Drehbuchliteratur gibt es mittlerweilen wie Sand am Meer. In einem Vergleich von vieren dieser Handbücher kam Ellermann zu dem Schluss, dass sie sich an „der ‚klassischen Erzählweise‘ des Hollywood-Kinos“ orientieren. Er kritisiert den dramaturgischen Aufbau in diesen Werken damit, dass sie sich alle an der geschlossenen Form des Dramas orientieren und somit die Möglichkeit einer offenen Form ausschließen.
Howard und Mabley gehen in ihrer Analyse des Films Rashomon davon aus, dass Rashomon wegen seines Verzichtes auf einen Protagonisten ohne die Kategorien Spannungsbogen, Höhepunkt und Auflösung auskommen muss.
Insofern bietet es sich gerade bei einem Film wie Rashomon, der seine Geschichte, oder Geschichten, mit wechselnden Protagonisten, auf mehreren Ebenen erzählt, zu untersuchen, ob er nicht doch eine 3-Akt-Struktur, wie Syd Field sie vorschlägt, aufweist.
In dieser Arbeit soll somit untersucht werden, ob und wie sich Rashomon in eine 3-Akt-Struktur einteilen lässt.
Dazu sollen zunächst die verschiedenen Plots des Filmes untersucht, in Sub- und Hauptplots unterteilt werden und deren Protagonisten, Ziele und Antagonisten identifiziert werden.
Anschließend soll anhand einer Methode Robert McKees untersucht werden, ob und wie stark Rashomon in das „Genre“ des Kunstfilms eingeordnet werden kann und welche Elemente der klassischen Struktur in ihm zu finden sind.
Bis schließlich die Erzählstruktur des Filmes Rashomon anhand von Syd Fields Terminologie untersucht werden wird und die Ergebnisse bewertet werden.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Narrationsanalyse
2.1 Erzählebenen und -perspektiven
2.1.1 Verzerrung
2.1.2 Hauptplot und Subplots
2.1.3 Protagonisten, Ziele und Antagonisten
2.2 McKees Story-Dreieck
2.2.1 offenes vs. geschlossenes Ende
2.2.2 äußerer vs. innerer Konflikt
2.2.3 einzelner vs. mehrere Protagonisten
2.2.4 aktiver vs. passiver Protagonist
2.2.5 lineare vs. nichtlineare Zeit
2.2.6 Kausalität vs. Koinzidenz
2.2.7 konsistente vs. inkonsistente Realität
2.2.8 Veränderung vs. Stillstand
2.2.9 Archeplot – Miniplot – Antiplot
2.3 Strukturanalyse nach Syd Fields Paradigma
2.3.1 1. Akt
2.3.2 2. Akt
2.3.3 3. Akt
3 Schlusswort
Zielsetzung und Forschungsfragen
Die vorliegende Arbeit untersucht, inwiefern sich der Spielfilm „Rashomon“ von Akira Kurosawa trotz seiner komplexen Erzählstruktur und dem Verzicht auf einen klassischen Protagonisten in das 3-Akt-Modell nach Syd Field einordnen lässt. Dabei wird analysiert, ob klassische dramaturgische Elemente, wie sie in Hollywood-Drehbüchern üblich sind, auch in einem narrativ fragmentierten Kunstfilm nachweisbar sind.
- Analyse der Erzählebenen und Perspektiven zur Identifikation von Haupt- und Subplots.
- Anwendung von Robert McKees „Story-Dreieck“ zur Genre-Einordnung als Kunstfilm.
- Strukturelle Untersuchung des Films anhand des Syd Field „Paradigma“.
- Identifikation der Protagonisten, Antagonisten und deren Ziele innerhalb der verschiedenen Erzählstränge.
- Überprüfung der Thesen, die dem Film eine klassische 3-Akt-Struktur absprechen.
Auszug aus dem Buch
2.3 Strukturanalyse nach Syd Fields Paradigma
Syd Field geht in seiner Drehbuchtheorie davon aus, dass alle Drehbücher einer geradlinigen Struktur aus drei Akten folgen. Den ersten Akt nennt er die Exposition, in ihm wird die Geschichte etabliert, den zweiten die Konfrontation, in ihm muss die Hauptfigur Hindernisse überwinden und den dritten die Resolution, in ihm wird die Story aufgelöst. An das Ende des ersten und zweiten Aktes setzt er einen so genannten Plot Point, „einen Vorfall, der in die Geschichte eingreift und sie in eine andere Richtung lenkt.“ Dieses Strukturmodell nennt er „das Paradigma“.
In einem späteren Werk erweitert er sein „Paradigma“ um den so genannten Midpoint, der den zweiten Akt in zwei Hälften teilt. Er nennt es nun „Das neue Paradigma“.
Das neue Paradigma ist in der folgenden Grafik dargestellt:
Wie man sieht, gibt Field sogar Seitenzahlen für die Länge der Akte und Position der Plot Points an. Die Grafik bezieht sich dabei auf ein „Standard-Drehbuch“ von 120 Seiten für einen zwei-stündigen Film. „Eine Seite Drehbuch entspricht einer Minute im Film – so lautet die Regel.“
Diese Seitenzahlen muss man prozentuell auf die Länge des Films umrechnen. Im Falle von Rashomon (88 Minuten) wäre also Plot Point I zwischen den Minuten 14 und 22, der Midpoint ungefähr bei Minute 44 und Plot Point II zwischen den Minuten 58 und 66. Akt I und Akt 3, sowie die beiden Hälften des zweiten Aktes wären ungefähr 22 Minuten lang.
Bei den kürzeren Subplots sind die Akte dementsprechend kürzer.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Hier wird die Problemstellung dargelegt, insbesondere der Widerspruch zwischen der klassischen Hollywood-Dramaturgie und der komplexen Struktur von Rashomon.
2 Narrationsanalyse: Dieser Abschnitt unterteilt den Film in Erzählebenen, analysiert die Rollen der Protagonisten und wendet McKees sowie Fields Theorien zur strukturellen Einordnung des Films an.
3 Schlusswort: Das Fazit widerlegt die These, dass Rashomon keine 3-Akt-Struktur aufweise, und betont die Anwendbarkeit von Drehbuchtheorie auch auf minimalistisch-komplexe Filme.
Schlüsselwörter
Rashomon, Akira Kurosawa, Syd Field, Drehbuchtheorie, 3-Akt-Struktur, Narrationsanalyse, Filmtheorie, Robert McKee, Dramaturgie, Plot Point, Paradigma, Kunstfilm, Erzählstruktur, Subplot, Protagonist
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit?
Die Arbeit analysiert Akira Kurosawas Film „Rashomon“ im Hinblick auf seine dramaturgische Struktur und untersucht, ob sich diese in das klassische 3-Akt-Modell von Syd Field einfügen lässt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Fokus stehen die Erzählebenen, die Charakterisierung der Figuren, die Anwendung des Story-Dreiecks nach McKee und die formale Strukturierung mittels Syd Fields Paradigma.
Welches primäre Ziel verfolgt der Autor?
Das Ziel ist es, die Behauptung zu entkräften, dass ein Film mit multiplen Perspektiven und ohne klaren Protagonisten automatisch die Kategorien von Spannungsbogen, Höhepunkt und Auflösung verliert.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine strukturanalytische Methode, die auf den filmtheoretischen Modellen von Syd Field, Robert McKee und Gérard Genette basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert den Film in seine verschiedenen Erzählebenen und Plots, analysiert die Funktionen der Protagonisten und gleicht den Filmverlauf mit dem standardisierten 3-Akt-Paradigma ab.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Neben den Theorien von Syd Field sind „Narrationsanalyse“, „3-Akt-Struktur“, „Erzählebenen“ und „Rashomon“ die zentralen Schlagworte.
Wie definiert die Arbeit den „Pluralprotagonisten“ in Rashomon?
Der Autor argumentiert, dass der Holzfäller, der Priester und der Landstreicher gemeinsam als Pluralprotagonist fungieren, da sie alle das Ziel verfolgen, die Wahrheit über das Geschehene zu ergründen.
Welches Fazit zieht der Autor in Bezug auf die Anwendbarkeit von Drehbuchtheorie?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass selbst minimalistisch erzählte Kunstfilme wie Rashomon den grundlegenden Strukturgesetzen von Anfang, Mitte und Ende folgen, auch wenn diese weniger offensichtlich ausgeprägt sind als in klassischen Filmen.
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- Patrick Rieder (Author), 2009, Akira Kurosawas "Rashomon", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/147961