Zur Rollenübernahme von Kindern im Spiel

Welche Rollen werden von Kindern übernommen?


Seminararbeit, 2000

22 Seiten, Note: 1,2


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Zusammenfassung

Summary

1. Der Begriff 'Rolle'

2. Rollenspiel

3. Rollenspiel und Realitätsnähe

4. Role-taking

5. Rolleninterpretation

6. Rollenübernahme aus behavioristischer Perspektive

7. Rollenübernahme psychoanalytisch erklärt [Identifikation]

8. Identifikation und Massenmedien

9. Familiale Rollen

10. Geschlechterrolle

Literatur

Thema Nr.45

Welche Rollen werden von Kindern übernommen? Untersuchungen zur Popularität von Spielinhalten [TV-Serien, Masters u.a. Figuren aber auch von klassischen Rollen: Vater-Mutter-Kind usw]

Anmerkung: Da es für das Problem der Gleichbehandlung weiblicher und männlicher Formen von Substantiven, Adjektiven und Pronomen bis heute keine stilistisch und ökonomisch überzeugende Lösung gibt, wurde nach 'alter' Konvention - jedoch im vollen Bewußtsein um diese Problematik - jeweils die männliche Form gewählt.

Zusammenfassung

In der Sozialisation des Kindes stellt die Rollenübernahme ein überaus wichtiges Element dar, das durch mannigfaltige Einflüsse, wie Massenmedien oder soziales Umfeld beeinträchtigt werden kann. Mit dem Rollenspiel steht dem Kind hierbei ein wichtiges Instrument zur Verfügung, in dem es soziales Verhalten spielerisch üben und damit risikofrei bestimmte Sozialformen erproben kann. Und obgleich die Realitätsnähe gegenüber anderen Kommunikationsformen geringer ist, befähigen Rollenvorbilder - fiktiver oder realer Natur - das Kind, seine individuelle Position innerhalb der Gesellschaft einzunehmen. Das gilt natürlich auch für den kritischen Bereich der Geschlechterrolle, einem Bereich, wo in der Regel die meisten Probleme auftreten können.

Schlagworte

Behaviorismus | Familiale Rollen | Fiktive Rollenvorbilder | Geschlechterrolle | Identifikation | Kindertherapie | Massenmedien | May | Piaget | Psychoanalyse | Realitätsnähe | role-playing | role-taking | Rolle | Rolleninterpretation | Rollenspiel | Rollenvorgabe.

Summary

Role-taking is an important factor in socialization of the developing child, which can easily be disturbed by numerous influences, e.g. mass media or deficient social setting. However with the help of role-playing, the child has a valuable instrument that enables it to train social behavior without the risk of draw backs. And although role-playing does not stand in such a connection to reality as other forms of interaction, fictional or non-fictional role images and ideals later are able to help the child to take part in social life in an individual position. Of course this also has its importance in the critical field of sex role, where as a whole most of the developmental problems occur.

Key-words

behaviorism | family roles | fictional role-ideals | sex role | identification | child therapy | mass media | May | Piaget | psychoanalysis | role-playing | role-taking | role | interpretation of roles.

1. Der Begriff 'Rolle'

Die Rolle ist als Konzept oder Konstrukt zu verstehen und soll die geordneten Verhaltensmuster im menschlichen Zusammenleben erklären. Ohne soziale Rollen (oder Verhaltens-ordnungen) wäre das Leben in der Tat zu kompliziert und unberechenbar [vgl. Oerter, 1977, S.32].

Nach Piaget beginnt das Kind im Stadium des symbolischen und vorbegrifflichen Denkens - also bereits im Alter von 1;6 zwischen Symbol und dem damit symbolisierten Gegenstand zu unterscheiden. Damit wird das Sich-in-eine-Rolle-versetzen erst möglich [vgl. Kern, 1991,S.174; sowie Oerter, 1987, S.420].

Unter Rolle "…als Element des Interaktionsgefüges" [Enke, 1973, S.146] kann man ganz allgemein "…die strukturierte Gesamtheit aller Erwartungen verstehen, die sich auf die Aufgabe, das Benehmen, die Gesinnung, Werte und Wechselbeziehungen einer Person, die eine spezifische Gruppenposition innehat und in der Gruppe eine bestimmte Funktion (Tätigkeit, Aufgabe, Obliegenheit) erfüllen muß" [Sbandi, 1973; zit.n. Kern, 1991, S.266]. Soziale Rollen werden also als das Verhalten verstanden, das man von einem Individuum in einer Position erwartet. Dieses erwartete Verhalten wird durch soziale Normen weitgehend vorgeschrieben. Durch die Erfüllung dieser Erwartungen und die aktive Übernahme spezifischer Rollen erhält das Individuum eine bestimmte Position im sozialen Beziehungssystem. Durch Positionen werden Personen aufgrund sozial relevanter und anerkannter Merkmale kategorisiert, was soziales Handeln vereinfacht. Dabei hängen die von jedem einzelnen übernommenen Rollen mit familieninternen, sozialen und kulturellen Bedingungen zusammen [vgl. Kern, 1991, S.266].

Fast jede Rolle besitzt - quasi zur äußeren Kennzeichnung - gewisse "Insignien", bezeichnet als Rollenvorgabe [zB der weiße Mantel des Arztes, die Pfeife des alten Mannes (?!)]. Und gerade diese Rollenvorgaben werden vom Kind schon früh erkannt, früher als beispielsweise die eigentliche Rollenfunktion [vgl. Benesch, 1987, S.307]. Und obwohl im Rollenbegriff eindeutig eine gewisse Generalisierung steckt, bleiben doch erhebliche Freiräume für individuelle Auffassungen - also eigene Rollenkonzepte.

Rollen sind ein wichtiger Bestandteil der sozialen Identität [i.e. soziales Selbst, looking-glass-self (letzteres deshalb, weil sich der Mensch in diesem Selbst gleichsam durch die Brille der anderen sieht)]. Soziale Identität als Widerspiegelung der Bezugsgruppenzugehörigkeit des Menschen entsteht nämlich einerseits in der Bewußtmachung [Vergegenwärtigung], daß wir von anderen wahrgenommen werden [inklusive ihrer Urteile über uns] und andererseits durch ein 'Selbst-Bewußtsein' als Reaktion auf diese Urteile der Umwelt.

2. Rollenspiel

Unter Rollenspiel [i.e. soziodramatisches Spiel ] versteht man eine kurzfristige, freiwillig akzeptierte und probeweise Übernahme einer Rolle, ohne daß die zugeordnete Position tatsächlich eingenommen worden ist. Im Rollenspiel ist es möglich, andere Verhaltensweisen wiederzuentdecken, neu zu erlernen oder auch zu verlernen. "Es gewährleistet über kürzere oder längere Zeit die Aufrechterhaltung koordinierten gemeinsamen Handelns" [Oerter, 1987, S.218] und steht in der Chronologie der kindlichen Entwicklung zwischen dem Symbol- oder Fiktionsspiel und dem späteren Regelspiel.

Wie im Abschnitt 4 ausgeführt, beginnen die Kinder im Alter von etwa 4;0 bis 5;0 mit der Rollenübernahme, dem role-taking, was sich natürlich auch im Spiel ausdrückt. Während die Kinder im zweiten und dritten Lebensjahr noch meistens allein oder 'nebeneinander' spielen [Parallelspiel], spielen sie mit zunehmendem Alter mehr und mehr zusammen. Dabei steht zu Beginn das sogenannte assoziierte Spielen im Vordergrund [zB miteinander Ball spielen,…]; erst später folgt das kooperative Spiel mit organisierter Spielhandlung und konkreter Rollenverteilung [zB Familie spielen, Szenische Rollenspiele,…]. Das Kind kann sich in einer Rolle besonders akzentuiert darstellen, es wird zu einer großen mächtigen Person oder zu einem begehrten Partner [zB Vater, Mutter, TV-Serienfigur, Romangestalt,…].

Unbewußtes Motiv für die Rollenübernahme ist vielfach die dann erhöhte Selbstdurchsetzung des Kindes bei Gleichaltrigen. Denn in der Rolle kann es besser seine Ansprüche durchsetzen als in der direkten Kontaktnahme, weil ihm die Rolle ein Recht verleiht; das Recht, mächtig zu sein, oder bewundert zu werden,… Schäfer [1989, S.87] nennt hierzu ein Beispiel: "Rocker kommen in eine Kneipe, tyrannisieren die Gäste, schlagen den Wirt zusammen, der sich weigert, ihnen Freibier zu geben, und drücken ihm ein glühendes Geldstück auf die Haut. Das ist kein Schauerstück aus der Zeitung, sondern Teil eines Spiels von fünf etwa 12-jährigen Kindern. Es ist anzunehmen, daß die Kinder ihr Vorbild zu diesem Spiel aus den Medien gewonnen haben." - Anmerkend soll hinzugefügt werden, daß in diesem Alter ein zusätzlicher Aspekt das Verhalten der Jugendlichen beeinflußt, nämlich der der Profilierung gegen die Norm.

2.1. Rollenspiel und Massenmedien

Auch die Massenmedien machen sich das Bedürfnis des Kindes nach Omnipotenz und Begehrlichkeit zunutze; als Beispiel möge die Sendung 'RTL-Mini-Playback-Show' dienen, in der Kinder zwischen drei und zehn Jahren Popstars nachahmen. Diese Sendung stieß auf derart breite Resonanz in der Öffentlichkeit, daß das Konzept vielerorts, zB in Schulen oder Kindergärten, kritiklos übernommen wurde. Vom Prinzip her ist auch diese Sendung eine Form des Rollenspiels mit den oben angeführten Zielen. Untersuchungen warnen jedoch, daß die Show auch negative Auswirkungen auf die Persönlichkeitsentwicklung des Kindes haben kann. Den Kindern würden demnach dressurhaft Klischees ankonditioniert, die einen konstruktiven Aufbau des kindlichen Selbstwertgefühls verhindern [vgl. Wabersky, 1994, S.155f.].

Als positives Beispiel wird in der Literatur immer wieder die populäre TV-Serie ‘Sesame Street’ gerühmt, bei der die Kinder zu aktiven Rezipienten werden und nachgewiesenermaßen zu anderen Aktivitäten animiert werden, wie zB das Nachahmen verbaler Handlungen oder körperlicher Bewegungen, die in der Show vorkommen. Natürlich kommt es da auch zu Identifikationsreaktionen und Rollenübernahmen.

‘Sesame Street’ basiert auf fundamentalen psychologischen Erkenntnissen [vgl. Greenfield, 1987, S.28ff]: Neben spezifischen gestalterischen Elemente ist es vor allem das Piagetsche Prinzip des Wissenserwerbs, welches hier Verwendung findet: Um Neues zu lernen, muß man es mit etwas schon Bekanntem, Vertrautem in Zusammenhang bringen können. Auch behavioristische Einflüsse, wie das Maß an Lernwiederholungen fanden Eingang. - Mit all diesen Elementen gelingt die Umwandlung des Fernsehens von einem passiven zu einem aktiven Medium. Nicht unerwähnt sollte aber bleiben, daß Medien wie das Fernsehen lediglich den Anstoß geben können für Aktivität ‘jenseits’ der Sendung; von eminenter Bedeutung sind aber zusätzliche situative Faktoren, wie etwa die Interaktion Eltern-Kind.

2.2. KurzExkurs: Fiktive Rollenvorbilder in Romanen - am Beispiel der PhantasieFiguren Karl Mays

Im Folgenden soll - gleichsam in Opposition zum Fernsehen - kurz anhand eines populären Autors der Vorgang der Rollenübernahme in Büchern beleuchtet werden. Den Ausgangspunkt der Betrachtugnen bildet dieses Zitat: "Bei Büchern erkennen Kinder schneller den fiktiven Charakter als beim Fernsehen. Anscheinend erleichtert …[das Geschriebene]…den Kindern die Unterscheidung zwischen den Inhalten der ‘Druck-Sachen’ und der wirklichen Welt. Deshalb ist das Fernsehen mit seiner immer wiederkehrenden, kontinuierlichen Präsentation von ‘live-action’, von Wirklichkeitssuggestion also […] ein weitaus verführerisches Medium, um Phantasie in Wirklichkeit zu transformieren“ [Greenfield, 1987, S.51].

Ganz allgemein läßt sich hier entgegenhalten, daß Bücher als inter aktives Medium eine ungleich eingehendere Beschäftigung verlangen, als dies beim TV oder Kinofilm der Fall ist; man kann nicht passiv lesen. Schon allein deshalb ist der Bezug ein viel stärkerer.

Im speziellen erleichtert die Konstellation in den Romanen Mays bzw das biographische Umfeld des Autors die Identifikation mit den Romanfiguren ungemein [zur Identifikation vgl. ® Abschnitt 7] Zum Einen ist da der didaktisch-geniale Trick des Ich-Erzählers, der sich in den verbreitetsten seiner Nordamerika- und Orient-Romane findet. Durch ihn muß der Leser nicht lange 'umtransponieren', er kann das Gelesene ohne Umschweife aufnehmen und befindet sich stets im Mittelpunkt des Geschehens. Zum anderen existiert die durch May selbst geschaffene und zeitlebens über Jahrzehnte gelebt Aura des Tatsächlich-Erlebten, das sich auch in der Bezeichnung 'Reiseerzählung' ausdrückt.

Zugegeben spielt dieser Aspekt in der Rezeption des heutigen jugendlichen Publikums nur mehr eine geringe Rolle, zu verbreitet ist das Wissen um das Fiktive in Mays Werk; unweigerlich jedoch taucht früher oder später wohl auch heute noch der Leser in die 'Schein-Realität' ein. Zur Erläuterung und Ergänzung ein Beispiel einer Leser in: "Selbstverständlich habe ich mich seinerzeit lesend identifiziert - mit Old Shatterhand oder Kara Ben Nemsi. Nicht (nur), weil die dramaturgische Autokratie des Ich-Erzählers keine Alternative gestattet, nicht (nur), weil Frauengestalten in den 'Reiserzählungen' dünn gesät sind, sondern weil ich selbst in jener Zeit kein besonderes Bedürfnis fühlte, weiblich zu sein" [Sichtermann, 1987, S.64]. Die Autorin hat hier sehr schön erkannt, was Noble [1975] schon Jahre zuvor postulierte: "Kinder neigen im Allgemeinen dazu, sich mit phantastischen Figuren zu identifizieren [zB SuperMan] und realistische wiederzuerkennen."

Die Betonung Leser in geschah nicht zufällig: Sind doch weibliche Leser bei Karl May eindeutig in der Minderzahl. Dies war nicht immer so; denn in den Zeiten der großen Kolportageromane schuf sich May mit schwülstig-grotesk-dramatischen Fortsetzungsromanen ein überwiegend weibliches (erwachsenes!) Klientel, das er später auch für seine Reiseerzählungen gewinnen konnte. Erst das Shiften hin zum Jugendschriftsteller - was an sich erstaunlich ist, denn May ist ein Autor, in dessen Büchern es keine Kinder gibt - erst diese 'Verjüngung' des Publikums machte ihn zum Autor der Jungen. Dazu eine Parallele aus heutiger Zeit, das dieses Phänomen jedoch nur teilweise erklärt: In Untersuchungen mit Computerspielen konnte gezeigt werden, daß durch Hinzufügen einer aggressiven Phantasie zu einer Version ohne bestimmtem Inhalt deren Beliebtheit bei den Jungen zu-, bei den Mädchen jedoch abnahm. Die aggressive Phantasie erwies sich also als attraktiv für die Jungen und demotivierend für das Mädchen [vgl. Malone, 1980]. Und Aggression kommt bei May oft vor; denn sie ist letztendlich die Voraussetzung für Großmut, Versöhnung,… - alles zentrale Themen in seinen Werken.

[...]

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Zur Rollenübernahme von Kindern im Spiel
Untertitel
Welche Rollen werden von Kindern übernommen?
Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck  (Institut für Psychologie)
Veranstaltung
Behandlung von psych. Störungen im Kindes- und Jugendalter (VO)
Note
1,2
Autor
Jahr
2000
Seiten
22
Katalognummer
V147790
ISBN (eBook)
9783640577026
ISBN (Buch)
9783640576531
Dateigröße
698 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Behaviorismus, Familiale Rollen, Fiktive Rollenvorbilder, Geschlechterrolle, Identifikation, Kindertherapie, Massenmedien, Psychoanalyse, Realitätsnähe, Rolle, Rolleninterpretation, Rollenspiel, Rollenvorgabe., behaviorism, family roles, fictional role-ideals, sex role, identification, child therapy, mass media
Arbeit zitieren
Mag. Arno Krause (Autor:in), 2000, Zur Rollenübernahme von Kindern im Spiel, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/147790

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