Intersexualität innerhalb heteronormativer Gesellschaftsstrukturen am Beispiel des Films XXY


Seminararbeit, 2009

21 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zum Film XXY

3. Intersexualität als Begriff
3.1 Intersexualität und Heteronormativität
3.2 Intersexualität innerhalb des juristischen und medizinischen Diskurses

4. Geschlechtsidentität und ihre Lebbarkeit im Film XXY
4.1 Zusammenfassung der Haupt-Filmcharaktere und ihrer gesellschaftlichen Repräsentation

5. Alternative Modelle zur gesellschaftlichen Integration intersexueller Menschen

6. Schlussbemerkung

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im Folgenden möchte ich mich mit dem Thema Intersexualität innerhalb heteronormativer Gesellschaftsstrukturen auseinandersetzen. Zur Veranschaulichung habe ich einen Film der argentinischen Regisseurin Lucia Penzo aus dem Jahr 2006 gewählt. Dieser trägt den Titel XXY.

Da es sich um ein komplexes Thema handelt, erscheint es mir sinnvoll, mich bei der Untersuchung in diesem Rahmen auf einige Fragestellungen zu beschränken.

Hierzu gehört zunächst die Klärung des Begriffs Intersexualität. Was versteht man darunter? Wie wird der Begriff in den unterschiedlichen, auf ihn bezogenen Diskursen verwendet und in welcher Weise ist er hier zu verstehen.

Weiterhin wird in diesem Zusammenhang die heteronormative Prägung unserer Gesellschaftsstruktur zu erläutern sein. Hierbei beziehe ich mich auf den deutschsprachigen Raum. Sicherlich sind vergleichbare Strukturen auch im weiteren europäischen oder amerikanischen Raum zu finden, die ich aber in dieser Arbeit nicht ausdrücklich berücksichtigen möchte.

Die Frage nach der Entstehung von Geschlechtsidentität und ihrer Lebbarkeit ist der zentrale Punkt, der im Folgenden behandelt werden soll.

Hier konkurrieren in erster Linie essentialistische und dekonstruktivistische Ansätze, die es zu erörtern gilt.

Schließlich sollen Möglichkeiten in Erwägung gezogen werden, Intersexualität innerhalb der Gesellschaft zu etablieren, wenn nicht gar ihre Existenz mit Hilfe der Postgender –Bewegung zu überwinden.

Wie auch im Film XXY soll das Phänomen Intersexualität anhand seiner kulturellen und gesellschaftlichen Komponente untersucht werden, was die explizite medizinische Darstellung der einzelnen intersexuellen Syndrome an dieser Stelle unnötig macht.

Im Blickpunkt der Arbeit steht der soziale Aspekt.

2. Zum Film XXY

Der Film XXY aus dem Jahr 2006 ist das Erstlingswerk der argentinischen Regisseurin Lucia Penzo, der mehrfach international ausgezeichnet wurde.

Der Filmtitel bezieht sich laut offizieller deutscher Webseite des Films nicht auf das ebenfalls so bezeichnete Klinefelter-Syndrom, sondern versteht sich als „dichterische Metapher für Intersexualität“[1].

Er entstand aus der zeichenhaften Verschmelzung der jeweils eindeutig weiblich bzw, männlich konnotierten Chromosomenpaare XX und XY.

Im Film geht es um die 15-jährige intersexuelle Alex, die als Mädchen aufwächst.[2] Ihre Eltern sind mit ihr in ein kleines Dorf an der Küste Uruguays gezogen, um sie vor gesellschaftlicher Diskriminierung zu schützen und weitestgehend ungestört aufwachsen zu lassen.

Alex wurde auf Drängen ihres Vaters Nestor Kraken, einem Meeresbiologen , nach der Geburt trotz Anraten der Ärzte keiner Operation unterzogen, die ihr ein „eindeutiges“ Geschlecht zugewiesen hätte. Mit Hilfe von Medikamenten entwickelt sie sich weiblich. Trotzdem besitzt sie auch männliche Genitalien.

Um erneut die Möglichkeit einer Operation in Erwägung zu ziehen, lädt Alex’ Mutter Suli ihre Freundin und deren Mann, einen plastischen Chirurgen, ein. Das Ehepaar kommt mit seinem 16-jährigen Sohn Álvaro, einem stillen, schüchternen und verunsicherten Jungen, der sich nach der Anerkennung des erfolgreichen Vaters sehnt.

Alex fragt ihn sofort zu Beginn ihrer Bekanntschaft, ob er mit ihr schlafen würde, was Álvaro zunächst verneint. Dennoch kommt es zu Begehren zwischen den beiden und einer Liebesszene, in deren Verlauf Alex Álvaro anal penetriert. Beide Teenager sind daraufhin verstört und wissen ihre Lust aneinander nicht zu definieren.

Nach einem Überfall einiger Dorfjungen auf Alex, die Gerüchten über ihre Andersartigkeit auf den Grund gehen wollen und sie am Strand brutal niederringen und entkleiden, trifft Alex die Entscheidung, diese anzuzeigen und mit ihrer Geschlechtsexistenz an die Öffentlichkeit zu gehen. Sie möchte weder weiter Medikamente nehmen noch eine Operation vornehmen lassen, obwohl sie weiß, dass sie in der Folge virilisieren wird.

Die Eltern akzeptieren ihre Entscheidung.

3. Intersexualität als Begriff

Als intersexuell werden Menschen bezeichnet, die mit nicht eindeutig männlichen oder weiblichen Geschlechtsorganen geboren werden.

Somit enthält der Begriff selbst schon eine Interpretation. Da es sich um einen nicht ganz männlichen und nicht ganz weiblichen Menschen handelt, wird damit, insbesondere innerhalb des medizinischen Diskurses ein Mangel ausgedrückt, eine Fehlentwicklung, die es zu beheben gilt. Intersexualität wird als Leiden betrachtet, als Krankheit im medizinischen Sinn.

Intersexualität wird im medizinischen Diskurs als Fehler der Natur, als Krankheit oder Störung begriffen, durch dessen endokrinologische und vor allem chirurgische Behandlung und Korrektur die natürliche Ordnung der Zweigeschlechtlichkeit wiederhergestellt wird.[3]

Juristisch gesehen gibt es keine intersexuellen Menschen. Jeder Mensch ist gezwungen, sich nach der Geburt in die Kategorien männlich und weiblich einordnen zu lassen. Das heißt, dass der intersexuelle Körper, ob mit oder ohne angleichende Operation, einem der beiden existenten Geschlechter zugeordnet wird. Es gibt weder die Möglichkeit einer dritten Variante noch die Möglichkeit, die Geschlechtsangabe nicht zu machen. Damit befinden sich intersexuelle Personen von Geburt an in einem Zustand juristischer Nicht-Existenz und körperlicher Mangelhaftigkeit.

Da intersexuelle Menschen weder medizinisch noch juristisch als geschlechtliche Existenzen anerkannt werden, erhalten sie auch gesellschaftlich keinen Raum. Intersexualität ist ein Thema, das abgegrenzt und tabuisiert wird.

An dieser Behandlung der intersexuellen Thematik ist ersichtlich, wie konstitutiv der (bio-)medizinische Diskurs an der Schaffung von Geschlechternormen beteiligt ist. Es gibt Männer und Frauen, die anhand ihrer körperlichen Beschaffenheit kategorisiert werden. Alle, die nicht eindeutig der einen oder anderen Kategorie zuzuordnen sind, gelten als behandlungsbedürftig.

Körperlich intersexuelle Existenzen sind innerhalb großer Teile des medizinischen Diskurses nicht vorgesehen und auch nicht akzeptabel.

Die Anerkennung intersexueller Identitätsformen innerhalb der Gesellschaft stellt eine Gefahr für die soziale Ordnung dar, da sie bestehende Machtverhältnisse, Normen und Begrifflichkeiten außer Kraft setzt.

Es existieren Begriffe, die synonym zum Begriff „Intersexualität“ benutzt werden. „Zwischengeschlechtlichkeit“, „Hermaphroditismus“, „Androgynie“ wären hier zu nennen, die alle mit auch innerhalb der unterschiedlichen Diskurse voneinander differierenden Bedeutungen versehen sind.

Auch der Begriff Intersexualität ist in seiner Bedeutung nicht eindeutig zu erfassen, soll hier aber Verwendung finden, da er gleichzeitig auf den bestehenden Geschlechterdualismus hinweist und sein eigenes „Dazwischen“ beschreibt.

3.1 Intersexualität und Heteronormativität

Die Frage, warum es in unserer Gesellschaft keinen Platz für eine geschlechtliche Existenz außerhalb der Kategorien männlich und weiblich gibt, lässt sich durch eben diese Kategorien erklären. Die gesellschaftliche Norm sieht eine Existenz innerhalb des diachronen Geschlechtermodells vor, mit vorzugsweise heterosexueller Ausrichtung. Zwar sind in Bezug auf sexuelle Orientierung mittlerweile auch Homosexualität oder Bisexualität öffentlich praktizierte Formen sexuellen Erlebens – der Norm entsprechen sie deshalb jedoch nicht. Auch die weitgehende Gleichstellung homosexueller und heterosexueller Partnerschaften vor dem Gesetz bedeutet nicht, dass hier gesellschaftlich keine Abgrenzung mehr stattfindet.

Sehr viel gravierender als die Frage nach der sexuellen Orientierung ist das Infragestellen geschlechtlicher Kategorien, da diese als „natürlich“ gelten und damit eine gewisse Unantastbarkeit besitzen:

Die Naturalisierung zum Beispiel von Geschlecht mystifiziert die Zweigeschlechtlichkeit als Teil der natürlichen Welt und verbirgt dabei, dass sie ein Produkt des gesellschaftlichen Diskurses über Geschlecht ist.[4]

[...]


[1] Aus: http://xxy-film.de/06_background.html , zuletzt 21.03.2009

[2] Ich werde im folgenden Text Alex mit weiblichen Pronomina benennen, da sie im Film mit weiblicher Geschlechtszuweisung aufwächst und um die Formulierung er/sie zu vermeiden, die zwar die Unbestimmtheit zum Ausdruck bringen könnte, sich aber dennoch auf die beiden existenten Geschlechtskategorien bezöge.

[3] Claudia Lang: Intersexualität. Menschen zwischen den Geschlechtern. Campus Verlag GmbH 2006, Frankfurt/Main, S. 83

[4] Claudia Lang: Intersexualität, S. 66

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Intersexualität innerhalb heteronormativer Gesellschaftsstrukturen am Beispiel des Films XXY
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf  (Institut für Medien und Kultur)
Veranstaltung
Einführung in die Medien- und Kulturwissenschaft
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
21
Katalognummer
V147518
ISBN (eBook)
9783640583140
ISBN (Buch)
9783640582952
Dateigröße
441 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Intersexualität, Gender, Gender studies, Heteronormativität
Arbeit zitieren
Stephanie Reuter (Autor:in), 2009, Intersexualität innerhalb heteronormativer Gesellschaftsstrukturen am Beispiel des Films XXY, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/147518

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