Karl Kautskys marxistische Interpretation der „Utopia“ des Thomas Morus


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006
22 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Einige Grundsätze des Marxismus

3 Kommunistische Rezeption Morus` „Utopia“ durch Karl Kautsky 5
3.1 Die Wurzeln von Thomas Morus` Sozialismus
3.2 Kritik Morus´ an der Ökonomie Englands
3.3 Morus´ ideales kommunistisches Gemeinwesen
3.3.1 Die Produktionsweise der Utopier
3.3.2 Die familiären Verhältnisse der Utopier
3.3.3 Politik, Wissenschaft und Religion der Utopier
3.4 Kritik Kautskys am Sozialismus des Thomas Morus

4 Beurteilung der kommunistischen Rezeption

5 Zusammenfassung / Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Das 1516 veröffentlichte Werk „Utopia“ von Thomas Morus hat den Utopien ihren Gattungs-begriff verliehen und damit ein völlig neues literarisches Genre hervorgebracht. In „Politische Utopien“ von Prof. Dr. Waschkuhn wird sogar von einem epochalen Einschnitt gesprochen, da die „Utopia“ ein neues politisch-soziales Idealbild darstelle, welches insgesamt einem neuem Weltverständnis, dem der Neuzeit, entspreche (vgl. Waschkuhn 2003, S. 44).

Aus diesem Grund verwundert es nicht, dass Morus´ Schrift in den vergangenen Jahrhunderten Gegenstand verschiedenster Interpretationsansätze geworden ist. Jenny Kreyssig stellt in ihrer Publikation „Die Utopia des Thomas Morus“ (1988) bereits fünf verschiedene Rezeptions-varianten vor. Eine der wohl bekanntesten ist die kommunistische Rezeption des Politikers Karl Kautsky. Der bekannte Verfasser des theoretischen Teils des Erfurter Programms (1891) der Sozialdemokraten widmete sich in seinem Buch „Thomas More und seine Utopie“ von 1887 hauptsächlich der in der „Utopia“ vorgestellten Alternative zur bürgerlichen Gesellschaft. Kauts-ky erkannte, als Schüler von Karl Marx, den Kommunisten in Thomas Morus und „feiert ihn als Begründer eines nationalstaatlichen Kommunismus“ (Kreyssig 1988, S. 21) bzw. „als Vorläufer des utopischen Sozialismus“ (ebd.). Verwunderlich bleibt nur, dass Karl Marx zwar selbst die „Utopia“ des Thomas Morus studierte, sich aber vielmehr für die politökonomischen Aussagen interessierte und das Werk als ökonomisches Dokument der Anhäufung des Kapitals in der Frühen Neuzeit bezeichnete (vgl. Saage 2006, S. 37). Von einem Vorläufermodell des modernen Sozialismus war seinerseits jedoch nicht die Rede.

In den folgenden Ausführungen werden daher zunächst einige Grundsätze des Marxismus (Punkt 2) genannt, bevor im Gliederungspunkt 3 die kommunistische Utopia-Rezeption von Karl Kautsky im Mittelpunkt steht. Ziel soll es sein, zu erkennen, inwiefern kommunistische Merk-male in Morus´ „Utopia“ zu finden sind und ob es von Kautsky gerechtfertigt ist, Morus den Ruhm für die Eröffnung der Geschichte des Sozialismus zuzusprechen. Einige Schwerpunkte aus Kautskys „Thomas More und seine Utopie“ werden demzufolge im dritten Abschnitt thematisiert. Neben den Wurzeln von Thomas Morus´ Sozialismus (Punkt 3.1), der Kritik Morus´ an der Ökonomie Englands (Punkt 3.2) und der Kritik Kautskys am Sozialismus des Thomas Morus (Punkt 3.4) bildet das von Kautsky an Morus erkannte Idealbild eines kommunistischen Gemein-wesens das Zentrum dieser Abhandlungen. Im Anschluss daran kann letztendlich eine Beur-teilung der kommunistischen Rezeption Kautskys vorgenommen werden (Punkt 4). Eine Zusam-menfassung und ein Fazit im Punkt 5 schließen die Arbeit ab.

2 Einige Grundsätze des Marxismus

Marxismus ist ein „Sammelbegriff für weltanschauliche, politische und erkenntnistheoretische Strömungen und Positionen, die sich auf die von Karl Marx und Friedrich Engels begründete Gesellschaftstheorie berufen oder beziehen lassen“ (Holtmann 2000, S. 370).

Seit Erscheinen des dritten Bandes des „Kapitals“ (1895) versuchen Anhänger von Marx und Engels deren Ideen in ein schlüssiges Gesamtkonzept zu integrieren, das dem Aufbau einer sozialistischen oder kommunistischen Gesellschaftsordnung dienen soll. Diese steht nach all-gemeinem Verständnis für das Ideal einer klassenlosen Gesellschaft, in der die sozialen Un-terschiede zwischen den Menschen aufgehoben sind und deren Wurzeln in den sich zuspitzenden Klassengegensätzen des Kapitalismus liegen. Nur durch eine soziale Revolution und an-schließende Vergesellschaftung der Produktionsmittel kann sie erreicht werden. Grundvoraus-setzung ist dafür eine hoch entwickelte kapitalistische Industriegesellschaft sowie eine Über-gangsphase der Diktatur des Proletariats über die Bourgeoisie.

Das von Marx und Engels 1848 verfasste „Kommunistische Manifest“ diente als Programm für den Bund der Kommunisten und kann als „Gründungsurkunde“ des modernen Kommunismus verstanden werden. Darin heißt es: „Das Proletariat wird seine Herrschaft dazu benutzen, der Bourgeoisie nach und nach alles Kapital zu entreißen, alle Produktionsinstrumente in den Händen des Staates, d. h. des als herrschende Klasse organisierten Proletariats zu zentralisieren und die Masse der Produktionskräfte möglichst rasch zu vermehren. Es kann dies natürlich nur geschehen vermittelst despotischer Eingriffe in das Eigentumsrecht und in die bürgerlichen Produktions-verhältnisse, durch Maßregeln also, [...] die unvermeidlich sind“ (Fetscher 1990, S. 76). Als Maßregeln werden in diesem Zusammenhang unter anderem die Expropriation des Grundeigen-tums und Verwendung der Grundrente zu Staatsausgaben, die Abschaffung des Erbrechts, die Zentralisation des Kredits und des Transportwesens in den Händen des Staates, die Vermehrung der Nationalfabriken und Produktionsinstrumente nach einem gemeinschaftlichen Plan, der gleiche Arbeitszwang für alle, die allmähliche Beseitigung des Gegensatzes von Stadt und Land sowie die öffentliche und unentgeltliche Erziehung aller Kinder genannt (vgl. Euchner 1982, S. 122). Indem sich das Proletariat im Kampf gegen die Bourgeoisie als herrschende Klasse vereine und schließlich die alten Produktionsverhältnisse aufhebe, werde auf diesem Wege die Existenz-bedingung der Klassengegensätze und somit der Klassen allgemein aufgelöst (vgl. Fetscher 1990, S. 76f). „An die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassen-gegensätzen tritt eine Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist“ (Fetscher 1990, S. 77). Das Wesen der von Marx und Engels gegründeten Gesellschaftstheorie wird auch in „Grundsätze des Kommunismus“ (1847) von Friedrich Engels deutlich. In dieser Schrift stehen ebenfalls die vorübergehende politische Herrschaft des Proletariats und die Abschaffung des Privateigentums im Mittelpunkt. Des Weiteren wird aber auch auf die Frage, welchen Einfluss die kommunistische Gesellschafts-ordnung auf die Familie ausübe, näher eingegangen. Folgende Antwort wird in dem Text gegeben: Die kommunistische Gesellschaftsordnung „wird das Verhältnis der beiden Geschlech-ter zu einem reinen Privatverhältnis machen, welches nur die beteiligten Personen angeht und worin sich die Gesellschaft nicht zu mischen hat. Sie kann dies, da sie das Privateigentum beseitigt und die Kinder gemeinschaftlich erzieht und dadurch die beiden Grundlagen der bis-herigen Ehe, die Abhängigkeit des Weibes vom Mann und der Kinder von den Eltern vermittelst des Privateigentums, vernichtet“ (Fetscher 1990, S. 55). Weiterhin heißt es: „Die Weiberge-meinschaft ist ein Verhältnis, was ganz der bürgerlichen Gesellschaft angehört und heutzutage in der Prostitution vollständig besteht. Die Prostitution beruht aber auf dem Privateigentum und fällt mit ihm. Die kommunistische Organisation also, statt die Weibergemeinschaft einzuführen, hebt sie vielmehr auf“ (ebd.).

Die Betonung der Klassenlosigkeit sowie der ökonomischen und familiären Verhältnisse in diesem Abschnitt spielt vor allem in Anbetracht der konsequent kommunistischen Interpretation Kautskys eine wichtige Rolle, da er ebenso die Elemente Wirtschaft, Sozialleben und Gleich-berechtigung der Frau in seiner Utopia-Rezeption hervorhebt. Zudem befasst er sich ausführlicher mit den Bereichen Wissenschaft, Politik und religiöse Toleranz, welche gemeinsam mit den erst-genannten Gebieten im Laufe der Darstellung der kommunistischen Rezeption Morus` „Utopia“ durch Karl Kautsky (Punkt 3) detaillierter behandelt werden.

3 Kommunistische Rezeption Morus´ „Utopia“ durch Karl Kautsky

3.1 Die Wurzeln von Thomas Morus´ Sozialismus

Kautskys Methode ist der historische Materialismus: Die Deutung der Geschichte anhand der existierenden materiellen Lebensbedingungen, Ideologien sowie politischen Herrschaftsformen. Die vergesellschafteten Menschen gestalten ihre eigene Geschichte auf der Basis vorgefundener oder überlieferter Umstände. In diesem Zusammenhang benennt Kautsky, der Morus als Sozialis-ten ansieht, die Wurzeln Morus´ Sozialismus, die es ihm ermöglicht haben sollen, eine Gesell-schaft und Produktionsweise zu skizzieren, die seiner Zeit weit voraus waren. So entwickelte Morus Ideen, die in ihren wesentlichen Grundzügen dem modernen Sozialismus ähneln und laut Kautsky damit ein Gegenbild zum Kapitalismus darstellen. Das alles gelang Morus zu einem Zeitpunkt, „wo die kapitalistische Produktionsweise noch in ihren ersten Anfängen war“ (Kautsky 1947, S. 217). Zu den wesentlichsten Wurzeln des Sozialismus Morus´ werden fol-gende Sachverhalte gezählt: „sein liebenswürdiger, dem urwüchsigen Kommunismus ent-sprechender Charakter; die ökonomische Situation Englands, welche die der Arbeiterklasse nach-teiligen Folgen des Kapitalismus besonders scharf erkennen ließ; die glückliche Verbindung klassischer Philosophie mit praktischer ökonomischer Tätigkeit – alle diese Umstände vereint mussten in einem so scharfen, so unerschrockenen, so wahrhaften Geiste, wie dem Mores, ein Ideal erstehen lassen, das als eine Vorahnung des modernen Sozialismus gelten darf“ (Kautsky 1947, S. 228f). Wenn von Morus´ Liebenswürdigkeit die Rede ist, wird auf Aussagen Erasmus´ verwiesen, einem Freund Morus´, der ihn als hilfsbereit und voller Mitleid für die Armen und Unterdrückten beschrieb (vgl. Kautsky 1947, S. 218). Inwiefern allerdings vom englischen Urkommunismus gesprochen werden kann, bleibt fraglich. Vielmehr war Morus der Platonische Kommunismus bereits als junger Mann vertraut und Kautsky bleibt einem Beweis für den Einfluss des Urkommunismus auf Morus schuldig. Zudem sind nicht nur einige Gemeinsam-keiten mit Platons „Politeia“ zu beobachten, sondern Platon wird von Morus selbst in seiner „Utopia“ an mehreren Stellen erwähnt bzw. auf ihn verwiesen. Daher ist zumindest eine gewisse Beeinflussung seitens Platons Werke zu beobachten. So wird im ersten Buch der „Utopia“ z. B. ein Gespräch zwischen Raphael Hythlodeus und dem Kardinal von England aufgezeigt, in dem eindrucksvoll einige Missstände Englands zu jener Zeit zur Geltung kommen. Daraufhin ermutigt Morus Hythlodeus, der ihm von der Unterhaltung berichtete, zum wiederholten Male, mit seinem Wissen als Philosoph und seinen großen Lebenserfahrungen in die Dienste eines Königs zu treten und ihm mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Hythlodeus weigert sich jedoch und antwortet Morus: „Das hat auch Plato unzweifelhaft recht wohl vorausgesehen, dass die Könige niemals, es sein denn, dass sie selber Philosophie treiben, den Ratschlägen philosophierender Männer innerlich zustimmen werden, [...] was er ja am eigenen Leibe bei Dionysius erfahren hat“ (Morus /übersetzt von Ritter 2003, S. 42). Nur wenige Seiten weiter, und immer noch Antworten dafür suchend, weshalb er nicht als Ratgeber für einen König arbeiten könne, verweist Hythlodeus erneut auf Platon: „Deshalb erklärt auch Plato mit einem wunderschönen Gleichnis, warum von Rechts wegen die Weisen sich fernhalten sollten von Staatsgeschäften: sie sehen da, wie die Leute in Scharen auf der Straße beständig von Regenschauern durchnässt werden, können sie aber nicht dazu bringen, dem Regen auszuweichen und unter Dach und Fach zu gehen; so bleiben sie wenigstens selber im Hause in der Erkenntnis, dass es doch nichts nützen würde, hinaus-zugehen, außer dass sie selber mit angeregnet würden, und sind also zufrieden damit, wenigstens selber im Trockenen zu sitzen, wenn sie schon fremder Dummheit nicht abhelfen können“ (Morus/übersetzt von Ritter 2003, S. 52f).

[...]

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Karl Kautskys marxistische Interpretation der „Utopia“ des Thomas Morus
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Note
1,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
22
Katalognummer
V147634
ISBN (eBook)
9783640581542
ISBN (Buch)
9783640582075
Dateigröße
525 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Thomas Morus, Utopia, Karl Kautsky, Marxismus
Arbeit zitieren
Christina Täubert (Autor), 2006, Karl Kautskys marxistische Interpretation der „Utopia“ des Thomas Morus, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/147634

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