Über das Essen und Trinken als Symbol in Theodor Fontanes Roman "Die Poggenpuhls"


Essay, 2009
8 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Über das Essen und Trinken als Symbol in Theodor Fontanes Roman „Die Poggenpuhls“

Der im Jahre 1886 erschienene Roman „Die Poggenpuhls“ zeichnet sich unter and e- rem, wie auch andere Werke Theodor Fontanes, durch die fortwährende Präsenz der Thematiken des Essens und Trinkens aus. Fontane, nach dessen Theorie gerade das Alltägliche und Unspektakuläre in einem Roman seinen Platz finden sollte - denn schließlich könne der Leser nur so das Gefühl bekommen, im Gelesenen sein wirkli­ches Leben fortzusetzen1 - schrieb des weiteren, dass nicht das „was“, sondern vie l- mehr das „wie“ sei in seinem kleinen, handlungsarmen Roman von Bedeutung sei. Die Frage, die sich bei näherer Betrachtung des Textes diesbezüglich also stellt, ist, inwiefern sich letztere Aussage mit der Thematik des Essens und Trinkens vereinba­ren lässt.

Rolf Selbmann stellte einst fest, diese Thematik gewinne besonders dann an Interes­se, „wenn in den lebenspraktischen Vorgängen von Essen und Trinken ein ästethisches Zeichensystem sichtbar [werde].“2 Das dies in „Die Poggenpuhls“ tat­sächlich der Fall ist, lässt sich an vielerlei Textstellen belegen. So wird morgens nicht nur Kaffee getrunken, über das Essen geredet und - wenn auch nur in einem Kapitel - in der Küche gesessen und über das aktuelle Geschehen in der Familie ge­sprochen. Darüber hinaus dienen die Speisen nicht nur der Darstellung von Alltagssi­tuationen, vielmehr gewinnt das zu essende selbst innerhalb der Handlung an Bedeu­tung. Hierzu schrieb Theodor Fontane selbst in einem seiner Werke, lange nachdem er seine Ansichten zur Romantheorie veröffentlichte:

„Unser Essen und Trinken, soweit es nicht der gemeinen Lebensnotdurft dient, muß mehr und mehr zur symbolischen Handlung werden, und ich be­greife Zeiten des späten Mittelalters, in denen der Tafelaufsatz und die Fruchtschale mehr bedeuteten, als das Mahl selbst .“3

Fontane sieht den Sinn der Darstellung des Essens und des Trinkens also in der sym­bolischen Handlung. Damit rückt das wissenschaftliche Interesse jedoch wieder in den Fokus der Frage nach dem „was“. Es geht nicht mehr nur darum, was bei Tisch gesprochen wird und wie sich die Essenden dabei verhalten, sondern, gerade auch im vorliegenden Roman, um die Frage, was genau dabei zu sich genommen wird.

Insbesondere die Spannung zwischen der wohlwollenden Vergangenheit der Familie Poggenpuhl und der finanziell bescheidenen Gegenwartssituation wird hieran ver­deutlicht. Die zum Geburtstag der Mutter - Frau Majorin Albertine Pogge von Poggenpuhl - aufgetischte und gleich mit zwei verschiedenen Füllungen versehene Ente lässt ihren Sohn Leo dann auch beinahe glauben, es sei alles Verstellung: „Ich glaube, ihr habt was, ihr seid gar nicht so arm.“4 Der gedeckte Tisch mit Speisen und Getränken verdeutlicht somit eines der elementaren Probleme der Familie Poggenpuhl, nämlich dem, sich nicht vollständig von der Vergangenheit lösen zu können, die neue Familiensituation zu akzeptieren und das beste daraus zu machen.

Überhaupt lässt sich insbesondere die Figur des Leo Pogge von Poggenpuhl anhand der Gespräche bei Tisch, beim und vor allem über das Essen und Trinken sowie an­hand seines durchweg vorhandenen Hungers charakterisieren. Er sieht „brillant aus und wundervoll genährt“5, wie Onkel Eberhard bemerkt, und gibt seine An- und Ab­sichten oft nur dann preis, wenn er übers Essen spricht. Ohne die Komödien, welche er beispielsweise beim Zerteilen der extra für ihn zubereiteten Entenleber spielt, würde sein wahres ich womöglich nicht derart gut erkannt werden von seiner Um­welt, insbesondere seiner Mutter. Ebenso werden auch einige seiner Charakteristika durch das Essen verdeutlicht, wie beispielsweise seine Habgier. Es geht ihm weniger um kulinarische Qualität als vielmehr um die reine Menge dessen, was er isst.

Auch die Figur des bereits erwähnten Onkels gewinnt durch die Verbindung mit dem Thema Essen an Plastizität, betrachtet man beispielsweise die Lokalszene nach dem Theaterbesuch. War bislang ungeklärt, wie es finanziell um ihn steht und ob es nicht eventuell vor allem seine Frau ist, die das Vermögen der Eheleute verwaltet, so wird nicht nur anhand der großzügigen Geste, der Familie die Überreste des Hundert­markscheins zu überlassen, klar, dass auch der Onkel selbst Zugriff auf das eingehei­ratete Vermögen seiner Frau besitzt. Schließlich gehört das Bestellte zu den kostspie­ligeren Menüs, zumal die Seezunge zu den teuersten Speisefischen gehört und damit sicher nicht für jedermann erschwinglich wäre.

Es ist also u]nbestreitbar, dass sich die Thematik des Essens und des Trinkens keines­falls nur auf das am und über den gedeckten Tisch gesagte beschränkt, sondern auch auf die eigentliche Mahlzeit selbst Bezug nimmt. Das Gegessene und Bestellte hat somit nicht weniger Aussagekraft über die Figuren als deren Aussagen und Handeln.

Ein weiterer Ansatz könnte beispielsweise die Nutzung des Essens und Trinkens als ein weiteres Symbol für den Lebenserhaltungsdrang der Familie Poggenpuhl sein. Denn immer wieder verknüpft Fontane die Thematik des Essens und Trinkens mit der des Vermögens und Reichtums:

„Nun sagt, was habt ihr?“

„Eine Ente.“

„Kapital.“6

Während Therese, die älteste der drei Töchter Frau Majorin von Poggenpuhls, „ihrer ganzen Natur nach die Aufgabe zugefallen [ist], die Poggenpuhlsche Fahne hochzu- halten“7, um dadurch den Status in der Welt, welchen die Familie einst besaß, am Leben zu erhalten, sieht Leo vielmehr das Essen als eine solche lebenserhaltende Maßnahme. Und dieses ließe sich - auf eine andere Figur des Buches bezogen - auch umkehren: Die Majorin von Poggenpuhl, welche „zu guten Teilen von Gerstenbo n- bons und Brustkaramellen lebt“8, leidet beständig unter einer Vielzahl von Krankhei­ten, die unter anderem ihrer anscheinend mangel- und fehlerhaften Ernährung zuzu- schreiben sind. So stellt Frederike nämlich fest: „Es is wahr, Sie haben ja die Bo n- bons, aber das gibt keine Kraft uni s bloß von wegen den Husten.“9

Die Thematik des Essens und Trinkens nimmt in dem Roman „Die Poggenpuhls“ also eine bedeutende Stellung ein. Interpretiert man jedoch die Fontane'sche Roman­theorie zu streng, wird tatsächlich eine gewisse Unvereinbarkeit erkennbar - zumin­dest im Detail. Denn es lässt sich nicht Leugnen, dass das „was“ - zumindest bezüg­lich des Essens und Trinkens - keinesfalls dem „wie“ nachsteht, sonder vielmehr selbst zur Handlung beiträgt. Dieses Problem stellt sich jedoch nur, wenn man diese Vorstellung vom „was“ und dem „wie“ auch im kleinen Untersucht und nicht nur die Handlung im Ganzen betrachtet.

Literaturverzeichnis

Primärliteratur

Fontane, Theodor: Die Poggenpuhls. Stuttgart: Reclam 2008 (=RUB 8327).

Fontane, Theodor: Paul Lindau. Der Zug nach Westen. In: Romantheorie. Texte von Barock bis zu Gegenwart. Hrsg. von Hartmut Steinecke & Fritz Wahrenberg. Stutt­gart: Reclam 1999 (=RUB 18025), S. 387.

Fontane, Theodor: Schach von Wuthenow. In: Ders: Theodor Fontane. Werke, Schriften und Briefe. Hrsg. von Walter Keitel und Helmuth Nürnberger. Bd. 1: Sämt­liche Romane, Erzählungen, Gedichte, Nachgelassenes. München: Hanser 1970, S. 569

Sekundärliteratur

Neumann, Gerhard: „Jede Nahrung ist ein Symbol“. In: Kulturthema Essen. Ansic h- ten und Problemfelder. Hrsg. von Alois Wierlacher. Berlin: Akademi 1993.

Selbmann, Rolf: Alles „reine Menufragen“? Über Essen und Trinken in Theodor Fontanes Roman Frau Jenny Treibel. In: Fontane-Blätter 30 (1995), H. 2.

[...]


1 Vgl. Fontane, Theodor: Paul Lindau. Der Zug nach Westen. In: Romantheorie. Texte von Barock bis zu Gegenwart. Hrsg. von Hartmut Steinecke & Fritz Wahrenberg. Stuttgart: Reclam 1999 (=RUB 18025), S. 387.

2 Selbmann, Rolf: Alles „reine Menufragen“? Über Essen und Trinken in Theodor Fontanes Roman Frau Jenny Treibel. In: Fontane-Blätter 30 (1995), H. 2, S. 103.

3 Fontane, Theodor: Schach von Wuthenow. In: Ders: Theodor Fontane. Werke, Schriften und Briefe. Hrsg. von Walter Keitel und Helmuth Nürnberger. Bd. 1: Sämtliche Romane, Erzählungen, Gedichte, Nachgelassenes. München: Hanser 1970, S. 569

4 Fontane, Theodor: Die Poggenpuhls. Stuttgart: Reclam 2008 (=RUB 8327), S. 40.

5 Ebd., S. 41.

6 Fontane, Theodor: Die Poggenpuhls. Stuttgart: Reclam 2008 (=RUB 8327), S. 20.

7 Ebd, S. 7.

8 Ebd, S. 3.

9 Fontane, Theodor: Die Poggenpuhls. Stuttgart: Reclam 2008 (=RUB 8327), S. 88.

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Details

Titel
Über das Essen und Trinken als Symbol in Theodor Fontanes Roman "Die Poggenpuhls"
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen  (Institut für Germanistische und Allgemeine Literaturwissenschaften)
Veranstaltung
Theodor Fontane
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
8
Katalognummer
V146977
ISBN (eBook)
9783640604456
Dateigröße
485 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fontane TheodorEssen Trinken Poggenpuhls
Arbeit zitieren
Jan A. (Autor), 2009, Über das Essen und Trinken als Symbol in Theodor Fontanes Roman "Die Poggenpuhls", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/146977

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