Herzog Ernst: ein Klassiker des Mittelalters. Doch was genau sammelt der Herzog in dem nach ihm benannten Roman? Und was haben Wunderwesen damit zu tun? Was möchte der Herzog damit bezwecken?
Der Roman „Herzog Ernst“ handelt von einem mächtigen Herzog, der aufgrund einer Intrige all sein Land und seine Macht verliert und von seinem Stiefvater aus seinem eigenen Land vertrieben wird. Auf der Reise erleben er und seine Gefolgschaft viele Abenteuer und er bekommt mehrmals die Möglichkeit, seine Tapferkeit und seinen Heldenmut unter Beweis zu stellen. Auf jener Reise begegnet Herzog Ernst mehreren wundersamen Völkern, die er bekämpft, denen er hilft und von denen er jeweils einige Exemplare mitnimmt. Die sogenannten Wunderwesen unterscheiden sich durch äußere Merkmale von gewöhnlichen Menschen; sie wirken auf die Lesenden fabulös und märchenhaft und tauchen aufgrund jener Faszination des Fremden häufig in epischen Werken des Mittelalters auf.
Herzog Ernsts Sammlung dieser Wunderwesen scheint einige Parallelen zu herkömmlichen Sammlungen in Museen aufzuweisen. Dementsprechend sollen in der folgenden Arbeit das Mitnehmen der Wunderwesen als Sammeln betrachtet und die Fragen, was, wie und wozu Herzog Ernst sammelt, beantwortet werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Was ist eine Sammlung?
2.1 Kunst- und Wunderkammern
2.2 Anordnung der Exponate im Raum
3. Wunderbares im Mittelalter
4. Herzog Ernsts Sammlung
4.1 Wunderwesen & ihre Quantität
4.2 Anordnung der Samlungsobjekte
4.3 Intention des Sammelns
5. Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die sammlungstheoretischen Aspekte in dem mittelalterlichen Roman „Herzog Ernst“. Dabei steht die zentrale Forschungsfrage im Mittelpunkt, was Herzog Ernst mit welcher Intention sammelt, ob er seine Wunderwesen wie Exponate ordnet und welche soziale Funktion diese Sammlung für seine Machtposition einnimmt.
- Analyse des Begriffs der Sammlung im Kontext von Wunderkammern
- Darstellung der Rolle des Wunderbaren und der Monster im Mittelalter
- Rekonstruktion der Reiseerlebnisse Herzog Ernsts und der Akquise von Wunderwesen
- Untersuchung der Anordnung und der persönlichen Beziehung des Herzogs zu seinen Wesen
- Reflektion über die Intention des Sammelns und Machtrepräsentation
Auszug aus dem Buch
Herzog Ernsts Sammlung
Der Herzog Ernst kommt mit seiner Gefolgschaft zunächst hungrig und erschöpft in Grippia an und sie finden zu ihrer großen Erleichterung einen gedeckten Tisch mit einer großen Auswahl an Nahrung. Dies deuten die tapferen Ritter als ein Zeichen Gottes und Herzog Ernst und die anderen nehmen die Mahlzeit genüsslich, aber bescheiden, zu sich. Sie kehren daraufhin gestärkt zu ihrem Schiff zurück, doch Herzog Ernst und Graf Wetzel können der Versuchung nicht widerstehen und gehen noch einmal zurück in die von Edelsteinen übersäte Stadt, um sie genauer zu betrachten. Plötzlich ertönen Schreie, die sie nie zuvor gehört hatten, denn das Volk von Grippia kam wieder. Es besteht nicht aus gewöhnlichen Menschen; der Erzähler beschreibt sie als schön und wohlgeformt, doch „hals und houbet was gelîch/ als den Kranichen getân“. Jene Wesen sind sogenannte Mischwesen: sie sind halb Mensch, halb Kranich. Sie haben eine weinende, menschliche Prinzessin bei sich, die sie entführt zu haben scheinen.
Herzog Ernst und Graf Wetzel empfinden es als ihre Aufgabe, die Prinzessin zu befreien. Sie werden von den Kranichschnäblern entdeckt und fälschlicherweise für Ritter der entführten Prinzessin gehalten und ihnen bleibt keine andere Wahl, als gegen sie zu kämpfen. Der Rest ihrer Gefolgschaft tritt dem Kampf auch bei und Herzog Ernst versucht, die Prinzessin zu retten, sie kommt jedoch durch den spitzen Schnabel eines der Wesen ums Leben. Ernst bleibt bei ihr, bis sie tot ist. Auch der König der Grippianer kommt bei den Kämpfen ums Leben, sodass die Bewohner des Landes einen neuen Anführer wählen müssen. Herzog Ernst scheint hier noch keines der Wunderwesen mitzunehmen, er fährt mit seinem Gefolge weiter.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Romanhandlung des „Herzog Ernst“ und Erläuterung der Motivation, die Reise als Sammelprozess zu interpretieren.
2. Was ist eine Sammlung?: Definition des Begriffs „Sammlung“ und Erläuterung historischer Konzepte wie der Wunderkammer sowie die Bedeutung der Exponatanordnung.
3. Wunderbares im Mittelalter: Betrachtung des mittelalterlichen Wunderverständnisses und der theologischen sowie literarischen Einordnung von Monstern.
4. Herzog Ernsts Sammlung: Detaillierte Untersuchung der gesammelten Wunderwesen, der Anordnung der Objekte sowie der zugrunde liegenden Intention des Sammelns.
5. Fazit: Zusammenführende Betrachtung der Ergebnisse und Einordnung der Sammlung als symbolische Machtrepräsentation sowie als persönliche Beziehung des Protagonisten zu seinen Wesen.
Schlüsselwörter
Herzog Ernst, Sammlung, Wunderkammer, Wunderwesen, Mittelalter, Monster, Machtrepräsentation, Literaturanalyse, Exponate, Anordnung, Identität, höfische Tugend, Kulturgeschichte, Romanforschung, Mittelalterliche Literatur
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert das Sammelverhalten des Protagonisten im mittelalterlichen Roman „Herzog Ernst“ vor dem Hintergrund historischer Sammlungstheorien und Wunderkammern.
Welche zentralen Themenfelder behandelt die Untersuchung?
Zentrale Themen sind die Definition des Begriffs Sammlung, die mittelalterliche Rezeption des Wunderbaren sowie die literarische Darstellung von Monsterbegegnungen und deren Bedeutung für den Helden.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Arbeit sucht nach Erklärungen für die Intention des Herzogs beim Sammeln der Wunderwesen und prüft, ob die Sammlung eine bewusste Anordnung oder eine reine Machtrepräsentation darstellt.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse des Romantextes unter Einbeziehung von kulturhistorischen Sekundärquellen (wie zur Kunst- und Wunderkammer) durchgeführt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Definition von Sammlungen, die Einordnung des Wunderbaren im Mittelalter sowie eine detaillierte Rekonstruktion der Begegnungen Herzog Ernsts mit verschiedenen Wundervölkern.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Herzog Ernst, Sammlung, Wunderwesen, Monster, Machtrepräsentation, Mittelalter und Wunderkammer.
Welche besondere Stellung nimmt der Riese in der Sammlung ein?
Der Riese unterscheidet sich von anderen gesammelten Wesen durch eine persönliche Beziehung und eine fast freundschaftliche Bindung zum Herzog, wodurch er aus der bloßen Objektifizierung der Sammlung herausgehoben wird.
Wie lässt sich die Intention des Sammelns zusammenfassen?
Obwohl der Text keine explizite Absicht nennt, dient die Sammlung der Steigerung des Ansehens und der Macht des Herzogs, wobei sich die Beziehung zu den Wesen im Verlauf eher in Richtung einer sozialen Fürsorge wandelt.
- Citar trabajo
- Anonym (Autor), 2021, Was und mit welcher Intention sammelt Herzog Ernst im gleichnamigen Roman?, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1469857