Goethes Gedicht „Hegire“ und dessen Bedeutung für den „West-Östlichen Divan“


Seminararbeit, 2006

9 Seiten, Note: 2,7

Anonym


Leseprobe

1. Einleitung

Das Jahr 1814 war ein besonderes für Johann Wolfgang Goethe. Im Mai 1814 schenkte Friedrich Cotta Goethe, der bei ihm die Zweite Ausgabe seiner Werke herausgab, überraschend ein Exemplar von Joseph von Hammers zweibändiger Übersetzung des ,,Diwan" von Muhammad Schams Ad-din Hafis. Wie Goethe in den Tag- und Jahresheften von 1815 selbst schrieb, war der Eindruck von Hafis gesammelten Gedichten in deutscher Übersetzung so groß, dass er produktiv sein musste.

Dieser Begeisterung, und beflügelt durch eine später Liebe zu Marianne von Willemer[1], folgte sein „West-östlichen Divan“, den er in den Jahren 1819 bis 1827 verfasste und der seine letzte große Gedichtsammlung wurde. Der Divan, welcher in zwölf Bücher aufgeteilt ist, beginnt mit dem Buch des Sängers und darin mit dem Gedicht „Hegire“[2]. Eben dieses Gedicht wurde von Goethe selbst als eines beschrieben, das dem Divan als Ganzes umfasst.

„Das erste Gedicht „Hegire“ überschrieben, gibt von Sinn und Absicht des Ganzen sogleich genugsam Kenntnis. […]“[3]

Es gilt also in diesem Essay festzustellen, worum es in „Hegire“ geht und welche Botschaft in Hinblick auf den Divan[4] übermittelt wird.

2. „Hegire“

Bereits in den ersten vier Versen wird der Grund für die Hegire des Dichters, also die Flucht und deren Ziel auf indirekte Weise beschrieben.

„Nord und West und Süd zersplittern,

Throne bersten, Reiche zittern:

Flüchte du, im reinen Osten

Patriarchenluft zu kosten!“[5]

Die Flucht erfolgt also aus politischen und kriegerischen Wirren in einen „reinen“ Osten. Der Begriff „rein“ ist dabei zum einen eine Spiegelung des verlassenen Raumes und beschreibt damit sein genaues Gegenteil: Ganzheit, Geschlossenheit und Ruhe.[6] Zum anderen gilt der Orient auch als Ursprungsort der Menschheit. Für Goethe war er die Wiege der Weltreligionen und ein Ort kollektiver Identifizierung und zugleich die gemeinschaftliche Basis der in Europa und im Orient verbreiteten Religionen.[7]

Die letzten beiden Verse der ersten Strophe bringen die weltlich-poetische Komponente des Zielbereichs näher.[8]

„Unter Lieben, Trinken, Singen

Soll dich Chisers Quell verjüngen.“[9]

Mit Lieben, Trinken und Singen ist eine angenehme Lebensweise verbunden, die im Osten, dem Orient, möglich ist. Der zersplitterte und zitternde Westen ist somit außen vor. Außerdem eröffnet der Osten dem Dichter die Möglichkeit der Verjüngung durch Chisers Quell[10]. Der Dichter unternimmt also eine Reise aus der kriegerischen, zerstörten westlichen Welt hinein in den Orient, wo er genießen, lieben und sich verjüngern kann.[11]

Es werden also bereits mit der ersten Strophe wichtige Motive und Themen des Divans angesprochen: Liebe, Verjüngung und Dichtung.

Was darüber hinaus deutet die erste Strophe noch an? Interessant ist die Nennung von Chisers Quell, welche den Dichter verjüngen soll, da Chiser ebenso Hafis[12] diese Ehre zuteil kommen ließ. Während der Dichter jedoch diese Ehre als Genießer erhält, hat Hafis diese Ehre durch Askese erlangt. Das zeigt wiederum, dass Heiliges und Heiteres nicht im Gegensatz zueinander stehen. Denn beider erlangen durch unterschiedliche Lebensweisen diese Ehrung. Es geht im Divan also auch um die wechselseitige Beziehung von Lebensernst und Lebensgenuß, der Verbindung von Heiligen und Heiteren.[13]

[...]


[1] Von Marianne von Willemer stammen Teile des Buch Suleika.

[2] Der Begriff „Hegire“, beschreibt die Flucht Mohammeds nach Medina.

[3] Edith Ihekweazu. Goethes West-Östlicher Divan. Untersuchungen zur Struktur des Lyrischen Zyklus. Hamburg 1971, S.45.

[4] Ich werde den „West-östlichen Divan“ im folgenden meist nur kurz Divan nennen.

[5] Johann Wolfgang Goethe. West-östlicher Divan. Die Wahlverwandtschaften. Manesse Verlag, Zürich 1996, S. 7.

[6] Vgl.: Edith Ihekweazu. Goethes West-Östlicher Divan. S. 49.

[7] Vgl.: Mirjam Weber. Der „Wahre Poesie-Orient“. Eine Untersuchung zur Orientalismus Theorie Edward Saids am Beispiel von Goethes „West-östlichem Divan“ und der Lyrik Heines. Wiesbaden 2001, S. 63.

[8] Vgl.: Edith Ihekweazu. Goethes West-Östlicher Divan. S. 49.

[9] Johann Wolfgang Goethe. West-östlicher Divan. S. 7.

[10] Chiser gilt einer morgenländischen Sage nach als Hüter der Quelle ewigen Lebens.

[11] Vgl.: Edith Ihekweazu. Goethes West-Östlicher Divan. S. 50.

[12] Hafis war ein persischer Dichter und Mystiker aus dem 14. Jahrhundert.

[13] Vgl.: Edith Ihekweazu. Goethes West-Östlicher Divan. S. 50.

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Goethes Gedicht „Hegire“ und dessen Bedeutung für den „West-Östlichen Divan“
Hochschule
Universität Paderborn
Note
2,7
Jahr
2006
Seiten
9
Katalognummer
V147051
ISBN (eBook)
9783640561483
ISBN (Buch)
9783640561568
Dateigröße
393 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Goethe, Divan, Diwan, Hegire, Orient, Orientalismus
Arbeit zitieren
Anonym, 2006, Goethes Gedicht „Hegire“ und dessen Bedeutung für den „West-Östlichen Divan“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/147051

Kommentare

  • Gast am 14.4.2012

    naja, nett so toll, auch einige Fehlinterpretationen. Beispiel: "Wo sie noch von Gott empfingen" Keine Beziehung zwischen Wort und Religion, sondern es bezieht sich auf die drei großen Weltreligionen, die ihren Ursprung im Osten haben.

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