Emotionalität in der Literatur

Grenzfindung zwischen Kitsch und hochwertiger Literatur


Diplomarbeit, 2008
80 Seiten, Note: gut

Leseprobe

Inhalt

1. „Geist versus Sinnlichkeit“ – Teil I
1.1. Problemstellung
1.2. Vorgehensweise der Arbeit

2. „Man kann vieles unbewusst wissen, indem man es nur fühlt“
2.1. Emotionalität I: Individuum in der zwischenmenschlichen Interaktion
2.2. Emotionalität II: Medium Literatur
2.3. Emotionalität III: Ästhetische Wertung von Literatur
2.4. Strukturierung der Emotionalität im Hinblick auf die Textanalyse

3. „Kitsch ist das schlechte Gewissen der Kunst“
3.1 Ästhetische Normen in der Wertung von Literatur
3.2 Kitsch in der Moderne
3.3 Kitsch in der Postmoderne
3.4 Rolle der Emotionalität in Kitsch und hochwertiger Literatur

4. „Die Analyse liest die Bedeutung“
4.1 Hochwertige Literatur: Der Liebeswunsch von Dieter Wellershoff
4.2 Kitschige Literatur
4.2.1 Schmalz: Frau am Scheideweg von Marie Louise Fischer
4.2.2 Schwulst: Der Augenblick der Liebe von Martin Walser
4.3 Postmoderne Literatur
4.3.1 Camp: Eine Liebe im Sechsachteltakt von Helge Schneider
4.3.2 Trash: Weißwasser von Jan Off und Antje Herden

5. „Geist versus Sinnlichkeit“ – Teil II

Literaturverzeichnis

Anhang
Anhang 1: Fähigkeitsmodell der EI von Mayer/Salovey
Anhang 2: Jeff Koons
Anhang 3: Pierre et Gilles

1. „Geist versus Sinnlichkeit“ – Teil I

1.1. Problemstellung

Emotionen gehören zur conditio humana[1] , der Natur der Menschen. Bereits seit Aristoteles spielt die menschliche Psyche eine wesentliche Rolle in der Philosophie. Somit sind Emotionen ein wichtiges Element des menschlichen Daseins, unser ganzes Erleben ist mit Emotionen verbunden. Daneben ist der Austausch von Emotionen wesentlicher Bestandteil jeder sozialen Interaktion.

Die Auseinandersetzung mit Emotionen unterliegt, je nach dem welches Paradigma gerade der Zeit zugrunde liegt, historischen Schwankungen. Die jüngere Geschichte zeigt unverkennbar einen Siegeszug der Rationalität, nachdem die Romantisierungen im 18. und 19. Jahrhundert entmystifiziert wurden. Seit einigen Jahren jedoch stehen Emotionen wieder verstärkt im Mittelpunkt der Forschung und erleben eine kulturelle Aufwertung. Nicht nur die Psychologie hat sich der Emotionsforschung zugewandt, sondern auch andere Disziplinen wie die Kommunikationsforschung und die Soziologie. Bislang wurde aber dieser Aspekt in der aktuellen literaturwissenschaftlichen Forschung vernachlässigt, obwohl Emotionen auch in der Gegenwartsliteratur eine wichtige Rolle spielen. Versucht man dem Anspruch nachzugehen, die Erscheinung Emotionalität ganzheitlich zu erfassen, ist es unumgänglich, verschiedene Disziplinen, vor allem der Psychologie und Literaturwissenschaft, in einem interdisziplinären Ansatz zusammenzuführen.

Diese Arbeit versucht der Kritik von Luc Ciompi nachzugehen, der die geringe kulturwissenschaftliche Auseinander­setzung mit der Emotionalität bemängelt.[2] Die zentrale Fragestellung der Arbeit ist, ob Unterschiede in der Darstellung von Emotionen in einem literarischen Text sich auf die ästhetische Bewertung der Literatur auswirken. Deshalb halte ich es für notwendig, die Wertungsproblematik zwischen Kunst und Kitsch zu betrachten und besonders hinsichtlich der dahinter stehenden ästhetischen Normen zu analysieren. Ziel dieser Arbeit ist die nachfolgenden fünf Thesen theoretisch abzuleiten wie auch textanalytisch zu überprüfen.

Bezug nehmend auf die Authentizitätsdebatte in der Literaturwertung ist eine These, dass kitschige Literatur sich durch eine geringere Authentizität bezüglich der Emotionen von hochwertiger Literatur abgrenzt.

In der Postmoderne hat sich aufgrund des Wandels der ästhetischen Normen, jedoch diese Grundhaltung verändert. Deshalb ist eine weitere These, dass die Authentizität in der Postmoderne uneingelöst bleibt. Grund hierfür ist die bewusste Ironie des Camp’ sowie die bewusste Einfachheit des Trash’, wodurch den Texten kein Streben mehr nach Echtheit zugrunde liegt.

Neben dem Aspekt der Authentizität wird auch der Aspekt der emotionalen Nähe zum Leser hin untersucht.

Sie spielte auf ihrem Clavier! mannichfaltige Melodien, und all den Ausdruck! all! – all! – […] Mir kamen die Thränen in die Augen. Ich neigte mich, und ihr Trauring fiel mir in’s Gesicht – meine Thränen flossen.[3]

Dieses Zitat von Werther zeigt eine starke emotionale Nähe zum Leser. Aus heutiger Perspektive wirkt die Darstellung aber etwas übersteigert, da sich ästhetische Normen bezüglich der emotionalen Nähe verändert haben. Hochwertige Literatur in der Moderne, wie beispielsweise von Peter Stamm, zeichnet sich durch eine emotionale Distanzierung aus. Weshalb die Rührseligkeit Werthers bei ihm auf Unverständnis stößt.

„Und wir gingen auseinander, ohne einander verstanden zu haben. Wie denn auf dieser Welt keiner leicht den andern versteht.“ Werther ist tot. Goethe auch. Ich mag beiden keine Träne nachweinen. Nicht einmal Tintentränen.[4]

Schmalziger Kitsch dagegen greift die ästhetischen Normen des 18. Jahrhunderts nach wie vor auf. Deshalb besagt eine zusätzliche These, dass hochwertige Literatur sich von schmalziger Literatur durch eine höhere Distanz zwischen Text und Leser abgrenzt.

Weiterhin steht dem schmalzigen Kitsch der schwülstige Kitsch gegenüber, dieser zeichnet sich durch den Einsatz von „zuviel Form“ aus, womit er den Leser beeindrucken möchte. Daher ist die nächste These, dass bei schwülstiger Literatur eine ähnlich große Distanz zum Leser erhalten bleibt, wie bei hochwertiger Literatur.

Ferner haben sich in der Postmoderne diese Grenzen verschoben. Daher ist die letzte These, dass postmoderne Literatur im Gegensatz zu hochwertiger Literatur wieder durch eine größere emotionale Nähe auszeichnet.

1.2. Vorgehensweise der Arbeit

Um die Komplexität des ästhetischen Wertungsurteils zu verstehen, ist zu Beginn notwendig, sich den Zusammenhang zwischen Emotion und Literatur vor Augen zu führen. Folgende acht Auftretens- und Einstrahlungsmöglichkeiten von Gefühlen wurden von Alfes innerhalb literarischer Interaktion herauskristallisiert.[5]

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Abbildung 1: Einflussbereiche der Emotionalität in der Literatur

Wie durch diese Aufzählung deutlich wird, umfasst die Emotionalität in der literarischen Kommunikation eine theoretische Vielfalt, die in drei Schwerpunkte gegliedert werden kann. Diese drei Schwerpunkte können durch den folgenden Lektüreprozess aus der Perspektive des Lesers verdeutlicht werden:

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Abbildung 2: Lektüreprozess beim Leser

Der Leser liest den literarischen Text, indem er die Schrift entschlüsselt und daraufhin den Text versteht. Im nächsten Schritt erfolgt die Bewertung des Textes.

Die Emotionalität tritt in diesem Lektüreprozess in drei Phasen auf: Zuerst auf der Ebene des literarischen Textes, bei dem die Emotionen zwischen den literarischen Figuren ausgetauscht werden, da Emotionalität ein grundsätzliches Merkmal zur Aufrechterhaltung von Kommunikation ist (Punkt 1-4). In dem Kapitel 2.1 dieser Arbeit wird das Phänomen der Emotionalität bei Individuen und zwischen menschlichen Interaktionen näher betrachtet. Zudem werden Gefühlskomponenten beim literarischen Kommunikationsbildungsprozess beim Leser beeinflusst, d.h. beim Lesen von Literatur (Punkt 5-8) ruft der Text gewisse Emotionen bei dem Lesers hervor, die in Kapitel 2.2 genauer beleuchtet werden. Im nächsten Schritt erfolgt die ästhetische Wertung, indem der Leser entscheidet, ob es sich um einen hochwertigen Text oder um Kitsch handelt. Auch hier spielen Emotionen eine bedeutende Rolle, dieses Phänomen wird in Kapitel 2.3 dargestellt. Im dritten Teil der Arbeit wird die ästhetische Wertung von Literatur in Bezug auf die Dichotomie zwischen Kitsch ― hochwertiger Literatur detailliert analysiert. Die Ergebnisse und Thesen dieser Kapitel bilden die Grundlage der Textanalyse im vierten Teil, in der die fünf Romane analysiert werden: Der Liebeswunsch von Dieter Wellershoff, Frau am Scheideweg von Marie Louise Fischer, Der Augenblick der Liebe von Martin Walser, Eine Liebe im Sechsachteltakt von Helge Schneider und Weißwasser von Jan Off und Antje Herden. Abschließend folgt ein Resümee mit einer kritischen Klärung der Problemstellung.

2. „Man kann vieles unbewusst wissen, indem man es nur fühlt“

Vorab ist es notwendig, sich näher mit den Begriffen der Emotion und Emotionalität auseinander zu setzen. Die Begriffe werden oft als selbstverständlich hingenommen[6], jedoch besteht die Gefahr von Missverständnissen. Emotionalität beschreibt die Gesamtheit des Gefühlslebens eines Subjekts, stellt also die Summe aller erlebten Emotionen dar. In einem ersten Schritt soll das Phänomen der Emotionalität seitens des Einzelnen, d.h. des Individuums betrachtet werden. Im Anschluss wird dieser Blick verbreitert und die Emotionalität in zwischenmenschlichen Beziehungen analysiert. Hierbei geht es um die Fragestellung, wie Emotionen innerhalb der Kommunikation ausgetauscht werden. Um dieses Phänomen des Umgangs mit Emotionen in einem Schema zu fassen, wird das Modell der emotionalen Intelligenz vorgestellt. Dieses zeichnet sich dadurch aus, dass es die Vielfalt der unterschiedlichen Möglichkeiten strukturiert, wie mit Emotionen umgegangen werden kann. Im nächsten Schritt wird die Emotionalität innerhalb von Medienbeziehungen betrachtet, wobei sich diese Arbeit auf die Beziehung zwischen Text bzw. Literatur und Leser fokussiert. Anschließend wird auf die Rolle der Emotionalität in der ästhetischen Bewertung von Literatur eingegangen, um im letzten Punkt eine Analysemodell für die spätere Textanalyse abzuleiten.

2.1. Emotionalität I: Individuum in der zwischenmenschlichen Interaktion

Man erlebt nicht das, was man erlebt, sondern wie man es erlebt.[7]

Um ein besseres Verständnis für Emotionalität zu bekommen, ist ein Exkurs zu den emotionstheoretischen Grundlagen notwendig. Emotionen sind außerordentlich komplexe Vorgänge. Daher gibt es in der Forschung keine einheitliche Definition, was eine Emotion ist. Es gibt verschiedene Annäherungen an den Forschungsgegenstand, die jedoch stark von der jeweiligen Forschungsperspektive abhängen. In der aktuellen Forschung gibt es zwei unterschiedliche Strömungen, zum einen diejenige, die die kognitive Bewertung in den Mittelpunkt stellt und zum anderen die Strömung, die Emotion als soziale Konstruktion betrachtet. Diese Arbeit schließt sich dem zweiten Ansatz an, da sich die Untersuchung auf zwischenmenschliche Interaktionen fokussiert, in denen die soziale Konstruktion eine wesentliche Rolle spielt. Somit kann folgende Definition von Averill als Grundlage dieser Arbeit angesehen werden.

Eine Emotion ist eine vorübergehende Rolle (ein sozial konstituiertes Syndrom), welche die Situationseinschätzung des Individuums einschließt und eher eine Passion (passion) statt als Aktion aufgefasst wird.[8]

Das Wesen von Emotionen kann durch einige Merkmale veranschaulicht werden. Erstens können Emotionen als aktuelle psychische Zustände von Personen beobachtet werden. Dies bedeutet, dass Emotionen als Episoden mit einer relativ kurzen Dauer betrachtet werden. Zweitens haben Emotionen eine bestimmte Intensität, es wird in der Regel zwischen schwachen, mittleren und starken Emotionen unterschieden. Charakteristisch für Emotionen ist ferner, dass sie in der Regel objektgerichtet sind. Dieses Objekt muss nicht real existieren, es reicht aus, wenn die empfindende Person von der Existenz überzeugt ist. Ein weiteres Merkmal der Emotion ist der besondere Erlebnischarakter, wenn eine Person eine Emotion empfindet. Das Gefühl beim Erleben von Emotionen unterscheidet sich erheblich vom Erleben anderer bewusster Zustände (z.B. Gedanken, Wahrnehmungen). Zuletzt umfassen Emotionen auch einen Verhaltensaspekt, der sich aus einem Ausdrucks- und Handlungsaspekt zusammensetzt. Der Ausdrucksaspekt umfasst verschiedene Formen des Ausdrucksverhaltens wie Gesichtsausdruck, Gestik, Mimik und Stimme. Der Handlungsaspekt dagegen beschreibt instrumentelle Handlungen bei bestimmten Emotionen wie Fluchtverhalten bei Angst oder Angriffsverhalten bei Wut.[9]

Hier spiegeln sich auch die Funktionen der Emotion wider. Die erste Funktion einer Emotion ist, wie bereits genannt, die Handlungssteuerung bzw. Handlungsantrieb, wobei der Organismus auf eine instrumentelle Handlung vorbereitet wird und diese daraufhin auslöst. Ferner enthält eine Emotion eine Mitteilungsfunktion, d.h. der Organismus teilt der Umwelt durch die physiologische Aktivierung ihren momentanen Zustand mit. Daneben signalisieren Emotionen auch intern dem Organismus dessen Bedürfnisse, Wünsche, Ziele und Erwartungen. Somit können Emotionen als eine Sprache verstanden werden, da sie eine Darstellungsfunktion ausüben.[10]

Zusammengefasst besteht also eine Emotion aus allen kurzfristigen gefühlshaften Erscheinungen; Emotionalität dagegen beschreibt die Gesamtheit des Gefühls­lebens.[11] Der wesentliche Unterschied zwischen Emotion und Emotionalität ist, dass Emotionen einzelne Ereignisse beschreiben, die von einem Subjekt erlebt werden; die Summe dieser einzeln erlebten Emotionen beschreibt dagegen die Emotionalität. Aus diesem Grund möchte diese Arbeit über die Situationsanalyse hinaus ein ganzheitliches Bild des Umgangs mit Emotionen liefern. Daher folgt die Konsequenz, dass vor allem Interaktionen der literarischen Figuren untersucht werden.

Der Grundstein für jede zwischenmenschliche Interaktion ist Kommunikation. Kommunikation ist grundsätzlich jeglicher Austausch von Mitteilungen zwischen Individuen.[12] Ein Sender versucht dem Empfänger eine bestimmte Botschaft zu vermitteln. Daneben versteht man unter Interaktion einen wechselseitigen Austausch von Mitteilungen zwischen zwei oder mehreren Personen.[13] Wesentliches Kennzeichen ist hierbei die Interdependenz der Beziehung, also das doppelseitige Geschehen, wodurch sich die Ursachen und Wirkungen nicht eindeutig trennen lassen.[14] Menschliche Kommunikation erfolgt allgemein durch Sprache, nonverbaler Zeichen und Symbole. Zuerst wird genauer der Umgang mit Emotionen in der verbalen Kommunikation betrachtet.

Die Verbindung von Sprache und Emotion findet auf zwei verschiedenen Ebenen statt. Einerseits beeinflussen Emotionen die sprachliche Äußerung des Senders, auf der anderen Seite aber auch die Informationsverarbeitung des Empfängers. Zuerst widmet sich diese Arbeit dem Aspekt, wie Emotionen das Sprechen beeinflussen. Eine Grundannahme an dieser Stelle ist das Frequenztheorem, jenes besagt je häufiger gewisse emotionale Inhalte in einem Text auftreten, desto stärker ist die jeweilige Emotion.[15] Wie der genaue Sprachproduktionsprozess durch eine Emotion beeinflusst wird, zeigt folgende Abbildung.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Einfluss der Emotion auf die Sprachproduktion[16]

Diese schematische Zusammenfassung zeigt, wie eine Emotion die verschiedenen Stufen der Sprachbildung beeinflusst. Unter Fokussierung versteht man das Phänomen, dass sich durch thematisches Verharren im Erzählfluss charakteristische emotionale Eigenschaften der Persönlichkeit bzw. der aktuellen Empfindung des Sprechers offenbaren.[17] Personen neigen in bestimmten Stimmungen dazu, stimmungskongruente Erinnerungen hervorzubringen bzw. neue gefühlsqualitätskongruente Inhalte zu produzieren. Je stärker eine Emotion ausgeprägt ist, desto wahrscheinlicher wird auch eine Versprachlichung von gefühlskongruenten Informationen. Somit wird die Auswahl der Inhalte durch die Emotion beeinflusst, wodurch Erzählthemen bevorzugt werden, die stärker emotional besetzt sind. Dagegen hat die Emotion bei der Linearisierung und der syntaktisch-grammatischen Enkodierung der Inhalte nur einen sehr geringen Einfluss.

Das Charakteristische an emotionalen Komponenten von Äußerungsbedeutungen ist, dass spezifische Emotionen wie Liebe, Haß, Trauer, usw. ausschließlich durch lexikalische Mittel ausdrückbar sind. Mit anderen Worten: In den Sprachen der Welt finden sich keine Affixe, finden sich keine funktionalen Kategorien, finden sich keine syntaktischen Muster, finden sich keine phonologisch-phonetischen Muster, die darauf spezialisiert sind, spezifische Emotionen wie Liebe, Haß, Trauer, usw. zum Ausdruck zu bringen. Will ich beispielsweise sprachlich ausdrücken, daß ich Sally liebe, so muß ich das, will ich es relativ unmissverständlich tun, durch eine Äußerung wie etwa Ich liebe Sally tun.[18]

Spezifische Emotionen können somit nur durch lexikalische Mittel zum Ausdruck gebracht werden. Wobei es daneben noch spezifische emotionale Parameter gibt, die durch strukturelle und artikulatorische Faktoren weitere emotionale Bedeutungsaspekte der Äußerung beinhalten können. Hierbei sei beispielsweise an Interjektionen, wie ach je oder Phraseologismen wie mir fehlen die Worte gedacht.[19] Die stärkste Auswirkung der Emotion zeigt sich in der Art und Weise der Artikulation, man kann über Emotionen heiß bzw. kalt sprechen, je nachdem ob eine Emotion auch empfunden wird oder nicht. Diese Prozesse werden durch kognitive Monitorinstanzen überwacht, beispielsweise gelernte Gefühls- bzw. Darbietungsregeln, Selbstpräsentationstendenzen und das emotionale Selbstbild. Hiermit wird der explizite Emotionsausdruck überprüft und der Situation angepasst. Folgend kann der verbale Ausdruck unterbleiben, wenn dies als unangemessen erachtet wird oder über Emotionen gesprochen werden, die aber nicht wirklich empfunden, sondern nur aufgrund strategischer Absicht geäußert werden. Auch ist es möglich, dass auf dem lautlichen Kanal eine andere Emotion ausgedrückt wird, wie auf dem sprachinhaltlichen Kanal. Beispielsweise kann ein Sprecher den Gesprächspartner sehr freundlich kritisieren, um die Beziehung nicht zu gefährden. Eine wichtige Rolle spielen hierbei auch die nonverbalen Symbole. Der Ausdruck von Emotionen geschieht vorwiegend durch nonverbales Verhalten, die hierzu kodiert gesendet werden.[20] Nonverbale Kommunikation kann der verbalen Information Nachdruck verleihen, sie modifizieren aber auch völlig ersetzen. Nonverbale Signale können durch verschiedene Formen ausgedrückt werden.

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Abbildung 4: Mittel der Nonverbalen Kommunikation[21]

Nonverbale Signale unvermittelter wahrgenommen werden als verbale Aussagen. Eine erfolgreiche Interaktion wird unmöglich, wenn nicht die Fähigkeit besteht, solche nonverbalen Botschaften zu senden und zu empfangen.[22] Zudem stehen nonverbale Zeichen viel weniger unter der bewussten Kontrolle des Senders, wodurch Körperbotschaften sehr viel mehr über den wahren Zustand preisgeben. Dies hängt mit den normativen Grenzen zusammen, die in einer bestimmten Kultur kommuniziert werden dürfen oder nicht. Aus diesem Grund werden wahre Einstellungen und Emotionen effektiver durch nonverbale Botschaften kommuniziert als durch Sprache.[23] Denn Sprache vermittelt hauptsächlich Informationen über die äußere Welt, wogegen nonverbale Botschaften vor allem Werthaltungen, Einstellungen und Emotionen enthalten, die sich auf das soziale Miteinander beziehen.[24] Fokussiert man sich nun auf das Kommunizieren von Emotionen durch nonverbale Symbole, dann spielt vor allem die Mimik, Blick, Gestik und die Stimme eine wesentliche Rolle. Jedoch sind nicht alle Menschen im gleichen Maße fähig, solche emotionalen Botschaften zu senden und zu interpretieren. Zum Beispiel können Blicke emotionale Aspekte beinhalten, wie Intimität, Engagement, Anziehung oder Dominanz, Aggression und Superiorität. Die Häufigkeit der Blicke wird durch viele Faktoren beeinflusst, wie Geschlecht, Status, Vertrautheit und Natur der Interaktion. So betrachten sich verliebte Paare länger als normale Gesprächspartner. Neben dem Blickverhalten spielt die Stimme eine wesentliche Rolle bei der Versendung von emotionalen Informationen. Beispielsweise signalisieren ein langsames Tempo und kleine Tonhöhenvariationen negative, unangenehme Emotionen (Trauer, Zorn, Langeweile, Ekel, Furcht), wogegen ein hohes Tempo und eine große Tonhöhenvariation eher positive Gefühle (Überraschung, Wohlbefinden, Aktivität) andeuten.[25]

Die zentrale Frage ist nun, wie Emotionen sich auf die Analyse von Sprachinhalten auswirken. Allgemein erfolgt der Empfang von Nachrichten durch drei verschiedene Vorgänge. Zuerst werden Zeichen bzw. Symbole wahrgenommen, beispielsweise Inhalt oder Blick. Diese Zeichen werden im nächsten Schritt interpretiert, es wird somit dem Wahrgenommenen eine Bedeutung zugewiesen. Wichtig ist an dieser Stelle das Bewusstsein, dass die Interpretation sowohl richtig wie auch falsch sein kann. Im dritten Schritt erfolgt nun auf das Wahrgenommene und Interpretierte eine emotionale Reaktion mit beispielsweise Wut. Wie diese Emotion ausfällt hängt von der Persönlichkeitsstruktur des Empfängers ab.[26] Mit dieser Grundlage arbeiten auch affektive Sprachinhaltsanalysen, die sich auf die Feststellung der emotionalen Bedeutungsinhalten innerhalb der Kommunikation konzentrieren. Dadurch schreiben sie dem Sprecher emotionale Zustandsmerkmale oder Eigenschaften zu.[27]

Neben der Analyse von verbalen und nonverbalen Äußerungen, ist die Situationsanalyse eine wichtige Komponente innerhalb der Kommunikation. Mit ihr beschäftigt sich die Pragmatik. Denn indem wir auswählen, was wir wie sagen, passen wir uns automatisch den sozialen Anforderungen der Situation an. Daher wird der Ausdruck von Emotionalität einer zwischenmenschlichen Beziehung stark vom sozialen Umfeld und der Situation geprägt. Es entstehen Interaktionsrituale durch verbale und nonverbale Stereotypen, die nach Fiehler gewissen Gefühlsregeln unterliegen. Welche Emotion für welchen Situationstyp angemessen ist und von dem Gesprächspartner erwartet wird, beschreiben die Emotionsregeln. Manifestationsregeln kodifizieren, in welcher Situation welche Emotion ausgedrückt werden kann oder muss. Korrespondenzregeln beschreiben, welche Emotionen angesichts der Emotionen des Interaktionspartners erwartbar und angemessen sind. Und zuletzt kodifizieren die Kodierungsregeln die Festlegung, was als Verfahren einer Gefühlsmanifestation gilt und anerkannt wird.[28] Dieses soziale Rollenspiel verlangt oft stereotype Emotionsmanifestationen ab, die persönlich die Unterscheidung erschweren, ob eine Emotion gespielt ist oder vital empfunden wird.[29] All diesen Ansätzen liegt zugrunde, dass Emotionen als gegeben betrachtet werden und innerhalb der Kommunikation ausgetauscht werden. Eine andere Perspektive nimmt die Prozessorientierung nach Käsermann ein, die die Entstehung von Emotionalisierungen innerhalb der Interaktion in Betracht zieht, d.h. es können während einer Interaktion auch Emotionen produziert werden.[30] In dieser Arbeit werden beide Perspektiven berücksichtigt, um ein holistisches Bild der Emotionalität in der zwischenmenschlichen Kommunikation zu erhalten.

Mit diesem Überblick konnte die Komplexität der Emotionalität in der zwischenmenschlichen Interaktion bereits angedeutet werden. Die Spielarten der Kommunikation sind jedoch weitaus vielschichtiger, als dies sich in diesem Rahmen andeuten lässt. Interessant ist jedoch an dieser Stelle die Frage, wie die Kommunikationspartner bzw. literarische Figuren mit Emotionen umgehen. In den Thesen dieser Arbeit zeigen sich genau an diesem Punkt deutliche Unterschiede der Darstellungen von Emotionalität in literarischen Texten, wodurch ein Text kitschig oder hochwertig wirkt. Das Modell der emotionalen Intelligenz beschreibt die Fähigkeit, wie mit Emotionen umgegangen wird. Der Begriff der emotionalen Intelligenz ist ein sehr junges Konstrukt und wurde 1990 von Mayer/Salovey geprägt.[31] Emotionale Intelligenz ist ein Bündel von verschiedenen mentalen Fähigkeiten. Darunter fällt die Fähigkeit, Emotionen wahrzunehmen, bewerten und auszu­drücken, die Fähig­keit, das Denken durch Emotionen zu fördern, die Fähigkeit, Emotionen zu verstehen sowie emotionales Wissen anzuwenden, und die Fähigkeit, Emotionen zu regulieren, um emotionales und intellektuelles Wachs­tum zu fördern.[32] Emotionale Intelligenz repräsen­tiert ein Intelligenz­system, in dem emotionale Informationen verarbeitet werden, und somit sollte es als ein zentraler Teil der traditionellen Intelligenzsysteme angesehen werden.[33] Das renommierteste Modell der emotionalen Intelligenz ist das Fähigkeitsmodell von Mayer/Salovey.[34] Hiernach ist emotionale Intelligenz eine Sammlung emotion­al­er Fähigkeiten, die in vier Zweige aufgeteilt sind (vgl. Anhang 1).[35]

Zweig I (Wahrnehmung, Bewertung und Ausdruck von Emotionen) beschreibt grundlegende emotionale Fähigkeiten, wie das Erkennen eigener Emotionen sowie von anderen. Außerdem beschreibt es die Fähigkeit, diese richtig auszudrücken und differenzieren zu können, ob es sich beispiels­weise um einen ehrlichen oder unehrlichen Gefühlsausdruck handelt.
Zweig II (Emotionale Förderung des Denkens) bezieht sich auf den Einfluss von Emotionen auf das schlussfolgernde Denken, den Einfluss der Emotionen, auf die Aufmerksamkeit von wichtigen Informationen sowie den Einfluss auf Entscheidungen. Zudem können emotionale Stimmungs­schwank­ungen die Berücksichtigung verschiedener Blickwinkel fördern, wie auch ver­schied­ene Denkweisen (induktiv vs. deduktiv) positiv beeinflussen.
Zweig III (Verstehen und Analysieren von Emotionen) beinhaltet die kognitive Verarbeitung von Emotionen. Dies umfasst die Fähigkeiten Emotionen zu benennen und zu differenzieren, Bedeutungen zu interpretieren, die Fähig­keit­en, komplexe Emotionen zu erfassen und Gefühlsübergänge beispielsweise von Ärger zu Zufriedenheit zu verstehen.
Zweig IV (Reflexive Emotionsregulation) enthält die anspruchvollsten Fähig­keiten, nämlich das Regulieren von Emotionen, um ein emotion­al­es wie intel­lekt­uel­les Wachstum zu fördern. Das sind Fähigkeiten, sowohl für ange­nehm­e wie auch unangenehme Gefühlen offen zu bleiben sowie sich auf Emotionen einlassen oder loslassen zu können. Dieser zeig reicht bis zu den Fähigkeiten Emo­tion­en, zu reflektieren wie auch Emotionen bei sich und anderen regulieren zu können.

Dieses Schema dient als Grundlage, um die vorhandenen Emotionen in literarischen Szenen zu strukturieren. Da in einem Lektüreprozess auch eine Kommunikation zwischen Text und Leser stattfindet, in der Emotionen ausgetauscht werden, widmet sich der nächste Abschnitt dieser spezifischen Interaktion.

2.2. Emotionalität II: Medium Literatur

Als ich den Lenz von Büchner mit achtzehn Jahren zum ersten Mal las, war ich fassungslos und spürte mein Herz rasen. Die scheinbar natürliche Sprachgewalt, mit der Büchner diese Novelle beginnt, das Ineinander, das Voran und Zurück, das Aufbäumen in fast jedem Satz […] ist atemberaubend.[36]

Neben der Emotionalität in der zwischenmenschlichen Kommunikation kann auch Literatur, wie dieses Zitat von Julia Franck zeigt, emotional berühren. Vorab ist aber notwendig den Begriff der Literatur genau zu spezifizieren, um Missverständnissen vorzubeugen.

Literarisch heißen Texte, die autonom-ästhetisch rezipiert werden oder die formal-ästhetische Eigenschaften aufweisen. […] Der Begriff autonom-ästhetisch bezeichnet einen Rezeptions- bzw. Verarbeitungsmodus, der Texte in dem Sinne autonom setzt, dass er sie nicht unmittelbar auf Wirklichkeit, Zwecke und Handlungszusammenhänge bezieht. […] Der Begriff formal-ästhetisch bezeichnet die formale Eigenschaft von Texten, durch eine besondere Sprache, Stil, rhetorische Mittel, Aufbau etc. überstrukturiert zu sein.[37]

Im Zentrum stehen zum einen die formal-ästhetischen Eigenschaften des literarischen Textes, wie auch die autonom-ästhetische Rezeption der literarischen Texte.[38]

Dieser Rezeptionsprozess ist sehr emotional geprägt. Bereits in den ästhetischen Schriften der Antike bei Platon, Aristoteles und Horaz spielte die Erkenntnis, dass beim Lesen Emotionen beteiligt sind eine zentrale Rolle. Aristoteles führte die Vielfalt der Reaktionsmöglichkeiten auf Kunst (kognitive, emotionale, unbewusste) allein auf das Prinzip der Auflösung und Katharsis zurück.[39] Aber kann die Faszination, die von Texten ausgeht allein damit begründet werden, dass sie reinigend wirken? Aus dem heutigen Blickwinkel vermag die Katharsistheorie keine umfassenden Erklärungen für die komplexen Wechselbeziehungen zwischen Kunstwerk und Rezipienten erbringen, da die Text-Leser-Relation aktuell als ein Interaktionsphänomen verstanden wird.[40]

Unter Sprachverstehen beschreibt man allgemein einen konstruktiven, intentionalen und interaktiven Prozess, bei dem mit Wissen gearbeitet wird. Dieses Wissen besteht zum einen aus dem literarischen Text und zum anderen aus dem Wissen, das der Leser bereits von der Welt innehat. Alfes schlägt hierzu das im Folgenden beschriebene Modell der literarischen Rezeption vor, indem spezifisch die Rolle der Emotionalität herausgearbeitet wird.[41]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5: Modell der literarischen Rezeption nach Alfes

Grundlegend für dieses Modell ist die Annahme, dass alle sechs Komponenten als ein integrativ-holistischer Prozess verstanden werden. In der Regel erfolgt eine literarische Rezeption aufgrund von spezifischen Leserbedürfnissen, etwa Unterhaltungs-, Bildungs-, Informations-, Ausgleichsbedürfnisse (z.B. Leserin X möchte sich amüsieren). Im Normalfall sind weder die Auswahl der Lektüre noch das Leseziel fremd gesteuert. Mit dieser speziellen Bedürfnisstruktur hängt das prä-prozessuale Rezeptionsinteresse, -ziel und die Rezeptionserwartung zusammen. Dadurch erfolgt die Auswahl der Lektüre (nach situativen Präferenzen wie z.B. lustigen Kurzgeschichten) und der Aufbau einer ersten Rezeptionsstrategie. Unter Rezeptionsstrategie versteht man die erste kognitiv-emotive Vorstrukturierung bezüglich des Rezeptionsziels, -modus, -themas und der Rezeptionsanforderungen. Die Textbasis wird nun gelesen, wobei durch die Wahrnehmung der Textbasis-Signale kognitv-emotive Bedeutungen entstehen. Diese Prozesse führen beim Leser zu einer Aktivierung von Wissensstrukturen, die sich aus dem deklarativen und prozeduralen Weltwissen, Sprachwissen und spezifischen literarischen Wissen zusammensetzen.[42] Das literarische Wissen umfasst bereits Gelesenes, Autorenwissen, Wissen um Gattungsspezifika, Wissen um literarische Themen sowie das Wissen um literarspezifische Textbesonderheiten wie das Verstehen von Metaphern. Der Umgang mit diesen Wissensstrukturen wird durch eine Rezeptionsstrategie gesteuert, die im Verlaufe des Lesevorgangs weiterentwickelt oder revidiert wird (z.B. dem anfänglichen Überfliegen folgt eine intensive Lektüre). Diese Rezeptionsstrategie wirkt sich auf die Regulations- und Steuerungsmechanismen zur prozessualen Verarbeitung von Wissensbeständen aus, indem die Aktivierung von Kurzzeit- bzw. Langzeitgedächtnis je nach Strategie unterschiedlich gesteuert wird. Das oberste Zielschema des literarischen Verstehens ist immer das Erreichen von Kohärenz und Sinnkonstanz, denn eine befriedigende Lektüre sollte als Ergebnis eine zusammenhängende Bedeutung ergeben. Bei literarischem Lesen kann die Kohärenz auf der Ebene einer sinnsemantischer, textbezogener und wertbesetzter Erfahrung sein. Die Grob- und Feinsteuerung des Gesamtprozesses wird vor allem durch die Selbst-, Prozess- und Kommunikatbewertungen des Lesers bestimmt. Beim literarischen Verstehen liegt die Gewichtung eher im Bereich der Erfahrungsdimension, als in der Textdimension (z.B. Leserin X möchte sich amüsieren und sich weniger über alle Detailinformationen informieren). Bewertungen finden auf einer Metaebene statt, da sie sich sowohl an den erreichten Ergebnissen der Sinngenerierung und persönlicher kognitv-emotionaler, sowie poetisch-ästhetischer Erwartungen, Zielwerte und Leitwerte orientieren. Dieser Bewertungsprozess wird im nächsten Kapitel genauer analysiert.[43]

In diesem Modell spielt Emotionalität auf vielen Ebenen eine wichtige Rolle. Zum einen bei den Vorraussetzungen des Lesers, wie auch bei der konkreten Rezeptionshandlung. Zu den Voraussetzungen, die ein Leser mitbringt, gehört der literarische Wissensstand, dessen Organisation stark über Emotionen reguliert wird. Zudem sind die Motivationen, wie auch die Bedürfnisse des Lesers stark von Emotionen beeinflusst (z.B. Lust auf etwas Spannendes zu Lesen). Auch bei der Auswahl werden auf emotionale Erfahrungen mit diversen Autoren bzw. Genre zurückgegriffen. Je nach Auswahl der Lektüre werden somit auch bestimmte literarische Gefühlsbeschreibungen erwartet, wie beispielsweise bei Liebesromanen, Tragödien oder Satiren. Daneben besitzen emotionale Steuerungsparameter eine prozesstragende Funktion, da der Lektüreprozess abgebrochen werden kann, wenn die erwartete emotionale Darstellung nicht erfüllt wird.[44]

Wie an diesem Modell deutlich wurde, ist die Emotionalität durch das Medium Literatur sehr vielschichtig und aufgrund ihrer Flüchtigkeit auch schwer zu fassen. Daher fällt es der Literaturwissenschaft schwer, dieses Phänomen ganzheitlich zu fassen. Wie sich nun diese Emotionen des Lesers auf die Wertung von Literatur auswirken, wird im nächsten Abschnitt näher vorgestellt.

2.3. Emotionalität III: Ästhetische Wertung von Literatur

Wohin ist Anna Karenina in meiner Erinnerung entwichen? Und warum? Gut 1700 Seiten Lektüre später hat sich die Ratlosigkeit, diesem „bedeutsamsten Gesellschaftsroman aller Zeiten“ gegenüber nicht verflüchtigt, und Thomas Manns dickes Lob scheint mir so nichtssagend wie vermessen. Außerdem verfehlt.[45]

[...]


[1] Claudia Putz: Kitsch – Phänomenologie eines dynamischen Kulturprinzips. Bochum: Universitätsverlag Dr. Norbert Brockmeyer 1994, S. 25.

[2] Vgl. Luc Ciompi: Die emotionalen Grundlagen des Denkens. Entwurf einer fraktalen Affektlogik. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 1997, S. 37-41.

[3] Johann Wolfgang Goethe: Die Leiden des jungen Werthers. Neue Ausgabe, von dem Dichter selbst eingeleitet. Leipzig: Weygandsche Buchhandlung 1825, S. 198.

[4] Peter Stamm: Werther ist tot, in: Sascha Michel/Mirjam Neusius/Lea Katharina Ostmann: Mein Klassiker. Autoren erzählen vom Lesen. Frankfurt a.M.: Fischer Verlag 2008, S. 51-53 (hier: S. 51; 53).

[5] Das Modell wurde von der Autorin durch vier weitere Bereiche in der literarischen Wertung (Emotionalität III) ergänzt. Vgl. Henrike Alfes: Literatur und Gefühl. Emotionale Aspekte literarischen Schreibens und Lesens. Opladen u.a.: Westdeutscher Verlag 1995, S. 115f.

[6] Fjodor Michailowitsch Dostojewski: Tagebuch eines Schriftstellers [1906]. München/Zürich: Piper & Co. Verlag 1992, S. 53.

[7] Wilhelm Raabe, in: Karl Peltzer/Reinhard von Normann: Das treffende Zitat. Bern: Ott Verlag 1994, S. 143.

[8] James R. Averill: A constructivist view of emotion, in: Robert Plutchik/Henry Kellerman (Hg.): Emotion. Theory, research and experience. Band 1. New York: Academic Press 1980, S. 305-339 (hier: S. 312); Übersetzung nach: Jürgen Otto/ Harald Euler/ Heinz Mandl: Emotionspsychologie – Ein Handbuch. Weinheim: Beltz 2000, S. 16.

[9] Vgl. Wulf-Uwe Meyer/ Rainer Reisenzein/ Achim Schützwohl: Einführung in die Emotionspsychologie. In drei Bänden. 2. überarb. Auflage, Bern u.a.: Verlag Hans Huber 2001, S. 24-39.

[10] Vgl. Marco Battacci/ Thomas Suslow/ Margherita Renna: Emotion und Sprache. Zur Definition der Emotion und ihren Beziehungen zu kognitiven Prozessen, dem Gedächtnis und der Sprache. Frankfurt a.M. u.a.: Peter Lang 1996, S. 24f.

[11] Vgl. Gerd Wenninger: Lexikon der Psychologie. In fünf Bänden. Heidelberg: Spektrum Akademischer Verlag 2000, S. 380.

[12] Vgl. Alexander Thomas: Grundriß der Sozialpsychologie. Interaktion und Kommunikation. Band 1. Göttingen u.a.: Hogrefe 1991, S. 55.

[13] Vgl. Paul Watzlawick/ Janet Beavin/ Don Jackson: Menschliche Kommunikation. Formen, Störungen, Paradoxien [1969]. Bern u.a.: Verlag Hans Huber 2000, S. 50 f.

[14] Vgl. Thomas: Grundriß der Sozialpsychologie, S. 54.

[15] Vgl. Battacchi/Suslow/Renna: Emotion und Sprache, S. 95.

[16] Vgl. Battacchi/Suslow/Renna: Emotion und Sprache, S. 103.

[17] Vgl. Battacchi/Suslow/Renna: Emotion und Sprache, S. 95.

[18] Norbert Fries: Grammatik, Emotion und Äußerungsbedeutung, in: Sprache und Pragmatik 25/33 (1994), S. 1-37, (hier: S. 8 f.).

[19] Vgl. Fries: Grammatik, Emotion und Äußerungsbedeutung, S. 10.

[20] Vgl. Elliot Aronson/Timothy Wilson/Robin Akert: Sozialpsychologie. München u.a.: Pearson Education 2004, S. 103.

[21] Vgl. Thomas: Grundriß der Sozialpsychologie, S. 62.

[22] Vgl. Joseph Forgas: Soziale Interaktion und Kommunikation. Eine Einführung in die Sozialpsychologie. Weinheim: Beltz 1994, S. 126.

[23] Vgl. Forgas: Soziale Interaktion und Kommunikation, S. 128.

[24] Vgl. Forgas: Soziale Interaktion und Kommunikation, S. 128f.

[25] Vgl. Forgas: Soziale Interaktion und Kommunikation, S. 157.

[26] Vgl. Friedemann Schulz von Thun: Miteinander Reden. Band 1 [1981]. Störungen und Klärungen. Reinbek: Rowohlt 1998, S. 72.

[27] Hierzu gibt es ein bekanntes Verfahren von Gottschalk und Gleser, das aber sich jedoch nur an den denotativen Bedeutungen orientiert und die konnotative Bedeutung von Ausdrücken vernachlässigt. Um jedoch ein holistisches Bild zu erörtern sind beide Arten der Analyse erforderlich, vgl. Battacchi/Suslow/Renna: Emotion und Sprache, S. 107-111.

[28] Vgl. Reinhard Fiehler: Kommunikation und Emotion. Theoretische und empirische Untersuchungen zur Rolle von Emotionen in der verbalen Interaktion. Berlin: de Gruyter 1990, S. 77-87.

[29] Vgl. Alfes: Literatur und Gefühl, S. 106.

[30] Vgl. Marie-Louise Käsermann: Emotion im Gespräch. Auslösung und Wirkung. Bern u.a.: Verlag Hans Huber 1995, S. 56.

[31] Sie haben ihr erstes Modell jedoch komplett überarbeitet, in dieser Arbeit wird nur das aktuelle Konzept von 1997 betrachtet.

[32] Vgl. John Mayer/Peter Salovey: What is emotional intelligence? in: Peter Salovey/David Sluyter: Emotional development and emotional intelligence. Implications for educators. New York: Basic Books 1997, S. 3-31 (hier: S. 10). Übersetzung nach: Aljoscha Neubauer/Harald Freudenthaler: Modelle emotionaler Intelligenz, in: Ralf Schulze/Richard Roberts (Hg.): Emotionale Intelligenz – Ein Internationales Handbuch. Göttingen/Cambridge: Hogrefe & Huber 2006, S. 39-59 (hier: S. 45).

[33] Vgl. Gerald Matthews/ Moshe Zeidner/ Richard Roberts: Emotional Intelligence. Science & Myth. Cambridge u.a.: First MIT Press 2004, S. 17.

[34] Das erste Modell veröffentlichten sie 1990, revidierten dieses, aufgrund einiger Schwächen, mit ihrem zweiten Modell von 1997.

[35] Vgl. Mayer/Salovey: What is emotional intelligence? S. 10f. Übersetzung nach: Neubauer/Freudenthaler: Modelle emotionaler Intelligenz, S. 44f.

[36] Julia Franck: Büchners Lenz, in: Sascha Michel/Mirjam Neusius/Lea Katharina Ostmann: Mein Klassiker. Autoren erzählen vom Lesen. Frankfurt a.M.: Fischer Verlag 2008, S. 85-87 (hier: S. 85).

[37] Renate von Heydebrand/ Simone Winko: Einführung in die Wertung von Literatur. Systematik – Geschichte – Legitimation [1953]. Paderborn u.a: UTB 1996, S. 29.

[38] Vgl. von Heydebrand/Winko: Einführung in die Wertung von Literatur, S. 29-33.

[39] Vgl. Evelyne Keitel: Von den Gefühlen beim Lesen. München: Wilhelm Fink Verlag 1996, S. 27.

[40] Vgl. Keitel: Von den Gefühlen beim Lesen, S. 28.

[41] Vgl. Alfes: Literatur und Gefühl, S. 133-139.

[42] Deklaratives Wissen umfasst Fakten und Ereignisse, prozedurales Wissen beschreibt dagegen die Art und Weise, wie Dinge getan werden. Vgl. Phillip Zimbardo/Richard Gerrig: Psychologie. 16. Auflage aktualis., München u.a.: Pearson Education 2004, S. 157; 296.

[43] Vgl. Alfes: Literatur und Gefühl, S. 133-139.

[44] Vgl. Alfes: Literatur und Gefühl, S. 133-141.

[45] Roger Willemsen: Anti Karenina, in: Sascha Michel/Mirjam Neusius/Lea Katharina Ostmann: Mein Klassiker. Autoren erzählen vom Lesen. Frankfurt a.M.: Fischer Verlag 2008, S. 91-95 (hier: S. 92).

Ende der Leseprobe aus 80 Seiten

Details

Titel
Emotionalität in der Literatur
Untertitel
Grenzfindung zwischen Kitsch und hochwertiger Literatur
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
gut
Autor
Jahr
2008
Seiten
80
Katalognummer
V147551
ISBN (eBook)
9783640584536
ISBN (Buch)
9783640584581
Dateigröße
1391 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kitsch, Emotionalität, schwülstige Literatur
Arbeit zitieren
Anna Niedermeier (Autor), 2008, Emotionalität in der Literatur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/147551

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