Wo Jugendliche sind, ist Jugendsprache allgegenwärtig. Oft wird sie von Eltern und
Pädagogen mit Naserümpfen abgestraft. Werden sie Jugendsprache so gerecht? Was
macht sie unter Jugendlichen so beliebt? Diese Arbeit betrachtet Jugendsprache unter
einer anderen Prämisse: Als linguistischen Forschungsgegenstand, der ein kreatives
Sprachspiel Jugendlicher darstellt und dem ein nicht zu unterschätzender Einfluss auf
die Standard- und Umgangssprache eingeräumt werden muss.
Neben der Beschreibung und Analyse jugendsprachlicher Merkmale und deren
Funktionen rücken seit Ende der 80er Jahre auch „pragmatisch-diskursive
Besonderheiten“ (Spreckels 2005: 54) von Jugendsprache in den Fokus der Analysen.
Hierbei wird die Notwendigkeit eines empirisch-ethnographischen Ansatzes in Bezug
auf Jugendsprache in den letzten Jahren verstärkt vertreten (vgl. Androutsopoulos 1998:
592, Schlobinski et al. 1993: 40, Neuland 1987). Wenig Berücksichtigung findet in der
Forschung bislang die Frage nach der Existenz genderspezifischer Jugendsprache, die
im Zentrum der vorliegenden Arbeit steht. Wird Jugendsprache genderspezifisch
generiert? Gibt es unterschiedliche Ausdrucksweisen von Mädchen und Jungen? Die
Frage nach genderspezifisch markierter Jugendsprache und die Analyse von
Einschätzungen Jugendlicher zu diesem Thema ist unter anderem deswegen so
interessant, weil die Jugendlichen sich in der Lebensphase der Adoleszenz befinden, in
der sich in besonderem Maß die Geschlechtsidentität und die Übernahme weiblichen
und männlichen Rollenverhaltens ausbildet (vgl. Spreckels 2005: 31). Deshalb soll die
folgende Hypothese in dieser Arbeit überprüft werden: Vor den empirischen Analysen
steht die Vermutung, dass sich unterschiedliche Entwürfe von Geschlechtsidentität in
jugendsprachlichen Daten manifestieren. Es ist zu erwarten, dass diese Entwürfe in
bedeutendem Maß sowohl Sprache als auch Gesprächsverhalten von Jungen und
Mädchen beeinflussen und so gewissermaßen genderspezifische Jugendsprache
mitbegründen.
Die Arbeit teilt sich in zwei Abschnitte.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Theoretischer Rahmen und zentrale Begriffe
II.1. Jugend und Identität
II.2. Jugendkultur
II.3. Jugendsprache
II.3.1. Funktionen von Jugendsprache
II.3.2. Jugendsprachliche Merkmale
II.3.2.1. Gegenseitige Anreden
II.3.2.2. Vulgär- und Sexualsprache
II.3.2.3. Vagheitsmarker
II.3.2.4. Ethnolektgebrauch als jugendsprachliches Merkmal?
II.4. Genderspezifische Kommunikation
II.4.1. Stereotype
II.4.2. Das konstruktivistische doing gender-Konzept
II.4.3. Sprachgebrauch und Gesprächsverhalten von Frauen und Männern
II.5. Sprachkonvergenz- und Sprachdivergenzprozesse
III. Empirische Untersuchung
III.1. Erhebung und Auswertung der Daten
III.2. Teilnehmer
III.3. Aufnahmebedingungen und Ablauf
III.4. Diskussionsgrundlagen
III.5. Fragebogen
IV. Ergebnisse
IV.1. Auswertung des Fragebogens
IV.1.1. Jugendsprache und genderspezifische Jugendsprache
IV.1.2. Ethnolekt – Kenntnis und Gebrauch
IV.2. Thematisierung von Geschlechter-Stereotypen im Gespräch
IV.3. Vulgär- und Sexualsprache
IV.4. Vagheitsmarker
IV.5. Gegenseitige Anreden
IV.6. Ethnolektgebrauch
IV.7. Konvergenz- oder Divergenzprozesse in der gemischtgeschlechtlichen Probandengruppe?
IV.7.1. Vulgär- und Sexualsprache
IV.7.2. Vagheitsmarker
IV.7.3. Gegenseitige Anreden
IV.7.4. Ethnolektgebrauch
V. Fazit
Zielsetzung & Themen
Diese wissenschaftliche Arbeit untersucht die Existenz und Ausprägung genderspezifischer Jugendsprache unter Anwendung eines empirisch-ethnographischen Ansatzes. Das primäre Ziel ist es, zu analysieren, ob sich unterschiedliche Entwürfe von Geschlechtsidentität in der Jugendsprache manifestieren und wie diese das Sprachverhalten von Mädchen und Jungen beeinflussen.
- Analyse jugendsprachlicher Merkmale (Vulgärsprache, Vagheitsmarker, Anreden, Ethnolekt)
- Untersuchung des Konzepts "doing gender" in der Interaktion von Jugendlichen
- Überprüfung der Hypothese zur Auswirkung von Geschlechtsidentität auf das Sprachverhalten
- Vergleich von gleichgeschlechtlichen und gemischtgeschlechtlichen Gesprächsgruppen
- Diskussion von Sprachkonvergenz- und Divergenzprozessen im Jugendalter
Auszug aus dem Buch
II.3.1. Funktionen von Jugendsprache
Betrachten wir Jugendsprache als einen gruppensprachlichen sowie an Situationen und Kontexte gebundenen sprechsprachlichen Stil, so stellt sich die Frage nach den Funktionen von Jugendsprache. Was Jugendsprache bewirkt ist mannigfaltig. Die wichtigsten Funktionen und somit auch Gründe für die Entwicklung von Jugendsprache sollen hier vorgestellt und erläutert werden.
Ehmann kategorisiert die Funktionen von Jugendsprache in sechs Komplexe: „den Protestaspekt“, „den Abgrenzungsaspekt“, „den Aspekt der Credibility“, „den Spiel und Innovationsaspekt“, „den affektiv-emotionalen Aspekt“, und „den kommunikativ ökonomischen Aspekt“ (Ehmann 2001: 10f). Die folgenden Überlegungen lehnen sich an Ehmanns Kategorisierung an, wobei weitere Forschungspositionen in die Darstellung einfließen.
Der Protestaspekt steht für Ehmann vor allem für die Ablehnung sprachlicher und gesellschaftlicher Konventionen, welche die Jugendlichen zum Ausdruck ihrer Bedürfnisse als unzeitgemäß empfinden (vgl. Ehmann 2001: 10). Jugendliche grenzen sich von der Erwachsenenwelt so unter anderem durch eine Kommunikation, die Erwachsene ausschließt oder durch provokante Ausdrücke und Paraphrasen empört, ab. Sie schaffen sich sprachliche Räume, in welchen die eigene Auffassung gesellschaftlicher Werte und Normen ausgedrückt werden kann. Neuland verweist in diesem Zusammenhang auf den Aspekt der „Spiegelung und Gegenspiegelung“ (Neuland 2003b: 10) gesellschaftlicher Verhältnisse in Jugendsprache: Sie betont die „zeitdiagnostisch-kulturanalytische“ (ebd.) Dimension von Jugendsprache, die gegebene gesellschaftliche Verhältnisse reflektiert, bejaht oder ablehnt. Jugendsprache entsteht also relational zu gesellschaftlichen oder politischen Systemen. Unter anderem wird hier die Notwendigkeit einer differenzierten, vorurteilsfreien Sichtweise auf Jugendsprache deutlich, die sich von pauschalierenden Beurteilungen von Jugendsprache als Sprachverfall abgrenzt. Augenstein verweist sogar auf die mögliche Einordnung von Jugendsprache als Fachsprache und begründet diese Sichtweise mit einem von der Erwachsenenwelt abweichenden Wissens- und Erfahrungshorizont, der andere Ausdrucksmöglichkeiten unbedingt fordert (Augenstein 1998: 47).
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Forschungsfrage zur Existenz und Ausprägung genderspezifischer Jugendsprache ein und erläutert die Hypothese der Arbeit.
II. Theoretischer Rahmen und zentrale Begriffe: Das Kapitel definiert grundlegende Begriffe wie Identität, Jugendkultur und Jugendsprache und beleuchtet Theorien zur genderspezifischen Kommunikation.
III. Empirische Untersuchung: Hier wird der methodische Ansatz der Datenerhebung durch Gesprächsaufnahmen mit Jugendlichen sowie die Nutzung von Fragebögen beschrieben.
IV. Ergebnisse: Dieses Kapitel präsentiert die Analyse der erhobenen Gesprächsdaten hinsichtlich der verschiedenen untersuchten jugendsprachlichen Merkmale und deren Genderspezifik.
V. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bewertet die Bestätigung der aufgestellten Thesen im Kontext der Forschung zu Gender und Sprache.
Schlüsselwörter
Jugendsprache, Genderspezifische Kommunikation, Identität, Doing Gender, Ethnolekt, Vagheitsmarker, Vulgärsprache, Sprachkonvergenz, Gruppenspezifik, Soziolinguistik, Geschlechterstereotype, Gesprächsanalyse, Jugendliche, Jugendkultur, Sprachwandel
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es grundsätzlich in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit untersucht, ob und wie Jugendliche genderspezifische sprachliche Merkmale in ihrem Alltag gebrauchen und ob sich dadurch unterschiedliche Entwürfe von Geschlechtsidentität manifestieren.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Mittelpunkt?
Zentrale Themen sind die soziale Identitätsbildung im Jugendalter, die Funktionen von Jugendsprache sowie die Frage nach geschlechtstypischen Kommunikationsstilen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Ziel ist es zu klären, ob Jugendsprache geschlechtsspezifisch generiert wird und ob sich unterschiedliche Ausdrucksweisen von Mädchen und Jungen empirisch nachweisen lassen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zur Anwendung?
Die Autorin wendet einen empirisch-ethnographischen Ansatz an, der qualitative Gesprächsanalysen (transkribiert in GAT) mit quantitativen Auswertungen von Fragebogendaten kombiniert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Im Hauptteil werden vier spezifische Merkmale – Vulgär- und Sexualsprache, Vagheitsmarker, Anreden und Ethnolektgebrauch – hinsichtlich ihres Gebrauchs in Mädchen- und Jungengruppen analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Die Arbeit zeichnet sich durch Begriffe wie Jugendsprache, Doing Gender, Identität, Ethnolekt und Sprachkonvergenz aus.
Welche Rolle spielt der Ethnolekt in der Untersuchung?
Der Ethnolekt wird als möglicher Stilisierungsfaktor und als Ausdruck von männlich konnotiertem, aggressivem Sprachverhalten in bestimmten Gruppen untersucht.
Welche Rolle spielen die "Emmendinger Mädchen" im Vergleich zu den anderen Gruppen?
Die Emmendinger Mädchengruppe wird als Sonderfall hervorgehoben, da sie durchgängig mit stereotypen weiblichen Erwartungen bricht, was im Fazit als bemerkenswertes Ergebnis diskutiert wird.
- Quote paper
- Sarah Pfeffer (Author), 2009, "Doing gender" in Jugendsprache - Eine empirische Untersuchung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/147734