Wer bin ich wo?

Versuch der Rekonstruktion der Mentalität und des Menschenbildes des Erzählenden in Juvenals dritter Satire


Essay, 2010
10 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

1. Einleitende Uberlegung:

„Nun ist uber euch alle die Stunde des Todes verhanget!“ Odysseus

In Juvenals dritter Satire stellt der Dichter im Namen des „Umbricius“ Uberlegungen zu Rom an. Das ist sehr euphemistisch ausgedruckt. Umbricius ist ein armlicher Kerl, arm in jeder materiellen Hinsicht, von der Stadt ausgespieen, die er aus unzahligen, in der Satire geschilderten Grunden, verlassen wird. Wieso sollte er das tun? Diese Frage stellt sich naturlich auch der Leser, wahrscheinlich ist es sogar eine der ersten Fragen auf die Lekture. Die Uberlegungen des Umbricius veranlassen, zu reflektieren. Er selbst weiB genau, weshalb er gehen wird. Diese Darstellung an bereits erfolgten Uberlegungen bilden den eigentlichen Reiz der Satire, denn uber das, was betrachtet wird, ergeben sich Moglichkeiten, vorsichtige Ruckschlusse und ebensolche Folgerungen aus der Darstellung Juvenals zu ziehen; Ruckschlusse auf die, trotz aller satirischen Kunst, beschriebene romische Mentalitat im Hintergrund der Schilderung - das „Menschen-Bild“, uberzeichnet und ubertrieben, verspottet und stereotyp; Ruckschlusse auf die Mentalitat im Vordergrund, die des Dichters namlich, durch dessen Augen dem Leser in aller Deutlichkeit geschildert wird, was diesen drastischen Schritt - den Auszug des Umbricius aus der Stadt - angeblich erzwingt; und schlieBlich erlaubt diese Form der Analyse dem Untersuchenden Folgerungen uber eine Verschmelzung von „Mentalitat Mensch“ und „Mentalitat Umbricius“, um nachzuweisen, dass sich beide Mentalitaten aus nur einer herleiten - der des Dichters; was aber nicht weiter von Belang ware, wenn nicht von dieser Mentalitats-Synthese aus versucht wurde, eine Art Sozialisationsmuster bzw. besser: Den Habitus des Dichters zu rekonstruieren - die vermittelnde Haltung zwischen dem Dichter als solchem und seinem Menschenbild. Das Signifikat der Gesamtheit der Signifikanten, die die dritte (und die restlichen) Satire(n) bilden. Im zweitvorderen Satz kennzeichnet diesen Habitus das „und“. Dieser Habitus ist sich selbst haufig zuerst unbekannt, allgemein gesagt: Er ist abhangig vom Grad des Bewusstseins des „Dichters“. „Wer bin ich wo“, fragt er anfangs, unbefangen. Freilich ist anzunehmen, dass ein Dichter der Qualitat Juvenals sein Werk nicht nur in qualitativer, sondern auch in bewusster Hinsicht gepruft hat; sofern notig. Allgemein: Damit, durch die bewusste Prufung, lichtet der „Dichter“ sein eigenes Geheimnis bzw. ist er sich dessen bewusst: Kann er es als Geheimnis im Text tarnen, verbergen. Das Bewusstsein Juvenals funktioniert damit in doppelter Hinsicht: Damit sichert er umgekehrt die Qualitat, wahrend er ein anderes Geheimnis aufdeckt, und bzw. oder, je nach Vermogen und Intention, das eigene tarnt. Er wird aber immer der Einzige sein, dem dieser Habitus zwischen den Mentalitats-Fronten halbwegs bewusst ist. Man kann jetzt sagen, dass das alles klingt wie eine Unterstellung. Aber das ist keine Unterstellung, und wenn, dann eine von Juvenal selbst und dann ist der andere Name (einer von vielen) fur den Habitus, den man entdecken kann, der: „Juvenals Unterstellung“. Man konnte diesen Habitus, dieses „und“, auch als das apostrophieren: „Was zwischen den Zeilen klingt und steht.“

Diese Untersuchung wagt also den Klarungsversuch eines Habitus ohne Anspruch auf Vollstandigkeit und ohne sich absichtlich in die allzu staubigen Tiefen der spekulativen Psychologie vorzuwagen. Als Beleg dieses Habitus soll der Text, die dritte Satire dienen. Aufgrund des geringen Umfangs der Untersuchung, betrachten wir die analysierte Satire (in Bezug zu den „restlichen“ Satiren) als maBgeblich exemplarisch, eine dichtere Untersuchung steht aber damit noch aus.

2. Was ich sehe, ist...

„Wenn fUr ehrliche Tdtigkeit in Rom kein Platz mehr ist, wenn harte Anstrengung ohne Ertrag bleibt, wenn mein Vermogen heute geringer ist als gestern und morgen sich der geringe Rest durch neue Ausgaben weiter aufreibt, so nehme ich mir vor, dorthin zu ziehen, wo Daedalus ermUdet seine FlUgel ablegte, solange mein graues Haar noch neu, mein Alter erst im Beginn und noch ungebeugt ist; solange Lachesis noch etwas zum Fortspinnen hat und ich noch auf eigenen FUfien laufen kann, ohne mich mit der Rechten auf einen KrUckstock stUtzen zu mUssen.[1]“ Dieser vorwurfsvolle, aber prinzipiell doch unaufgeregt klingende Rundumschlag offenbart erst auf den zweiten Blick relative Vollstandigkeit in Bezug auf die gesamte dritte Satire. Er birgt Folgendes: 1. Die Erkenntnis: Weggang. 2. Arbeit, bei der man ehrlich bleiben kann, ist nicht mehr gefragt. 3. Anstrengung lohnt sich nicht, der Ertrag bleibt aus und verzehrt sich. 4. Die (Lebenshaltungs-)Kosten bzw. der Verzehr steigert sich „rasend“. 5. Das alles akkumuliert in der „Notigung der Grunde“, Rom zu verlassen, bevor Alter oder Krankheit den Fortgang versagen.

Zu 1.: Der Hinweis auf Daedalus erscheint in mehrfacher Hinsicht interessant: Erstens verurteilt Umbricius in den Versen 65f. die romische Praxis der Nachafferei der Kultur der Griechen, wie auch die Griechen und deren Kultur im Kern selbst ;[2] andererseits dient ihm gerade Daedalus griechisch-mythologisches Vorbild: Umbricius wird das „Labyrinth“ der Stadt aus eigener Kraft verlassen; wie das Vorbild ins Exil. Daedalus starb dem Mythos folgend nach der Flucht aus dem Labyrinth in Sizilien, nicht in Cumae, das nordwestlich von Neapel liegt, also noch in der italienischen Region Kampanien. Wobei Cumae wiederum von Griechen (Kolonisten) aus Chalkis und Eretria gegrundet wurde. Woruber also spottet Umbricius? Uber die Griechen und deren Kultur, wo er sich doch daran macht, den Ursprungen der Kultur und damit dem Griechentum uberhaupt naher zu sein, als hier in Rom? Wo, ganz nebenbei, die Satire selbst eine Erfindung der Griechen ist? Er spottet uber die Romer, die die Griechen und deren Kultur auf schabigste Art und Weise nachaffen, sich selbst in jeder kulturellen und sozialen Hinsicht zu Pseudo- Griechen transformieren [3] ; woruber sie einmal vergessen, was der Unterschied ist, zwischen Integration bzw. Assimilation durch die herrschende Macht; woruber sie sich umgekehrt also eher selbst in die griechische Kultur assimilieren und damit zum segmentaren Bestandteil der griechischen Kultur werden, die sie wiederum selbst machtvoll vereinnahmt zu haben glauben. Das perfekte Paradoxon: Damit andert sich die soziale und kulturelle Kodifizierung des romischen Raumes, der Stadt Rom und ihrer Wahrnehmung nach auBen und, nicht zu vergessen, die politischen Verhaltnisse. Die standigen politischen Unruhen, die sich, bis auf wenige, zeit-raumliche Ausnahmen, wie ein roter Faden bis zum Niedergang des romischen Reiches im funften Jahrhundert durch die Historie Roms ziehen, erscheinen insofern als Effekt einer Pseudo-Graezisierung. Das mag ubertrieben klingen, doch wurde durch eine vollige Ablehnung dieser Interpretation ebenso ubertrieben bzw. unterschlagen, dass die Reziprozitat, die sich zwangslaufig aus der Kulturverschmelzung innerhalb des Reiches ergab, nachweislich zu einer komplexen Veranderung des Reiches auf politischer, okonomischer, sozialer wie kultureller Ebene gefuhrt hat: Zur Veranderung der entsprechenden gesellschaftlichen Codes und deren Praxis - des Habitus. Umbricius beschreibt den Ubergang: Der Romer in der Hauptstadt wird zu einem Zwitterwesen, einem impotenten Hybriden, zusammengesetzt aus den leidenschaftslos und vergessenen Bestandteilen des romischen Habitus, teilweise, aber offensichtlich uberwiegend ersetzt bzw. kastriert durch den pseudo-assimilierten griechischen. In der Praxis bedeutet das eine Art „Verfall“ der romischen Sitten nach griechischem Kultur-Muster. Diese besondere Art des „Verfalls“ ist es, die Umbricius vorausschauend kritisiert.

Zu 2.: Ehrliche Arbeit ist nicht mehr gefragt. Welche Arbeit dann? Und was ist unehrliche Arbeit? In Bezug auf die Gesamtsituation Roms, spielt Umbricius auf einen wiederum komplexen Sachverhalt an. Der sich standig neu formierende romische Kulturraum seinerzeit fuBt in Bezug auf die Lebensnotwendigkeiten im Wesentlichen auf Importen; Steuerimporten, Warenimporten (Lebensmittel, Kunst, Technik, Soldaten, Literatur, Sklaven usf.). Und auf Kriegen. Krieg im Osten, die Parther rufen, Krieg im Norden, die Germanen sind ewig unruhig. Aus den ehemaligen romischen Bauern sind einerseits uber die Jahrhunderte Berufssoldaten geworden, andererseits rekrutiert sich der Kaiser, der herrschende Adel - die Aristokratie Roms aus den wenigen, althergekommenen Familien. Beide Fraktionen werden weniger: Die einst vielen Geringen, die einst wenigen Machtigen. Bauern, Senatoren, Kaiser, Ritter - „romische Originale“, sie verschwinden, sie losen sich im neuen Codex auf. Was bleibt da an Arbeit? Vor allem ehrlicher?[4] Es bleibt, den Verhaltnissen angepasst, in fur „ursprunglich romische Verhaltnisse“ unmoralische und unethische - eben „griechische“ - Verhaltnisse „aufzusteigen“; zu spekulieren, zu betrugen, zu kopieren, zu verteuern, zu verspielen, zu schwatzen, zu protzen. Der kleine und der groBe Krieg. Die kleine und die groBe Politik: Alles nur erdenklich uneigen Romische. Das ist kein Raum, indem ein dem „klassischen“ Arbeitsethos aufgesessener Umbricius noch langer verweilen mochte. Es sind nicht mehr Romer, die Arbeit nach romischem MaB verrichten - fur Romer. Es ist ein grasslicher Pseudo-Graezismus: Ein metonymischer Stellvertreter für die gesamtkulturelle Veränderung Roms und seines Reiches.

[...]


[1] Juvenal, dritte Satire, Vers 19-30

[2] Vor allem Vers71f.: „Flink ist ihr Sinn, nichtwUrdig ihre Frechheit, schlagfertig ihre Rede, und ihr Wortschwall Ubertrifft Isaeus. “

[3] Juvenal, dritte Satire, Vers 55 - 125

[4] Juvenal, dritte Satire, Vers 126 - 169

Ende der Leseprobe aus 10 Seiten

Details

Titel
Wer bin ich wo?
Untertitel
Versuch der Rekonstruktion der Mentalität und des Menschenbildes des Erzählenden in Juvenals dritter Satire
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Fakultät I - Geschichte)
Veranstaltung
Quellen zur römischen Geschichte
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
10
Katalognummer
V147919
ISBN (eBook)
9783640591152
Dateigröße
396 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Keine Anmerkungen. Die Arbeit sei hervorragend gelungen.
Schlagworte
versuch, rekonstruktion, mentalität, menschenbildes, erzählenden, juvenals, satire
Arbeit zitieren
Michael Bolz (Autor), 2010, Wer bin ich wo?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/147919

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