Wo bleibt die Würde des Kindes? Sozialpolitik in Deutschland am konkreten Paradigma der Kinderarmut

Soziale Gerechtigkeit für Kinder


Seminararbeit, 2009

20 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Problemdarstellung

3. Welchen Stellenwert haben Kinder in unserer Gesellschaft?

4. Kinder in Deutschland – Eine Faktensammlung

5. Kinderarmut in Deutschland
5.1 Definition
5.2 Ursachen
5.2.1 Arbeitslosigkeit
5.2.2 Alleinerziehende
5.2.3 Ausländische Familien
5.3 Auswirkungen auf die Sozialpolitik der BRD

6. Gesetzliche Regelung für Kinder
6.1 Konzeptionen für eine Politik gegen Kinderarmut
6.2 Sozialpolitik für Kinder

7. Fazit

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Mit Hilfe der hier vorliegenden, von mir persönlich im Rahmen des im Sommersemester 2009 belegten Proseminars „Soziale Gerechtigkeit für Kinder“ an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main angefertigten Hausarbeit „Wo bleibt die Würde des Kindes? Sozialpolitik in Deutschland am konkreten Paradigma der Kinderarmut“ möchte ich mich konzentrierter mit dem politischen sowie gesellschaftlichen Phänomen der Kinderarmut auseinandersetzen. In Artikel 20 Abs. 1 unseres Grundgesetzes ist konstatiert: „Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat.“ Eine allgemeingültige Definition des Begriffes Sozialstaat existiert allerdings nicht. Darüber hinaus fehlt auch eine grundlegende Bestimmung dessen, was er sein sollte oder leisten will. Was beinhalten die Begriffe demokratisch und sozial für die Erscheinungsform der Kinderarmut? Welchen Stellenwert haben Kinder in unserer heutigen Gesellschaft? Nachdem diese einleitenden Fragen geklärt worden sind, folgt eine Bestandsaufnahme zum Thema in Form einer Faktensammlung, um anschließend in medias res das konkrete Problem der Kinderarmut anzugehen. Hierfür erfolgt zunächst eine Begriffsklärung, anschließend werden den Ursachen und den daraus resultierenden Folgen nachgegangen. Weiter wird der Blick auf die Auswirkungen für die Sozialpolitik angesprochen. Welche Perspektiven sind gegeben und lassen sich in der Zukunft noch weiter ausbauen? Abschluss dieser Ausarbeitung bildet ein zusammenfassendes Resümee mit eigener Stellungnahme.

Laut dem „Bericht zur Lage der Kinder in Deutschland“ herausgegeben im Mai 2008 von Unicef ist „jedes sechste Kind in Deutschland […] von Armut betroffen.“[1] Kinder- und Jugendarmut ist somit schon lange nicht mehr nur ein Problem in den Entwicklungsländern der Welt. In Deutschland stieg die Anzahl der Kinder und Jugendlichen, die in relativer Armut leben, in den vergangenen Jahrzehnten kontinuierlich an. In einem der reichsten Länder der Welt scheint es paradox anzumuten, dass immer mehr Kinder existieren, die in Armut leben bzw. unmittelbar davon betroffen sind. Schon lange scheinen Wohlstandsgesellschaft und Armut keine unvereinbare Gegensätze mehr zu sein.[2] Doch obwohl der deutsche Staat erhebliche Summen für die soziale Sicherung ausgibt, war im Jahr 2005 jeder Zehnte von Armut bedroht.[3] „Deutschland gibt für Kinder so viel Geld aus wie kaum ein anderes OECD-Land. Trotzdem zählt es bei der Verwirklichung gleichwertiger Lebensverhältnisse und Chancengleichheit zu den Schlusslichtern.[4] Armut hat in dem Bewusstsein unserer Gesellschaft daher einen festen Stellenwert eingenommen. Jedoch ist immer noch zu beobachten, dass der eigenen Thematik der Kinderarmut als eigenständige Disziplin noch viel zu wenig Aufmerksamkeit gezollt wird, sie ist vielmehr in den festen Kontext der familienpolitischen Betrachtungen eingebettet. Beschäftigt man sich nun näher mit dem Thema der Kinderarmut in der Bundesrepublik Deutschland, so wird deutlich, dass es sich dabei längst um keine Einzelerscheinung mehr handelt. Tatsächlich sieht es so aus, dass gerade Kinder in unserer Gesellschaft, aus unterschiedlichen Beweggründen, in Armut leben, womit nicht nur vordergründig finanzielle und materielle Einschränkungen sowie Entbehrungen gemeint sind. Die Gründe und Auswirkungen der Kinderarmut gestalten sich dabei sehr differenziert und mehrdimensional. Mehr denn je ist in unserem Sozialstaat eine Politik gefordert, die gerade Kinder mit all ihren Bedürfnissen in den Blick nimmt. Hierbei wird die staatliche Politik als Intervention in bereits konstituierte soziale Beziehungen begriffen.[5]

2. Problemdarstellung

„Galt die Armut im Mittelalter als hoher geistiger Wert und als zugleich gottgewollter Zustand“[6], führten die verschiedenen Wirtschaftskrisen und Hungersnöte der vergangenen Jahrhunderten zu dem Armutsbegriff, den wir als „Krise“ bezeichnen. „Immer mehr Kinder und Jugendliche leiden unter der Armut ihrer Eltern. Nach Angaben des Deutschen Kinderhilfswerks seien zu niedrige Löhne ein entscheidender Grund für die Kinderarmut in Deutschland.“[7] Um angemessen am gesellschaftlichen Leben teilnehmen zu können, braucht man Geld. Wie bereits eingangs erwähnt, stellt das Phänomen der Kinderarmut in Deutschland ein immer ernstzunehmendes Problem dar, dass nach schnellen sowie effektiven Handlungsmöglichkeiten sucht. Für diese Entwicklung wird vor allem der demographische Wandel mit seinen daraus resultierenden grundsätzlichen Strukturveränderungen in der Gesellschaft verantwortlich gemacht. Jedoch hat die sozialwissenschaftliche Forschung dieses Thema lange Zeit verdrängt. So wurde der Blick auf die Kinderarmut erst seit der zweiten Hälfte der 1990er Jahre geschärft.[8]

Kinder finden gegenwärtig in zunehmendem Maße das Interesse der Öffentlichkeit. Diese neue Aufmerksamkeit für Kinder bietet neuartige Herausforderungen für alle Bereiche der Gesellschafts- und Sozialpolitik und insbesondere für die Familienpolitik. Es wird angestrebt, den gesellschaftlichen Handlungsbedarf für Kinder und die adäquate Gestaltung von Kindheit auf den verschiedenen politischen Ebenen Rechnung zu tragen.

Angesichts dessen, dass Kinderarmut in Deutschland und allgemein in „reichen“ Ländern längst zu einem brisanten Thema avanciert ist, stellt sich zunehmender die Frage nach der Verwirklichung der Würde des Kindes in einem Sozialstaat, wie es die Bundesrepublik Deutschland sein will. Nach neusten Statistiken leben derzeit in Deutschland rund 5 Millionen Kinder an oder sogar unter der Armutsgrenze – bei steigender Tendenz. Nach einer Untersuchung des Bundesfamilienministeriums sind bereits jetzt um die 2,4 Millionen Kinder armutsgefährdet. Darüber hinaus leben 5 Millionen Kinder tatsächlich in armen Verhältnissen.[9]

„Nach der Definition des Deutschen Kinderhilfswerks liegt Kinderarmut dann vor, wenn das Einkommen einer Familie mit zwei Kindern unter 14 Jahren weniger als die Hälfte eines monatlichen Durchschnittseinkommens in Höhe von rund 1.790 Euro betrage.“[10]

3. Welchen Stellenwert haben Kinder in unserer Gesellschaft?

„Säugling verhungert“ – Schlagzeile in der Tagespresse. Und die große Frage: Wer hat versagt? Die Familie, die Gesellschaft oder doch die Politik? – Kinder ein glückliches Leben zu ermöglichen und sie zu verantwortungsbewussten Menschen zu erziehen stellen Grundmaxime in der Kindeserziehung dar. Um diese Ziele adäquat verwirklichen zu können, bedarf es u.a. der finanziellen Unterstützung seitens des Staates. Denn „immer mehr Eltern können sich im wahrsten Sinne des Wortes Kinder nicht mehr leiste.“[11]

Im Grundgesetz heißt es: „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ Kinder als eigenständige Persönlichkeiten finden in diesem Grundgesetzartikel, Absatz eins, keine ausdrückliche namentliche Berücksichtigung.[12] Aber würde man diesen Satz näher ausdifferenzieren, dann könnte er wie folgt lauten: „Die Würde des Kindes ist unantastbar.“ Damit kommt den Kindern qualitativ die gleiche Würde zu, wie allen anderen Menschen auch. Denn es sind die Kinder, die den Reichtum einer Gesellschaft, eines ganzen Landes ausmachen. Auf sie blicken die älteren Generationen hoffnungsvoll in die Zukunft. Allzu oft wird jedoch vergessen, dass gerade die Kinder in unserer Gesellschaft auf Grund ihres Zukunftsauftrages des besonderen Schutzes bedürfen. Nicht selten scheint der Staat der Würde des Kindes zu wenig Aufmerksamkeit zu zollen. „Wir müssen wieder ein kinderfreundliches Land werden. Das Fundament für eine Gesellschaft der Mitmenschlichkeit ist die Familie“, postulierte bereits 1983 der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl.[13]

Die Segmentierung der Gesellschaft, vor allem wie sie bei den Kindern zu beobachten ist, ist erschütternd und nimmt stetig zu. Bereits heute leben 50.000 Kinder in Deutschland in Notunterkünften, in Obdachlosenheimen oder gar auf der Straße. Mehr als eine Millionen Kinder sind in unserem Land Sozialhilfeempfänger. Die Zahlen werden sich noch drastisch erhöhen, wird jetzt nicht von Seiten der Politik entschieden eingegriffen. Dabei ist zu bedenken, dass den besten Schutz von Kindern ein intaktes soziales und familiäres Umfeld gewährleisten kann. Wie kann ein solches funktionierendes Beziehungsgeflecht wiederhergestellt werden?

Heidrun Graupner stellte bereits vor Jahren fest, dass die Kindheit generell mit einem außerordentlichen Armutsrisiko verknüpft ist. Es sind vor allem die Kinder die von Armut betroffen sind und darunter zu leiden haben. „Sie sind die Verlierer der Modernisierungspresse, es gibt für sie kein Geld, kein Platz und keine Zeit.“[14] Weiter stellt sie offen die Frage, ob der Sozialstaat, so wie ihn das Grundgesetz verlangt, überhaupt existiert.[15]

Angesichts dieser erschreckenden Bestandsaufnahme lässt sich zweifellos kritisch hinterfragen, welchen Stellenwert Kindern in unserer heutigen Gesellschaft beimessen wird. Zunehmend werden die Stimmen von denjenigen lauter, die Rechte für Kinder fordern – im Interesse der Zukunftschancen für Kinder und somit im Interesse für alle Menschen in unserem Sozialstaat.

[...]


[1] Bericht zur Lage der Kinder, Unicef Mai 2008: http://www.unicef.de/5497.html.

[2] vgl.: Eckhardt, T., Arm in Deutschland, 7-12.

[3] Quelle: „Lebenslagen in Deutschland. Der 3. Armuts- und Reichtumsbericht der Bun­desregierung“, Juli 2008: http://www.bmas.de/portal/26892/property= pdf/dritter_armuts_und_reichtumsbericht_kurzfassung.pdf.

[4] OECD Bericht 2009: http://www.welt.de/politik/deutschland/article4441286/Jedes-sechste-deutsche-Kind-lebt-in-Armut.html.

[5] vgl.: Kaufmann, F.-X., Staatliche Sozialpolitik und Familie, Vorwort.

[6] Eckardt, T., Arm in Deutschland, 13.

[7] http://www.topnews.de/kinderarmut-in-deutschland-drei-millionen-kinder-betroffen-374285.

[8] vgl.: Zander, M. (Hrsg.), Kinderarmut, 7.

[9] vgl.: http://politik.germanblogs.de/archive/2009/03/10/kinderarmut-in-deutschland-tendenz-steigt.htm.

[10] http://www.topnews.de/kinderarmut-in-deutschland-drei-millionen-kinder-betroffen-374285.

[11] http://www.caritas.de/kinderarmut.

[12] vgl.: Kösters, W., Politik für die nächste Generation, 86.

[13] vgl.: Brüning, N.; Krumrey, H., Kinder ein Luxus?, 21f.

[14] Eckardt, T., Arm in Deutschland, 53.

[15] Vgl.: Graupner, H., Armut raubt die Zukunft: http://www.sueddeutsche.de/politk/247/415015/text/.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Wo bleibt die Würde des Kindes? Sozialpolitik in Deutschland am konkreten Paradigma der Kinderarmut
Untertitel
Soziale Gerechtigkeit für Kinder
Hochschule
Bayerische Julius-Maximilians-Universität Würzburg
Veranstaltung
Soziale Gerechtigkeit für Kinder
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
20
Katalognummer
V146934
ISBN (eBook)
9783640563166
ISBN (Buch)
9783640563227
Dateigröße
560 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Würde, Kindes, Sozialpolitik, Deutschland, Paradigma, Kinderarmut, Soziale, Gerechtigkeit, Kinder
Arbeit zitieren
Ulrike M. S. Röhl (Autor), 2009, Wo bleibt die Würde des Kindes? Sozialpolitik in Deutschland am konkreten Paradigma der Kinderarmut , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/146934

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