Kriminelle Jugendliche

Ausmaß und Ursachen


Hausarbeit, 2002

30 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Definition von „Kriminelle Jugendliche“

3. Statistische Dimensionen der Jugendkriminalität
3.1 Gesamtheit der Tatverdächtigen Jugendlichen und Heranwachsenden
3.2 Die Verurteiltenstatistik 2000
3.3 Übersicht über den Anteil von verurteilten ausländischen Jugendlichen und Heranwachsenden
3.4 Zeitliche Entwicklungen der Jugendkriminalität von 1993 bis
3.5 Verurteilte Jugendliche und Heranwachsende nach Art der Straftat
3.6 Auswertung und Beurteilung der Statistiken

4. Theorien abweichenden Verhaltens
4.1 Die Anomietheorie nach Durkheim
4.1.1 Merton´s Typologie abweichenden Verhaltens
4.1.2 Überblick über die Anomietheorie
4.1.3 Die Anwendung der Anomietheorien als Erklärungsan- satz für Jugendkriminalität
4.2 Theorien der Subkultur
4.2.1 Die Subkulturtheorie nach Cohen
4.2.2 Hypothesenkette zur Subkulturtheorie nach Cohen
4.2.3 Überblick über die Subkulturtheorie
4.2.4 Die Anwendung der Subkulturtheorie als Erklärungsan- satz für Jugendkriminalität
4.3 Die Theorien des differentiellen Lernens
4.3.1 Die Theorie der differentiellen Assoziation nach Sutherland
4.3.2 Die Theorie der differentiellen Verstärkung nach Burgess und Akers
4.3.3 Überblick über die Theorien des differentiellen Lernens
4.3.4 Die Anwendung der Theorien des differentiellen Lernens als Erklärungsansatz für Jugendkriminalität
4.4 Theorien des Labeling Approach
4.4.1 Primäre und sekundäre Devianz nach Lemert
4.4.2 Der Labeling Approach nach Becker
4.4.3 Übersicht über die Theorien des Labeling Approach
4.4.4 Die Anwendung des Labeling Approach als Erklärungsansatz für Jugendkriminalität

5. Sozialpsychologische Erklärungsansätze der Jugendkriminalität
5.1 Die Bedeutung der Familie
5.2 Außerfamiliäre Einflüsse

6. Persönlichkeitspsychologische Erklärungsansätze der Jugendkriminalität
6.1 Die Identitätsentwicklung
6.2 Mangelndes Selbstwertgefühl

7. Abschließende Worte

8. Quellennachweis

1. Einleitung

In dieser Hausarbeit möchte ich mich mit der Problematik der kriminellen Jugendlichen beschäftigen. Die Klärung über deren quantitative Ausmaße und der Versuch einer Erklärung für deren Ursachen sollen hierbei die Leitfragen dieser Arbeit darstellen.

Die Arbeit als Sozialarbeiter beinhaltet relativ oft den Umgang mit dieser Klientel. Meist in direkter Art und Weise mit einem spezifischen Arbeits-Auftrag, wie zum Beispiel in der Jugendgerichtshilfe. Häufig aber auch durch zufällige Kontakte, wie dies in Jugendzentren und anderen Begegnungsstätten der Fall sein kann.

Um sich dieser Thematik adäquat zu nähern, ist es notwendig, sich mit den verschiedensten Teilbereichen des Gesamtproblems zu befassen. Daher werde ich auf empirische Daten, in Form von Statistiken des Bundeskriminalamtes und des Bundesamtes für Statistik, eingehen. Hierdurch ist es möglich, sich einen Überblick über das quantitative Ausmaß der Jugendkriminalität zu verschaffen. Ferner lassen es diese Daten zu, die einzelnen Teilfaktoren des Gesamtaufkommens der Jugendkriminalität aufzuschlüsseln.

Um das Problem wissenschaftlich zu erfassen, werde ich auf die gängigen Kriminalitätstheorien eingehen und diese teilweise mit den Erkenntnissen aus den empirischen Daten abgleichen. Des Weiteren werde ich auf sozial- und persönlichkeitspsychologische Faktoren eingehen, um das Gesamtbild abrunden.

2. Definition von „Kriminelle Jugendliche“

Zunächst einmal muss die Zielgruppe der kriminellen Jugendlichen definiert werden. Dies resultiert aus einer Uneinigkeit, die sich aus verschiedenen Betrachtungsweisen ergeben kann. Wenn in dieser Hausarbeit von „kriminell“ gesprochen wird, ist dies im juristischen Sinne gemeint. Daher sind es die Tatverdächtigen und die überführten Täter einer Straftat oder eines Verbrechens.

Auch der Begriff der „Jugend“ gilt genauer aufgeschlüsselt zu werden. Jugendliche sind nach § 1 Abs. 2 JGG Personen, die zur Zeit der Tat vierzehn, aber noch nicht achtzehn Jahre alt sind. Abhängig vom Reifegrad des Betroffenen können aber auch Heranwachsende (18 - 21 Jahre) wie Jugendliche behandelt werden. Daher besteht die Zielgruppe dieser Hausarbeit, die sich auch in den statistischen Daten wieder findet, aus den 14 bis 21jährigen.

3. Statistische Dimensionen der Jugendkriminalität

Mit Hilfe der Statistiken des Bundeskriminalamtes und des Bundesamtes für Statistik kann man sich einen guten Überblick über verschiedene Aspekte der Jugendkriminalität verschaffen. Besonders interessant sind hierbei die statistischen Daten zu den tatverdächtigen Jugendlichen und Heranwachsenden und ihrem überproportional großem Anteil an der Gesamtzahl der Tatverdächtigen. Von großer Bedeutung ist weiterhin die zeitliche Entwicklung der Jugendkriminalität, die in den letzten Jahren anscheinend konstant steigt. Mit Hilfe der Statistiken ist es möglich die spezifischen Delikte der Jugendlichen zu veranschaulichen, die sich stark von denen der Erwachsenen unterscheiden.

Bezugsquellen hierbei sind die Statistiken des Jahre 2000 und 2001.

3.1 Gesamtheit der Tatverdächtigen Jugendlichen und Herwachsenden

Tabelle 1 zeigt die Gesamtheit der Tatverdächtigen deutschen Jugendlichen und Heranwachsenden aufgeteilt in männliche und weibliche Tatverdächtige. Insgesamt gab es in Deutschland im Jahr 2000 1.697.263 Tatverdächtige Deutsche. Die Jugendlichen und Heranwachsenden haben mit 423.457 Tatverdächtigen einen Anteil von 24,9 Prozent an der Gesamtheit der Tatverdächtigen. Berücksichtigt man, dass der Zeitabschnitt der Jugendlichen und Heranwachsenden nur 7 Jahre (14-21 Jahre) beträgt, wird deutlich, dass deren Tatverdächtigenanteil wesentlich größer ist als ihr entsprechender Anteil an der Gesamtbevölkerung. Dieser Sachverhalt verdeutlicht, wie relevant die Problematik der kriminellen Jugendlichen auf Bundesebene ist. Die Tabelle gibt außerdem Aufschluss über die geschlechtsspezifische Verteilung unter den Tatverdächtigen.

Die männlichen Tatverdächtigen haben mit 76,9 Prozent einen viel größeren Anteil an der Gesamtheit der Tatverdächtigen, als die weiblichen mit 23,1 Prozent. Das heißt, dass nur annähernd jeder fünfte Verdacht auf einen weiblichen Tatverdächtigen fällt. Es ist daher legitim, Jugendkriminalität primär als ein Problem von männlichen Jugendlichen und Heranwachsenden zu verstehen.

Tabelle 1: Tatverdächtige deutsche Jugendliche und Heranwachsende 2000

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Statistik des Bundeskriminalamtes des Jahres 2000

3.2 Die Verurteiltenstatistik 2000

Im Jahr 2000 gab es insgesamt 718.702 Verurteilungen im alten Bundesgebiet, einschließlich Gesamt-Berlin. Daten für die neuen Bundesländer liegen leider nicht vor. Dabei fielen 49.982 Verurteilungen auf Jugendliche und 74.995 Verurteilungen auf Heranwachsende. Jugendliche und Heranwachsende stellten im Jahr 2000 somit 17,4 Prozent der Verurteilten. Somit war fast jeder fünfte Verurteilte im Alter von 14 bis 21 Jahren. In diesem Jahr lag die Gesamtbevölkerung Deutschlands bei 82.259.540. Davon waren 3.658.699 Jugendliche und 2.722.944 Heranwachsende. Jugendliche und Heranwachsende hatten demnach einen Anteil von 7,7 Prozent an der Gesamtbevölkerung. Berücksichtigt man diese Ergebnisse, ergibt sich folgendes Schaubild:

Diagramm 1: Verhältnis der Verurteilten unter Berücksichtigung des Anteiles ihrer Altersgruppe an der Gesamtbevölkerung.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Statistik des Bundeskriminalamtes des Jahres 2000

Statistik des Bundesamtes für Statistik (Rechtspflege) des Jahres 2000

Eigene Berechnungen

In Diagramm 1 wird deutlich, wie viel höher die Kriminalitätsbelastung von Jugendlichen und Heranwachsendem, im Gegensatz zu der Kriminalitätsbelastung von Erwachsenen in Relation zu ihrem entsprechenden Anteil an der Gesamtbevölkerung von Deutschland im Jahre 2000 ist. Aufgrund dieses Verhältnisses ist es legitim zu sagen, „dass am Ende des 24. Lebensjahres mindestens jeder dritte junge Mann schon einmal straffällig geworden und deshalb auch verurteilt worden ist.“ (Kinderdeliquenz und Jugendkriminalität, Horst Wollenweber (Hrsg.), Schöningh, 1980, S. 51) Vergleicht man die Ergebnisse aus Punkt 3.1 mit denen aus Punkt 3.2, ist zu erkennen, dass ein großer Teil der Tatverdächtigen nicht verurteilt wird. Dies hängt hauptsächlich mit der Struktur der von Jugendlichen und Heranwachsenden begangenen Straftaten zusammen, wie auch später in Punkt 3.4 ersichtlich ist. Jugendkriminalität besteht zu einem Großteil aus leichteren Straftaten, die im Vergleich mit den schwerwiegenderen Straftaten von Erwachsenen, häufiger von Seiten der Staatsanwaltschaft und der Gerichte eingestellt werden.

3.3 Übersicht über den Anteil von verurteilten ausländischen Jugendli- chen und Heranwachsenden

Punkt 3.2 stellte eine Übersicht über alle verurteilten Jugendlichen und Heranwachsenden dar. Hier soll geklärt werden, wie groß der Anteil der ausländischen Verurteilten in diesem Zusammenhang ist. Das Bundesamt für Statistik liefert hierfür nur Zahlen des Jahres 2001. In diesem Jahr wurden insgesamt 170.555 Ausländer verurteilt. Dies ist einen Anteil von 23,7% aller Verurteilten (deutsche und nicht-deutsche) in diesem Jahr. Davon waren 58.719 Verurteilte unter 25 Jahren. Das ist ein Anteil von 34,4 % an der Gesamtheit der verurteilten Ausländer. In den 58.719 Verurteilten sind auch diejenigen beinhaltet, die 0-14 und 21-25 Jahre alt sind, die Menge der 14-21 Jährigen liegt also unter diesem Wert. Eine genauere Aussage ist aufgrund von fehlendem Datenmaterials, von Seiten des Bundesamtes für Statistik, leider nicht möglich. Im Jahre 2001 hatte Deutschland ca. 82.440.300 Einwohner, davon waren ca. 7.318.200 Ausländer. Diese hatten demnach einen Anteil von 8,9% an der Gesamtbevölkerung.

Es wird deutlich, dass der Anteil der Verurteilten ausländischen Jugendlichen und Heranwachsenden größer ist als ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung. (siehe hierzu auch Punkt 3.6)

3.4 Zeitliche Entwicklungen der Jugendkriminalität von 1993 bis 2000

Diagramm 2 zeigt die zeitliche Entwicklung der Jugendkriminalität von deutschen Tatverdächtigen im Zeitraum 1993 bis 2000. Im Jahre 1993 waren es insgesamt 271.178 Tatverdächtige. Dabei fielen 150.651 Tatverdächtigungen auf Jugendliche und 120.527 auf Heranwachsende. Im Jahre 2000 gab es insgesamt 423.457 Tatverdächtige. 238.990 waren hierbei Jugendliche und 184.467 Heranwachsende. Dies ergibt einen quantitativen Zuwachs von

56,2 Prozent von 1993 gegenüber 2000.

Diagramm 2: Zeitliche Entwicklung der Jugendkriminalität

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthaltenQuelle: Statistiken des Bundesamtes für Statistik (Rechtspflege) 2000

3.5 Verurteilte Jugendliche und Heranwachsende nach Art der Straftat

Tabelle 2 zeigt die Verurteilungen von Jugendlichen und Heranwachsenden nach Art der Straftat. Wie unschwer zu erkennen ist, kommt der Großteil der Straftaten aus dem Gebiet der Bereicherungskriminalität. Dazu zählen Diebstahl, Unterschlagung, Raub, Erpressung, Betrug und Hehlerei (BTMG). Dieser Umstand ist heutzutage kaum mehr durch die allgemeine wirtschaftliche Lage von Jugendlichen und Heranwachsenden zu erklären, da sie sich höchstens in Einzelfällen dazu gezwungen sind, kriminelle Handlungen zu begehen um ihr Überleben abzusichern. Das hohe Maß der Bereicherungskriminalität lässt sich besser mit dem allgemeinen Streben nach Reichtum, Besitz und

Konsum erklären. Derjenige, der kein Kapital besitzt um bestimmte Güter legal zu erwerben, beschafft sich diese unter Umständen auf illegale Art und Weise.

Tabelle 2: Verurteilungen nach Art der Straftat

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Statistiken des Bundesamtes für Statistik (Rechtspflege) 2000

3.6 Auswertung und Beurteilung der Statistiken

Die Ergebnisse aus den Statistiken zeigen deutlich, dass Jugendkriminalität zu einem immer größeren Problem innerhalb unserer Gesellschaft wird. Besonders bedrohlich erscheint hierbei die hohe Zuwachsrate. So hat sich wie in Punkt 3.3 gezeigt, die Jugendkriminalität seit 1993 mehr als verdoppelt. Sicher gibt diese Entwicklung Anlass zur Sorge, gerade wenn man diese Tendenzen theoretisch weiterdenkt. Da es sich bei diesen statistischen Werten um Fakten handelt, kann man selbige nur durch solche Argumente relativieren, welche sich nicht direkt aus den Statistiken ergeben. Tatsache ist, dass sich die Aussagekraft der Statistiken lediglich auf das „Hellfeld“ der Jugendkriminalität anwenden lässt. Damit ist sind die Fälle gemeint, die auch öffentlich geworden sind, beziehungsweise bei der Polizei angezeigt wurden. Verborgen bleibt, was sich im so genannten Dunkelfeld abgespielt hat. Hier befinden sich alle Straftaten die nicht öffentlich gemacht oder angezeigt wurden. Wenn sich zum Beispiel das Anzeigeverhalten der Verletzten dahingehend ändert, dass mehr Straftaten angezeigt werden, erhöht sich lediglich das Hellfeld der Jugendkriminalität, eine Aussage über ihr tatsächliches Gesamtvolumen ist nicht zu machen. So ergab eine Umfrage unter Schülern, dass bei einer Straftat an der zwei Deutsche beteiligt sind, durchschnittlich jede fünfte Tat angezeigt wird. Handelt es sich bei den Beteiligten aber um Jugendliche zweier unterschiedlicher ethnischer Gruppen, wird jede dritte Straftat angezeigt. In den letzten zehn Jahren hat gewaltsame Auseinandersetzung zwischen Angehörigen verschiedener ethnischer Gruppen in Deutschland stark zugenommen. Hierdurch hat sich die Anzeigequote der Jugendgewalt stark erhöht.[1]

Ein zweiter Aspekt, der Einfluss auf das Anzeigeverhalten der Bevölkerung haben kann, sind die Medien. Die Debatte um die Problematik der Jugendkriminalität hat sich gerade in den letzten Jahren verstärkt. Sowohl Presse als auch Fernsehen berichten mitunter täglich über Fälle aus dem Bereich der Jugendkriminalität. Durch dieses ständige „ins Bewusstseinrufen“ ist davon auszugehen, das Straftaten die vor mehreren Jahren noch keine Anzeige nach sich gezogen hätten, da sie von den Beteiligten intern geklärt wurden, heute bei der Polizei angezeigt werden.

Auch für Beurteilung der Erkenntnisse aus Punkt 3.3 (Anteil der ausländischen Verurteilten) sind bestimmte Aspekte zu berücksichtigen. Eine Reihe von Delikten, wie z.B. Verstöße gegen das Ausländer- und das Asylverfahrensgesetz, können nur von Ausländern begangen werden. Die Anzahl der möglichen Straftaten ist somit für Ausländer höher als für Deutsche. Auch die Anzeigbereitschaft bei ausländischen Tätern (siehe oben) ist anders, als das bei deutschen Tätern der Fall ist. Die Ergebnisse aus Punkt 3.3 dürfen also nicht ohne weiteres dahin gehend ausgelegt werden, das ausländische Jugendliche und Heranwachsende, in der Regel, „krimineller“ sind als deutsche.

Dennoch besteht auch unter Berücksichtigung dieser Aspekte kein Grund zur Entwarnung, da die beschriebenen Veränderungen des Hell- Dunkelfeld Verhältnisses unter dem Anstieg der polizeilich registrierten Gewaltkriminalität junger Menschen liegt.

Jugendkriminalität als gesellschaftliches Problem ist sehr ernst zunehmen, sollte jedoch nüchtern und unter Berücksichtigung der oben genannten Punkte betrachtet werden.

4. Theorien abweichenden Verhaltens

Es gibt eine Vielzahl von Theorien die kriminelles Verhalten versuchen zu erklären. In diesen Theorien wird kriminelles Verhalten als „abweichendes“ Verhalten beschrieben und dieser Terminus wird daher auch hier beibehalten. Abweichendes Verhalten bedeutet in diesem Kontext ein Verhalten, das von der Norm, welche normales Verhalten darstellen soll, abweicht. Die vier gebräuchlichsten Theorien über abweichendes Verhalten stellen die Anomietheorie nach Durkheim, die Theorien der Subkultur und des Kulturkonfliktes, die Theorien des differentiellen Lernens nach Sutherland und die Theorien des Labeling Approach nach Tannenbaum, dar.

4.1 Die Anomietheorie nach Durkheim

Die Anomietheorie geht auf die Forschungen von Emile Durkheim zurück. Der Begriff der Anomie wird hierbei als Regel- oder Normlosigkeit verwendet. Durkheim geht davon aus, dass es innerhalb einer modernen Industriegesellschaft zu einer gesellschaftlichen Arbeitsteilung innerhalb der Bevölkerung kommt. Diese Arbeitsteilung hat zur Folge, dass gesellschaftsinterne Differenzierungen notwendigerweise einsetzen. Umso differenzierter die Arbeitsteilung ist, desto abhängiger sind die einzelnen Gesellschaftsmitglieder voneinander, da jedes für sich nicht autark sein könnte und auf die Leistungen der anderen angewiesen ist. Durch Spezialisierungen in den einzelnen Arbeitsbereichen kommt es dann zum Aufbau von Ungleichheiten innerhalb der einzelnen Arbeitsbereiche. „Eine solche Gesellschaft kann als soziales System verstanden werden, dessen einzelne Elemente aufeinander angewiesen sind.“ ( Theorien des abweichenden Verhaltens, Siegfried Lamnek, 5. Auflage, Fink, München, 1993, S. 110) Diese Art von Gesellschaft weist dann eine Solidarität (die organische Solidarität genannt wird), der einzelnen Systemkomponenten zueinander auf.

Dem entgegen steht der menschliche Trieb zur Individualität. Dies hat zur Folge, dass individuelle Differenzierungen betont und herausgestrichen werden. Dadurch wird das Gesamtkollektiv geschwächt und es kommt zur verstärkten Ausbildung von Unterschieden innerhalb des Systems. „ Fehlt also die organische Solidarität durch Individualisierung, so entsteht der Zustand der Anomie […]“. ( Theorien des abweichenden Verhaltens, Siegfried Lamnek, 5. Auflage, Fink, München, 1993, S. 110) Durkheim setzt diesen Zustand der Anomie mit einer aufkommenden Unfähigkeit zur Kommunikation der einzelnen Systemkomponenten miteinander gleich. Diese Unfähigkeit resultiert aus den Differenzierungen, durch die den Systemkomponenten eine gemeinsame Grundlage genommen wird. Hiermit geht eine Verminderung der Möglichkeit zum Aufbau von sozialen Beziehungen einher. Durkheims theoretisches Konstrukt impliziert eine Wechselwirkung zwischen der Gesellschaft und deren Mitgliedern. Die Gesellschaft dient hierbei als moralische Instanz, die durch deren Anerkennung in der Lage ist, Recht zu sprechen und die Vergütungen für die erbrachten Leistungen der Mitglieder festzulegen. Diese Regelungen sind demnach klassen- und kulturspezifisch und für einen sozialen Wandel offen. Hierdurch wird die gesellschaftliche Position der einzelnen Mitglieder festgelegt und es besteht die Möglichkeit zu einem normkonformen Verhalten. Dieses System ist aber nicht unzerstörbar. Bestimmte Ereignisse, wie zum Beispiel Wirtschaftskrisen oder die Wiedervereinigung, führen zu einer vorübergehenden Handlungsunfähigkeit. Hierbei kommt es zu einem teilweisen Verlust der Werte und Normen. Die Gesellschaftsmitglieder bangen um ihren Platz innerhalb der Gesellschaft. Diese sozialen instabilen Verhältnisse ziehen den Zustand der Anomie nach sich. Abweichendes Verhalten kann eine Folge dieser Anomie sein.

[...]


[1] vgl. Acht Thesen zur Struktur und Entwicklung der Jugendgewalt, Christian Pfeiffer und Peter Wetzels, erschienen in Kinder- und Jugendkriminalität, Günther Gehl (Hrsg.), Verlag Rita Dadder, Weimar, 2000, Seite 37

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Kriminelle Jugendliche
Untertitel
Ausmaß und Ursachen
Hochschule
Fachhochschule Braunschweig / Wolfenbüttel; Standort Wolfenbüttel  (Sozialwesen)
Note
2,0
Autor
Jahr
2002
Seiten
30
Katalognummer
V14687
ISBN (eBook)
9783638200189
ISBN (Buch)
9783638643573
Dateigröße
561 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kriminelle, Jugendliche
Arbeit zitieren
Dipl. Soz. Pädagoge Robert Siegl (Autor:in), 2002, Kriminelle Jugendliche, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/14687

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