Heinz Schilling führt in zwei Aufsätzen, in denen er die politische Elite der nordwestdeutschen Hansestädte zur Zeit der Reformation beschreibt, den Begriff der Hansestadtreformation ein. Er bezeichnet damit einen besonderen Typus der Reformation, welcher nur auf bestimmte Mitgliedsstädte der Hanse anwendbar sei. Die Hansestadtreformation unterscheide sich im Vergleich zu den Reichsstädten nicht durch „municipal structures and affairs. [...] The differences [...] arose out of the Hanseatic Cities’ place as provincial towns in cultural, political and social systems of their respective territories. [...] the problem of reformation in the Hanseatic Cities was closely bound to the rise of the early modern territorial state.“
Der vorliegende Aufsatz hat die Reformation in der Hansestadt Rostock zum Thema. Die Rostocker Religionskämpfe sind wegen ihrer territorial- und kirchenpolitischen Voraussetzungen von besonderem Interesse. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts hatte Heinrich V. (1503-1552) die Herrschaft des Herzogtums von seinem Vater Magnus II. (1477-1503) übernommen und blieb für mehrere Jahre darin unangefochten. Bald darauf aber forderte sein Bruder Albrecht VII. (1503-1547) den zeitgenössischen Erbrechtsvorstellungen entsprechend einen Anteil an der Regierung in Mecklenburg. Nach langjährigem Streit einigte man sich im Neubrandenburger Hausvertrag von 1520 darauf, die Einheit des Landes zu bewahren, indem man das Gebiet gleichmäßig aufteilte, aber die Prälaten, den Adel und die zwölf wichtigsten Städte (darunter auch Rostock) einer gemeinschaftlichen Regierung der Herzöge unterstellte.
Die Rolle der Herzöge und ihre Einflußnahme auf den Rostocker Reformationsprozeß sollen deshalb einen der Schwerpunkte dieser Arbeit bilden, wobei sich die Untersuchung auf den durch die historischen Ereignisse bis 1540 gesteckten zeitlichen Rahmen konzentrieren wird. Zuerst wird die politische Situation in Mecklenburg am Vorabend der Reformation dargestellt, danach deren Ablauf nachgezeichnet und anschließend anhand von einzelnen Beispielen die tatsächliche Einflußnahme der Herzöge auf wichtige Ereignisse der Rostocker Reformationsgeschichte untersucht werden. Die Ergebnisse werden zu einer Überprüfung herangezogen, ob der von Heinz Schilling für die nordwestdeutschen Hansestädte eingeführte Typus der Hansestadtreformation auch auf Rostock anwendbar ist.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das Herzogtum Mecklenburg
2.1. Der frühneuzeitliche Staat
2.2. Das Verhältnis der Herzöge zur Stadt Rostock
2.3. Die Fürstenfamilie
3. Die Rostocker Reformation
3.1 Eine chronologische Darstellung der Reformationsereignisse
3.2. Die Einflussnahme der Herzöge auf die Reformation
4. Schlussbetrachtungen
5. Literaturhinweise
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Einfluss der mecklenburgischen Herzöge auf den Reformationsprozess in der Hansestadt Rostock bis zum Jahr 1540. Dabei wird der Frage nachgegangen, ob die von Heinz Schilling entwickelte Theorie der "Hansestadtreformation" auf Rostock anwendbar ist oder ob spezifische lokale Bedingungen eine alternative Kategorisierung erfordern.
- Politische Situation und frühneuzeitliche Staatsbildung in Mecklenburg
- Spannungsfeld zwischen landesherrschaftlichen Machtansprüchen und städtischen Privilegien
- Rolle der Herzöge Heinrich V. und Albrecht VII. bei religiösen Konflikten
- Chronologie der Einführung der evangelischen Lehre in Rostock
- Die Funktion des Rates als städtische Obrigkeit im Reformationszeitalter
Auszug aus dem Buch
2.2. Das Verhältnis der Herzöge zur Stadt Rostock
Mit dem Erstarken der fürstlichen Landeshoheit nahmen gleichzeitig auch die Auseinandersetzungen mit den Städten zu, die für eine Sicherung ihrer Freiheiten und Privilegien eintraten. Auch in Rostock regte sich Widerstand gegen die landesherrlichen Machtbestrebungen. Rostock war in die wendische Städtegruppe innerhalb der Hanse eingebunden. Sank die wirtschaftliche Macht und der politische Einfluss der Hanse auch immer weiter ab, war man doch noch stark genug, um sich gegenüber den Landesherren zu behaupten. Allmählich allerdings schwächten soziale Spannungen innerhalb der Städte diese Position deutlich.
Die ersten Konflikte mit den Herzögen kreisten um wirtschaftliche Belange. Diese waren mit der Durchführung eines eigenen Getreide- und Holzhandels in unmittelbare Konkurrenz zu Rostock getreten und versuchten sich in diesem Zusammenhang mit der Einführung von Land- und Wasserzöllen eigene Vorteile zu verschaffen. Der Streit eskalierte soweit, dass die Herzöge eine Schließung der Häfen der Hansestädte durchsetzen wollten und sogar, als dies nicht gelang, den Bau eigener Häfen in Betracht zogen. Andere Auseinandersetzungen mit den Städten waren politischer Natur: Man versuchte die Seestädte den Landstädten gleichzustellen und forderte deshalb Rostock zur Zahlung der Landbede auf. Die Stadt erkaufte sich gegen eine Abgabe von 1000 Rheinischen Gulden die Bedefreiheit für ihr Stadtgebiet. Sie konnte sich ebenso gegen die Entrichtung der Kaiserbede erwehren, die zur Unterstützung Kaiser Maximilians I. (1493-1519) im Kampf gegen Frankreich eingeführt worden war. 1505 wurden diese Privilegien durch die mecklenburgischen Herzöge bestätigt.
Einen viel stärkeren Eingriff in die inneren Verhältnisse der Stadt stellte die sogenannte „Domfehde“ dar, eine Auseinandersetzung um die Errichtung des Rostocker Domstifts. Die Absichten der Herzöge, den Gottesdienst in der Stadt zu mehren und gleichzeitig alte Universitätsdozenten versorgen zu können, waren nur vordergründig und wurden vom Rostocker Rat und der Bürgerschaft insgesamt abgelehnt, fürchtete man nicht zu Unrecht um eigene Freiheiten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik der "Hansestadtreformation" ein und definiert den zeitlichen sowie thematischen Rahmen der Untersuchung zur Reformation in Rostock.
2. Das Herzogtum Mecklenburg: Das Kapitel beleuchtet den Aufbau des frühneuzeitlichen Territorialstaates, das konfliktträchtige Verhältnis zwischen den Herzögen und der Stadt Rostock sowie die genealogischen Verhältnisse der Herrscherfamilie.
3. Die Rostocker Reformation: Hier werden die chronologischen Ereignisse der Reformation in Rostock dargestellt und die tatsächliche Einflussnahme der mecklenburgischen Herzöge auf die religiösen Wandlungsprozesse analysiert.
4. Schlussbetrachtungen: Das Fazit führt die Ergebnisse zusammen und bestätigt die Relevanz des Begriffs "Hansestadtreformation" unter Berücksichtigung der spezifischen territorialpolitischen Gegebenheiten.
5. Literaturhinweise: Dieses Kapitel listet alle zitierten Quellen, Monographien und wissenschaftlichen Artikel auf, die der Untersuchung zugrunde liegen.
Schlüsselwörter
Reformation, Rostock, Mecklenburg, Hansestadtreformation, Territorialstaat, Landeshoheit, Herzöge, Heinrich V., Albrecht VII., Kirchenregiment, Rat der Stadt, Patronatsrechte, Domfehde, Stadtprivilegien, Konfessionalisierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert den Verlauf der Reformation in der Hansestadt Rostock unter besonderer Berücksichtigung des Einflusses der mecklenburgischen Herzöge im 16. Jahrhundert.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Im Zentrum stehen die Ausbildung des frühneuzeitlichen Territorialstaates, die Konflikte um städtische Freiheiten sowie die kirchenpolitische Entwicklung in Rostock.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu prüfen, ob sich die Rostocker Reformation als eine "Hansestadtreformation" im Sinne von Heinz Schilling klassifizieren lässt.
Welche methodische Vorgehensweise wird gewählt?
Die Untersuchung erfolgt durch eine historische Analyse von Quellen, Dokumenten und der bisherigen Forschungsliteratur zur Rostocker Reformationsgeschichte.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der politischen Ausgangslage in Mecklenburg, den Ablauf der reformatorischen Ereignisse in Rostock und eine kritische Untersuchung der herzoglichen Einflussnahme.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Hansestadtreformation, Territorialstaat, Patronatsrechte, Domfehde und das Spannungsverhältnis zwischen Landesherrschaft und städtischer Obrigkeit.
Welche Rolle spielte die "Domfehde" für die Reformation in Rostock?
Die Domfehde führte zu einer Niederlage der Stadt in einer kirchenpolitischen Kernfrage, wodurch die Herzöge Patronatsrechte über die Rostocker Hauptkirchen erhielten und somit Einfluss auf die Besetzung von Pfarrstellen gewannen.
Wie beeinflusste die Uneinigkeit zwischen den Herzögen Heinrich V. und Albrecht VII. den Reformationsprozess?
Da beide Herzöge unterschiedliche konfessionelle und politische Ziele verfolgten, gelang es ihnen nicht, ein einheitliches Kirchenregiment durchzusetzen, was dem Rostocker Rat größeren Handlungsspielraum ermöglichte.
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- Sebastian Rosche (Author), 2001, Die Herzöge von Mecklenburg und die Reformation in der Hansestadt Rostock, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/147652