Der Fall, mit dem ich mich im Rahmen dieser Arbeit befassen werde, ist mir während einer Hospitation im Sportunterricht begegnet. An dem Tag und beim darauffolgenden Treffen mit den außerdem anwesenden Kommilitoninnen erfuhr der „Vorfall“ noch besondere Erwähnung. Auch mir blieb er ein paar Tage im Kopf. Dann aber dachte ich nicht mehr darüber nach. Was mich betrifft, so fand ich mich mit den Begebenheiten ab, vor allem mit den Interventio-nen der Lehrerin und des Studenten, der in der betreffenden Sportstunde unterrichtete, obwohl diese mir von Anfang an sehr fragwürdig erschienen.
Erst als einen Monat später im Seminar die Fallarbeit thematisiert wurde, stand für mich relativ schnell fest, welchen Fall ich wählen würde. Es bot sich die Möglichkeit, den beobachteten Vorfall noch einmal zu rekonstruieren. So erhoffe ich mir nun, durch die Aufarbeitung des Falls diesen besser verstehen und durch die wissenschaftliche Auseinandersetzung alternative Handlungsmöglichkeiten herausarbeiten zu können.
Da ich die Methode „Fallarbeit“ in dieser Arbeit zum ersten Mal anwende, beginne ich mit theoretischen Grundlagen zu dieser Methode. Nach einer Begriffsbestimmung, der Beschrei-bung von Einsatzmöglichkeiten und den damit verbundenen Zielsetzungen in der (Sport-) Lehrerausbildung wird zunächst ein Modell von Fallarbeit dargestellt. Dieses ist die Grundlage für die darauffolgende Fallanalyse, die insbesondere die Schritte Identifikation, Dokumen-tation und Interpretation umfasst. Dabei ist das Kapitel zur Interpretation am umfangreichsten, weil in dieses neben der Differenzierung von Themen und Perspektiven der systematische Einbezug von Theorie sowie darauf basierend die Ableitung von Handlungsmöglichkeiten fallen. Spätestens an dieser Stelle wird meine intuitiv fragwürdige Haltung gegenüber der Interventionen in der beobachteten Sportstunde be- oder entkräftigt.
Im abschließenden Fazit werden vordergründig Erfahrungen und Erkenntnisse, die ich durch diese Fallarbeit – auch für meine Ausbildung – gewonnen habe, zusammenfassend dargelegt.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Theoretische Grundlagen zur Methode „Fallarbeit“
2.1 Fallarbeit in der Ausbildung von (Sport-)LehrerInnen
2.2 Das Modell von Fallarbeit nach Thiele und Schierz (2007)
3 Exemplarische Darstellung einer Fallanalyse: Der Fall „Tim tritt zu“
3.1 Identifikation
3.2 Dokumentation: Darstellung des Falls
3.2.1 Unterrichtssituation
3.2.2 Kontextinformationen
3.3 Interpretation
3.3.1 Gewinnen von Perspektiven und Entdecken von Kernthemen
3.3.2 Theoriebezug
3.3.3 Lösungs- und Handlungsmöglichkeiten
4 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit verfolgt das Ziel, die Methode der „Fallarbeit“ in der Sportlehrerausbildung zu erproben und anhand eines konkreten Konflikts zwischen zwei Grundschülern wissenschaftlich aufzuarbeiten. Dabei steht die Forschungsfrage im Vordergrund, wie durch eine systematische Fallanalyse und den Einbezug pädagogischer Theorie alternative Handlungsmöglichkeiten für kritische Unterrichtssituationen abgeleitet werden können, um eine professionelle Konfliktbewältigung zu unterstützen.
- Grundlagen und Zielsetzungen der Fallarbeit in der Lehrerausbildung
- Rekonstruktion einer konkreten Unterrichtssituation mit aggressivem Verhalten
- Klassifizierung von Konflikten sowie Aggressionsformen im schulischen Kontext
- Multiperspektivische Analyse pädagogischer Interventionsmöglichkeiten
- Entwicklung von Strategien für das Konfliktmanagement und die Schüler-Lehrer-Kommunikation
Auszug aus dem Buch
3.2.1 Unterrichtssituation
26 GrundschülerInnen einer jahrgangsübergreifenden Eingangsstufe werden von einem Studenten unterrichtet. Thema der Stunde ist die Variation eines aus der vorherigen Sportstunde bekannten Spiels durch Regelveränderungen. Bei dem Spiel geht es für diejenigen SchülerInnen, die sich in einem durch vier Bänke abgetrennten Viereck befinden, darum, möglichst lange im Feld „zu überleben“, d.h., nicht von Bällen getroffen zu werden. Die SchülerInnen außerhalb dieses Feldes haben eben als Ziel, jene SchülerInnen in möglichst kurzer Zeit mit dem Ball abzuwerfen.
Nach einem ersten Durchgang wurde in der Reflexionsphase gemeinsam mit den SchülerInnen beschlossen, dass im Feld ein Schutz benötigt wird, „weil man sonst von allen Seiten Bälle abbekommt“, wie Julia es formuliert. Ein großer Kasten wird daraufhin in die Mitte des Spielfeldes gesetzt. Bevor es wieder los geht, erklärt der Student den SchülerInnen, die zum Teil schon wieder aufgestanden sind: „Außerdem gilt jetzt die Regel: Wenn der Ball vorher auf dem Boden war, ist man nicht getroffen!“
Das Spiel geht von Neuem los. Fast alle SchülerInnen ducken sich hinter den Kasten, der aber nicht für alle genügend Schutz bietet. Die ersten Kinder im Feld werden abgeworfen und müssen sich auf die Bank setzen. Tim greift sich jeden freien Ball, der im Feld oder außerhalb liegt, um dann von einer Position auf der Bank seine MitschülerInnen abzuwerfen. Nach dem Wurf verfolgt er den Ball sofort, um wieder eine Wurfchance zu erhalten.
Zwischenzeitlich kommt es zu einem kurzen Gerangel zwischen Tim und einem Kind aus seiner eigenen Mannschaft um einen der drei Bälle, die im Spiel sind. Tim setzt sich durch. Es sind nur noch wenige SchülerInnen im Feld, die mittlerweile zum größten Teil dazu übergegangen sind, sich um den Kasten herum zu bewegen, statt sich bloß dahinter zu verstecken.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Autorin begründet ihre Wahl des Falls aus einer Sportstunden-Hospitation und skizziert die methodische Vorgehensweise der Arbeit zur wissenschaftlichen Fallaufarbeitung.
2 Theoretische Grundlagen zur Methode „Fallarbeit“: Dieses Kapitel erläutert den Zweck der Fallarbeit für die Professionalisierung von Lehrkräften und stellt das für die Analyse zugrunde gelegte Modell von Thiele und Schierz vor.
3 Exemplarische Darstellung einer Fallanalyse: Der Fall „Tim tritt zu“: Der Hauptteil gliedert sich in die Identifikation des Falls, die detaillierte Dokumentation des Geschehens sowie die systematische Interpretation unter Einbezug von Theorie und Handlungsperspektiven.
4 Fazit: Die Autorin reflektiert den Erkenntnisgewinn durch die Arbeit und betont die Bedeutung der systematischen Theorieanwendung für den Umgang mit Unsicherheiten im künftigen Lehrerberuf.
Schlüsselwörter
Fallarbeit, Sportunterricht, Konfliktmanagement, Lehrerausbildung, Aggressives Verhalten, Interventionsstrategien, Pädagogische Urteilskraft, Schulische Konflikte, Schüler-Lehrer-Beziehung, Handlungsmatrix, Emotionsregulation, Gewaltprävention, Grundschule, Fallanalyse, Professionelles Handeln.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Anwendung der Methode „Fallarbeit“ in der Sportlehrerausbildung, um eine beobachtete Konfliktsituation systematisch zu analysieren und zu reflektieren.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind Konfliktmanagement in der Schule, der Umgang mit aggressivem Schülerverhalten, pädagogische Interventionsstrategien und die Reflexion der Lehrerrolle.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aus einer konkreten, als problematisch wahrgenommenen Unterrichtssituation heraus alternative, theoriegeleitete Handlungsmöglichkeiten für Lehrkräfte zu entwickeln.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt das Modell der pädagogischen Fallarbeit nach Thiele und Schierz sowie die Handlungsmatrix zur Konfliktanalyse von Becker.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil umfasst die Rekonstruktion des Falls „Tim tritt zu“, die theoretische Einordnung von Aggression und Konflikten im Sportunterricht sowie die Ableitung von konkreten Interventionsmöglichkeiten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Fallarbeit, Konfliktmanagement, pädagogische Professionalisierung, Aggression, Interventionsstrategien und Emotionsregulation.
Warum wurde der Fall „Tim tritt zu“ ausgewählt?
Der Fall wurde gewählt, weil das Verhalten des Schülers im Widerspruch zur didaktischen Zielsetzung stand und die Autorin die Situation nutzen wollte, um ihre eigene pädagogische Kompetenz und Urteilskraft im Umgang mit Konflikten zu schulen.
Welche Rolle spielen die theoretischen Modelle von Becker und Lohmann?
Diese Modelle dienen als Leitfaden, um Konflikte zu klassifizieren, deren Ursachen zu hinterfragen und angemessene, deeskalierende Interventionsstrategien auf Beziehungs- und Managementebene zu planen.
Was schließt die Autorin aus dem Fall über das Lehrerhandeln?
Die Autorin erkennt, dass ein rein reaktives Eingreifen ohne anschließende Konfliktbearbeitung unzureichend ist und dass Lehrkräfte mehr Unterstützung durch Instrumente wie kooperative Problemlösungsgespräche benötigen.
- Citation du texte
- Katrin Bekermann (Auteur), 2009, Ausarbeitung einer Fallanalyse, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/148000