Zwischen Idealisierung und Entwertung - Zur Identitätsbildung behinderter Menschen


Essay, 2010

10 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Die Entwicklung eines positiven Selbstbildes und Akzeptanz des eigenen Körpers von Menschen mit Behinderungen wirft viele Fragen auf. Fragen, denen sich Rebecca Maskos in ihrem Text „Zwischen Idealisierung und Entwertung“ versucht zu stellen. Wie meistern die Menschen den Übergang von eigenen befremdlichen Gefühlen sich selbst gegenüber bis hin zur Akzeptanz und Annahme? Wie gehen sie damit um, wenn sie feststellen, dass sie einer chronischen Krankheit unterliegen, Opfer eines Unfalls sind und mit möglichen Folgen zu kämpfen haben. Wie stellt sich ihre Sichtweise dar, hinsichtlich einer angeborenen Behinderung, die vor allem von außen einer nicht selten negativen Stigmatisierung unterliegt? Welches sind die Prozesse einer Emanzipation, die es ihnen ermöglicht, die Dogmen einer „Außenwelt“ hinter sich zu lassen, daran zu wachsen und nicht aufzugeben? Die Bildung einer „positiven Identitätsfindung“ ist die Herausforderung, der sich Rebecca Maskos in ihrem Text zumindest theoretisch widmet.

Was den Kern einer Identität eigentlich bildet, war bereits Gegenstand vielschichtiger Debatten von Psychologen, Sozialwissenschaftlern und Philosophen gleichermaßen. Die resultierende Mehrdeutigkeit dieses Begriffs ermöglicht verschiedene Verwendungsweisen. Zum Einen stellt sie den Zustand der Individualität und Gleichheit dar. Zum Anderen schlägt sie die Brücke zwischen Individuum und Gesellschaft. Für den Psychoanalytiker Werner Bohleber stellt dieser Begriff eine sogenannte Schnittstelle zwischen gesellschaftlichen Erwartungen an den Einzelnen und dessen psychischer Einzigartigkeit dar. Inzwischen erschließt sich Identität für viele aus dem Vergleich mit anderen. Ein besonderes Interesse liegt vor allem auf den Prozess der Identitätsbildung. Diesem Werden von Identitätsbildung liegen verschiedene Vorstellungen zugrunde. Eine Vielzahl von Konzepten vertritt die Auffassung einer krisenhaften Identitätsbildung. Demnach wird die Identität als Produkt eines Konflikts zwischen zwei sich entgegenstehenden Polen angesehen. Diese zwei widerstreitenden Anforderungen an das Subjekt bringen es in einen krisenhaften Zustand, dessen Lösung ihm einen qualitativen Sprung seiner Identität ermöglicht. Eine jener frühen Konzeption stammt vom deutsch-amerikanischen Psychoanalytiker und Entwicklungspsychologen Erik Homburger Erikson (1963). Dreh- und Angelpunkt für sein Konzept der „Ich- Identität“ ist sein „Stufenmodell der psychosozialen Entwicklung“, womit eine Weiterentwicklung des freudschen Modells der psychosexuellen Phasen stattfinden sollte. Identität entwickelt sich für Erikson immer dann weiter, wenn zwei entgegen gesetzte Aufgaben an das Individuum von ihm in einer individuellen Weise gelöst werden. Im Gegensatz dazu steht jedoch die Auffassung von Renate Höfer und Heiner Keupp. Hier erfolgte eine Loslösung, indem es vordergründig um das Gefühl geht, dass das jeweils gefundene Passungsverhältnis subjektiv stimmig ist. Identitätsarbeit wird somit als Passungsarbeit angesehen. So eine „gelungene Identität“ stellt dann wiederum die Vereinigung dreier Arten einer Synthese dar. Problem nur, dass solcherlei Konzeptionen nicht auf die Identitäten von Menschen mit Behinderungen zu passen scheinen. Wobei hier vor allem die gar nicht erst gestellten Erwartungen eine Schwierigkeit darstellen. Es erfolgt „Schubladendenken“ und die Betroffenen werden auf stereotype Bilder „festgenagelt“. Maskos gibt jedoch zu bedenken, dass „die Idee der krisenhaften Identitätsbildung, das Hin- und Herpendeln zwischen zwei Polen, gerade auf die Identität behinderter Menschen passt.“

Sie bezieht sich hierbei auf autobiografische Texte, in denen oft innere Konflikte und wandelnde Identitätsentwürfe von den Betroffenen beschrieben wurden. Maskos hält die beiden Pole Entwertung und Idealisierung zentral für die Identitätsbildung Körperbehinderter. Dies bedeutet nichts anderes, als das jene stereotypischen Erscheinungsformen sich in den Identitätsentwürfen der Betroffenen wiederspiegeln. Forschungsergebnissen zufolge, verläuft die Identitätsbildung Behinderter entsprechend konfliktbehafteter im Vergleich zu Menschen ohne Behinderung. Maskos versucht mithilfe der Schriften des Soziologen Erving Goffman, insbesondere seinen Forschungen zum Thema „Stigma“ ihre Thesen zu verdeutlichen. Nach Goffman resultiert ein Stigma aufgrund einer Diskrepanz zwischen virtualer und aktualer sozialer Identität. Eine sogenannte „Standardidentität“ kann je nach Gesellschaft und Kultur unterschiedlich definiert sein. Was als normal gilt und was von der Normalität abweicht, das ist Ausdruck eines bestimmten gesellschaftlichen Bedeutungskodex. Behinderung ist also nicht etwas grundsätzlich absolutes, sondern bezogen auf die Wert- und Leistungsvorstellungen der Umwelt. Die Zuschreibung von Abnormen ist im Grunde lediglich der Spiegel von dem, was als „normal“ festgelegt wird, sozial wahrgenommen und beurteilt von „normalen“ Menschen. Ausgerechnet der Durchschnitt legt fest, was eine Abweichung ist und was nicht. Solch ein Problem wird spätestens bei psychologischen Tests deutlich (Bsp.: Hamburg- Wechsler Intelligenztest). Aufgrund der zum Teil Mythenbehafteten Vorstellung hinsichtlich der Körper von Behinderten fallen solche Stigmatheorien auf fruchtbaren Boden in Bezug auf behinderte Menschen. Eine Person, der man ein Stigma andichtet, wird gleichzeitig das Recht auf natürlicher Menschlichkeit abgesprochen. Diese Erkenntnis zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte der Menschheit. Ein anderes Beispiel bietet der von der Autorin erwähnte, französische Historiker Jean Jaques Stiker. Dieser zeigt innerhalb seiner Analyse über die Traditionslinien des Denkens über behinderte Menschen einen Bedeutungswandel auf. Vom Zorn Gottes und seiner Strafe, hin zum Bild eines Geschenk Gottes. Ihre Präsenz stellte nicht nur eine Abweichung der Norm dar, sondern fundamentale Regeln von Natur und Kultur in Frage. Mythen erzeugen Angst und Aversion, diese wiederum öffneten die Pforten für komplette Isolierung. Ein anderer Pol gegenüber von Aversion bilden Schuldgefühle und Bedauern. Selbstverständlich kann so eine Existenz, solch Leben im bereits zugeschriebenen Leid nur unter schwersten Depressionen ertragen werden. Dazu muss man den Betroffenen auch nicht fragen. Dieses Wissen ist jedem Bürger, der der Norm entspricht oder zumindest gerecht wird, bereits in die Wiege gelegt worden. Behinderung als absolut größte Katastrophe berechtigt eine Art Absicherung von „Glück gehabt“ durch die eigene Normalität. Ein gewisses „Weggucken“ erfährt in diesem Sinne auch nochmal eine andere Bedeutung. Da mit Angst nicht jeder sinnvoll umzugehen weis, ist es doch nur verständlich, dass Otto Normalbürger zwischen Fassungslosigkeit, welche sich in penetrantem „Starren“ wiederspiegelt oder eben lieber beide Augen zu verschließen vor einem Schicksal wie diesem, dass möglicherweise gar nicht so fern ist, wie man es sich für ein gelungenes und erfolgreiches Leben wünscht. Die Angst vor Behinderung übernimmt somit eine Spiegelfunktion für die Angst, man könne selbst zu einem dermaßen offensichtlich Ausgestoßenen werden.

Ein ganz anderes Extrem stellt dann gerade in der heutigen Zeit das „Vorbild“ dar. Wunderwerk Behinderung, trotz einer Einschränkung schafft es der Betroffene, die so oftschön umschriebene Teilhabe zu erreichen. Das zieht besonderen Beifall nach sich in einer aufgeklärten Gesellschaft. Ein Hoch auf die Idealisierung, die den Helden jedoch, sobald dieses Phänomen die eigenen Ängste zu kompensieren, aufgebraucht ist, genauso schnell wieder fallen lässt. Nicht zuletzt bildet die Quintessenz dessen auch „nur“ die Ablehnung dessen, was man nicht versteht. Als Paradebeispiele werden hier die Geschichten eines Christopher Reeve, Stephen Hawking oder der Paralympics Athleten genannt. Diese legendären Wunder der Menschheit haben nur leider den Fehler, dass sie mit dem realen Leben behinderter Menschen recht wenig zu tun haben. Aber auch hier gilt, was wir nicht sehen wollen, das müssen wir nicht sehen. Die Medien leben es uns schließlich vor! Doch wie steht es um das Erleben der Betroffenen selbst hinsichtlich dieser Extreme? Am Beispiel der britischen Disability- Rights- Aktivistin Jenny Morris scheinen sie eine zentrale Funktion für die Konstruktion ihres Selbstbildes einzunehmen. „Diese uns schwächenden Botschaften, die wir jeden Tag unseres Lebens von der nichtbehinderten Welt bekommen, werden Teil unseres eigenen Denkens über Behinderung und/oder über andere behinderte Menschen.“ (Morris, 1991, 22)

Die Krönung in puncto „Mitdenken“ findet sich dann in dem Gedanken, ein nicht lebenswertes Leben zu führen. Diese kognitiven Prozesse finden zudem noch negative Unterstützung von dem „Wohlwollen“ des Umfeldes. Jenes Umfeld, was die Belastung einfach nicht mehr erträgt und sich soviel Mühe gegeben hat, bis es zu dem Schluss gekommen ist, dass der Betroffene eigentlich besser dran wäre, wenn das Elend (sein Leben) ein Ende hätte. Passend scheint hier das von der Autorin herangezogene Beispiel des querschnittsgelähmten Journalisten John Hockenberry über die Zeit nach seinem Autounfall. Dieser beschreibt anschaulich in der aufgeführten Textpassage, dass das sogenannte Umfeld einen Suizid aufgrund seiner Tragödie für sinnvoller halten würde, als das Leben, was er nun führen müsse. Auch wenn dieses Beispiel nicht dazu verleiten sollte, jene fassungslosen Haltungen als „Norm“ zu deklarieren, so sollte es doch als ein deutliches Warnzeichen wahrgenommen werden. Wer sich hier mit welchem Recht eigentlich anmaßt, den sogenannten Sinn und die Würde eines anderen Lebens zu bestimmen, bleibt wohl mehr als fragwürdig! An dieser Stelle sei jedoch auch angemerkt, dass der Prozess, sich mit einer einschneidenden Veränderung zu „arrangieren“, welcher Art von Einschränkung auch immer, sowohl für die Seite des Betroffenen, als auch für die Seite des Umfeldes möglicherweise die komplette Biografie eines Menschen ändert. Daher dürfte es wenig Worte geben, die auch nur annähend eine angemessene Beschreibung bieten für die stattfindenden Entwicklungen auf emotionaler, kognitiver und sozialer Ebene.

Das Problem der Stigmatisierung wird in diesem Zusammenhang zu Recht, wie ich finde, als sehr bedeutend geschildert, wenn es um die Lebensgestaltung, die Hilfe und den Leidensdruck des Betroffenen geht. Interessant, wenn man bedenkt, dass Hilfe in Korrektur besteht und Mitgefühl umgewandelt wird in Mitleid. Sollte das auch nicht das Maß aller Dinge bilden, bleibt zu guter Letzt eben doch noch der Rat, diesem Leben ein Ende zu setzen. Wertschätzung und Anerkennung erfährt der Betroffene dann, wenn er zeigt, dass er nicht nur über einen guten Willen und einer einsetzenden Selbstaktualisierung verfügt, sondern wenn er zudem auch noch Bereitschaft zeigt, über sich selbst zu lachen. Dieser Humor ist selbstverständlich einem natürlichen Esprit zuzuschreiben, um sich lächelnd mit den verfügbaren Mitteln seiner Umwelt anzupassen. Nicht dass noch jemand auf die Idee käme, zu vermuten, dass diese Art von Komik eher dazu gedacht sei, „das Leid der Umwelt“ erträglicher zu machen. Ein ausgekochtes System, wie ich finde, dass all zu oft den Slogan „Hilfe zur Selbsthilfe geben“ trägt. „Will“ sich jemand diesem gesellschaftlichen Druck tatsächlich beugen, so wird eine komplette Überforderung und Vernachlässigung eigener Gedanken, Gefühle und Bedürfnisse nicht zu vermeiden sein. Ein Gefühl des „nicht gesehen werden“ ist oftmals die Folge.

Das Angebot der Identitätsmodelle scheint jedoch auf Menschen mit Behinderungen noch immer nicht ganz zuzutreffen. Im Gegenteil, ihre Identität scheint sogar eher oft missverstanden zu werden. Aber wie soll auch hier ein Modell passend sein, wenn es prinzipiell eher von Menschen entworfen wird, die möglicherweise nie diese extreme Form von Ausgrenzung zum Beispiel durch eine Behinderung erfahren haben? Ein Chirurg wird möglicherweise trotz seines Wissens auch keine neue Gesundheitsreform durchsetzen. Doch was bleibt übrig, wenn all jene Plakatierungen wie Held oder Monster, Wunder oder Trauerkloß, Engel oder Teufelswerk, ausgereizt sind? Was ist die Alternative? Eine Umorientierung muss her. Etwas Neues zur Verarbeitung. Die Autorin Maskos bezieht sich hierbei auf die Rehabilitationspsychologin Beatrice Wright und ihrer Theorie des „value change“, der Wertetransformation in der Verarbeitung von Behinderung. Die wichtigste Voraussetzung bildet hierfür die Akzeptanz. Dabei sollen jene Aspekte herausgefiltert und gefördert werden, die eine Nichtwertung der Behinderung begünstigen. Im übertragenen Sinne heißt dies, dass Minderwertigkeitsgefühle, Scham, und Ängste abgebaut werden sollen, indem auf Werte gebaut wird, die es ermöglichen, neue Werterelationen und Einstufungen vorzunehmen. Die Karten werden demnach neu gemischt und es werden neue Prioritäten gesetzt. Als Beispiel wird im Text genannt: „ Fähigkeit unter Anstrengung“ oder „Unterordnung von physischer Erscheinung unter andere Werte.“ Der Vergleich wird nicht auf die Leistungsfähigkeit gelegt, sondern auf das Bemühen. Im Text wird idealerweise davon ausgegangen, dass die Behinderung somit zu einem neuen Wert wird, der im Vergleich mit der Norm nicht messbar ist. Die Vorstellung jener Umsetzbarkeit erscheint mir jedoch mehr ein angestrebtes Ideal zu sein, als das es realistisch wäre. Wie bereits in der Definition von Goffman aufgeführt, gibt es Unterschiede in der Festlegung von jeweiligen Standardnormen- und Werten in einer Kultur- und Gesellschaft. Ich würde sogar noch einen Schritt weitergehen und behaupten, dass die Norm und der jeweilige Toleranzspielraum gegenüber Wertschätzung und Werten, die neu formiert werden nicht einfach voneinander trennbar sind. Wenn es zur Norm zählt, ein anderes Arrangement zuzulassen, sprich eine andere Rangfolge von Werten, dann erst, wird es möglich sein, eine ganzheitliche Teilhabe, die eine Stimmigkeit miteinschließt zu empfinden. Da sie ja dann bereits zur Norm gehört und als völlig selbstverständlich angesehen wird. In dem Text wird nachfolgend auf eine wertetransformierte, emanzipierte Identität eingegangen. Die Abgrenzung Behinderter gegenüber Nichtbehinderter, um sich von jenen nicht vorschreiben zu lassen, wie sie zu leben haben. Es heißt hier, dass sie demnach nicht nur behindert sind, sondern eben auch Bankangestellter, Freund, Liebhaber und Kaktussammler. Ihre Lebensart erfährt Anerkennung, selbst wenn es „nur“ die Anerkennung besonders offener oder toleranter Menschen ist. In diesem Falle ist mir die tatsächliche Abgrenzung seitens der Betroffenen jedoch etwas unschlüssig. Da sie zum Teil in dem Glauben, ihre Emanzipation durchsetzen, um eben überhaupt Anerkennung (die wiederum von Nichtbehinderten abhängig ist) zu erhalten. Solange es darum geht, trotz einer Behinderung zur Gesellschaft zu gehören und nicht, weil man an sich Mensch ist und Teil der Gesellschaft bildet, geht die angestrebte Autonomie, wie bei den meisten anderen Randgruppen, was an dieser Stelle mal angemerkt sei, in eine entgegengesetzte Richtung. Warum wird nicht dafür gekämpft, dass die Grundauffassungen innerhalb einer Gelellschaft verändert werden, die sich derartige Dogmen auferlegt? Inzwischen ist es doch beinah so, dass jeder durch dieses besagte „Raster“ fällt, der nicht mal mehr oberflächlich aus den verschiedensten Gründen mithalten kann. Mir erscheint es, als würde man das Pferd stets versuchen, von hinten zu satteln. Solange es immer wieder darum geht, mit allen verfügbaren Mitteln trotz seiner Einschränkung, Handicap, Behinderung oder welche Begriffe gerade für aktuell gehalten werden, Dinge zu bezeichnen, die anders zu sein scheinen, für Anerkennung zu kämpfen, wird es immer eine Art Legitimation darstellen für die Norm, den Durchschnittsgürtel noch enger zu schnallen und gleichzeitig auch weiterhin starke Ausgrenzungen vorzunehmen. Gerade die Behindertenbewegung, angefangen mit der „Krüppelbewegung“ macht deutlich, dass man mehr behindert wird, als ist. Der Glaube, wertloser oder sogar unmenschlicher zu sein, wird nach meiner Auffassung nicht gelöst, indem man noch mehr Sonderschulen oder Werkstätten oder Wohngruppen errichtet. Der Glaube der Gleichberechtigung beginnt im Kopf und zeigt sich im Verhalten. Die Wirtschaft scheint sich von den Behinderten dermaßen behindert zu fühlen, dass sie sie regelrecht wegrationalisiert, beispielsweise durch die Übernahme einfacher Aufgaben durch Maschinen. Ich möchte mir an dieser Stelle nicht anmaßen, den Austausch Gleichgesinnter zu unterschätzen, aber ich glaube, das ist nicht ausreichend. Weder für die „Norm“, noch für die, die nach Gleichberechtigung und Anerkennung streben. Mit Halbwahrheiten oder Halbwissen Ideale aufzustellen, ist gefährlich. Ich glaube, ob Behindertenbewegung, Irrenoffensive, Randgruppen, Schwulen- und Lesbenbewegung, Kommunenbewohner oder einfach Menschen, die nicht dem „Barbieverschnitt“ entsprechen, Anerkennung und Akzeptanz ist in dieser Gesellschaft nahezu ein Luxus geworden. Betrachtet man den Aspekt der immer größer werdenden Anforderungen am Arbeitsplatz genauer, an Tempo, Flexibilität, Kreativität, Umstellfähigkeit oder Konzentration, würde an sich ein immer größerer Bevölkerungsteil als behindert oder eingeschränkt gelten. Der wirtschaftliche und gesellschaftliche Wert der Arbeit wird immer geringer. Problematisch, wenn sich bis dato das Selbstwertgefühl genau darüber definierte. Fragwürdig erscheint mir dann jedoch, ob es das Maß der Dinge darstellen soll, diesen Gesellschaftdogmen überhaupt zu entsprechen. Wie so oft sind gesellschaftliche Umwälzungen erforderlich, die eine Art Gleichberechtigung und Anerkennung tatsächlich ermöglichen. Ab diesem Punkt kann man möglicherweise erwarten, dass Begriff Identität über kurz oder lang auch nochmal eine Grunderneuerung durchläuft. Ich möchte, wenn ich so einen Vergleich ziehe nicht die Problematik von Menschen mit Behinderungen als Bagatelle darstellen- im Gegenteil. Den Mut aufzubringen, die Hoffnung nicht zu verlieren und seinen Weg zu finden mit diversen Beeinträchtigungen (ganz gleich, welcher Art) ist mehr als nur Bewunderung wert und daher ist es um so erstrebenswerter für ein anderes Bewusstsein in einer Gesellschaft zu kämpfen, die im Begriff ist, sich in fragwürdige Richtungen zu entwickeln. Der Glaube an Machbares, Veränderbares, Entwicklung und Wachstum darf nicht verloren gehen.

Literatur:

Makos Rebecca, Zwischen Idealisierung und Entwertung

[...]

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Zwischen Idealisierung und Entwertung - Zur Identitätsbildung behinderter Menschen
Hochschule
Hochschule Magdeburg-Stendal; Standort Stendal
Veranstaltung
Modelle der Behinderung
Note
1,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
10
Katalognummer
V146884
ISBN (eBook)
9783640583935
Dateigröße
444 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Idealisierung, Entwertung, Identitätsbildung behinderter Menschen, Begriff Behinderung
Arbeit zitieren
Yvonne Kohl (Autor), 2010, Zwischen Idealisierung und Entwertung - Zur Identitätsbildung behinderter Menschen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/146884

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