"Short Cuts" - Strategien eines Films ohne Hauptfigur


Seminararbeit, 1997
16 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Das klassische Modell mit Hauptfigur

2. Das Figurenmosaik in Short Cuts

3. Einheit von Zeit und Ort

4. Einheit der Handlung - Vernetzung der Figuren

Schluss

Bibliographie

Einleitung

Diese Arbeit soll am Beispiel von Robert Altmans Short Cuts die wichtigsten Probleme aufzeigen, die ein Film ohne Hauptfigur mit sich bringt und Strategien zur Lösung dieser Probleme in Short Cuts untersuchen. Als Vergleichsbasis soll dazu zuerst das gängige Modell des klassischen Hollywood dargestellt werden, also Filme mit Hauptfigur. In einem nächsten Schritt werde ich die Figurenkonstellation in Short Cuts diesem Modell gegenüberstellen und die Schwierigkeiten eines Films ohne Hauptfigur diskutieren. Der Hauptteil der Arbeit untersucht die Strategien, die Altman zur Lösung dieser Probleme anwendet. Dabei geht es hauptsächlich um Vereinheitlichung auf den Ebenen Zeit, Raum und Handlung. Die Einheit der Handlung wird, wie ich zeigen werde, hauptsächlich durch die Vernetzung der Figuren erreicht. Bei der Untersuchung dieses Figurenmosaiks werde ich zwei Arten von Verbindung unterscheiden: kohäsive und kohärente Verbindungen. Diese beiden Begriffe sind der Textlinguistik entnommen, es scheint mir aber sinnvoll zu sein, diese auch auf filmische Narration anzuwenden. Die beiden Begriffe sollen hier folgendermassen definiert sein: Kohäsion schafft Verbindung durch Wiederholung ähnlicher oder gleicher Elemente auf der Oberflächenstruktur. Beim schriftlichen Text wären dies Mittel wie Wortwiederholung, Synonyme oder Pronomen. Im Film sind wiederkehrende Figuren oder Orte kohäsive Elemente. Kohärenz schafft Verbindung durch Wiederholung ähnlicher Elemente in der Tiefenstruktur. Im Text wie im Film entspricht dies der wiederholten Referenz auf ein Thema, logischen Verknüpfungen und Kausalität.

1. Das klassische Modell mit Hauptfigur

Im klassischen Hollywoodfilm dominiert die Hauptfigur den Plot und damit den Film, da der Film seinerseit den Plot ins Zentrum stellt. Der Held oder Antiheld (oft ist er männlich) ist die Figur, die am meisten und längsten auf der Leinwand präsent ist. Diese Präsenz ist meist auch qualitativ stärker als jene anderer Figuren, da sie meist mit einem Star besetzt ist. Die Hauptfigur sorgt also als wiederkehrendes Element für die Kohäsion der filmischen Erzählung.

Der Held schafft aber auch Kohärenz, indem der Grundkonflikt des Protagonisten gleichzeitig der Grundkonflikt des Filmplots ist. Dieser Grundkonflikt kann die verschiedensten Formen annehmen. So kann der Held vor einer bestimmten Aufgabe stehen, zum Beispiel Marty McFly in Back to the Future, der, wie der Titel schon sagt, zurück in die Zukunft kommen und vorher noch seine dortige Existenz sicherstellen muss. Oft muss der Held auch eine bestimmte Frage beantworten oder einem Zweifel nachgehen, wie die Protagonistin von Hitchcocks Suspicion, die glaubt, ihr Ehemann wolle sie umbringen. Auch die Beseitigung eines schweren Mangels oder das Durchlaufen einer persönlichen Krise sind wichtige, vielgesehene Grundkonflikte.

Am Anfang eines klassischen Hollywoodfilms steht die Exposition eines Grundkonflikts, am Ende dessen Lösung. Dazwischen entwickelt sich der Filmplot, immer motiviert durch den Grundkonflikt des Helden und die Probleme, die sich auf dem Weg zur Lösung des Konflikts ergeben. Mit anderen Worten: Die Kausalität des Plots entspricht der psychologischen Kausalität der Hauptfigur. "Character-centered - i.e., personal or psychological - causality is the armature of the classical story" (Bordwell, Staiger & Thompson 6). Gleichzeitig entwickelt sich aber auch der Charakter des Protagonisten; meist wird er durch die Lösung des Konflikts auf irgend eine Art und Weise geläutert - die Heldin in Hitchcocks Rebecca zum Beispiel gewinnt an Selbstvertrauen und festigt die Beziehung zu ihrem Ehemann.

Es ist allerdings problematisch zu sagen, dass die Hauptfigur durch ihren Grundkonflikt den Plot bestimmt. Die Ausgangslage beim Produktionsprozess eines Films ist eher dahingehend, dass der Plot durch seinen Grundkonflikt die Hauptfigur bestimmt. Der Drehbuchschreiber Blacker insistiert auf dem Primat des Plots im Film und definiert den Begriff "character" (welcher meiner Verwendung des Begriffs "Figur" entspricht) folgendermassen: "a representation of a person exhibiting certain personality traits selected for a dramatic purpose" (Blacker 35). Die Züge einer Figur, auch der Hauptfigur, werden also nach Blacker beim Schreiben eines Scripts durch deren Funktion im Plot bestimmt. Gleichzeitig muss die Hauptfigur aber auch eine psychologisch stimmige Figur sein. Diese beiden Anforderungen an die Hauptfigur können sich auch widersprechen, und insofern kann eine Hauptfigur auch den Plot bestimmen. Da es hier aber nicht um die Entstehungsgeschichte von Filmen geht, sondern um das fertige Werk, scheint es mir ohnehin angebracht von einer gegenseitigen Bedingung und Beeinflussung von Plot und Hauptfigur zu sprechen. Für diese Arbeit ist die Tatsache am wichtigsten, dass der Plot im Film hauptsächlich aus den Handlungen der Hauptfigur besteht, dass der Plot an ihr festgemacht ist.

Die Hauptfigur im klassischen Hollywood schafft aber nicht nur im Plot, sondern auch in der Figurenkonstellation Einheit. Der Protagonist ist oft die am besten ausgestaltete Figur und macht auch häufig als einziger eine grössere Entwicklung durch.[1] Alle anderen Figuren definieren sich durch ihre Beziehung zur Hauptfigur. Der Antagonist zum Beispiel, nach Blacker die zweitwichtigste Figur eines Films, definiert sich dadurch, dass er gegen die Hauptfigur agiert. Die meisten anderen Figuren eines klassischen Hollywoodfilms lassen sich dem Protagonisten oder dem Antagonisten zuordnen. Daraus ist zu schliessen, dass diese Filme eine zentripetale Figurenkonstellation haben.

2. Das Figurenmosaik in Short Cuts

In Robert Altmans Short Cuts gibt es keine einzelne Hauptfigur. Es stehen über 20 Figuren im Vordergrund - diese nenne ich Primärfiguren.[2] Keine dieser Figuren ist aber substantiell länger oder häufiger im Bild als alle anderen. Auch rangiert die Besetzung dieser Primärfiguren auf einem ähnlichen Starlevel - fast alle sind Actor-Stars, die 1993 vor allem durch Independent-Produktionen einen gewissen Bekanntheitsgrad erreicht hatten, zum Beispiel Andie MacDowell und Peter Gallagher mit Sex, Lies and Videotape.[3] Ausserdem schafft es der Film, alle Primärfiguren ähnlich rund zu charakterisieren.

Die Figurenkonstellation kann sich demnach nicht nach einem zentralen Charakter ausrichten, sie ist zentrifugal. In der Filmwissenschaft wird für diese Art von Konstellation oft der Begriff ´Figurenmosaik´ gebraucht. Der Begriff deutet an, dass Filme ohne Hauptfigur eine Strategie gegen die Zentrifugalität der ihrer Figurenkonstellation anwenden: Sie wollen die verschiedenen Figuren wie die Steinchen eines Mosaiks zu einem einheitlichen Bild zusammensetzen. Was die Figurenkonstellation zusammenhält, ist also die Verwebung der Figuren, die vielfältigen Verbindungen zwischen den Figuren.

Dasselbe gilt für den Plot von Filmen ohne Hauptfigur. Da der Träger des Konflikts fehlt, können diese Filme keinen Bogen von der Exposition über den Höhepunkt zur Lösung des Konflikts ziehen. Die einzelnen Sequenzen können auch nicht mit der Motivation der Hauptfigur verknüpft werden und drohen auseinanderzufallen. Dies gilt besonders für Short Cuts, da dieser Film ja unterschiedliche Kurzgeschichten von Raymond Carver zusammen mit eigenen Erfindungen der Drehbuchautoren zu einem Ganzen kombiniert.

[...]


[1] Blacker nennt die Entwicklung der Hauptfigur durch die Lösung des Grundkonflikts als Maxime. Ausserdem spricht er von drei obligatorischen Figuren für jedes Script: Protagonist, Antagonist und eine Figur, durch deren Aktionen auf den Höhepunkt der Handlung hingearbeitet werden kann. Diese Figuren sollten einen gut ausgestalteten Charakter haben, alle anderen Figuren können Typen bleiben (35-42).

[2] Die Definition von Primärfiguren, nämlich dass sie im Vordergrund einer oder mehrerer Handlungsstränge stehen, ist bewusst vage gehalten. Es gibt meiner Meinung nach keine klaren Abgrenzungen zu Figuren, die in der zweiten Reihe stehen. Mit anderen Worten: Würde man eine hierarchische Einteilung machen, hätte man lauter Zweifelsfälle. Es geht hier aber nicht darum, eine solche Hierarchie zu erstellen, was auch wenig sinnvoll wäre. Der Begriff Primärfigur soll hauptsächlich dazu dienen, das Wort Hauptfigur(en) bei dieser Konstellation zu vermeiden.

[3] Eine Ausnahme bildet hier Jack Lemmon als Paul Finnigan. Es ist aber fraglich, ob man ihn als Primärfigur bezeichnen kann, da er nur einen längeren Auftritt hat und nur in einer Storyline agiert. Diesen Auftritt, vor allem der lange Monolog im Spital (Script 84-86), kann man auch als eingeschobene Performance des Stars Lemmon sehen.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
"Short Cuts" - Strategien eines Films ohne Hauptfigur
Hochschule
Universität Zürich  (Filmwissenschaftliches Seminar)
Veranstaltung
Die Figur im Spielfilm
Note
1
Autor
Jahr
1997
Seiten
16
Katalognummer
V14775
ISBN (eBook)
9783638200837
ISBN (Buch)
9783640202690
Dateigröße
447 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Eine Analyse des Figuren-Netzwerks in Robert Altmans "Short Cuts". Wie erreicht er einen einheitlichen Film trotz divergierender Figuren und Plots? Eine Analyse des Figuren-Netzwerks in Robert Altmans "Short Cuts". Wie erreicht er einen einheitlichen Film trotz divergierender Figuren und Plots?
Schlagworte
Short, Cuts, Strategien, Films, Hauptfigur, Figur, Spielfilm
Arbeit zitieren
Mag. Markus Widmer (Autor), 1997, "Short Cuts" - Strategien eines Films ohne Hauptfigur, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/14775

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