Romantische Wanderliteratur - kulturpsychologisch betrachtet

Mit Beispielen aus Heinrich Heines „Harzreise“


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008

16 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1 Die Geschichte des Wanderns
1.1 In der Antike
1.2 Von der Waldfahrt zur Wallfahrt
1.3 Die Tradition der Handwerksburschen: Die Walz
1.4 Die „zweckfreie“ Wanderung

2 Das „Wandermotiv“in der Romantik
2.1 Die Wanderung als Suche
2.2 Die Wanderung als Abschied
2.3 Das Wandermotiv heute

3 Heines „Reisebilder“

4 Heines „Harzreise“
4.1 Das universitäre Milieu
4.2 Der Aspekt der Naturbegeisterung
4.3 Gesellschaftkritische Elemente
4.4 Philosophische Implikationen

1 Die Geschichte des Wanderns

1.1 In der Antike

Nach Aristoteles ist der Spaziergang die praktische Tätigkeit schlechthin. Allein spazieren zu gehen, wurde schon in der Antike als ein selbstgenügsamer Akt angesehen, da die Meinung bestand, dass sich das Wandern klärend auf die Gedanken auswirken könne.

Aus dieser Auffassung ist auch die altgriechische Tradition des „peripatetischen Mythos" hervorgegangen. Darunter wird eine philosophische Schule verstanden, die meist mit dem Namen Aristoteles in Verbindung gebracht wird. In den Wandelhallen des Marktes wurde eine Form des Denkens und Diskutierens im Gehen gepflegt. Hummel (2007) sieht den Mythos auch für die Entwicklung späterer Bewegungshandlungen als relevant an. Dies gilt insbesondere im Hinblick auf den „Spaziergang als elementare ahistorische Handlung - kohärent durch die Geschichte bis in die Gegenwart verfolgbar" (S.7).

1.2 Von der Waldfahrt zur Wallfahrt

Rund tausend Jahre später entwickelte sich in Nordeuropa in vorchristlicher Zeit eine besondere Wanderkultur. Die alten Germanen unternahmen sogenannte „Waldfahrten" zu heiligen Hainen. Darunter sind Orte, meist Wälder oder Flurstücke, zu verstehen, denen eine besonders Ausstrahlungskraft mit spiritueller Intention. Dafür war ausschlaggebend, dass sich an diesen Orten ungewöhnliche Ereignisse abgespielt haben sollten.

Die germanische Waldfahrt erfährt in späteren Jahrhunderten eine Verwandlung. Die Christen entwickelten daraus die Wallfahrt. Kennzeichen für diese Art von 'Wanderung' sind die Rolle des Pilgers und die Initiation in die Glaubensgemeinschaft als Akt der Ergebenheit oder sogar — in Erfüllung heiliger Gebote - als Kasteie. Reisen konnte aber auch spirituellen Zwecken dienen, die nicht im christlichen Glauben verankert waren. Angestrebt wurde z.B. eine Imagination des Unbewussten und der eigenen Gefühle.

Im Mittelalter sollten Menschen pilgern, um Sünden abzutragen. Häufig wurden Patienten auch von Medizinern auf die Reise geschickt, um Heilung zu erfahren. So glaubte man zum Beispiel damals daran, dass die Nervenkrankheit Chorea Huntington durch eine Wallfahrt zur St. Veitskapelle nach Ulm besiegt werden könnte. Im Volksmund heiBt diese Krankheit deshalb bis heute noch „Veitstanz".

Pilgerreisen waren oft sehr mühsam und äuBerst gefährlich, da sie über weite Strecken zurückgelegt wurden und die Pilger Ubergriffen von Wegelagerern schutzlos ausgeliefert waren.

1.3 Die Tradition der Handwerksburschen : Die „Walz "

Seit dem ausgehenden Mittelalter entwickelte sich die zweckgebundene Wanderung unter Handwerksgesellen, die nach Abschluss ihrer Lehrzeit in anderen Regionen Erfahrungen sammeln sollten. Bis ins 19. Jahrhundert hinein war die Wanderschaft eine unverzichtbare Voraussetzung für Gesellen. Die Zulassung zur Meisterprüfung hing davon ab.

Der Geselle sollte unterwegs seine Kenntnisse erproben, evtl. neue Arbeitspraktiken erlernen und an Lebenserfahrung gewinnen. Da nach Gründung einer Familie die Beweglichkeit eingeschränkt war, kam es darauf an, dass der berufliche Nachwuchs vor Eintritt in die Sesshaftigkeit seine Kompetenzen erweiterte. Dafür bot die Tätigkeit an fremde Ort eine günstige Gelegenheit. Das Wandern aus beruflichen Gründen galt damals als eine wichtige Norm. Die Zünfte achteten darauf, dass diese Tradition erhalten blieb. Erst als das Zunftwesen in den Hintergrund trat, und sich das Vertragsdenken durchsetzte, geriet das Wandern aus der Mode.

Heute wird diese Tradition nur noch von den Zimmerleuten gepflegt, die immer noch in groBen Teilen Jahr für Jahr in Europa auf Wanderschaft gehen. Bei den Zimmermännern gibt es auch heute noch eine Zunft, die darauf achtet, dass die guten Erfahrungen mit der „Walz", wie die Wanderschaft im Handwerksstand genannt wird, nicht verloren geht. Gleich nach der Gesellenprüfung geht der Nachwuchs auf die Reise.

1.4 Die „zweckfreie " Wanderung

Für den Beginn des Zeitalters der zweckfreien Wanderung wird ein festes Datum angegeben. Im Jahre 1336 bestieg Francesco Petrarca mit seinem Bruder den Mont Ventoux in der Provence und verfasste darüber eine Erzählung, die groBe Beachtung fand und die auch heute noch als ausschlaggebend für die Entstehung eines neuen Naturgefühls sowie einer damit verbundenen Bewegungsform verstanden wird.

Im Zeitalter der Aufklärung erfuhr die neue Naturbegeisterung im Bildungsbürgertum eine weitere Steigerung. Die Wanderschaft galt sogar als eine Möglichkeit der Emanzipation des Bürgertums. Der Blick in die Welt, auch auf Mensch und Natur, sollte neu ausgerichtet werden. Das betraf auch die soziale Stellung des Burgers. Hochgestellte Persönlichkeiten, die fast ausnahmslos zum Adel gehörten, benutzten damals zum Reisen den Kutschwagen. Dieser Stand konnte sich damit von der AuBenwelt völlig abschotten und betonte zugleich die Distanz zur Bevölkerung. Dieser soziale Abstand sollte durch den realisierten Anspruch des Bürgertums auf eine reiseähnliche Fortbewegung verringert werden. So wurde das Wandern attraktiv. Auch damals schon galt das Reisen in einer besonderen Weise als eine Beschäftigung f r Schriftsteller. Die Autoren der Aufklärung wollten möglichst objektive Reiseaufzeichnungen verfassen. Vor allem die soziale und politische Situation der durchwanderten Gebiete fanden in den Werken Niederschlag.

2 Das „Wandermotiv " in der Romantik

Als literarisches Element existiert das „Wandermotiv" seit der Frühromantik (etwa 1795 bis 1804). Zu dieser Zeit wurde das Wandern als eine Möglichkeit der Lebensgestaltung wiederentdeckt. In der Literatur zeigte sich dies an ersten Veröffentlichungen mit einem Wanderer als Protagonisten. Bekannt geworden sind in diesem Genre vor allen Erzählungen von Ernst Moritz Arndt („Reise durch Schweden" von 1804), Ludwig Tieck („Franz Sternbalds Wanderungen" von 1798), Friedrich Schlegel („Reise nach Frankreich" von 1803), Heinrich Heine („Reisebilder" von 1826).

Besondere Berühmtheit erlangte Joseph von Eichendorffs „Aus dem Leben eines Taugenichts". Eichendorff schrieb auch viele Gedichte fiber das Wandern, so z.B. mit den Titeln „Der frohe Wandersmann", „Wandersprüche" und „Der Morgen":

„Der Morgen

Fliegt der erste Morgenstrahl
Durch das stille Nebeltal,
Rauscht erwachend Wald und Hugel:
Wer da fliegen kann, nimmt Flugel!

Und sein Hi tlein in die Luft
Wirft der Mensch vor Lust und ruft:
Hat Gesang doch auch noch Schwingen,
Nun, so will ich fröhlich singen!

Hinaus, o Mensch, weit in die Welt,
Bangt dir das Herz in krankem Mut;
Nichts ist so trub in Nacht gestellt,
Der Morgen leicht macht's wieder gut."

(Joseph von Eichendorff)

[...]

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Details

Titel
Romantische Wanderliteratur - kulturpsychologisch betrachtet
Untertitel
Mit Beispielen aus Heinrich Heines „Harzreise“
Hochschule
Universität Bremen
Note
1,0
Autor
Jahr
2008
Seiten
16
Katalognummer
V147728
ISBN (eBook)
9783640572151
ISBN (Buch)
9783640572274
Dateigröße
513 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Heinrich Heine, Harzreise, Wandern, Wanderliteratur, Romantik, Kulturpsychologie
Arbeit zitieren
Andreas Jüttemann (Autor), 2008, Romantische Wanderliteratur - kulturpsychologisch betrachtet, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/147728

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