorens Löwenhjelm, der 1854 bei seiner Tante in der Nähe von Berlevaag wohnt, um seine Verhaltensweisen zu bessern. Eines Tages begegnet er Martine und hat eine Vision, in der er sie engelsgleich sieht. Er verliebt sich in sie, kommt sich mit ihr verglichen jedoch verächtlich vor und entscheidet sich schließlich, sie nie wiederzusehen.

Auch Philippa hat einen Verehrer, den berühmten Pariser Sänger Achille Papin, welcher ein Jahr nach Löwenhjelms Besuch nach Berlevaag kommt. Er ist in melancholischer Stimmung, welche verschwindet, als er Philippas schöne Stimme in der Kirche hört. Begeistert von ihr und ihrer Stimme hat er, wie Löwenhjelm zuvor, eine Vision in der er Philippa als berühmte Opernsängerin sieht. Nach Zustimmung des Propstes fängt er an ihr Gesangsunterricht zu geben. Beide Mädchen lösen demnach durch ihre außergewöhnliche Art positive Visionen bei ihren Verehrern aus. Papin küsst Philippa im Eifer des gemeinsamen Singens, worauf sie sofort den Unterricht beendet und er abreist. Die beiden Mädchen entscheiden sich gegen die Liebe und für ein Leben in Enthaltsamkeit und Pflichterfüllung.

Als der Propst verstirbt, führen die Schwestern die Sekten-Gemeinde in seinem Namen und geleitet von seinen Ideen weiter. Jedoch wird die Gemeinde jedes Jahr kleiner und Zwietracht beginnt unter ihnen zu herrschen. Die Schwestern hoffen auf eine Versöhnung der zerstrittenen Gemeinde durch die Feier anlässlich des hundertsten Geburtstags des Propstes.

In Axels Verfilmung werden sehr achtsam die Charaktere der Schwestern der Novelle nachempfunden und durch filmische Mittel wie Farbgebung und Ton wird ein sehr genaues Abbild der Erzählung kreiert.

2.2 Babette

Babette Hersant ist das französische Dienstmädchen der beiden Schwestern, was auf Grund ihrer frommen Einstellung ungewöhnlich anmutet. Vor zwölf Jahren (im Film sind es vierzehn Jahre) kam sie als Flüchtling vor dem französischen Bürgerkrieg aus Paris zu ihnen. Sie wird als üppig gebaut und schwarzhaarig beschrieben, wirkt in der Verfilmung mit der französischen Darstellerin Stéphane Audran jedoch eher schlank und rot-blond. Abgesehen von diesem Detail ist Babettes Charakter in der Verfilmung mit wenigen Mitteln ebenso treffend dargestellt wie in Blixens Vorlage.

Babette trägt einen Empfehlungsschreiben von Papin mit sich, der darin schreibt sie habe „erfinderische[n] Sinn, Menschlichkeit und wahre Seelengröße“[7] und fast beiläufig erwähnt, sie könne kochen. Dies ist ein erster minimaler Hinweis auf Babettes Kochkünste, die sich erst mit dem Festessen zu Ehren des Propstes offenbaren. Mit den dürftigen Mitteln, die den Schwestern zur Verfügung stehen, kümmert sie sich um den Haushalt und darf dafür bei den beiden Schwestern kostenlos leben. Babette wirkt bei ihrer Ankunft ausgezehrt, verängstigt und verzweifelt, entwickelt sich aber bald zu einer bewährten und vertrauenswürdigen Bedienerin: „Ihr stilles Antlitz, ihr unbeirrbarer, tiefer Blick hatten magnetische Gewalt; unter ihren Augen bewegten sich die Dinge, lautlos, an ihre Plätze.“[8] Sie ist Papistin und vertritt somit eine andere religiöse Richtung als die beiden Schwestern, die gemäß ihrer inneren Haltung versuchen wollen, Babette zu bekehren, indem sie auf ihren eigenen lutherischen Lebensstil als Vorbild hoffen. Babette bleibt für ihre Hausherrinnen immer etwas undurchsichtig: „Zuweilen saß sie auch regungslos auf dem dreibeinigen Küchenstuhl, hatte die starken Hände in den Schoß gelegt und starrte aus weitoffenen dunklen Augen vor sich hin, rätselvoll und unheilschwanger wie eine Pythia auf dem Dreifuß.“[9] Sie wird von den Schwestern angelernt Stockfisch und Brotsuppe mit Bier zu kochen und beherrscht die Zubereitung innerhalb kürzester Zeit perfekt: „Binnen einer Woche aber kochte Babette ihren Stockfisch und ihre Brotsuppe mit Bier so tadellos, als wäre sie in Berlevaag geboren und großgeworden.“[10] Im Film wird gezeigt, dass Babette nicht begeistert davon ist, diese Speise zuzubereiten und in der Tat sieht die Suppe nicht appetitlich aus. Es ist eine braune, dickflüssige Masse, welche die Schwestern jedoch für sehr gut befinden. Mit der Figur der Babette wird der große Gegensatz von der kulinarischen und kultivierten Welt Paris zu dem weltfremden Dorf an Norwegens Fjord deutlich. Babette übernimmt die Wirtschaftsführung des Haushaltes, was dazu führt, dass die Ausgaben sich verringern und überall die gute Wirkung der Französin zu spüren ist. In der Filmversion wird dies durch Babettes Einkäufe im Dorf sichtbar gemacht und den Kontakt, den sie zu den Leuten im Dorf hat. Trotz der fremden Sprache verhandelt sie hart über den Preis, ist dabei aber charmant und daher beliebt und hilft darüber hinaus den Schwestern bei der Versorgung der Armen. Sie kocht nicht nur für ihre Herrinnen, sondern auch für die restlichen Mitglieder der frommen Gemeinde, wobei eine positive Eigenschaft des von Babette zubereiteten Essens zu spüren ist. Obgleich die einfachen Mahlzeiten nur aus Fisch und Brotsuppe bestehen, verhelfen sie fast magisch zu „neue[r], geheimnisvolle[r] Kraft der Anregung und Stärkung.“[11] Die Gemeinde schließt sie sogar in ihre Gebete ein und dankt Gott für Babette, da sie so wohltuend für das Dorf und für die beiden Schwestern ist.

[...]


[1] eigentlich Baronin Karen Christence Blixen-Finecke und auf dem deutschen Buchmarkt oftmals unter dem Pseudonym Tania Blixen

[2] deutsch: Schicksalsanekdoten

[3] deutsch: Babettes Fest

[4] Blixen, Tania: Babettes Fest. Aus dem Englischen übersetzt von W.E. Süßkind. Zürich, Manesse Verlag, 1989, S. 5

[5] Blixen: B, S. 8

[6] ebd.

[7] Blixen: B, S. 23

[8] Blixen: B, S. 25

[9] Blixen: B, S. 30

[10] Blixen: B, S. 26

[11] Blixen: B, S. 27

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Essen als Friedensstifter - ein Vergleich der Darstellung des Gastmahls in der Novelle 'Babettes Fest' und in der gleichnamigen Verfilmung
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Veranstaltung
Kunst in der Küche – Die Begegnung von Ästhetik und Alltag
Autor
Jahr
2007
Seiten
19
Katalognummer
V146852
ISBN (eBook)
9783640568482
ISBN (Buch)
9783640568345
Dateigröße
436 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Babettes Fest, Babette's Fest, Essen als Friedensstifter, Essen und Kunst, Kunst und Küche, Friedensmahl, Karen Blixen, Blixen
Arbeit zitieren
Marie-Christine Wittmann (Autor), 2007, Essen als Friedensstifter - ein Vergleich der Darstellung des Gastmahls in der Novelle 'Babettes Fest' und in der gleichnamigen Verfilmung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/146852

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