Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit Leiharbeit als atypischer Beschäftigungsform in der Bundesrepublik Deutschland. Dazu gibt sie einen kurzen Überblick über die internationale wissenschaftliche Diskussion und die institutionellen Rahmenbedingungen. Mit einer umfassenden Analyse werden die quantitative Entwicklung des Sektors und seine Charakteristika genauer beleuchtet. Empirisch zeigt sich ein signifikanter negativer Zusammenhang zwischen Leiharbeit und Arbeitslosigkeit, aber nicht zwischen Arbeitslosigkeit und Regelbeschäftigung. Dies deutet darauf hin, dass der Arbeitsmarkt in Deutschland im Sinne eines Dual-Labour-Market segmentiert ist. Erhoffte Klebeeffekte – also die Vermittlung Arbeitsloser in reguläre Beschäftigung durch Leiharbeit – scheinen damit eher unwahrscheinlich. Zur Kritik an der aktuellen Gesetzgebung wird ein theoretischer Rahmen entwickelt der aufzeigt, wie die institutionellen Bedingungen zur Umverteilung und Generation von Extra-Profiten auf Kosten von Leiharbeitnehmern beiträgt. Abschließend wird anhand eines Multiplikator-Akzelerator-Modells versucht, die Sinnhaftigkeit direkter Kapazitätsanpassung darzustellen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Definition
3 Argumente pro und contra Leiharbeit
4 Rechtlicher / institutioneller Rahmen in Deutschland
5 Generelle Datenproblematik
6 Entwicklung, Saison und Konjunktur
6.1 Entwicklung
6.2 Saison
6.3 Konjunktur
7 Der Leiharbeitssektor im Detail
8 Substitution regulärer Beschäftigungsverhältnisse?
9 Exkurs Personal-Service-Agenturen
10 Umverteilung
11 Zur direkten Kapazitätsanpassung: ein Multiplikator-Akzelerator-Ansatz
12 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Seminararbeit befasst sich mit der Rolle der Leiharbeit in Deutschland und untersucht deren Entwicklung, die zugrunde liegenden regulatorischen Rahmenbedingungen sowie die daraus resultierenden ökonomischen Probleme und Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt.
- Entwicklung und Dynamik des Leiharbeitssektors
- Rechtlicher und institutioneller Rahmen in Deutschland
- Analyse von Konjunkturabhängigkeit und Saisonalität
- Diskussion über Substitution von Regelbeschäftigungsverhältnissen
- Ökonomische Betrachtung mittels Multiplikator-Akzelerator-Ansatz
Auszug aus dem Buch
3 Argumente pro und contra Leiharbeit
In der wissenschaftlichen Literatur gibt es eine ganze Reihe von Argumentationen für und wider Leiharbeit. Diese ist in erster Linie ein Instrument der externen Flexibilität. Zur weiteren Argumentation gibt Kvasnicka (2005, S. 115 f) einen guten Überblick.
So wird u.a. als positiv angeführt, dass Leiharbeit Arbeitslosen eine Möglichkeit bietet, in Lohn und Brot zu kommen. Ein Abschmelzen von Humankapital durch Arbeitslosigkeit kann so verhindert werden; im Gegenteil können die Arbeitnehmer zusätzliche Berufserfahrung gewinnen und neue Fähigkeiten erlernen. Außerdem lernen die Leiharbeiter im Verlauf ihrer Beschäftigung mehrere potentielle Arbeitgeber kennen. Von denen wiederum kann ein risikoloses Screening bei der Arbeit durchgeführt werden. Dies und die Tatsache, dass Leiharbeitnehmer vom Verleiher schon „vorgescreent“ sind, erhöht die ökonomische Effizienz (Matching) auf dem Arbeitsmarkt und baut Informationsasymmetrien ab. Jahn (2005, S.401) weist zudem darauf hin, dass durch Leiharbeit das Risiko ungenutzter Kapazitäten (Leerkosten) diversifiziert und auf mehrere Entleiher verteilt werden kann.
Aber auch eine Reihe von Gegenargumenten lassen sich erkennen: Leiharbeit generiert keine stabile Beschäftigung; Leiharbeiter wechseln vielmehr zwischen Beschäftigungsphasen und Arbeitslosigkeit. Sie werden zudem durch Verleiher schlechter aus- und weitergebildet, um ein Abwerben zu verhindern. Desweiteren kann eine Leiharbeitstätigkeit eine Stigmatisierung mit sich bringen, so dass zukünftige Arbeitgeber u.U. dies nachteilig für einen Bewerber auslegen. Schließlich – darauf deutet auch Pfeifer (2005) hin – besteht die Gefahr, dass durch Leiharbeit der Arbeitsmarkt weiter im Sinne einer Dual-Labour-Market-Theorie segmentiert wird, so dass sich ein Markt für gut qualifizierte, gut verdienende Arbeitnehmer herausbildet, in dem gute Karrierechancen und relativ hohe Beschäftigungssicherheit vorherrschen, während sich Leiharbeiter auf einem zweiten Markt mit niedrigen Löhnen, geringer Beschäftigungssicherheit und geringer Möglichkeit zum Wechsel in den anderen Markt befinden.
Insbesondere durch die Verbesserung bei Screening und Matching besteht die Hoffnung auf sogenannte Klebeeffekte (stepping stone function) von Leiharbeitern in regulärer Beschäftigung.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Einführung in die wachsende Bedeutung der Leiharbeit in Deutschland und Vorstellung des inhaltlichen Aufbaus der Arbeit.
2 Definition: Erläuterung des Leiharbeitsverhältnisses als atypisches Beschäftigungsverhältnis, bei dem der Verleiher als Intermediär zwischen Entleiher und Arbeitnehmer fungiert.
3 Argumente pro und contra Leiharbeit: Darstellung der ökonomischen Argumente, wobei Chancen bei Matching und Effizienz gegen Risiken wie Segmentierung und Instabilität abgewogen werden.
4 Rechtlicher / institutioneller Rahmen in Deutschland: Überblick über die Deregulierung des Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes (AÜG) von 1972 bis heute.
5 Generelle Datenproblematik: Diskussion der Herausforderungen bei der Erfassung des hochdynamischen Sektors durch Bestandsdaten.
6 Entwicklung, Saison und Konjunktur: Untersuchung der Wachstumstrends der Branche sowie deren Abhängigkeit von saisonalen und konjunkturellen Faktoren.
7 Der Leiharbeitssektor im Detail: Detaillierte Analyse der Fluktuation, Qualifikationsstruktur und Tätigkeitsbereiche der Beschäftigten.
8 Substitution regulärer Beschäftigungsverhältnisse?: Untersuchung der Frage, ob Leiharbeit zunehmend als Ersatz für reguläre Arbeitsplätze dient.
9 Exkurs Personal-Service-Agenturen: Kritische Betrachtung der im Zuge der Hartz-I-Reform eingeführten Personal-Service-Agenturen.
10 Umverteilung: Analyse der monetären Ströme und Gewinnmöglichkeiten in der Leiharbeitsbranche sowie der Rolle von institutionellen Kosten.
11 Zur direkten Kapazitätsanpassung: ein Multiplikator-Akzelerator-Ansatz: Anwendung eines ökonomischen Modells zur Darstellung der Effekte von Kündigungsschutz und Flexibilisierung.
12 Fazit: Zusammenfassende Bewertung der Deregulierungstendenzen und der kritischen Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt.
Schlüsselwörter
Leiharbeit, Arbeitnehmerüberlassung, Zeitarbeit, Hartz I, Deregulierung, Flexibilisierung, Matching, Beschäftigungsverhältnisse, Arbeitsmarkt, Lohndumping, Substitution, Personal-Service-Agenturen, Multiplikator-Akzelerator-Ansatz, Fluktuation, Gleichbehandlungsprinzip
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den Sektor der Leiharbeit in Deutschland, beleuchtet dessen historische Entwicklung, den regulatorischen Rahmen und die ökonomischen Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Entwicklung von Verleihzahlen, der rechtlichen Historie durch das AÜG, den ökonomischen Vor- und Nachteilen, der Frage der Arbeitsplatzsubstitution und einer modelltheoretischen Simulation.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, den Leiharbeitssektor zusammenfassend darzustellen und zu bewerten, inwieweit flexible Arbeitnehmeranpassung als Instrument zur Effizienzsteigerung dient oder zu negativen Effekten wie Lohndumping beiträgt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit kombiniert eine deskriptive Datenanalyse der Branchenentwicklung mit einer institutionellen Betrachtung und der Anwendung eines mathematischen Multiplikator-Akzelerator-Modells zur Simulation von Kapazitätsanpassungen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Bestandsaufnahme der Branche, eine Analyse der Datenlage, eine rechtliche Einordnung sowie eine ökonomische Untersuchung der Kostenstrukturen und der Auswirkungen von Kündigungsschutz.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Neben dem zentralen Begriff Leiharbeit sind Begriffe wie Deregulierung, Flexibilisierung, Arbeitsmarktsegmentierung und Gleichbehandlungsprinzip für das Verständnis der Arbeit essentiell.
Wie bewertet der Autor die Personal-Service-Agenturen (PSA)?
Der Autor steht den PSA kritisch gegenüber, da sie die in sie gesetzten Hoffnungen auf eine effektive und effiziente Vermittlung von Arbeitslosen in den Arbeitsmarkt bisher nicht in ausreichendem Maße erfüllen konnten.
Welche Schlussfolgerung zieht der Autor zur aktuellen Gesetzgebung?
Die aktuelle Gesetzgebung wird kritisiert, da sie durch niedrige Tarifverträge ein Umgehen des Gleichbehandlungsprinzips erlaubt, was primär den Verleihern extra Gewinne ermöglicht, anstatt den Arbeitnehmern zu nutzen.
- Citation du texte
- Henner Will (Auteur), 2008, Leiharbeit in Deutschland, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/147002