Unsere heutige Gesellschaft ermöglicht zum einen Individualisierung und die damit verbundenen Chancen, die eigene Entwicklung frei zu planen. Die Selbstverwirklichung wird zu einem zentralen Anliegen. Die Kehrseite von der Freisetzung aus traditionellen Sozialformen und der Enttraditionalisierung kann soziale Isolierung und Verhaltensunsicherheit sein. Zusätzlich ist der einzelne ständig Entscheidungszwängen ausgesetzt, die ihn überfordern können, auch weil immer die Gefahr besteht, an der Realisierung eigener Pläne zu scheitern. Hinzu kommt, daß die voranschreitende Institutionalisierung und Standardisierung der Lebenslagen die Einflußmöglichkeiten des einzelnen einengt und damit die Selbständigkeit unmöglich macht.
Die Arbeit ist folgendermaßen aufgebaut: Im ersten Kapitel geht es einführend um die Jugendphase, deren Strukturwandel (1.1.), und um die Individualisierung mit ihren Auswirkungen auf die jugendliche Subjektentwicklung (1.2.). Im nächsten, theoriegeleiteten Abschnitt wird zunächst ein Sozialisationskonzept vorgestellt (2.1.), und anschließend eine streßtheoretische Konzeption von Mansel wiedergegeben (2.2.), die die primäre Bewertung der globalen Risiken (2.2.1.), die sekundäre Bewertung bzgl. der Bewältigungskompetenzen (2.2.2.), die Neubewertung der Situation (2.2.3.), die problemorientierten und emotionszentrierten Bewältigungsstrategien (2.2.4.), die Bedeutung von Emotionen (2.2.5.) und die Formen problematischer Belastungsregulation (2.2.6.) enthält. Auf der Grundlage dieser theoretischen Konzeptionen schließt Mansel eine empirische Untersuchung an, die ich hier anhand eines Beispiels, nämlich der Sensibilisierung und Angst angesichts gesellschaftlich produzierter Risikolagen (3.) referieren werde. Dabei geht es um die Bedeutsamkeit der Risiken im Vergleich (3.1.), die Strategien Jugendlicher zur Reduktion der Angst (3.2.) und um die Wahrnehmung makrosozialer Verunsicherungspotentiale und problematische Formen der Belastungsregulation (3.3.).
Inhaltsverzeichnis
0. EINLEITUNG
1. GESELLSCHAFTLICHE VERÄNDERUNGEN DES JUGENDALTERS
1.1. STRUKTURWANDEL DER JUGENDPHASE
1.2. INDIVIDUALISIERUNG UND JUGENDLICHE SUBJEKTENTWICKLUNG
2. THEORETISCHER BEZUGSRAHMEN: SOZIALISATIONS- UND STREßKONZEPTE IM RAHMEN GESELLSCHAFTLICH PRODUZIERTER RISIKOLAGEN
2.1. SOZIALISATIONSKONZEPTE
2.2. STREßTHEORETISCHE KONZEPTIONEN
2.2.1. Primäre Bewertung von gesellschaftlich produzierten Bedrohungspotentialen
2.2.2. Sekundäre Bewertung der individuellen Bewältigungskompetenzen und der verfügbaren sozialen Ressourcen
2.2.3. Neubewertung der Rahmenbedingungen des Aufwachsens und der gesellschaftlichen Entwicklung
2.2.4. Problemorientierte und emotionszentrierte Bewältigungsstrategien
2.2.5. Die Bedeutung von Emotionen im Rahmen der Streßentstehung und Streßverarbeitung
2.2.6. Interiorisierende und exteriorisierende Formen problematischer Belastungsregulation als Streßfolgen
2.3. ABWEHRMECHANISMEN: VERLEUGNUNG DER GEFAHREN UND VERDRÄNGUNG DER ÄNGSTE
3. EMPIRISCHE EVIDENZEN: SENSIBILISIERUNG UND ANGST ANGESICHTS GESELLSCHAFTLICH PRODUZIERTER RISIKOLAGEN
3.1. DIE BEDEUTSAMKEIT DER UNTERSCHIEDLICHEN GESELLSCHAFTLICH PRODUZIERTEN RISIKEN IM VERGLEICH
3.2. STRATEGIEN JUGENDLICHER ZUR REDUKTION DER VERUNSICHERUNG UND DER ANGST VOR MAKROSOZIALEN RISIKEN
3.3. WAHRNEHMUNG MAKROSOZIALER VERUNSICHERUNGSPOTENTIALE UND PROBLEMATISCHE FORMEN DER BELASTUNGSREGULATION
4. SCHLUßBETRACHTUNG
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht den Einfluss der Bedingungen der „Risikogesellschaft“ auf den Sozialisationsprozess von Jugendlichen. Zentral ist dabei die Forschungsfrage, inwieweit Jugendliche für gesellschaftlich produzierte Risikolagen sensibilisiert sind und ob die Wahrnehmung sowie Bewertung dieser globalen Risiken zu psychischen Belastungen und problematischen Bewältigungsstrategien führt.
- Modernisierungsprozesse und der Strukturwandel der Jugendphase
- Individualisierung und die damit verbundenen Anforderungen an die Subjektentwicklung
- Theoretische Verknüpfung von Sozialisation und Stresstheorien
- Strategien zur Bewältigung makrosozialer Risiken wie Umweltzerstörung und wirtschaftliche Instabilität
- Psychosoziale Folgen wie interiorisierende und exteriorisierende Belastungsregulation
Auszug aus dem Buch
2.2. Streßtheoretische Konzeptionen
Streß entsteht in der Anpassung von Individuen an ihre jeweilige Umwelt. Der Begriff ist also geeignet, wenn eine Verbindung zwischen sozialem und emotionalem Leben hergestellt werden soll.
Streß im wissenschaftlichen Zusammenhang stellt eine besondere Art der Beziehung zwischen einer Person und der jeweiligen Umwelt dar, die durch kognitive Bewertungsprozesse vermittelt und von Emotionen begleitet und beeinflußt wird. Streß entsteht immer dann, wenn äußere Situationen nicht den individuellen Zielen entsprechen. Streßfolgen äußern sich in problematischen Formen der Belastungsregulation (z.B. neurotische Entwicklungen oder psychosomatische Erkrankungen).
„(...) streßtheoretische Konzeptionen [setzen sich] mit Konstellationen auseinander, in denen sich Probleme der individuellen Auseinandersetzung mit der Umwelt, der Anpassung von Individuen an ihre Umwelt (...) ergeben, also grundsätzlich, wenn sich aus der Wechselbeziehung zwischen Individuum und Umwelt Anpassungsschwierigkeiten auf mindestens einer der beiden Seiten ergeben“ (Mansel 1995, S. 104).
Das Streßausmaß ist abhängig davon, inwieweit die Situation als belastend bewertet wird, wie schwierig die zu bewältigenden Aufgaben eingeschätzt werden, welche Kompetenzen und sozialen Ressourcen die Person zu haben glaubt und welche Erfahrungen in vergleichbaren Situationen gemacht wurden. Neben der klassischen Ausgangskonstellation, in der innere oder äußere Anforderungen die Anpassungsfähigkeit übersteigen, kann bereits die subjektive Antizipation einer Gefahr Streß auslösen, so z.B. Ungewißheiten oder widersprüchliche Informationen.
Zusammenfassung der Kapitel
0. EINLEITUNG: Einführung in die Thematik der Sozialisation unter den Bedingungen der Risikogesellschaft und Darlegung der zentralen Forschungsfrage.
1. GESELLSCHAFTLICHE VERÄNDERUNGEN DES JUGENDALTERS: Analyse des Strukturwandels der Jugendphase durch Modernisierungs- und Individualisierungsprozesse sowie deren Auswirkungen auf die Subjektentwicklung.
2. THEORETISCHER BEZUGSRAHMEN: SOZIALISATIONS- UND STREßKONZEPTE IM RAHMEN GESELLSCHAFTLICH PRODUZIERTER RISIKOLAGEN: Theoretische Herleitung eines Sozialisationskonzepts und Erläuterung stresspsychologischer Modelle zur Verarbeitung globaler Risiken.
3. EMPIRISCHE EVIDENZEN: SENSIBILISIERUNG UND ANGST ANGESICHTS GESELLSCHAFTLICH PRODUZIERTER RISIKOLAGEN: Empirische Darstellung der Wahrnehmung von Risiken durch Jugendliche und der daraus resultierenden Bewältigungsstrategien.
4. SCHLUßBETRACHTUNG: Zusammenfassende Bewertung der Ergebnisse und Schlussfolgerungen für die Bedeutung der Sozialisationsinstanzen Familie und Schule.
Schlüsselwörter
Risikogesellschaft, Sozialisation, Jugendphase, Individualisierung, Stress, Belastungsregulation, Bewältigungsstrategien, Subjektentwicklung, Angstbewältigung, Makrosoziale Risiken, Psychosoziale Belastung, Identitätsbildung, Handlungsfähigkeit, Umweltbewusstsein, Moderne.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Frage, wie sich die Bedingungen der modernen Risikogesellschaft auf die Sozialisation von Jugendlichen auswirken und welche psychischen Belastungen dadurch entstehen können.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit verknüpft soziologische Modernisierungstheorien mit stresspsychologischen Konzepten, um den Umgang Jugendlicher mit globalen Gefahren wie ökologischen Krisen oder wirtschaftlicher Unsicherheit zu beleuchten.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist zu klären, ob gesellschaftlich produzierte Risiken bei Jugendlichen zu Stressprozessen führen und wie diese Risiken individuell wahrgenommen, bewertet und bewältigt werden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine theoretische Aufarbeitung soziologischer und psychologischer Literatur sowie auf die Auswertung einer quantitativen Studie und problemzentrierter Interviews von Jürgen Mansel.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst der Strukturwandel des Jugendalters und die Individualisierung diskutiert, bevor ein theoretischer Bezugsrahmen zur Stressverarbeitung entwickelt und empirisch anhand von Beispielen (z.B. politische Ängste) analysiert wird.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen gehören Risikogesellschaft, Sozialisation, Individualisierung, Stressfolgen, Belastungsregulation sowie die subjektive Bewältigung makrosozialer Risiken.
Wie gehen Jugendliche laut Arbeit mit dem Gefühl der Machtlosigkeit um?
Jugendliche reagieren oft mit interiorisierenden Formen der Belastungsregulation (z.B. psychosomatische Beschwerden) oder versuchen, die Ängste durch Verleugnung, Verdrängung oder Verschiebung der Risiken zu bewältigen.
Warum ist laut Autorin die „Versprachlichung“ von Belastungsmomenten wichtig?
Die Thematisierung und Versprachlichung von Belastungsmomenten kann die Gefühlsarbeit der Heranwachsenden erleichtern, da diffuse Ängste bei realistischer Einschätzung und Kommunikation weniger stark verunsichernd wirken.
- Citation du texte
- Laura Dahm (Auteur), 1999, Sozialisation in der Risikogesellschaft, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/14712