Im Alter zu Hause leben. Wege zur Vermeidung von Heimaufenthalt


Diplomarbeit, 2007

115 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Problemstellung
1.2 Ziel der Arbeit
1.3 Aufbau der Arbeit
1.4 Recherche
1.5 Persönliche Erfahrungen

2 Relevanz der Thematik

3 Die Versorgungssituation alter Menschen
3.1 Das Alter
3.2 Das Pflegeversicherungsgesetz
3.3 Pflegebedürftigkeit und Leistungsempfang
3.4 Die Wohnsituation alter Menschen in Deutschland
3.5 Hilfenetzwerke
3.5.1 Informelle Hilfe
3.5.2 Formelle Hilfe
3.6 Finanzielle Situation
3.7 Autonomie
3.8 Heimeintrittsgründe
3.9 Zusammenfassung

4 Die Empirische Untersuchung
4.1 Methodenauswahl
4.2 Fragestellung
4.3 Der Untersuchungsplan
4.4 Die Interviews
4.5 Feldzugang/ Datenerhebung
4.5.1 Kontaktaufnahme und Vorgespräch
4.5.2 Interviewleitfaden und Kontextprotokoll
4.5.3 Interviewdurchführung
4.6 Datenaufbereitung
4.7 Datenauswertung
4.8 Auswertung
4.9 Kategorienbildung

5 Ergebnisse
5.1 Hilfe - und Pflegebedarf
5.2 Häuslicher Alltag
5.3 Vorsorge und Notfall
5.4 Privates Netzwerk
5.5 Professionelle Hilfe
5.6 Kompetenz
5.7 Verändertes Wohnen
5.8 Fallbetrachtung
5.9 Zusammenfassung

6 Diskussion
6.1 Wohnraumsituation
6.2 Das holländische Beispiel
6.3 Beratungsbedarf und Informationsdefizite
6.4 Verantwortung und Möglichkeiten des Gesetzgebers
6.5 Ehrenamtliches Engagement
6.6 Vernachlässigte Prävention
6.7 Ambulant vor Stationär

7 Handlungsempfehlungen
7.1 Wohnraumumfeld
7.2 Schwierige Entscheidung
7.3 Wohnraumberatung
7.4 Wohnraumanpassung
7.5 Alltagskompetenz
7.5.1 Soziale Partizipation
7.5.2 Der Alltag
7.5.3 Mobilität
7.5.4 Hauswirtschaftliche Versorgung
7.5.5 Hilfe- und Mobilitätsdienste
7.6 Das Hilfenetzwerk
7.6.1 Die Hauptpflegeperson
7.6.2 Die Familie
7.6.3 Professionelle Hilfe
7.6.4 Ärztliche Versorgung
7.7 Hilfsmittel
7.7.1 Notfallsituation und Übergangslösungen

8 Ausblick

Literaturverzeichnis

Anhang

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Alterspyramide (Quelle: Statistisches Bundesamt; 2003)

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1:Vorstellungen vom Wohnen im Alter (eigene Darstellung)

Tabelle 2:Zusammenfassung der Kategorien und Vorkommen in den Interviews

Tabelle 3 (a-g): Hauptkategorienbildung

1 Einleitung

Zu vermuten ist, dass es als optimale Situation gilt, den Lebensabend in seinem gewohnten Lebensumfeld verbringen zu können, idealerweise umsorgt von der Familie. Die wenigsten Menschen können sich in der Blüte ihres Lebens vorstellen, pflegebedürftig zu werden und die Hilfe anderer zu beanspruchen. Den Wunsch, im Alter nicht in einem Pflegeheim leben zu müssen, haben viele.

Er geht einher mit dem gesetzlichen Vorrang, die häusliche Versorgung bei Pflegebedürftigkeit zu unterstützen[1], Heimaufenthalte zu vermeiden.

Im Folgenden wird der Frage nachgegangen, unter welchen Bedingungen ein Heimaufenthalt bei Hilfe- und Pflegebedürftigkeit vermeidbar ist.

1.1 Problemstellung

Der sich momentan abzeichnende demografische Wandel in Deutschland hat verschie­denste Auswirkungen. Einerseits führt er auf individueller Ebene zu einer höheren Lebenserwartung und auf der gesellschaftlichen Ebene zu einem Zuwachs alter und sehr alter Menschen in der Gesellschaft. Das hat zur Folge, dass viele Menschen eine lange Phase des Altseins erleben. Diese ist zum Teil einhergehend mit reduzierten Alltagskompetenzen, der Zunahme von gesundheitlichen Problemen und dem erhöhten Risiko von Hilfe- und Pflegebedürftigkeit. Gerade aber gesundheitliche Voraussetzungen und persönliche Alltagskompetenzen sind maßgeblich entscheidend für eine selbstbestimmte häusliche Lebensführung im Alter.

Um dem häufig auftretenden Wunsch alter Menschen gerecht zu werden, auch bei Hilfe- und Pflegebedürftigkeit in der vertrauten Wohnung zu bleiben, gilt es Wege für die Versorgung dieser Personengruppe zu finden.

Aber alte und pflegebedürftige Menschen sind so unterschiedlich und leben so verschiedenartig wie Menschen anderer Altersgruppen auch. Das Alter mit seinen Einschränkungen bietet somit kein einheitliches Bild. Es bestehen große Unterschiede hinsichtlich der Steuerungsmöglichkeiten, der psychischen und der körperlichen Gesundheit, einem möglichen Hilfearrangement, dem entstammenden Milieu und weiterer Faktoren, die den Alltag und das Leben im Alter beeinflussen können. Diese Verschieden­heiten machen es so komplex wie schwierig, gewünschte und effektive Angebote an Alltags- und Versorgungskonzepten für die häusliche Versorgung bei Hilfe- und Pflegebedürftigkeit bereitzustellen.

1.2 Ziel der Arbeit

Es werden die Lebenssituationen alter, pflegebedürftiger Menschen im häuslichen Umfeld untersucht und erarbeitet, welche Ressourcen und Bedingungen gegeben sein sollten, um ungewollte Heimaufenthalte zu vermeiden.

Dabei geht es keinesfalls um das „Infragestellen“ der Notwendigkeit von Pflegeheimen. Es gibt es Versorgungssituationen, die im häuslichen Umfeld nicht zu bewältigen sind.

Nicht alle Menschen haben die Voraussetzungen, sich im häuslichen Umfeld bei Hilfe und Pflegebedürftigkeit versorgen zu lassen. Kleine oder keine Netzwerke, gesundheitliche Grenzen (hierbei sei vor allem eine fortgeschrittene Demenz zu nennen), der Wunsch nach einem Leben im Pflegeheim und andere Gründe sprechen für vollstationäre Pflegeeinrichtungen.

1.3 Aufbau der Arbeit

Im Zentrum steht die Betrachtung der wesentlichen Einflussfaktoren, unter denen sich ein Heimeinzug vermeiden lässt. Hierzu werden im ersten Teil der Arbeit Aspekte betrachtet, die vermutlich Einfluss auf den Verbleib im häuslichen Umfeld haben. Dazu gehören die Wohnsituation, die Hilfe- und Pflegebedürftigkeit, der Leistungsumfang der sozialen Pflegeversicherung, das Hilfenetzwerk, das Selbstbestimmungsrecht alter Menschen und ihre finanzielle Situation.

Der zweite Teil dokumentiert Methodik und Ergebnisse der empirischen Erhebung. Daten aus neun Interviews wurden analysiert und ausgewertet. Im Detail ging es um die Erfahrungen Pflegebedürftiger, die im häuslichen Umfeld leben oder nach der Zunahme unlösbarer Probleme, in ein Pflegeheim gezogen sind. Es wurden dazu Situationen aufgegriffen und näher betrachtet, die ein Leben mit Pflege- und Hilfebedürftigkeit im häuslichen Umfeld ermöglicht oder verhindert haben.

Im dritten Teil der Arbeit werden Themengebiete diskutiert, die sich aus Erkenntnissen des Theorieteils und der empirischen Erhebung ergeben haben und eine Rolle bei der Umsetzung der Ergebnisse des empirischen Anteils der Arbeit spielen können.

Abschließend werden Handlungsempfehlungen gegeben, welcher Rahmen bei Hilfe- und Pflegebedürftigkeit für den Verbleib im häuslichen Umfeld geschaffen sein sollte. Sie basieren auf Ergebnissen des theoretischen Teils der vorliegenden Arbeit und Erkenntnissen der empirischen Erhebung. Punktuell finden sie durch Themenbereiche der Diskussion Ergänzung.

1.4 Recherche

Bei der Themenbearbeitung fanden fast ausschließlich Quellen Berücksichtigung (Literatur, Studien, sonstige Veröffentlichungen), die nicht älter als sieben Jahre waren[2]. Sie garantieren die Aktualität der Daten bzw. der gegebenen Situation in der Gesellschaft und den Stand der Forschung. Hervorzuheben sind hierbei die Ergebnisse der MuG- Studien (Möglichkeiten und Grenzen selbstständiger Lebensführung). Mit ihnen wurden zum ersten Mal in Deutschland repräsentative Daten zu Hilfe und Pflegebedürftigkeit in Privathaushalten sowie vertiefende Untersuchungen zu den Bedingungen und Konsequenzen von Hilfe und Pflegebedürftigkeit erhoben. Im Rahmen des Folgeprojektes MuG III wurden 2002 durch Infratest Sozialforschung München unter der Leitung von Ulrich Schneekloth vertiefende Zusatzstudien durchgeführt und Daten erhoben.

Zur ersten Recherche war die Publikation: „Altenpflege in Deutschland, Bestandsaufnahme und Perspektiven“ des Informationszentrums Sozialwissenschaften, sehr hilfreich. Da viele Studien zur Thematik im Internet (World Wide Web) veröffentlicht werden, begann die Recherche in diesem Medium. Verwendet wurden Datenbanken wie GeroLit, WISE und DIMDI. Schlagworte waren: Wohnen im Alter, Selbstbestimmung und Autonomie, Informationsstand und Informationsdefizit alter Menschen, Hilfebedarf, soziale Netzwerke formelle und informelle Hilfe und andere.

Eine umfassende Literaturrecherche wurde in den Beständen der Bibliothek an der Alice Salomon - Fachhochschule durchgeführt. Veröffentlichungen verschiedener Bundesministerien sowie Zahlen des Statistischen Bundesamtes stützen die gemachten Aussagen.

1.5 Persönliche Erfahrungen

Seit sieben Jahren ist der Autor ehrenamtlich für das Bezirksamt Pankow von Berlin tätig. In diesem Rahmen werden von ihm Senioren ab 80 Jahre im häuslichen Umfeld besucht. Sie erhalten Gratulationen zu Geburtstagen oder Ehejubiläen.

Im Laufe der Jahre konnte er einige der Besuchten näher kennen lernen. Persönliche Gespräche und Kontakt zu Familienangehörigen wurden dann die Regel. Den Wunsch, ihren Lebensabend im gewohnten Umfeld zu verbringen, haben fast alle Senioren.

Als examinierter Altenpfleger hat der Autor in seiner beruflichen Tätigkeit in einer vollstationären Pflegeeinrichtung einige pflegebedürftige Menschen kennen gelernt, die ungewollt im Heim leben. Sie kamen häufig nach gravierenden gesundheitlichen Ereignissen, haben sich häufig schnell erholt, und leben dann neben den schwerst-pflegebedürftigen und nicht selten hochgradig dementen Mitbewohnern als „normales Bewohnerklientel“ im Pflegeheim. Sie sind sich häufig ihrer Situation bewusst und wünschen eine Trennung von den (jährlich zunehmenden) pflege- und betreuungsintensiven Bewohnern. Durch gesonderte Wohnbereiche, Wohngruppen, Wohnzimmer oder Sitzplatzkonstellationen am Tisch, wird im Pflegeheimalltag versucht, dieser Situation zu begegnen.

Im Rahmen seines studienbegleitenden Praktikums beim Medizinischen Dienst der Krankenversicherung (MDK) war der Autor im April 2006 stiller Beobachter bei ca. 60 Begutachtungsverfahren zur Feststellung der Pflegebedürftigkeit (§18 SGB XI). Ihn überraschte dabei der große Anteil von Antragstellern, die Hilfebedarf hatten, der sich aber nicht überwiegend auf die Pflege bezog. Die Begutachteten gaben häufig Bedarf und Defizite im Rahmen der Mobilität und der hauswirtschaftlichen Versorgung an.

Die Wohnung reinigen, eine Begleitung beim Einkauf, Hilfe bei der Beantwortung von Ämterpost, das Stellen von Anträgen und Probleme bei der ärztlichen Versorgung wurden u. a. thematisiert.

Hohe Zahlen zur Ablehnung einer Pflegestufe bestätigten die gemachten Beobachtungen. Von 674.101 durchgeführten Erstbegutachtungsverfahren 2005 wurden 29,3 % der Anträge abgelehnt.[3] Das bedeutete 197 511 Antragsteller hatten einen Hilfe- oder Pflegebedarf, erfüllten aber nicht die unter § 14 SGB XI[4] definierten Voraussetzungen zum Erhalt von Leistungen nach SGB XI.

Für eine Projektarbeit an der Alice Salomon Hochschule wurden vom Autor vier pflegebedürftige Menschen interviewt. Eine Person lebt nach einem viermonatigen Heimaufenthalt wieder in ihrer Wohnung, die drei anderen wohnen in vollstationären Pflegeeinrichtungen. Nur eine der vier Personen ist freiwillig in ein Pflegeheim gezogen.

Für die vorliegende Arbeit wurden weitere fünf pflegebedürftige Menschen interviewt. Keiner der Interviewten hätte sich in der Vergangenheit vorstellen können, im Pflegeheim zu leben. Zwei leben nun dort.

Diese Untersuchung hat nicht den Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Sie repräsentiert den erfahrenen und analysierten Ausschnitt einer erlebten Wirklichkeit.

2 Relevanz der Thematik

In den kommenden Jahrzehnten wird es zu einer Zunahme alter und hochbetagter Menschen in unserer Gesellschaft kommen (siehe Abbildung 1: Alterspyramide).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Alterspyramide (Quelle: Statistisches Bundesamt; 2003)

Auf der Grundlage der 11. koordinierten Bevölkerungsvorausschätzung ist ein Anstieg der Anzahl von Personen, die über 60 Jahre alt sein werden, von 2005 bis zum Jahr 2030 um 8 Millionen Menschen zu erwarten. Das entspricht bei einer durchschnittlichen Gesamtbevölkerungszahl von 80 Millionen Einwohnern einem Anstieg von derzeit 25 % auf rund 36 % der Bevölkerung, von 20,5 auf 28,5 Millionen Einwohner.

Eine besondere Bedeutung kommt hierbei der Pflegebedürftigkeit zu. Sie tritt als Risiko für Hochbetagte in Erscheinung und lässt sich als Zusammenspiel von Krankheit, Funktionseinbußen und Hilfebedürftigkeit erklären. Die Prognosen zur Entwicklung der Pflege­bedürftigkeit beruhen auf demografischen Prämissen und Annahmen über lebensalters­bedingte Pflegewahrscheinlichkeiten. Vor allem Letztere haben einen großen Einfluss auf das quantitative Ausmaß der Pflegebedürftigkeit. Nach einer Vorausberechnung des Statistischen Bundesamtes wird die Zahl der Pflegebedürftigen (nach § 14 SGB XI) von heute etwa 2,14 Millionen auf 2,83 Millionen im Jahr 2020 ansteigen[5]. Das entspricht einem Zuwachs von knapp 40 %. Für die folgenden Zeiträume werden die Prognosen immer unsicherer; dementsprechend schwankt die Zahl der erwarteten Pflegebedürftigen für das Jahr 2050 zwischen 3,2 und 5,9 Millionen.[6]

Eine gesündere Lebensweise, gute medizinische Versorgung, Präventions- und Rehabilitationsmaßnahmen sind u. a. Gründe dafür, dass die durchschnittliche Lebens­erwartung steigt, aber mit ihr auch das Risiko für Pflegebedürftigkeit.

In Deutschland beträgt die Lebenserwartung (Sterbetafel 2004/2005) derzeit für:[7]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Damit einhergehend liegt das Risiko für Pflegebedürftigkeit des Einzelnen:[8]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

In Deutschland sind derzeit über zwei Millionen Menschen pflegebedürftig. Mehr als zwei Drittel, also ca 70 % der Pflegebedürftigen werden zu Hause versorgt.

Zirka eine Million Pflegebedürftige erhalten Pflegegeld, das bedeutet, sie werden im häuslichen Bereich durch Angehörige gepflegt. Weitere 450.000 Pflegebedürftige leben ebenfalls in Privathaushalten. Bei ihnen erfolgte die Pflege und Betreuung jedoch zum Teil oder vollständig durch Sozialstationen.

Zirka 30 %, das entspricht etwa 640.000 Leistungsempfänger, werden in stationären Pflegeeinrichtungen versorgt.[9]

Die überwiegende Mehrheit der heutigen Rentnergeneration ist mit ihrer Wohnsitu­ation überaus zufrieden und will langfristig „in den eigenen vier Wänden bleiben“. Zu diesem Ergebnis kommt eine volkswirtschaftliche Studie der Allianz[10] zum Thema: „Wohnen im Alter“. Darin heißt es: „Die klare Präferenz geht dann hin zu einem eigenständigen Verbleib in der eigenen Wohnung, gegebenenfalls unter Zukauf von Dienstleistungen oder dem altersgerechten Umbau“.[11]

Am 31.12.2006 waren 19,1 % der Bevölkerung von Berlin und Brandenburg älter als 65 Jahre.[12] Das bedeutet, dass bei einer Gesamtbevölkerung von fast 6 Millionen Einwohnern, 1,1 Millionen Menschen in den kommenden 20 Jahren das altersbedingte Risiko für Pflegebedürftigkeit anhaftet.

In einer von Infratest Sozialforschung München 2002 betriebenen Umfrage sagten 39 % der befragten Angehörigen von Pflegebedürftigen aus, dass sie einen Umzug ihrer Angehörigen in ein Pflegeheim für unwahrscheinlich halten. 48 % gaben an, dass ein Umzug ins Heim für sie auf keinen Fall infrage käme. Pflegebedürftige selber gaben zu 43 % zu verstehen, dass sie es für unwahrscheinlich halten in ein Pflegeheim zu ziehen, 38 % äußerten, dass es für sie auf keinen Fall infrage käme, in ein Heim zu ziehen. Weder 81 % der Pflegebedürftigen noch 87 % deren Angehöriger halten es demzufolge für sinnvoll oder akzeptabel, bei Pflegebedürftigkeit in einem Pflegeheim zu leben.

Im Rahmen der Studie: Deutscher Altenpflege-Monitor 2005, Repräsentative Studie zu Einstellungen und Erwartungen an die Altenpflege in Deutschland wurden 1.111 Personen (1.000 Personen netto) der Altersgruppe 50+ telefonisch befragt. Sie hatten 10 Antwortmöglichkeiten für ihre Vorstellungen, wie sie sich im Rahmen von Pflegebedürftigkeit versorgen lassen würden (Mehrfachnennungen waren möglich).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

93 % der älteren Menschen leben in Wohnungen und möchten auch möglichst lange in den eigenen vier Wänden wohnen bleiben. Zu dieser Aussage kommt das Kuratorium Deutsche Altershilfe (KDA), die sich schon lange mit dem Thema „Wohnen im Alter“ beschäftigen.[13]

Ähnliche Ergebnisse liefert das Kuratorium Wohnen im Alter: Wenn es die gesundheit­liche Situation zulässt, möchten „90 % der älteren Menschen“ in den eigenen vier Wänden, ausgestattet mit den Dienstleistungen, die das Alter benötigt, leben.[14]

Die Kommune Schauenburg in Hessen hat 2004 eine Bürgerbefragung zur Vorstellung der Bevölkerung zum Leben und Zusammenleben im Alter in Auftrag gegeben. An der Universität Kassel wurde dieser Fragestellung nachgegangen (eine Mehrfachnennung war möglich). Als ein für das Thema relevantes Ergebnis wurde ausgewählt, wie sich die persönlichen Vorstellungen, das Wohnen betreffend, für das Leben im Alter verteilen:[15]

Tabelle 1:Vorstellungen vom Wohnen im Alter (eigene Darstellung)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Weniger als 8 % der Befragten können sich vorstellen, im Alter in einem Pflegeheim zu leben. Fast 80 % der Befragten sprechen sich für einen Verbleib in der bisherigen Wohnung aus (vgl. Tabelle 1: Vorstellungen vom Wohnen im Alter).

Am Institut für Rechtsmedizin der Charité hat eine Forschungsgruppe 2004 in einer Studie die Suizidmotive der 65 bis 95-Jährigen untersucht. Dabei wurden 130 Suizidfälle in der Zeit von 1995 - 2003 analysiert. Fazit: „In den meisten Fällen hätten sich die Menschen aus Angst vor schlechter Behandlung in Pflegeheimen das Leben genommen, sagte Studienleiter P. K. dem Tagesspiegel“.[16]

Das Leben in der vertrauten Wohnung ist im Alter ein weit verbreitetes Grundbedürfnis. Es gilt Wege zu finden, diesem Grundbedürfnis bei Hilfe- und Pflegebedürftigkeit zu entsprechen.

3 Die Versorgungssituation alter Menschen

3.1 Das Alter

Wenn der Begriff „das Alter“ verwendet wird, stehen ältere Menschen und

das Resultat des Altwerdens im Vordergrund. Das Alter als Lebensperiode und

„die Alten“ als Bestandteil der Gesellschaft finden Beachtung.[17]

Eine allgemein verbindliche Definition für das Alter gibt es nicht. Alterseinteilungen werden beispielsweise nach natur- oder sozialwissenschaftlichen Maßgaben vorgenommen.

Am häufigsten wird „alt sein“ oder „alt werden“ mit dem Ausstieg aus dem Berufsleben in Verbindung gebracht.

Alterseinteilungen werden z. B. wie folgt vorgenommen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Das Altern ist ein biologischer Prozess, der mit der Geburt beginnt und mit dem Tod endet. Es verläuft individuell. Das Alter als Lebensalterszahl eines Menschen sagt allein betrachtet wenig aus, hinsichtlich seiner Fähigkeiten und Einschränkungen in der jeweiligen Lebensphase. Altern ist gesellschaftlich definiert und normiert, z. B. in Hinsicht auf gesellschaftliche Erwartungen und Zwänge sowie dem Ausstieg aus dem Erwerbsleben. Altersprozesse verlaufen je nach gesellschaftlichen Rahmenbedingungen (z. B. verschiedene Kulturkreise, Traditionen, Milieus) unterschiedlich geprägt. Technische Entwicklungen beeinflussen dabei nicht nur das Leben im Alter (Hilfsmittel etc.), sondern auch die Art und Nebenerscheinungen des individuellen Alterns selbst (Arbeitswelt, Freizeit, Wohnen, etc.). Weiterhin bestimmen Bildung und wirtschaftliche Bedingungen individuelle Entwicklungschancen im Lebenslauf, und damit die Ressourcen, aber auch die Versorgung im Alter.[18]

Mit zunehmenden Alter steigt die Wahrscheinlichkeit von Krankheit und damit verbunden, von körperlichen und geistigen Einschränkungen betroffen zu sein, pflegebedürftig zu werden.

3.2 Das Pflegeversicherungsgesetz

Da Pflegebedürftigkeit zu einem allgemeinen, vorsorgefähigen Lebensrisiko wie Krankheit, Invalidität oder Alter geworden war, sollte auch für dieses Risiko eine sozialversicherungsrechtliche Absicherung geschaffen werden. Im April 1994 wurde nach einer fast zwei Jahrzehnte dauernden Diskussion und heftigen Kontroversen aller beteiligten Parteien, Verbände und Organisationen das Gesetz über die Pflegeversiche­rung verabschiedet. Das Pflegeversicherungsgesetz (PfegeVG) trat am 1.1.1995 in Kraft und wurde als fünfter Zweig der gesetzlichen Sozialversicherung verabschiedet und als elftes Buch in das Sozialgesetzbuch (SGB XI) integriert. Mit dem Inkrafttreten des Pflegeversicherungsgesetztes wurden die Mitglieder der Pflegeversicherung gegen das Risiko der Pflegebedürftigkeit versichert. Die pflegerische Versorgung wurde als „gesamt­gesellschaftliche Aufgabe“ definiert.[19] „Die Leistungen der Pflegeversicherung sollen den Pflegebedürftigen helfen, ein möglichst selbstbestimmtes Leben zu führen“. Die Versicherten wurden verpflichtet in Eigenverantwortung, „durch gesundheitsbewusste Lebensführung, durch frühzeitige Beteiligung an Vorsorgemaß­nahmen und durch aktive Mitwirkung an Krankenbehandlung “ dazu beizutragen, Pflegebedürftigkeit zu verhin­dern. Die Pflegeversicherung mit ihren Leistungen soll „vorrangig die häusliche Pflege und die Pflegebereitschaft der Angehörigen und Nachbarn unterstützen, damit die Pflegebedürftigen möglichst lange in ihrer häuslichen Umgebung bleiben können“.[20]

Die Pflegeversicherung ist von ihrer Konzeption als eine Grundsicherung angelegt.

Neben den Leistungen der Pflegeversicherung sind durch den Bedürftigen[21] bzw. die Angehörigen Leistungen zu erbringen. Ist der Pflegebedürftige oder sind die nahen Angehörigen dazu nicht in der Lage, treten subsidiäre Leistungen der Sozialhilfe für die Bedarfsdeckung ein. Somit wurde eine Hierarchie zu Art und Umfang der Leistungsgewährung definiert.

Getragen werden die Regelungen des Pflegeversicherungsgesetzes von der Maßgabe, dass sich Kosten und Qualität der Versorgung durch gesetzliche Vorgaben und den Markt regeln. Rahmenbedingungen für einen Pflegemarkt wurden geschaffen und werden ständig weiter entwickelt. Pflegebedürftigen wird zunehmend die Rolle eines Kunden zugedacht, durch deren Kaufkraft Leistungen entwickelt und angepasst aber auch wieder verworfen werden.[22]

Die pflegerische Versorgung alter Menschen wurde als gesellschaftspolitische Notwendigkeit und Problematik durch die Einführung der Pflegeversicherung zunehmend in das Licht der Öffentlichkeit gerückt.

3.3 Pflegebedürftigkeit und Leistungsempfang

Im Pschyrembel®, dem klinischen Wörterbuch für Pflege, findet man unter dem Begriff der Pflegebedürftigkeit die im SGB XI § 14 formulierte Definition: Zustand einer Person, „die wegen einer körperlichen, geistigen oder seelischen Krankheit oder Behinderung für die gewöhnlichen und regelmäßig wiederkehrenden Verrichtungen im Ablauf des täglichen Lebens auf Dauer, voraussichtlich mindestens 6 Monate, in erheb­lichem oder höherem Maße der Hilfe bedarf“.

Die Definition von Pflegebedürftigkeit ist zentral auf die Grundpflege, also die Körperpflege, Ernährung und Mobilität und damit auf körperlicher Einschränkungen abgestellt. Der Hilfebedarf bei der hauswirtschaftlichen Versorgung findet anteilig Berücksichtigung. Der Bedarf an weiter gehenden Hilfen ist im Sinne einer allgemeinen Beaufsichtigung und Betreuung nicht relevant..

Im hohen Alter ist Pflegebedürftigkeit selten nur auf eine Ursache zurückzuführen. Sie ergibt sich häufig aus dem Zusammen­kommen von körperlichen, sensorischen und hirnorganischen Mehrfacherkrankungen (Multi­morbidität). Demenzielle Erkrankungen (hier vor allem die Alzheimer Krankheit) stellen die häufigste Ursache für von Pflegebedürftigkeit dar.

In Deutschland leiden schätzungsweise zufolge mehr als 950.000 Menschen an mittelschwerer oder schwerer ausgeprägten Demenzerkrankungen. In der Gruppe der über 80-Jährigen lässt sich Pflegebedürftigkeit in über 35 % so begründen.[23] Erkrankungen, die im fortgeschrittenen Alter zu funktionellen Einschränkungen, Behinderung und Pflegebedürftigkeit führen sind weiterhin Herz-Kreislauferkrankungen, Krankheiten des Skelett- und Muskelsystems, internistische Erkrankungen, Frakturfolgen nach Sturzgeschehen, die Parkinson- Krankheit, sowie Schlaganfallfolgen; Depression und rheumatische Beschwerden.

Für die Gewährung von Leistungen nach dem Pflegeversicherungsgesetz sind pflegebe­dürftige Personen einer von drei Pflegestufen zugeordnet.

Nach Angaben der Geschäftsstatistik der Pflegekasse gab es mit Stand 31.12.2005

1,31 Millionen ambulant versorgt Pflegebedürftige (Leistungsempfänger) in der sozialen Pflegeversicherung.[24]

Davon waren in der:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Seit 2002 werden für Personen mit eingeschränkter Alltagskompetenz zusätzliche Leistungen gewährt, wenn sie pflegebedürftig sind und zu Hause gepflegt werden.

Vor allem hauswirtschaftlichen Verrichtungen unterhalb der Schwelle des von der Pflegeversicherung anerkannten Pflegebedarfs erhielten weitere knapp 3 Millionen hilfebedürftige Menschen in Privathaushalten. Ordnet man diesen Personen, mit vorrangig hauswirtschaftlichem Hilfebedarf Häufigkeiten zu, in denen der Unterstützungs­bedarf nach Auskunft des Haushaltes anfällt, so benötigen 46 % täglich, 36 % ein- oder mehrfach im Verlauf der Woche und 19 % eher seltener und damit nur gelegentlich Hilfe oder Unterstützung bei der Alltagsbewältigung.

In der Differenzierung kann festgestellt werden: Bei den 65- bis 79-Jährigen, die deutschlandweit in Privathaushalten leben, sind es nicht mehr als 4 % Betroffene, die auf Leistungen der Pflegeversicherung angewiesen sind. Weitere 9 % der Männer sowie 12 % der Frauen benötigen vorrangig hauswirtschaftliche Hilfe, ohne bereits zu den Leistungsempfängern der Pflegeversicherung zu gehören. „… bei den 80-Jährigen und Älteren sind es 15 % der Männer und 21 % der Frauen, die in Privathaushalten Leistungen der Pflegeversicherung beziehen. Weitere 22 % der Männer und 27 % der Frauen zählen hier zu den vorrangig hauswirtschaftlich hilfebedürftigen Personen“.[25]

Im Alter ab 80 Jahren können über 40 % der Menschen selbstständig und ohne Bedarf an fremder Hilfe wohnen und leben. Pflegebedürftig im engeren Sinne sind nach dieser Rechnung ca.30 % der über 80-Jährigen, während weitere ca. 30% vorrangig auf hauswirtschaftliche Hilfen angewiesen sind.

3.4 Die Wohnsituation alter Menschen in Deutschland

Wohnungen und die Wohnumgebung haben im höheren Lebensalter eine stärkere Bedeutung als in vorangegangenen Lebensabschnitten.[26] Ein Grund ist der Austritt aus dem aktiven Berufsalltag, die Arbeitswelt tritt in den Hintergrund. Der Wohnraum wird als Mittelpunkt der Lebenswelt und hauptsächlicher Erfahrungsort wichtiger. Der Anteil der Freizeit im Tagesverlauf steigt an, Hobbys werden im häuslichen Umfeld gepflegt. Verwandte und Bekannte besuchen sich, soziale Kontakte werden im häuslichen Umfeld gepflegt. Mit zunehmendem Alter zwingen Gesundheitsprobleme und Mobilitätseinschränkungen, häufig ungewollt, zum Aufenthalt in der Wohnung. Über 21 Stunden des Tages werden durchschnittlich von Hochbetagten dort verbracht.[27]

Zum anderen ergibt sich im Alter eine engere Verbundenheit mit der Wohnung, ihrer gewohnten Einrichtung, der Wohngegend, dem Umfeld und den persönlichen Bedürfnissen. Vor allem ältere Menschen fühlen sich mit ihrer Wohnung, ihrer Wohnumgebung stark verbunden. Lebensgeschichtliche Erinnerungen haften dem Angestammten an.

Studien weisen nach, dass bei älteren Menschen 5 Wohnelemente wichtig sind:[28]

1. Räumlich- dingliche Wohnelemente: Zu verstehen sind darunter das Erleben der Wohnlage und die Anbindung und Ausstattung einer Wohnung.
2. Verhaltensbezogene Wohnelemente: das Erleben von Autonomie, z. B. als Bereich der Selbstgestaltung von Einrichtung und Selbstverwirklichung sowie, die mit der Wohnung verbundenen Anregungsmöglichkeiten des Alltages.
3. Kognitive Wohnelemente: das Erleben von Vertrautheit in der eigenen Wohnung. Vertrautes Wohnen hat etwas mit Gewöhnung zu tun. Wer lange in einer Wohngegend gelebt hat, identifiziert sich mit dem Umfeld.
4. Emotionale Wohnelemente: Die Zufriedenheit mit der Wohnung und dem Wohnumfeld hat vor allem im Alter viel mit persönlichem Wohlbefinden zu tun und ist somit ein wichtiges Element der Lebenszufriedenheit. Die Wohnung bietet Geborgenheit und private Freiräume.
5. Soziales Wohnelement: eine angepasste Wohnsituation erleichtert das Erleben von sozialen Beziehungen und Kontakten zu Familie, Freunden und Helfern.

Je mehr positive Erinnerungen mit der Wohnung verbunden sind, desto schwerer gestalten sich Veränderungen in der Wohnung oder ein Umzug, selbst wenn der neue Wohnraum objektiv bessere Bedingungen bietet.

Im Zusammenhang des selbstständigen Wohnens in der vertrauten Wohnung ist zu vermuten, dass ältere Menschen teilweise ihre Wohnsituation anders einschätzen als neutral Außenstehende, weil sie sich an objektive Wohnprobleme wie Wohnungsgröße, Stockwerk, Ausstattung und Einrichtung angepasst haben. So konnte in verschiedenen Untersuchungen festgestellt werden, dass die Zufriedenheit mit der Wohnung und dem Wohnumfeld bei älteren Menschen trotz der objektiv vorhandenen und auch subjektiv wahrgenommenen Mängel recht hoch ist. Dies wird u. a. durch „Gewöhnungs- und Anpassungseffekte, durch das Bemühen um Aufrechterhaltung eines positiven Selbst­bildes, durch Prozesse der Anspruchnivellierung, sowie auch durch

alterspezifische Bewertungskriterien und Antworttendenzen erklärt“.[29]

Die Wahrnehmung und Anerkennung verschiedener Wohnprobleme setzt die Anerken­nung eigener altersbedingter körperlicher und geistiger Einschränkungen voraus. Wer aber zugibt, dass seine Wohnung altersbedingte Probleme aufwirft, gibt indirekt zu, dass er alt geworden ist und in seinem angestammten Wohnraum nicht mehr uneinge­schränkt zurechtkommt. Ein möglicher Umzug in eine kleinere, barrierefrei zu erreichende und seniorengerecht ausgestattete Wohnung oder Wohnraumanpassungsmaßnahmen in der vertrauten Wohnung setzen die Auseinandersetzung mit dem eigenen Alter und den daraus resultierenden Einschränkungen voraus. Selbst kleine, oft sehr sinnvolle Wohnraumanpassungen bleiben im Alter deshalb z. B. aus, weil durch einen Haltegriff im Badezimmer die altersspezifische Gehbehinderung nach außen sichtbar gemacht wird. Solche Prozesse der Gewöhnung und Anpassung können dazu beitragen, dass Wohnprobleme von älteren Menschen unterschätzt werden.[30]

Die Zunahme der Hochaltrigkeit ist im Hinblick auf Wohnverhältnisse von besonderer Bedeutung, weil die gesundheitliche Verfassung von Menschen mit den Anforderungen an Wohnraum und Wohnumfeld in einem engen Zusammenhang steht. „Im Extremfall verhindert eine mangelhafte Wohnung die Selbst- und Fremdversorgung im häuslichen Rahmen: Je schlechter die Wohnsituation ist, desto wahrscheinlicher ist der Heimübergang im Falle der Hilfe- und Pflegebedürftigkeit“.[31]

Im Rahmen der Wohnraumumfrage 2003 der Arge Stiftung wurden ältere Bürger befragt, ob sie auch mit einer Behinderung in ihrer Wohnung wohnen bleiben können.[32] Immerhin 51 % der Befragten betrachten ihre Wohnung im Fall einer Behinderung als ungeeignet. Nur 17 % erachten ihre Wohnung als uneingeschränkt geeignet[33]. Der o. g. Studie nach wird mit zunehmendem Alter die Wahrnehmung der Wohnung leicht kritischer. Vor allem die „jungen Alten“, Menschen in der dritten Lebenshälfte, stehen der altersgerechten Gestaltung der aktuellen Wohnsituation mehr oder weniger skeptisch gegenüber.

Der Anteil von Pflegebedürftigen, die allein in einem Einpersonenhaushalt (Singulari­sierung) leben, ist mit 31 % recht hoch. Weitere 41 % leben häufig mit dem Ehepartner in einem Zweipersonenhaushalt. Die verbleibenden 28 % der Pflegebedürftigen werden in einem größeren Haushalt betreut und gepflegt. „Insgesamt entspricht dieses Ergebnis der typischen Lebensform von älteren Menschen in Privathaushalten. Bezogen auf die Gesamtbevölkerung leben 31 % der Personen ab 60 Jahren und sogar 59 % der Personen im Alter ab 80 Jahren allein in einem Einpersonenhaushalt“.[34]

Angebote und Gestaltung des Wohnens, der Nahversorgung und des öffentlichen Raumes können den Aufbau und Erhalt von sozialen Netzen fördern.

3.5 Hilfenetzwerke

Fast jeder Mensch wird in eine Familie geboren. Sie gehört zur ältesten sozialen Insti­tution der Menschheit. Die Beziehungen zu Familienangehörigen sind in der Regel die stabilsten Verbindungen der Menschen untereinander. Sie bestehen häufig ein Leben lang. In soziale Netzwerke eingebettet erfolgt die Sozialisierung. Geprägt durch den großen Teil der Zeit, die man in der Familie verbringt, gepaart mit gemeinsamer Erinne­rung und Erfahrung, entsteht das Zusammengehörigkeitsgefühl und Verantwortungsbe­wusst­sein der Familienmitglieder untereinander. Die erlebte Unterstützung manifestiert sich und wirkt durch fortgesetzte wechselseitige Interaktion und Kommunikation verbindend.

Hilfenetzwerke[35] im Alter sind somit in hohem Maße familienzentriert. In der Regel erfolgen Bemühungen, Hilfe im Rahmen des eigenen Haushalts zu erhalten. Hauptpfle­geperson[36] ist somit der Ehepartner. Ihm folgen die engsten Verwandten. Häufig sind es die Kinder beziehungsweise die Schwiegerkinder, die um Hilfe gebeten werden. Erst wenn die Aufgaben im engsten Kreis nicht gelöst werden können, wird auch an Unter­stützung von anderen gedacht. Hierzu können entfernte Verwandte zählen, aber auch Freunde, Bekannte oder Nachbarn. An wen sich konkret gewandt wird, ist unter anderem von der Art der benötigten Unterstützung und der Verfügbarkeit möglicher Netz­werkpartner abhängig.[37]

Derzeit wird eine Entwicklung in ihren Auswirkungen sichtbar, die familiäre Hilfepo­tenziale infrage stellt. Es gibt eine starke Zunahme von Haushalten alleinlebender Men­schen durch pluralisierte Lebensformen, veränderte Heirat –und Scheidungshäu­figkei­ten, Geburtenrückgänge oder Kinderlosigkeit, Vollbeschäftigung und räumlich, zum Teil stark getrennte Familienbande. Angesichts der Häufung verschiedener demografischer Entwicklungen muss von einem relevanten Strukturwandel der Familie gespro­chen werden.[38]

Ergänzt werden private Hilfenetzwerke häufig durch professionelle Hilfeleistungen von Sozialstationen.

Nachbarschaftshilfen sind verbreitet, aber in ihrem Umfang begrenzt. Neben reinen Kontakten wird Hilfe durch Nachbarn im Rahmen kleiner Gefälligkeiten geleistet. Das Spektrum nachbarschaftlicher Hilfen ist vor allem begrenzt durch fehlende Kontakte, infolge häufiger Wechsel der Mitbewohner in einem Haus oder des Wohnumfeldes. Feste Mieterstrukturen werden zunehmend seltener. Nachbarschaftliche Hilfen sind somit vor allem kleinere Aushilfen und Hilfen in Notsituationen.

Private Personen in Helfernetzwerken erbringen Unterstützungsleistungen, mehr oder weniger stark differenziert, in vier verschiedenen Bereichen:

1. kognitive Unterstützung
2. emotionale Unterstützung
3. instrumentelle Unterstützung
4. finanzielle Unterstützung

Prinzipiell lässt sich vermuten, dass die Bereitschaft des privaten Helfernetzwerkes Hilfe- und Pflegeaufgaben zu übernehmen und dauerhaft fortzuführen, von vielen Faktoren abhängt. Neben dem Verhältnis zum Hilfebedürftigen spielt die Qualität der Beziehung eine bedeutende Rolle. Nicht unerheblich ist weiterhin die spürbare Zunahme und Auswirkung der Bedürftigkeit. Können sich Helfer auf Situationen ein­richten, ist das mögliche Belastungs- oder Überforderungsrisiko geringer, als wenn eine akute Verschlechterung des Gesundheitszustandes des Hilfebedürftigen ad hoc eintritt und umfangreicher Hilfebedarf sich schlagartig bemerkbar macht. Die Wahrung ethischer und ästhetischer Normen im Umgang miteinander können die Art und Weise und die Dauer der Hilfe- und Pflegebeziehung beeinflussen. Finanzielle Aspekte, Ver­pflichtungen oder Krankheit der Helferperson, Gratifikationsprozedere und das Verhalten in Krisensituationen wirken weiterhin Einfluss nehmend auf vorhandene Versorgungsstrukturen.

3.5.1 Informelle Hilfe

An der Tatsache, dass derzeit etwa zwei Drittel der Pflegebedürftigen in Privathaushalten ohne Rückgriff auf professionelle Pflegeleistung betreut werden, hat sich im Vergleich zur Situation zur Einführung der Pflegeversicherung nichts Grundlegendes verändert. Im Rahmen der familiären Hilfeleistung erhalten in der Regel 92 % der Pflegebedürftigen von ihren nächsten Angehörigen regelmäßig Hilfe und Unterstützung bei der Alltagsbewältigung. 60 % der Hauptpflegepersonen sind mindestens 55 Jahre alt. Es sind also vor allem Menschen in der dritten Lebensphase, die im häuslichen Umfeld private Hilfe leisten.

Auftretende Überlastungssituationen sind dabei eine, nicht selten anzutreffende Nebenerscheinung familiär erbrachter Hilfeleistung[39].

Zahlen der Infratest Repräsentativerhebung 2002 belegen, dass im Durchschnitt 36,7 Stunden pro Woche durch die Hauptperson für die Betreuung und Versorgung von Pflegebedürftigen aufgewendet werden.

Nach Pflegestufen aufgeschlüsselt bedeutet das, dass der geschätzte wöchentliche Aufwand bei Pflegebedürftigen der

Pflegestufe I: 29,4 Stunden

Pflegestufe II: 42,2 Stunden

Pflegestufe III: 54,2 Stunden beträgt.

14,7 Stunden werden für den Aufwand bei Hilfebedürftigen veranschlagt, die keinen Leistungsanspruch im Rahmen des SGB XI haben, der Hilfe aber dennoch bedürfen.

Die Versorgung eines Pflegebedürftigen ist für die Hautpflegeperson ein Vollzeitjob. Für 64 % von ihnen gilt, dass sie im Prinzip rund um die Uhr zur Verfügung stehen müssen. Ca. 28 % der Hautpflegepersonen leben nicht im Haushalt des Pflegebedürftigen, sind aber täglich stundenweise verfügbar.[40] Hilfe- und Pflegebedürf­tigkeit sind im Leben von Betroffenen und ihren Angehörigen in der Regel keine kurz­weiligen Episoden. Mit Beginn des ersten Auftretens erhalten Hilfebedürftige fast 10 Jahre und pflegebedürftige Menschen acht Jahre Unterstützung.[41] Die häusliche Hilfe­leistung endete häufig mit dem Umzug in ein Pflegeheim oder mit dem Tod. Zunehmend enden Hilfe-, Betreuung- und Pflegeleistungen auch, wenn Hilfe- und Pflegebedürftige in betreute Wohnprojekte ziehen.

In Anbetracht des Umfanges an Hilfe und Pflegeleistungen und durch die damit einher­gehende Belastung fühlen sich 42 % der Hauptpflegepersonen stark, rund 41 % sogar sehr stark belastet.[42]

Da die Leistung der Pflegeversicherung nicht bedarfsdeckend konzipiert ist, muss der Hilfebedarf, der durch familiäre Netzwerke oder Sozialstationen nicht gedeckt wird, anderweitig ausgeglichen werden. 24 % der Pflegebedürftigen und 13 % der Hilfebe­dürftigen ohne Leistungsanspruch aus dem SGB XI nehmen selbst finanzierte Hilfe­leistungen in Anspruch. In 39 % der Fälle wird damit eine hauswirtschaftliche Hilfe ins Haus geholt und finanziert.[43]

3.5.2 Formelle Hilfe

Zur Ergänzung der schwerpunktmäßig familiär getragenen Hilfeleistung erhalten Pflegebedürftige Leistungen nach SGB XI. Sie haben die Wahl zwischen Pflegesachleistungen, Pflegegeld für selbst beschaffte Pflegehilfen und einer Kombination von Geldleistung und Sachleistung. Die Pflegeversicherung gewährt darüber hinaus eine Urlaubsvertretung bei häuslicher Pflege, Tages - und Nachtpflege sowie Kurzzeitpflege.

Die Inanspruchnahme von Pflegegeld wird mit 71 % am häufigsten benutzt. 15 % der Pflegebedürftigen entscheiden sich für eine Kombileistung und nur 12 % für Sachleis­tungen.[44] Letztere werden zwischen der Pflegeversicherung und der ambulanten Sozial­station abgerechnet.

Pflegebedürftige haben die Möglichkeit zwischen verschiedenen Anbietern ambulanter Pflegedienste zu wählen oder bei Unzufriedenheit diesen zu wechseln.

In den vergangenen Jahren ließ sich eine Verschiebung zu Gunsten der professionellen Pflege erkennen. Dies ist zu erklären mit den hohen Anforderungen die eine Pflege zu Hause an die Pflegeperson und das entsprechende Pflegearrangement stellt. Die Nichtverfügbarkeit von Pflegepersonen spielen eine Rolle. Veränderungen in den Familien- und Haushaltsstrukturen lassen sich weiterhin darin spiegeln.

Mit steigender Pflegeintensität tritt professionelle Pflege an die Stelle häuslich pflegender Privatpersonen.[45]

Leistungen der Pflegedienste sind nicht individuell den Bedürfnissen der Leistungsemp­fänger angepasst. Leistungskomplexe (LK) oder Module der ambulanten Pflegedienste werden in Form von Rahmenvereinbarung und Versorgungsverträgen zwischen Pflege­kasse und Pflegediensten ausgehandelt. Dies wirkt einer flexiblen und bedürfnisorientierten Ausgestaltung von Pflegearrangements entgegen. Die Marktidee von Angebot und Nachfrage ist zu wenig berücksichtigt.[46]

Durch Abrechnungsformalitäten zwischen den Kranken- und Pflegekassen hat sich die Arbeitsteilung in den Pflege­diensten zu Ungunsten der Pflegebedürftigen verschoben. Behandlungspflege und pflegerische Verrichtungen, die einer Qualifikation bedürfen, werden von Fachpersonal ausgeführt. Die Grundpflege sowie die allgemeine hauswirtschaftliche Versorgungen werden von gering qualifizierte Mitarbeiter erledigt. Infolge dieser Maßnahme haben Pflegebedürftige im häuslichen Umfeld vermutlich Kontakt zu vielen, ständig wechselnden Mitarbeitern eines Pflege­dienstes.

Da Sozialstationen häufig im Rahmen von Krisensituationen über Hausärzte oder Sozialarbeiter nach einem Krankenhausaufenthalt vermittelt werden, stellt sich die Frage, inwieweit die für ihn ausgewählte Sozialstation das subjektive Bedürfnis des Betroffenen erfüllen kann. Der eingeschränkte Aktionsradius von Pflegebedürftigen, kognitive Defizite, Informationslücken (über Rechte, Preise und Alternativen), die Angst vor Abhängigkeit, Fremdbestimmung und Kosten lassen Bedürftige nicht als kritische Verbraucher auftreten.

3.6 Finanzielle Situation

Die wirtschaftliche Lage vieler alter Menschen hat sich in den vergangenen Jahren ungleich verändert. Während in den 90iger Jahren die Einkommensverhältnisse der Älteren sowie einkommensschwachen Rentner stagnierten, hat sich die jüngere Rentengeneration durch Zusatzversicherung, Vollbeschäftigung und Zweiteinkommen einen kleinen Wohlstand geschaffen. Andererseits, wer keine kontinuierliche Erwerbsbiografie aufweist oder wenig verdient hat, läuft auch heute noch Gefahr, im Alter arm zu sein und mit Hilfe von Einrichtungen zur ergänzenden Altersversorgung, z. B. vom Sozialamt, unterstützt zu leben. Die Einkommens– und Vermögenssituation der älteren Bevölkerung in Deutschland ist im Allgemeinen geprägt durch:

Ökonomische Bedingungen: (z. B. geerbter Wohlstand, Einkommenssituation in Rahmen der Erwerbstätigkeit)

Demografische Bedingungen: (z. B. Geburtsjahr, einhergehend mit wirtschaftlichen und politischen Bedingungen – beispielhaft auf dem Arbeitsmarkt)

Politische Bedingungen: (z. B. Wo in Deutschland aufgewachsen und gearbeitet)

Individuelle Entscheidungen (z. B. Berufswahl, Altersvorsorge – mit unterschiedlichen Alterssicherungssystemen wie Rente oder Beamtenpension).

Im Weiteren wird kurz auf die Einkommenssituation im Zusammenhang mit der gesetzlichen Rentenversicherung eingegangen.

Veränderungen im Rahmen der gesetzlichen Rentenversicherung machen sich vor allem in Ostdeutschland bemerkbar, da das Alterseinkommen dort hauptsächlich aus Einkünften der Rentenversicherung besteht. In Westdeutschland sind nur ca. 35 % der Leistungsempfänger von Alterseinkommen ausschließlich auf die gesetzliche Rente angewiesen. Private Zusatzrenten, Pensionsansprüche und betriebliche Alterszahlungen ergänzen dort das Einkommen im Alter. Ausgeglichen wird die finanzielle Ungleichheit der Rentenberechnungsgrundlagen des höheren Einkommens in Westdeutschland durch die höhere Zahl von Versicherungsjahren, die die Rentner aus Ostdeutschland vorzuweisen haben. Nach Datenlage der Statistik des Verbandes Deutscher Rentenversicherungsträger (VDR) beträgt die Rentenzahlung im Median für:

Einen Mann in Westdeutschland: 1055 €

Einen Mann in Ostdeutschland: 1030 €

Eine Frau in Westdeutschland: 382 €

Eine Frau in Ostdeutschland: 627 €

Hinter den angegebenen Zahlen verbirgt sich eine breite Streuung der Renten:

50 % aller Männer erhalten weniger als 1000 € Rente monatlich.

95 % der Frauen erhalten weniger als die oben angegebene Rente.

Die Einkommensverteilung im Rahmen der gesetzlichen Rentenzahlung gestaltet sich damit sehr ungleich.[47]

Die Einkommensverwendung im Alter ist vor allem geprägt durch proportional hohe Ausgaben für die Wohnung. Vor allem die Nutzung von großen Wohnungen (z. B. zu groß nach dem Auszug der Kinder und/oder dem Tod des Ehepartners) steht mit ihrer Kostenintensität (Miete, Nebenkosten, Reinigung usw.) ungünstig im Verhältnis zum Einkommen.

Des Weiteren steigen mit dem Alter die Ausgaben für Güter der Gesundheitspflege und gesundheitsbezogenen Dienstleistungen.[48]

Die finanzielle Situation alter Menschen in Deutschland ist somit im Einzelfall sehr schwankend und durch Unterschiede und Ungleichheiten charakterisiert. Sie wird durch gesamtwirtschaftliche Entwicklungen beeinflusst. Auch die zukünftige Einkommenssituation der älteren Bevölkerung in Deutschland wird durch relevante wirtschaftliche Unterschiede und die damit einhergehende Möglichkeit des Einsatzes der finanziellen Mittel gekennzeichnet sein.

3.7 Autonomie

Autonomie wird im Wörterbuch Pflege Pschyrembel® wie folgt definiert:

„Auch Selbstbestimmung; Recht und Möglichkeit des Einzelnen, über alle Belange per­sönlicher Lebensbereiche (u. a. Aufenthalt,… ), körperlicher und seelischer Bedürfnisse eigenständig zu entscheiden… ; Bei kranken und behinderten Menschen steigt das Risiko, die Autonomie zu verlieren. Das Gleichgewicht zwischen Sicherheit und Autonomie ist mitunter schwierig zu finden ...“ (gekürzt vom Verfasser).

Der Wortbedeutung nach handelt es sich bei dem griechische Wort Autonomie um „Unabhängigkeit, Selbstständigkeit, Selbstgesetzgebung “.[49]

Im Vergleich zu vorangegangenen Themen wurde die Datenlage zum Thema „Autonomie“ und Selbstbestimmung alter Menschen vom Autor als „wenig erschöpfend“ eingeschätzt.

Drei Einflussfaktoren für die Selbstbestimmung und die Teilhabe der Pflegebedürftigen am Aushandlungsprozess sind bedeutsam.[50]

die Beziehung zwischen Pflegebedürftigen und Pflegepersonen

das soziale Netzwerk

die Einstellung der am Hilfearrangement beteiligten zum Recht auf Selbstbestim­mung des Hilfe- und Pflegebedürftigen

Im Rahmen des Sachleistungsprinzips der Pflegeversicherung ist die Möglichkeit der Selbstbestimmung begrenzt. Inhalt und Umfang der Leistungskomplexe sowie die dafür aufzubringenden Zeiten sind festgelegt und vom Hilfebedürftigen nicht oder nur begrenzt zu verändern. Wählt der Pflegebedürftige Geldleistungen, sind die damit ver­bundenen Möglichkeiten der Steuerung und Aushandlung von Hilfe und Pflegeleistun­gen geringfügig höher.[51] Ein großes Helfernetzwerk mit vielen Ressourcen erhöht weiterhin die Wahrscheinlichkeit auf Akzeptanz der Autonomie, da Abhängigkeiten begrenzter sind und selbstbestimmte Entscheidungen eigener Belange von einer größeren Perso­nenzahl anerkannt werden können.

Dass die Autonomie der Alten keineswegs selbstverständlich ist „… zeigt sich auch darin, dass in der fast unüberschaubaren Flut von Literatur über Pflege im Alter die eigentlich Betroffenen als Subjekte kaum vorkommen. Sie sind vielmehr Objekte, die verwaltet und versorgt werden müssen“.[52]

Kleinschmidt kommt in ihrer Studie „Pflege und Selbstbestimmung“ u. a. zu folgenden Schlussfolgerungen:

„Patienten möchten grundsätzlich ihre Pflege und Betreuung mitgestalten. Es besteht bei Patienten wie bei Pflegenden eine beträchtliche Ambivalenz im Umgang mit der Selbstbestimmtheit vom Patienten. Diese Ambivalenz ist dadurch gekenn­zeichnet, dass eine Soll-Vorstellung geläufig ist und die Umsetzung grundsätzlich akzeptiert wird, aber in konkreten Situationen durch ein «ja aber» eingeschränkt oder für nicht möglich gehalten wird“.

„Auf die Wünsche der Patienten nach Mitentscheidung wird oft nicht eingegangen“.[53]

Selbstbestimmung schließt im u.a. im Zusammenhang von Patientenverfügung und Vorsorge­vollmacht nicht aus, Entscheidungen und Verantwortung an Dritte abzugeben.

3.8 Heimeintrittsgründe

Die Beschäftigung mit der Thematik „Bedingungen, unter denen ein Heimaufenthalt bei Hilfe- und Pflegebedürftigkeit vermeidbar ist“ schließt die Frage: „Wie kam es zu Heimeinzügen und was glauben und erwarten Betroffene, wenn sie sich für den Umzug in ein Pflegeheim entscheiden?“ mit ein.

Genügend Personal, umfassende Pflege und jederzeit ärztliche Versorgung sind die wichtigsten Erwartungen an vollstationäre Altenpflege in einem Heim.[54]

Zu vermuten wäre, dass die Entscheidung für ein Leben außerhalb der eigenen vertrauten Wohnung aus den unterschiedlichsten Motiven und Notwendigkeiten heraus erfolgt und mit individuellen Erwartungen an das neue Wohnumfeld verbunden ist.

Menschen, die sich bewusst für ein Leben im Pflegeheim entscheiden, geben Gründe wie: die Vereinsamungsgefahr, Existenzängste, eine beginnende Demenzerkrankung und einen Mangel an alternativen Versorgungsformen an.[55]

Aus Sichtweise der im Pflegeheim Lebenden waren gesundheitliche Probleme der Hauptgrund für den Umzug in ein Pflegeheim. Als weitere wichtige Gründe wurden die unangepasste Wohnsituation und das Alleinsein angegeben.

[...]


[1] vgl. § 3 SGB XI

[2] Im Rahmen des Grundlagenstudiums für die vorliegende Arbeit fand auch Literatur älteren Datums Berücksichtigung, da sie das „Basismaterial“ darstellt und Grundlagenwissen vermittelt.

[3] vgl. Brucker; Pflegebericht des Medizinischen Dienstes 2005: 2007; S.8

[4] Pflegebedürftig im Sinne SGB XI sind Personen, die wegen einer körperlichen, geistigen oder seelischen Krankheit oder Behinderung für die gewöhnlichen und regelmäßig wiederkehrenden Verrichtungen im Ablauf des täglichen Lebens auf Dauer, voraussichtlich für mindestens sechs Monate, in erheblichem oder höherem Maße der Hilfe bedürfen.

[5] vgl. Angaben des Statistisches Bundesamtes 2003; Vorausberechnung Bevölkerung.

[6] vgl. Enquete- Kommission Demografischer Wandel; 2002.

[7] vgl. Grundlage: 11. Koordinierte Bevölkerungsvorausschätzung; Statistisches Bundesamt; 2006

[8] vgl. Bundesministerium für Gesundheit: Statistiken Pflege; Zahlen und Fakten zur Pflegevers.; 2007

[9] vgl. Statistisches Bundesamt: Bericht: Pflegestatistik 2003 (veröffentlicht 2005)

[10] Die Allianz ist ein großes Versicherungsunternehmen aus Deutschland.

[11] Milleker; 2006, S.11

[12] vgl. Angaben des Amtes für Statistik Berlin Brandenburg: Bevölkerungsstand; 2007

[13] vgl. Kuratorium Deutsche Altershilfe; 2004

[14] vgl. Braun; 2006

[15] vgl. Karl; Universität Kassel; Studie: „Älter werden in Schaumburg“; 2006

[16] Jacobs; Der Tagesspiegel; 24.09.2004

[17] vgl. Baltes; 1994

[18] vgl. Backes/Clemens; 1998

[19] vgl. § 8 SGB XI ff

[20] § 3 SGB XI (vom Autor modifiziert)

[21] vgl. § 6 SGB XI sowie der Einsatz des eigenen Vermögens

[22] Beispielhaft wären hier das personengebundene Pflegebudget sowie die Entwicklung von neuen Wohn- und Versorgungskonzepten für Pflegebedürftige zu benennen.

[23] vgl. Robert Koch Institut; Statistisches Bundesamt., S.14 ff.

[24] vgl. Bundesministerium für Gesundheit; Zahlen und Fakten zur Pflegeversicherung (01/07).

[25] Schneekloth, Infratest Sozialforschung; 2003, S.10

[26] vgl. Brandenburg; 1996

[27] Motel et al; 2000, S.148

[28] vgl. Höpflinger; Age Report 2004, S.10

[29] vgl. Motel et al; 2000, S.125 ff

[30] Höpflinger; Age Report; 2004, S.62

[31] Motel; 2000, S. 124

[32] Es wurde namentlich der Hinweis auf einen Rollstuhl gegeben. Eine etwaige Sturzgefahr durch Stolperfallen oder ungünstige Lichtverhältnisse wurde z. B. nicht thematisiert.

[33] vgl. Höpflinger; Age Report; 2004, S.81

[34] Schneekloth; Infratest Sozialforschung; 2003, S.10

[35] Das Geflecht an Beziehungen, die ein Mensch hat, wird als Netzwerk bezeichnet. vgl. Hollstein; 2006.

Im Hilfenetzwerk sind entsprechend Personen oder Institutionen vereint, die Hilfeleistungen erbringen.

[36] Als Hauptpflegeperson wird im Zusammenhang dieser Arbeit die Person bezeichnet, die sich mehr als die anderen Helferpersonen mit Hilfe- und Pflegeleistungen befasst.

[37] vgl. Schumacher; 2000, S.6

[38] vgl. Hoff; 2006, S.231 ff

[39] vgl. Holz; 2000, S. 253ff

[40] vgl. Schneekloth; Infratest Sozialforschung; 2003, S.22

[41] vgl. ebd. S.25

[42] vgl. ebd. S.23

[43] vgl. ebd. S.27

[44] vgl. ebd. S.17

[45] vgl. Robert Koch Institut; Statistisches Bundesamt, 2004, S.17

[46] Klünder; 2005, S.33

[47] vgl. BMFSFJ, Potenziale des Alters in Wirtschaft und Gesellschaft; 2005 S.185 ff

[48] vgl. ebd. S.185 ff

[49] Definition nach Meyers Lexikon; 2007

[50] Klüder; 2005, S.176

[51] vgl. Klüder/ Heusinger; 2006: Die Pflegebereitschaft von Personen im häuslichen Umfeld stärkt es die Geldleistung kaum, da die Beträge zu niedrig sind und die damit verbundenen Möglichkeiten zu gering.

[52] ebd; 2005, S.19

[53] Kleinschmidt; 2004, S.229

[54] vgl. Deutscher Altenpflegemonitor 2005; S. 34ff.

[55] vgl. Hoffmann; 2007, S. 19

Ende der Leseprobe aus 115 Seiten

Details

Titel
Im Alter zu Hause leben. Wege zur Vermeidung von Heimaufenthalt
Hochschule
Alice-Salomon Hochschule Berlin
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
115
Katalognummer
V147598
ISBN (eBook)
9783640583201
ISBN (Buch)
9783640583621
Dateigröße
890 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Der Autor hat sich mit der Situation hilfe- und pflegebedürftiger alter Menschen in der häuslichen Umgebung beschäftigt. Es sollen Bedingungen und Ressourcen aufgezeigt werden, unter denen ein Heimaufenthalt bei zunehmender Bedürftigkeit vermeidbar ist. Für die Informationsgewinnung wurden neun Interviews mit Betroffenen geführt. Die Diplomarbeit wurde im Oktober 2008 mit dem Willi Abs Preis ausgezeichnet. Mit ihm werden wissenschaftliche Arbeiten prämiert, die sich mit der Förderung eines selbstbestimmten Lebens noch in ihrem häuslichen Umfeld wohnender älterer Menschen befassen.
Schlagworte
alter, hause, wege, vermeidung, heimaufenthalt
Arbeit zitieren
Andre Scholz (Autor), 2007, Im Alter zu Hause leben. Wege zur Vermeidung von Heimaufenthalt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/147598

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