Diese Arbeit soll am Beispiel von Robert Altmans Short Cuts die wichtigsten Probleme aufzeigen, die ein Film ohne Hauptfigur mit sich bringt und Strategien zur Lösung dieser Probleme in Short Cuts untersuchen. Als Vergleichsbasis soll dazu zuerst das gängige Modell des klassischen Hollywood dargestellt werden, also Filme mit Hauptfigur. In einem nächsten Schritt werde ich die Figurenkonstellation in Short Cuts diesem Modell gegenüberstellen und die Schwierigkeiten eines Films ohne Hauptfigur diskutieren. Der Hauptteil der Arbeit untersucht die Strategien, die Altman zur Lösung dieser Probleme anwendet. Dabei geht es hauptsächlich um Vereinheitlichung auf den Ebenen Zeit, Raum und Handlung. Die Einheit der Handlung wird, wie ich zeigen werde, hauptsächlich durch die Vernetzung der Figuren erreicht. Bei der Untersuchung dieses Figurenmosaiks werde ich zwei Arten von Verbindung unterscheiden: kohäsive und kohärente Verbindungen. Diese beiden Begriffe sind der Textlinguistik entnommen, es scheint mir aber sinnvoll zu sein, diese auch auf filmische Narration anzuwenden. Die beiden Begriffe sollen hier folgendermassen definiert sein: Kohäsion schafft Verbindung durch Wiederholung ähnlicher oder gleicher Elemente auf der Oberflächenstruktur. Beim schriftlichen Text wären dies Mittel wie Wortwiederholung, Synonyme oder Pronomen. Im Film sind wiederkehrende Figuren oder Orte kohäsive Elemente. Kohärenz schafft Verbindung durch Wiederholung ähnlicher Elemente in der Tiefenstruktur. Im Text wie im Film entspricht dies der wiederholten Referenz auf ein Thema, logischen Verknüpfungen und Kausalität.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Das klassische Modell mit Hauptfigur
2. Das Figurenmosaik in Short Cuts
3. Einheit von Zeit und Ort
4. Einheit der Handlung - Vernetzung der Figuren
Schluss
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Diese Arbeit analysiert am Beispiel des Films "Short Cuts" von Robert Altman, wie ein Werk ohne zentrale Hauptfigur eine kohärente Erzählstruktur aufbauen kann. Dabei wird untersucht, welche filmischen Strategien angewandt werden, um trotz der Abwesenheit eines klassischen Protagonisten Einheit in Zeit, Raum und Handlung zu erzeugen und die verschiedenen Handlungsstränge miteinander zu verknüpfen.
- Vergleich zwischen klassischem Hollywood-Modell und dem "Figurenmosaik"
- Anwendung textlinguistischer Begriffe wie Kohäsion und Kohärenz auf die filmische Narration
- Strategien zur Wahrung von Einheit in Zeit und Ort
- Komplexe Vernetzung von Primärfiguren als Ersatz für einen zentralen Handlungsträger
Auszug aus dem Buch
1. Das klassische Modell mit Hauptfigur
Im klassischen Hollywoodfilm dominiert die Hauptfigur den Plot und damit den Film, da der Film seinerseit den Plot ins Zentrum stellt. Der Held oder Antiheld (oft ist er männlich) ist die Figur, die am meisten und längsten auf der Leinwand präsent ist. Diese Präsenz ist meist auch qualitativ stärker als jene anderer Figuren, da sie meist mit einem Star besetzt ist. Die Hauptfigur sorgt also als wiederkehrendes Element für die Kohäsion der filmischen Erzählung.
Der Held schafft aber auch Kohärenz, indem der Grundkonflikt des Protagonisten gleichzeitig der Grundkonflikt des Filmplots ist. Dieser Grundkonflikt kann die verschiedensten Formen annehmen. So kann der Held vor einer bestimmten Aufgabe stehen, zum Beispiel Marty McFly in Back to the Future, der, wie der Titel schon sagt, zurück in die Zukunft kommen und vorher noch seine dortige Existenz sicherstellen muss. Oft muss der Held auch eine bestimmte Frage beantworten oder einem Zweifel nachgehen, wie die Protagonistin von Hitchcocks Suspicion, die glaubt, ihr Ehemann wolle sie umbringen. Auch die Beseitigung eines schweren Mangels oder das Durchlaufen einer persönlichen Krise sind wichtige, vielgesehene Grundkonflikte.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Vorstellung der Problemstellung, einen Film ohne Hauptfigur zu strukturieren, und Definition der methodischen Ansätze Kohäsion und Kohärenz.
1. Das klassische Modell mit Hauptfigur: Analyse der dominierenden Rolle des Protagonisten im klassischen Hollywood-Kino als Ankerpunkt für Plot und Zuschauerführung.
2. Das Figurenmosaik in Short Cuts: Erläuterung der zentrifugalen Struktur des Films, in der über 20 gleichwertige Primärfiguren ein Mosaik ohne zentralen Charakter bilden.
3. Einheit von Zeit und Ort: Untersuchung der filmischen Mittel, wie Schnitt, Fernseher-Einblendungen und Tonspuren, um trotz paralleler Handlungsstränge eine zeitliche und räumliche Einheit zu suggerieren.
4. Einheit der Handlung - Vernetzung der Figuren: Darstellung der komplexen Verknüpfung der Figuren durch kohäsive Handlungen und kohärente thematische Bezüge wie Tod, Sexualität und zwischenmenschliche Entfremdung.
Schluss: Zusammenfassung der Strategien Altmans, die durch technisches Handwerk ein einheitliches Sittenbild des Los Angeles der 90er Jahre erschaffen.
Schlüsselwörter
Short Cuts, Robert Altman, Filmtheorie, Hauptfigur, Figurenmosaik, Kohäsion, Kohärenz, Hollywood, Erzählstruktur, Handlungsstränge, Zeitverlauf, filmische Narration, Raymond Carver, Figurenkonstellation, Plot.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, wie ein Film, der auf eine klassische Hauptfigur verzichtet, dennoch eine in sich geschlossene und verständliche Erzählung aufbauen kann.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Mittelpunkt stehen die Begriffe Kohäsion und Kohärenz, die Anwendung der Aristotelischen Einheiten auf den Film sowie die Analyse filmischer Schnitt- und Montagetechniken.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, die spezifischen Strategien zu identifizieren, mit denen der Regisseur Robert Altman in "Short Cuts" Einheit in Raum, Zeit und Handlung trotz einer dezentralen Figurenstruktur herstellt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor wendet textlinguistische Konzepte auf filmische Narration an, um die Verbindungen zwischen verschiedenen Handlungssträngen systematisch zu erfassen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert, wie die verschiedenen Primärfiguren miteinander vernetzt werden, welche Rolle die parallele Erzählweise spielt und wie Themen wie Tod und Sexualität zur inhaltlichen Kohärenz beitragen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich am besten durch Begriffe wie Figurenmosaik, filmische Kohärenz, zentrifugale Struktur und die spezifische Erzählweise von Robert Altman charakterisieren.
Wie unterscheidet sich "Short Cuts" von klassischen Filmen bezüglich der Figuren?
Während klassische Filme eine zentripetale Struktur um einen Protagonisten besitzen, weist "Short Cuts" eine zentrifugale Struktur mit über 20 gleichwertigen Primärfiguren auf, die keinem zentralen Bogen folgen.
Welche Rolle spielt die Musik im Film laut der Analyse?
Musik und Lieder fungieren als verbindendes Element, das zeitliche Abläufe zwischen verschiedenen Szenen überbrückt und die thematische Stimmung des Films unterstreicht.
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- Mag. Markus Widmer (Author), 1997, "Short Cuts" - Strategien eines Films ohne Hauptfigur, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/14775