Zu den Liebeskonzepten in Hoffmannswaldaus „So soll der purpur deiner Lippen“ und Königsmarcks „Die drey Töchter Cecrops“

Erotische Dichtung im Barock


Hausarbeit (Hauptseminar), 1999

28 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

INHALT

Einleitung

1. Hintergrund zur erotisch-galanten Dichtung

2. Elemente galanter Dichtung

3. „So soll der purpur deiner lippen“

4. Poesie und Liebe in der Sicht der Frau um 1700

5. Maria Aurora von Königsmarcks Oper „Die drey Töchter Cecrops“
5.1 Der Prolog
5.2 Der Hauptteil

Literaturverzeichnis

Einleitung

Galante Literatur der frühen Neuzeit handelt von Erotik, Liebe, Frauen und Männern und dem Verhältnis der beiden Geschlechter zur Gesellschaft und zueinander. Art der Darstellung, Hervorhebung und Auswahl dieser galanten Themen unterscheiden sich aber erheblich zwischen Werken männlicher und weiblicher Autoren.

Es gibt zahlreiche Gedichte männlicher Autoren, die explizit erotische Themen und Bilder behandeln. Sucht man nach äquivalenten Gedichten weiblicher Autorinnen zu denen ihrer männlichen Kollegen, so stellt man fest, daß selbst die als galant aufgeführten Dichterinnen in z.B. Georg Christian Lehms: Teutschlands Galante Poetinnen sich thematisch überwiegend mit religiösen Themen beschäftigen. Es existiert also wesentlich weniger weibliche galante Lyrik im Sinne von erotischer Lyrik als männliche, was den Vergleich innerhalb der Gattung Lyrik erschwert.

Die zeitgenössischen Liebeskonzepte des Barock von galanten Dichtern und Dichterinnen sollen darum hier auch anhand der Textbeispiele von Christian Hoffmann von Hoffmannswaldaus Gedichts „So soll der purpur deiner Lippen“ und dem Singspiel „Die drey Töchter Cecrops“ von Maria Aurora von Königsmarck dargestellt werden.

Beide Autoren gelten als populäre Vertreter galanter Literatur: Hoffmannswaldau ist besonders durch seine erotisch-galanten Gedichte bekannt geworden und Königsmarck wurde von Lehms ein ganzes Lexikon über galante Poetinnen gewidmet.

1. Hintergrund zur erotisch-galanten Dichtung

Vom heutigen Standpunkt aus mag die Liebesdichtung der frühen Neuzeit uns in ihrer Eindeutigkeit und Unmißverständlichkeit im Umgang mit erotischen Themen verwundern, gerade, wenn man bedenkt, daß derzeit außerehelicher, vorehelicher und sogar ehelicher Verkehr, falls nicht allein zur Fortpflanzung, sondern des Lustgewinns wegen, als Todsünde galten, was sich erst gegen Ende des 17. und Anfang des 18. Jahrhunderts mit Aufwertung der Ehe, als berechtigter Rahmen, den Trieb zu befriedigen, änderte. Eben diese Betonung der Sinnlichkeit und Wollust in den erotischen Gedichten der barocken Zeit erscheint vor diesem Hintergrund widersprüchlich und erklärungsbedürftig.

Galante Dichtung kursierte vorwiegend in den Kreisen adeliger und höfischer Gesellschaften, d.h. in einer relativ abgeschlossenen Welt eines gelehrten Publikums aus Männern und Frauen.

[N]eben dem angenehmen und geistreichen Plaudern, der ironischen Anspielung und der bissigen Satire [gehörte] auch das Vortragen von Gedichten, insbesondere von Liebes- oder erotischen Gedichten, letzteres auch als Folge der „ernsten oder spielerischen Spannungen zwischen den Geschlechtern, die sich aus ihrem Zusammensein ergaben“[1]

In Geselligkeit und zu bestimmten Anlässen vorgetragene Gedichte wurden auch ausgetauscht. Nach Ketelsen konnte man so auf öffentliche Druckverfahren zumeist gut verzichten, denn die Verbreitung fand vorwiegend über den geselligen Austausch handschriftlicher Abschriften statt. Damit einher ging der (gewollte) Ausschluß der breiten Öffentlichkeit durch die weitgehend geschlossene höfische Gesellschaft, die auf diese Art und Weise die Rezeption begrenzen und bestimmen konnte. Durch die Verbreitung über Druck und Verlag wurde galante Literatur einem breiteren und zugleich auch bürgerlicheren Publikum zugänglich und damit auch anderen Bewertungs- und Kritikmaßstäben als den höfischen. Nach Schubert hat wohl auch Hoffmannswaldau aus Bedenken gegenüber veränderten Kritikbedingungen von einer Veröffentlichung seiner „Lust-Getichte“ abgesehen, zumal sie auch schon Verbreitung über die höfisch-gesellschaftlichen Wege gefunden hatten.

In der mehr oder minder exklusiven Gesellschaft um 1700 war das Begehren noch artikulierbar und in zumeist geistreich-pointierten Darstellungen verbreitetes literarisches Thema. Vielfach werden der erotischen Dichtung in der Forschung denn auch emanzipatorische Aspekte zugeschrieben, da diese im Gegensatz zu den gesellschaftlich und kirchlichen Normen offene, freizügige und lustbetonte Sexualität darstellte. Einschränkend zu den unterstellten emanzipatorischen Ansätzen muß jedoch erwähnt werden, daß derartige Literatur gerade wegen ihrer Inhalte offenbar gewisser Legitimation bedurfte: die Liebesdichtung wurde der Tradition der Antike unterstellt und bezog sich durch Verwendung allerlei Verweise und Anspielungen z.B. auf Ovid und andere römische Dichter, womit man sich einerseits auf die Fortführung der bereits seit der Antike bestehenden Literatur berufen konnte. Andererseits bot dieser Bezugsrahmen den Raum für Liebesideale, die von frei bestimmten, nur durch gegenseitige Anziehung der Geschlechter begründeten und nicht durch Gesellschaft, Kirche und Moral diktierten, Beziehungen sprach. Durch die Einbettung in nicht zeitgenössische Schauplätze und Figuren erhielten solche freizügigen Liebesideale fiktiven Charakter, der zum einen entscheidend war für deren literarische Legitimation, zum andern veranschaulichte, daß das Ideal freier Liebe und Erotik anscheinend nur als Fiktion oder außerhalb der Gesellschaft funktionierte und damit ein Inseldasein zugewiesen bekam.

War der antike Rahmen ein Mittel, erotische Sachverhalte als literarisches Spiel mit tradierten Motiven als Fiktion jenseits der Lebenswirklichkeit zu beschreiben, so lag in ihm gleichzeitig ein anderes Problem begründet: Motive und Themen der Antike galten als heidnisch und standen damit im Widerspruch zu den christlichen Ansichten und Weltanschauungen.

Die erotische Lyrik mußte also, um gesellschaftlich akzeptabel zu bleiben, die seit der Antike vorgegebene Form beibehalten. [...] Hatte bisher die antikische Fiktion als das Feigenblatt gelten können, das die erotische Literatur überhaupt gesellschaftlich möglich machte, wurde jetzt im Zeitalter der Konfessionen und ihrer wechselseitigen Abgrenzungsversuche grundlegend die Frage nach der Berechtigung der antiken Tradition als solcher gestellt.[2]

Trotz aller Akzeptanzhürden nahm erotische Literatur einen oppositionellen Standpunkt zum gesellschaftlichen Zeitgeist ein, auch wenn der emanzipatorische Aspekt als ein eingeschränkter anzusehen ist.

2. Elemente galanter Dichtung

Die Grundkonstellation galanter Gedichte besteht zumeist aus einem männlichen lyrischen Ich, das versucht seine Geliebte zu verführen, was keine leichte Aufgabe ist und einiger Argumentations- und Überredungskunst bedarf. Um ans Ziel seiner Wünsche zu gelangen, lobpreist er die Schönheit und Jugendlichkeit seiner Geliebten, gibt deren Vergänglichkeit zu bedenken, verweist auf die Natürlichkeit und gottgegebene Geschlechtlichkeit und den Geschlechtstrieb, sowie auf die zum Gebrauch bestimmten Geschlechtsorgane. Die lustvollen und genußbringenden Seiten der Sexualität werden betont und nicht selten wird auf die therapeutische Wirkung und Funktion des Beischlafes hingewiesen.

Während in der petrarkistischen Literatur meist Klagen über unerfüllte, unglückliche Liebe, Sehnsucht und Versagung weit mehr als deren Erfüllung im Vordergrund stehen, dominieren in der galanten Dichtung Leidenschaft und auf Erfüllung angelegtes Begehren. Auch die Distanz zwischen den Liebenden ist weitestgehend aufgehoben, die in der petrarkistischen Lyrik durch Pretiosen der Geliebten, also Liebespfänder wie Kettchen, Ringe, Haarnadeln etc., überwunden werden soll. Geliebter und Geliebte sind beide gegenwärtig und die Kostbarkeiten und Kleinode finden Entsprechung in den Geliebten selbst füreinander und den einzelnen Körperteilen der Frau:

Die Pretiosen der Geliebten [...] sind nicht mehr, oder nur noch selten, solche Akzidenzien wie Schmuck oder ähnliches, sondern der Körper oder einzelne Körperteile der Geliebten selbst: ihre vielbesungenen Korallen(roten)lippen, ihr angebeteter Marmel (=Mar-mor)busen, ihr verehrter Alabasterleib, ihr rubinbesetztes „Liliental“.[3]

Diese Vorzüge der Geliebten werden in zahlreichen ähnlichen Bildern und Motiven in fast allen galanten Gedichten auf die eine oder andere Art beschrieben und immer wieder neu kombiniert. Ebenso verläuft die Verführung nach einem wiederkehrenden Schema, das zwar auch abgeändert und angepaßt, aber dennoch darauf zurückgeführt werden kann. Die einzelnen Liebeshandlungen folgen dabei den fünf Stufen der „Quinque lineae“: vom (An)Blick (visus) zur Anrede (allocutio) über die Berührung (tactus) und den Kuß (osculum) zur sexuellen Vereinigung (coitus).

Die vorwiegend verwendete Ich-Form läßt sich in der erotischen Dichtung des Barocks nicht als Ausdruck tatsächlicher Erlebnisse des Autors auffassen, auch wenn es durchaus biographische Bezüge geben mag. Galante Lyrik versteht sich auch als Formspiel, bei dem es darum geht, bekannte Themen und Motive in immer neuen Kombinationen geschickt und scharfsinnig auf eine Pointe hin zuzuspitzen.

[...]


[1] Blinn: Begehren und Erfüllung. S.108

[2] Schubert: Auf der Suche nach der menschlichen Natur. S. 425f

[3] Blinn: Begehren und Erfüllung. S. 111

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Zu den Liebeskonzepten in Hoffmannswaldaus „So soll der purpur deiner Lippen“ und Königsmarcks „Die drey Töchter Cecrops“
Untertitel
Erotische Dichtung im Barock
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen  (Neuere deutsche Literatur)
Veranstaltung
"Teuschlands galante Poetinnen", Galante Lyrik und Geschlechterdifferenz
Note
2,0
Autor
Jahr
1999
Seiten
28
Katalognummer
V147887
ISBN (eBook)
9783640577392
ISBN (Buch)
9783640577200
Dateigröße
476 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Galanterie, Teutschlands Poetinnen, Galante Lyrik, Erotische Dichtung im Barock, Hoffmansswaldau, Maria Aurora von Königsmarck, Liebeskonzept im Barock, Poesie im Barock, Dichtung um 1700, Geschlechterdifferenz im Barock, "So soll der Purpur deiner lippen", "Die drei Töchter Cecrops"
Arbeit zitieren
Magistra Artium Alice Männl (Autor), 1999, Zu den Liebeskonzepten in Hoffmannswaldaus „So soll der purpur deiner Lippen“ und Königsmarcks „Die drey Töchter Cecrops“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/147887

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