Risikomanagement im Bereich politischer Risiken


Bachelorarbeit, 2009

43 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Terminologie und empirische Evidenz
1.1. Definition und Begriffseinordnung in der Literatur
1.2. Politisches Risiko vs Länderrisiko
1.3. Klassifizierung politischer Risiken
1.4. Empirische Analyse
1.4.1. Einführung und Vorbetrachtung
1.4.2. Datensatz und Variablendefinition
1.4.3. Methodik und Ergebnisse der empirischen Analyse
1.4.4. Kritische Würdigung der Ergebnisse

2. Management politischer Risiken
2.1. Risikomessung und Bewertungsmethoden
2.1.1. Politischer Index nach der ICRG-Methodik
2.1.2. Länderrisikoanalyse nach der ICRG-Methodik
2.1.3. Weitere Ansätze im Überblick und Fazit
2.2. Risikomanagementmethoden in Theorie und Praxis
2.2.1. Vorbetrachtung
2.2.2. Risikovermeidung und Diversifikation
2.2.3. Integrative Managementmethoden
2.2.4. Schützende Managementmethoden und Finanzinstrumente
2.2.5. Politische Risikoversicherung

Schlussbetrachtung

Anhang

Literaturverzeichnis

Einleitung

Die Schnittstelle zwischen Politik und Wirtschaft ist eines der komplexesten und bedeutend-
sten Themen in Theorie und Praxis sowie zugleich eines der sensibelsten. Der Stellenwert wird zum Beispiel darin deutlich, dass der Wirtschaftsminister in den meisten Ländern einer der führenden politischen Verantwortungsträger ist. Dass die enge Beziehung zwischen Politik und Wirtschaft hohe Wellen in der Gesellschaft und den Medien schlägt, zeigt sich beispielsweise, wenn Parlamentsmitglieder in Aufsichtsräten von Unternehmen sitzen und dadurch Interessenskonflikte entstehen. Die vorliegende Arbeit bewegt sich in vielfältiger Form entlang dieser Schnittstelle und diskutiert die Ausgestaltung sowie das Management poli-tischer Risiken. Die Basis der nachfolgenden Ausführungen bilden zwei Termini: Zum einen der Begriff Politik, der in dieser Arbeit definiert wird als Komplex staatlicher und gesellschaftlicher Aktivitäten, die darauf abzielen, inhaltliche Handlungsprogramme zu verwirk-lichen und durchzusetzen (angelehnt an Münkler (2003)). Zum anderen der Begriff Risiko, der im Kontext der Arbeit wie folgt verwendet wird: Eine Situation wird als riskanter eingeschätzt, wenn der erwartete Verlust bzw. Schaden oder die Streuung um den Erwartungswert infolge politischer bzw. länderspezifischer Handlungen und Einflüsse größer ist.

Die vorliegende Arbeit orientiert sich in ihrer Struktur am Risikomanagementprozess. Im ersten Kapitel wird der Begriff des politischen Risikos erörtert und der Fokus auf die Be-griffsbestimmung und Identifizierung politischer Risiken gelegt. Demnach wird der Leser in den Abschnitten 1.1. bis 1.3. in das Thema der Arbeit eingeführt, indem politische Risiken definiert, abgegrenzt und klassifiziert werden. Die Diskussion einer empirischen Analyse der Ökonomen Busse und Hefeker (2007) setzt den Akzent im vierten Abschnitt des ersten Kapitels. Dabei werden die Methodik und die Ergebnisse der Studie, die den Zusammenhang zwischen politischen Risiken und ausländischen Direktinvestitionen in Entwicklungsländern untersucht, vorgestellt und kritisch betrachtet. Die Risikobewertung und die Erörterung diverser Managementmethoden stehen im Mittelpunkt des zweiten Kapitels. Der Abschnitt 2.1. befasst sich mit verschiedenen Ansätzen zur Evaluation politischer und länderspezifischer Risiken und zementiert die Bedeutung der Risikobewertung innerhalb des Risikomanagementprozesses. Der zweite Teil des zweiten Kapitels erstellt ein Panorama unterschiedlicher Methoden und Maßnahmen, die in Theorie und Praxis für das Risikomanagement politischer Risiken eine Rolle spielen. Am Anfang jedes Kapitels wird eine kurze Einführung gegeben, um einen Überblick über die Inhalte der einzelnen Kapitel zu vermitteln und den roten Faden zu ebnen. Eine zusammenfassende Darstellung wird die Arbeit abschließen.

1. Terminologie und empirische Evidenz

1.1. Definition und Begriffseinordnung in der Literatur

Im Zentrum der Arbeit steht der Terminus des politischen Risikos, der in der wissenschaftlichen Literatur viel diskutiert wird. Den Ausgangspunkt für eine detaillierte und wissenschaftlich fundierte Auseinandersetzung mit politischen Risiken bildeten die stark anwachsenden ausländischen Direktinvestitionen in Entwicklungsländern seit den 1980er Jahren. Im Zeitraum von 1980 bis 1999 stiegen diese von US $4 Milliarden auf über US $180 Milliarden an.[1] Zugleich sahen sich multinationale Unternehmen zunehmend politischen Turbulenzen in den Entwicklungsländern gegenüber. Hierbei sei der Ölpreisschock von 1973/74 erwähnt, der nach Kennedy (1987) den Anfang der wachsenden Volatilität und Unsicherheit im inter-
nationalen Umfeld westlicher Unternehmen symbolisiert.[2]

In der wissenschaftlichen Literatur existieren zahlreiche Konzeptionen und Definitionen, die den Begriff des politischen Risikos unterschiedlich dimensionieren. Kennedy (1987) definiert es als ein politisches Ereignis, das finanzielle, strategische und personelle Verluste für ein Unternehmen nach sich zieht. Nach seiner Definition sind wirtschaftliche, soziokulturelle und rein politische Faktoren die Quellen politischer Risiken, sofern sie nicht durch die Kräfte und Mechanismen des Marktes entstanden sind. Die wirtschaftliche Einflussgröße resultiert nach Kennedy (1987) aus der dynamischen Wechselwirkung zwischen ökonomischen, soziokulturellen und politischen Erscheinungen. Eine Unterscheidung hat demzufolge nur analytischen Charakter, bricht jedoch auf operationaler Ebene zusammen und ist daher zu negieren.

Lessard (1993) definiert politisches Risiko als die Gefahr politischer Unstetigkeit, die zu Machtverschiebungen innerhalb eines politischen Systems und Verlusten für Unternehmen führt. Nach Kobrin (1982) können diese Machttransfers legalen und illegalen Charakter be- sitzen. Ein durch Wahlen herbeigeführter Regierungswechsel ist ein Beispiel für einen legalen Machttransfer, wohingegen ein verfassungswidriger Militärputsch exemplarisch für eine illegale Machtverschiebung ist. Außerdem betont Kobrin (1982), dass das Risiko einer nachteiligen politischen Entwicklung nicht nur durch den Wechsel in der Regierungsverantwortung entsteht, sondern sich auch innerhalb einer bestehenden Regierung im Zeitablauf ergibt.

Eine allgemeine Definition nach Howell (2006) wird die Grundlage der Arbeit darstellen. Er konkretisiert den Begriff des politischen Risikos als die Gefahr, dass politische Entschei-dungen oder politische und soziale Ereignisse in einem Land das wirtschaftliche Umfeld derart beeinträchtigen, dass Investoren einen geldwerten Verlust erleiden oder nicht die erwartete Investitionsrendite erzielen.[3] In seinen Ausführungen ergänzt Howell (2006) den Ansatz von Kobrin (1982), indem er unterstreicht, dass politische Unstetigkeiten nicht nur durch Machttransfers und politische Richtungsänderungen innerhalb eines Landes entstehen, sondern auch von außen in ein Land hineingetragen werden können. Beispielhaft sei hier ein Konflikt erwähnt, der von der Regierung eines Nachbarlandes initiiert wird und zu einer Verschlech-terung der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen führt. Außerdem weist Howell (2006) darauf hin, dass gesellschaftliche Ungleichgewichte, die nicht mit Regierungshandeln im Zusammenhang stehen, ebenfalls Quellen politischer Risiken sind.

Stampfli und Goodman (2001) fügen einen weiteren Aspekt hinzu. Wie auch Kennedy (1987) unterstreichen die beiden Autoren den Unterschied zwischen Marktrisiko und politischem Risiko. Als wesentliches Abgrenzungsmerkmal lokalisieren sie die Beziehung zwischen Risiko und Rendite. Marktrisiko zeichnet sich dadurch aus, dass ein Tradeoff zwischen Risiko und erwarteter Rendite besteht. Dieser Zusammenhang ist bei politischen Risiken nicht erkennbar. Sie schlussfolgern, dass eine Investition mit größeren politischen Risiken keine höhere potentielle Rendite besitzt als eine Investition mit geringeren politischen Risiken. Ein zweiter Kernunterschied besteht darin, dass sich Marktrisiken vor allem durch die Kräfte des Marktes herausbilden, wohingegen politische Risiken ein Ergebnis politischer Prozesse sind.

Als ein zentrales historisches Ereignis, welches die massiven Auswirkungen politischer Risiken exemplarisch zeigt, wird in der wissenschaftlichen Literatur die Iranische Revolution von 1979 angeführt. Nachdem das Schah-Regime durch eine Revolution unter Führung von Ajatollah Chomeini gestürzt und die Islamische Republik Iran gegründet wurde, änderten sich die politischen und wirtschaftlichen Bedingungen für ausländische Unternehmen schlagartig. Zahlreiche der getroffenen Vereinbarungen zwischen Unternehmen und der Schah-Regierung wurden für nichtig erklärt. Insbesondere amerikanische Unternehmen, die im großen Stil während der Zeit des Schah-Regimes im Iran investierten, waren von den diskriminierenden Maßnahmen der neuen politischen Führung betroffen. Kennedy (1987) beziffert den Schaden
amerikanischer Unternehmen im Zuge der Revolution auf über US $1 Milliarde. Das Beispiel Iranische Revolution zeigt, dass vor allem ausländische Investoren politischen Risiken ausgesetzt sind. Demnach legt die wissenschaftliche Literatur den Fokus auf die Analyse und das Management von politischen Risiken, denen sich ausländische Investoren gegenübersehen. Es ist jedoch darauf hinzuweisen, dass auch einheimische Unternehmen und Investoren von politischen Risiken betroffen sind. Eine extreme Ausprägung verkörpert zum Beispiel eine sozialistische Revolution, die zu einer Enteignung von Produktionsmitteln und Eigentum sämtlicher Unternehmen in einem Land führt. Zwei historische Beispiele dieser Form sind die Oktoberrevolution in Russland von 1917 und die Kubanische Revolution von 1959.

1.2. Politisches Risiko vs Länderrisiko

In diesem Abschnitt wird der Unterschied zwischen politischen und länderspezifischen Risiken veranschaulicht. Zugleich wird gezeigt, dass eine Separierung für die wissenschaftliche Analyse sinnvoll ist, jedoch eine starke Wechselbeziehung besteht.

Brink (2004) und Howell (2006) kritisieren, dass politisches Risiko vielfach mit Länderrisiko gleichgesetzt wird. Jedoch besteht ein wesentlicher Unterschied zwischen beiden Bezeichnungen. Länderrisiko ist weiter gefasst und deckt einen größeren Umfang von Einflussgrößen ab. In der Definition von Howell (2006) werden neben politischen und sozialen Variablen, die kennzeichnend für die Ausprägung politischer Risiken sind, auch ökonomische und finanzwirtschaftliche Faktoren berücksichtigt. Ein Zusammenhang zwischen politischem Risiko und Länderrisiko ist demnach unverkennbar. Brink (2004) unterstreicht dabei, dass politische Risiken nicht nur als Summanden des Länderrisikos zu betrachten sind. Vielmehr impliziert das Länderrisiko die Gefahr, dass ein Land nicht in der Lage ist, seine Schulden zurückzuzahlen. Der Begriff politisches Risiko unterscheidet sich davon, dass die Regierung zwar in der Lage, aber nicht gewillt ist, ihre Schulden zu begleichen. Daraus schlussfolgert die Autorin, dass politisches Risiko und Länderrisiko nicht zwingend positiv korreliert sind. Brink (2004) koppelt den Begriff Länderrisiko stark an die Kreditwürdigkeit von Staaten. Ihrer Argumentation folgend bezieht es sich auf den geldwerten Verlust, der sich auf Grund von negativen gesamtwirtschaftlichen Entwicklungen in einem Land ergibt. Als wichtige Instrumente zur Beurteilung der makroökonomischen Situation in einem Land werden die Zahlungsbilanz,
Kreditwürdigkeit und Schuldentilgungsquote genannt. Brink (2004) grenzt damit den Begriff Länderrisiko enger ein als Howell (2006), der es als die Kumulation sämtlicher Risiken beschreibt, mit denen Investoren in einem Land konfrontiert sind.

Abschließend lässt sich festhalten, dass die Trennung zwischen politischen und länderspezifischen Risiken für den Risikomanagementprozess substanziell ist. Es bestehen wesentliche Unterschiede in der Risikomessung und –bewertung sowie in der Wahl geeigneter Managementmethoden. Diese Aspekte werden im weiteren Verlauf der Arbeit beleuchtet und diskutiert. Für die reine Risikoidentifikation ist elementar, dass politische Risiken in erster Linie an politisch motivierte Aktionen gebunden sind. Demnach sind rein ökonomische Variablen, die nicht durch Handlungen politischer Akteure determiniert sind, keine direkten Einflussgrößen politischer Risiken. Typisch ist eine starke Wechselbeziehung zwischen beiden Risikoarten. Eine Regierung begegnet volkswirtschaftlichen Problemen mit politischen Aktionen, die wiederum Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft haben. Damit wird ein Kreislauf in Gang gesetzt, der durch die Wechselbeziehung von wirtschaftlichen, politischen sowie sozialen und gesellschaftlichen Variablen bestimmt ist. Beispielhaft sei die Mexiko-Krise von 1994/1995 vorgestellt, deren Ausgangspunkt eine Währungskrise bildete. Die mexikanische Regierung war im Dezember 1994 nicht mehr im Stande, den fixierten Wechselkurs der einheimischen Währung (Peso) zum US Dollar aufrecht zu erhalten. Zugleich verschärfte sich das politische und gesellschaftliche Klima im Land. Die Radikalisierung führte unter anderem zur Ermordung des Generalsekretärs der Regierungspartei und eines Präsidentschaftskandidaten sowie zu einem Aufstand des „Zapatistischen Nationalen Befreiungsheers“ in der Provinz Chiapa. Der damit einhergehende Vertrauensverlust resultierte in erheblichen Kapitalabzügen ausländischer Investoren. Mexiko war daraufhin nicht mehr in der Lage, seinen finanziellen Verpflichtungen nach zu kommen. Die Krise erfasste das Bankensystem und weite Teile der Realwirtschaft, sodass das Land in eine gesamtwirtschaftliche Krise stürzte, die in ihrem Entstehen und Verlauf den Zusammenhang von politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Einflussgrößen anschaulich skizziert.

1.3. Klassifizierung politischer Risiken

Nachdem der Begriff des politischen Risikos definiert und abgegrenzt wurde, werden in diesem Abschnitt die verschiedenen Typen politischer Risiken veranschaulicht. Damit wird zum einen eine Kategorisierung vorgenommen, die die Analyse politischer Risiken erleichtert. Zum anderen wird ein Überblick über die Bandbreite politischer Risiken gegeben und damit die Definition mit konkreten Ausprägungen manifestiert. Anhand verschiedener Beispiele werden die theoretischen Konzepte bildlich und praxisbezogen dargestellt.

Stampfli und Goodman (2001) führen zwei Typen politischer Risiken an: „Sovereign“ und „nonsovereign risks“.[4] „Sovereign risks“ beziehen sich auf Handlungen der Regierung bzw. des Staates, die auf die Wirtschaft und Unternehmen im Land wirken. Die Enteignung wirtschaftlichen Eigentums durch den Staat gilt als eine der gravierendsten Beispiele dieser Art von politischem Risiko. Hierbei ist die Frage entscheidend, inwieweit der Enteignete Kompensationszahlungen erhält. Weitaus weniger einschneidende Ausprägungen des „sovereign risk“ betreffen die Wechselkurspolitik eines Landes und Risiken, die mit politischen Richtungswechseln und Reformen einer Regierung verbunden sind. „Nonsovereign risks“ beinhalten sämtliche Aktionen und Einflüsse von Nichtregierungsgruppierungen. Quellen solcher Risiken sind vor allem terroristische oder kriminelle Organisationen, die für Investoren ein hohes Maß an Unsicherheit produzieren und damit signifikante Investitionshürden sind.

Eine andere Herangehensweise wählt Howell (2006). Er beschreibt acht Typen politischer Risiken und verwendet hierfür die Abgrenzungsmerkmale, die beim Abschluss einer Versicherung gegen politische Risiken existieren. Auf die Versicherung als Risikomanagementmethode wird im Abschnitt 2.2.5. näher eingegangen. Für die Klassifizierung werden zwei Institutionen betrachtet, die eine Versicherung gegen politische Risiken anbieten: Die amerika-nische „Overseas Private Investment Corporation (OPIC)“ und die „Multilateral Investment Guarantee Agency (MIGA)“ der Weltbank. Es werden vier große Risikotypen charakterisiert, die von beiden Versicherungsgebern abgedeckt werden. Erstens handelt es sich um Währungsumtauschbeschränkungen, bei denen die Regierung eines Landes den Umtausch der lokalen Währung in fremde Währung unterbindet oder limitiert. Damit ist es zum Beispiel für ein amerikanisches Unternehmen unmöglich, Gewinne, die in fremder Währung im Ausland generiert wurden, in US Dollars umzutauschen und in die USA zu transferieren. Das zweite politische Risiko beschreibt den Fall der Beschlagnahmung oder Enteignung wirtschaftlichen Eigentums durch den Staat ohne vollständige Kompensation. Dieses Risiko besteht vor allem für ausländische Investoren in Ländern, die unter dem Einfluss von nicht demokratischen und politisch extremen Regimen stehen. Als dritte bedeutende Risikoquelle gelten internationale Konflikte. Diese können von Kriegen als die schwerwiegendste Form bis hin zu diplomatischen Spannungen zwischen zwei Ländern reichen. Eine weitere Kategorie erfasst Konflikte innerhalb eines Landes, die vor allem in weniger entwickelten Staaten auftreten und im äußersten Fall in einem Bürgerkrieg münden.

Neben diesen vier Risikotypen definiert Howell (2006) weitere Klassen politischer Risiken, die nur zum Teil von privaten oder institutionellen Versicherungsträgern abgedeckt werden. Hierzu zählt das Risiko, dass Unternehmen auf Grund von Vertragsbrüchen durch die Regierung eines Landes Verluste erleiden. Unter diesem Typus werden sämtliche Handlungen politischer Verantwortungsträger subsumiert, die zu rechtswidrigen, negativen Veränderungen einer Vereinbarung zwischen Regierung und Unternehmen führen. Den bisherigen Risikotypen ist eine mehr oder weniger starke Willkür und Rechtswidrigkeit der Regierung unterstellt. Der sechste Risikotypus erweitert dies um die Nachteiligkeit von Regierungsentscheidungen, die rechtskonform entstehen und zumeist ausländische Investoren betreffen. Diese umfassen zum Beispiel Eigenkapitalbeschränkungen, Personalrestriktionen, steuerliche Nachteile für ausländische Investoren, die Erhöhung von Lohnkosten oder die Schaffung von zusätzlichen bürokratischen Hürden. Damit eng in Verbindung steht ein siebter Risikotyp, der weniger Regierungsentscheidungen und Beschlüsse betrifft, sondern vielmehr die Handlungsfähigkeit und das Durchsetzungsvermögen der Exekutive. Entscheidend ist die Frage, inwieweit Regierungen in der Lage sind, ihre Entscheidungen umzusetzen, beispielsweise die Kor-ruption im Land aktiv einzuschränken. Außerdem beinhaltet diese Risikoart Verluste für Unternehmen, die infolge von gesellschaftlichen Prozessen und veränderten Denkweisen in der breiten Bevölkerung entstehen. Ein erhöhtes Klimaschutzbewusstsein in vielen Ländern sowie die Abneigung gegenüber den USA in Teilen der muslimischen Welt sind exemplarische Entwicklungen. Der achte Risikotyp enthält die Gefahr von Einzelaktionen gegen Unternehmen, die in ihrem Ursprung politisch sind, aber nicht infolge von Regierungshandlungen erwachsen. Die Entführung von Managern eines Unternehmens, Sabotageaktionen oder Anschläge auf die Produktionsanlagen von Unternehmen sind Vorfälle, die diesem Risikotypus zugeordnet werden. Entscheidend ist dabei die politische Intention der handelnden Personen.

Des Weiteren können die verschiedenen Arten politischer Risiken allgemein nach der Rechtmäßigkeit ihres Entstehens unterteilt werden. Zum einen sind Unternehmen Risiken ausgesetzt, die ihren Ursprung außerhalb der legitimierten Regierung und Autorität haben. Solche Risiken umfassen in extremer Form Terrorismus, Sabotage, Staatstreiche oder Revolutionen. Zum anderen existieren Risiken, die direkte Resultate des laufenden politischen Prozesses sind. Jene Risiken beinhalten unter anderem Gesetzesänderungen, die sich nachteilig für Unternehmen auswirken oder Regierungswechsel im Zuge demokratischer Wahlen, die zu einer politischen Neuausrichtung führen und mögliche Verluste für Unternehmen nach sich ziehen. Zugleich ist es sinnvoll, politische Risiken nach ihrer Wirkung auf gesamtwirtschaftlicher und unternehmensspezifischer Ebene zu klassifizieren. Makrorisiken betreffen nahezu alle
Unternehmen, die in einer Volkswirtschaft operieren und infolge politischer Entwicklungen oder Ereignisse Verluste erleiden. Im Gegensatz dazu haben politische Risiken auf Mikrolevel nur nachteilige Effekte für bestimmte Unternehmen oder Branchen. Hierbei gilt es jedoch zu beachten, dass eine klare Trennung nicht immer möglich ist, zum Beispiel wenn eine branchenabhängige Subvention über höhere Einkommens- und Unternehmenssteuersätze finanziert wird und unklar ist, inwieweit in Frage kommende Unternehmen von der Förderung durch den Staat profitieren. Die Kategorisierung nach Rechtmäßigkeit und Wirkungsbreite lässt sich in Matrixform darstellen, die erstmalig von Kennedy (1987) angewandt worden ist.

Die Klassifizierung ist ein unabdingbarer Schritt zur Identifizierung und Strukturierung politischer Risiken. Damit wird das Fundament für eine konstruktive Analyse politischer Risiken und den weiteren Risikomanagementprozess geschaffen. Tabelle 1 fasst die verschiedenen, hier vorgestellten Konzepte zur Klassifizierung politischer Risiken zusammen:

Tabelle 1: Ansätze zur Klassifizierung politischer Risiken nach Stampfli und Goodman (2001), Howell (2006) und Kennedy (1987).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1.4. Empirische Analyse

1.4.1. Einführung und Vorbetrachtung

Die Grundlage der folgenden Betrachtung bildet ein Paper von Busse und Hefeker (2007), die in ihrem Aufsatz den Zusammenhang zwischen politischem Risiko, Institutionen und ausländischen Direktinvestitionen empirisch untersuchen.[5] Dabei sollen diejenigen Indikatoren identifiziert werden, die die Standortentscheidung ausländischer Investoren signifikant beein-flussen. Der Fokus ist auf politische und institutionelle Faktoren gerichtet, sodass das Ziel der empirischen Analyse darin besteht, den Einfluss verschiedener politischer Risikokompo-nenten auf die Investitionsentscheidung multinationaler Unternehmen zu bestimmen. Die dem Paper zugrunde liegende Definition von politischem Risiko ist die folgende: Politisches Risiko ist die Gefahr, dass sich die Rahmenbedingungen in einem Land durch politisch-gesellschaftliche Entwicklungen unerwartet verändern, wodurch das Investitionsverhalten multinationaler Unternehmen und die Rendite eines Investitionsprojektes in diesem Land beeinflusst werden. Demnach spielt politisches Risiko eine wesentliche Rolle für die Standortentscheidung einer Investition. Die Idee der empirischen Analyse stellt sich wie folgt dar: Zunächst wird der Zusammenhang zwischen ausländischen Direktinvestitionen und Komponenten, die die politischen Risiken multinationaler Unternehmen widerspiegeln, aufgezeigt. Dabei wird die relative Bedeutung der einzelnen Risikoausprägungen erörtert. Aus den Ergebnissen lässt sich anschließend ableiten, welche politischen Risikofaktoren für die Aktivitäten und Entscheidungen multinationaler Unternehmen von zentraler Bedeutung sind und welchen politischen Risikokomponenten die größte Aufmerksamkeit im Risikomanagement-prozess gewidmet werden sollte.

[...]


[1] Busse, M., und Hefeker, C. (2007). Political risk, institutions and foreign direct investment. European Journal of Political Economy 23. 398.

[2] Kennedy, C. (1987). Political Risk Management: International Lending and Investing under Environmental Uncertainty. Quorum Books, Westport, USA. 1.

[3] Howell, L. (2006). Political Risk Assessment in a Globalized Context. Konferenzpaper: International Studies Association 2006. 4.

[4] Stampfli, J., und Goodman, V. (2001). The Mathematics of Finance: Modeling and Hedging. Brooks/Cole, Pacific Grove, USA. 223.

[5] Busse, M., und Hefeker, C. (2007). Political risk, institutions and foreign direct investment. European Journal of Political Economy 23. 397-415.

Ende der Leseprobe aus 43 Seiten

Details

Titel
Risikomanagement im Bereich politischer Risiken
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Dr. Wolfgang Schieren-Lehrstuhl für Versicherungs- und Risikomanagement)
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
43
Katalognummer
V147068
ISBN (eBook)
9783640576999
ISBN (Buch)
9783640576609
Dateigröße
819 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Politische Risiken, Risikomanagement, Länderrisiko, Politisches Risikorating, Politischer Index, International Country Risk Guide, Risikomessung
Arbeit zitieren
Sebastian Schulze (Autor), 2009, Risikomanagement im Bereich politischer Risiken, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/147068

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