Das problematische Erbe Berliner Sekundarschulen

Überlegungen zur Berliner Schulreform 2010/11


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2010

22 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Problemschule Hauptschule
2.1 Die Hauptschule im bundesdeutschen Bildungssystem
2.2 Zur Problemlage an Berliner Hauptschulen
2.3 Das problematische Erbe der Sekundarschulen und Lösungsansätze
2.3.1 Motivationsbereitschaft und Erfolgserwartung
2.3.2 Schuldistanz und ihre Auswirkungen

3. Fazit

4. Quellenverzeichnis

1. Problemschule Hauptschule

In Berlin steht eine Bildungsreform an, die Hamburg bereits durchlaufen und jüngst bildungspolitische Diskussionen in Bayern ausgelöst hat. Ziel der Berliner Reform ist die Auflösung des dreigliedrigen Schulsystems. Erreicht werden wird dies durch die Zusammenlegung von Haupt-, Real- und Gesamtschulen zu Sekundarschulen ab dem Schuljahr 2010/2011. Neben diesen Sekundarschulen, die allesamt als Ganztagsschulen konzipiert sind, wird das Gymnasium fortbestehen. An Sekundarschulen und Gymnasien wird die allgemeine Hochschulreife der höchste zu erlangende Schulabschluss sein. Während die Sekundarschule in 13 Jahren zum Abitur führt, erreicht das Gymnasium dies in 12 Schuljahren durch zwei zusätzliche Schulwochenstunden pro Schuljahr in der Mittelstufe1.

Der Berliner Senat strebt über die Reform gute Bildungschancen für alle Kinder an, unabhängig von ihrer sozialen Herkunft. Begründet in den sinkenden Schülerzahlen an Berliner Hauptschulen und den dort herrschenden schwierigen Lern- und Entwicklungsmilieus sieht er in der Sekundarschule die Chance, die Zahl der Schüler zu verringern, die keinen Abschluss oder ihren Abschluss nur stark verzögert erlangen.2

Der Handlungsbedarf ist eindeutig gegeben. Laut aktuellem Bildungsbericht verzeichnete das Land Berlin im Jahr 2007 3295 Schüler, die ein Abgangszeugnis erhielten. Ein Abgangszeugnis zu erhalten meint, keinen allgemeinen Schulabschluss zu erlangen. Somit haben im Schuljahr 2007/08 10,7 Prozent aller Schüler der Berliner allgemeinbildenden Schulen keinen Befähigungsnachweis erhalten, um sich auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt einzubringen. Über die Hälfte dieser Schüler scheitert auf den Berliner Hauptschulen. Deren Hälfte besitzt einen Migrationshintergrund, gekoppelt an eine nichtdeutsche Herkunftssprache, 30 Prozent sind Ausländer, sind also nicht im Besitz der deutschen Staatsbürgerschaft.3 Die Reform betrifft strukturell im Wesentlichen die Punkte Leistungsdifferenzierung, Stundentafel, Ganztagsbetrieb und Duales Lernen. Vor allem der erste Punkt stößt aber zunehmend auf Kritik seitens der Lehrerverbände, Oppositionsparteien und auch der Eltern, weil spezifische Bestimmungen für Schulen nur vage formuliert worden sind. Es obliegt der einzelnen Schule selbst, zu entscheiden, ob sie ihren Unterricht binnendifferenziert gestaltet oder aber, wie bisher an Berliner Gesamtschulen üblich, nach Leistungsniveau gestaffelte Kurse anbietet. Dieser Aufsatz soll nicht die Sekundarschule und das altangestammte dreigliedrige Bildungsmodell qualitativ gegeneinander abwägen. Statt einer solchen zukunftsorientierten Diskussion, die viele Unbekannte einschließt, soll vielmehr das problematische Erbe der Berliner Hauptschulen erörtert werden. Denn die Hauptschule nimmt, das gilt es herauszustellen, in Berlin im Vergleich zum Rest der Bundesrepublik eine Sonderstellung ein. Es muss zunächst geklärt werden, welche gesellschaftspolitische Rolle der Hauptschule in der Berliner Bildungslandschaft zukommt. In diesem Zuge wird der Begriff Problemschule zu diskutieren sein. Es soll vergegenwärtigt werden, an welchen Problemen Sekundarschulen frühzeitig zu arbeiten haben werden. Besonders wichtig ist es, kritisch zu reflektieren, inwieweit diese Probleme im aktuellen Bildungsbericht des Berliner Senats für Bildung, Wissenschaft und Forschung Ausdruck finden. Bietet das Modell Sekundarschule in diesem Zusammenhang Lösungen an und welche könnten das sein? Nur auf Grundlage der Betrachtung prägender Entwicklungstendenzen der Vergangenheit und den erwachsenen praktischen Problemen an Berliner Hauptschulen kann es gelingen, die Sekundarschule erfolgreich zu verankern. Anderenfalls bleibt diese Bildungsreform nicht mehr als eine Papiernote, zum Schaden der Schüler und Lehrer wie auch der Gesellschaft im Ganzen.

2. Problemschule Hauptschule

Im Folgenden soll die Schulform Hauptschule differenziert betrachtet werden. In erster Instanz werden kurz ihre Rolle in der Geschichte des deutschen Bildungssystems, ihr gesellschaftlich verankerter Bildungsauftrag und ihre strukturellen Merkmale skizziert.

Im zweiten Schritt wird überlegt werden, inwieweit die Berliner Hauptschulen ihrem Bildungsauftrag aktuell gerecht werden. Lässt sich ein öffentliches Bild der Berliner Hauptschule als Problemschule faktisch bestätigen und gegebenenfalls differenziert beschreiben? Gesellschaftliche Stigmatisierungsmodelle der Hauptschule und Besonderheiten ihrer Schüler müssen herausgearbeitet werden. So wird ersichtlich werden, dass der aktuelle Bildungsbericht des Berliner Senats für Bildung, Wissenschaft und Forschung und dessen jüngste Reformpläne das identifizierte Problempotenzial nur mäßig in den Fokus gerückt haben.

In einer detaillierten Diskussion zweier wesentlicher Auffälligkeiten der Berliner Problemschulen - der defizitären Motivationsbereitschaft und Erfolgserwartung sowie der hohen Schuldistanz ihrer Schüler - werden Mängel und Stärken des Reformmodells verdeutlicht.

2.1 Die Hauptschule im bundesdeutschen Bildungssystem

Die Hauptschule hat sich Ende der sechziger Jahre aus der Oberstufe der

Volksschule entwickelt. Als allgemeinbildende weiterführende Schule im Rahmen des dreigliedrigen Schulsystems beschult sie in Berlin die Klassenstufen 7 bis 10. Bildungsauftrag und Lehrplan der Hauptschule weichen nicht von denen anderer Schulformen ab. Besonderer Wert wird jedoch auf einen starken Praxisbezug und handlungs- und methodenorientierten Unterricht gelegt. Schüler der Berliner Hauptschule erhalten nach der neunten Klasse ihren Hauptschulabschluss, zukünftig Berufsbildungsreife genannt.

Neben der Vermittlung von fachlichen Inhalten kommt der Berufsorientierung an

Hauptschulen besondere Bedeutung zu. Zu diesem Zweck sollen berufsorientierende Inhalte fächerübergreifend erarbeitet werden. In der Mehrzahl der Berliner Hauptschulen wird zusätzlich das Fach Arbeitslehre verstärkt unterrichtet. Anders als in anderen Bundesländern ersetzt Arbeitslehre hier jedoch nicht die erste Fremdsprache Englisch. Bereits 2005 hat der Berliner Senat angesichts der Ergebnisse der Berliner Hauptschulen in den PISA-Studien Anweisungen und Vorschläge für den berufsorientierten Hauptschulunterricht formuliert. Diese wurden schulgesetzlich fixiert und in Absprache mit den Schulleitern weiterentwickelt implementiert.4

[...]


1 In Schnellläuferklassen kann das Abitur an Gymnasien in 11 Schuljahren erworben werden.

2 Vgl. Senat für Bildung, Wissenschaft und Forschung Berlin: Schulreform. Bessere Bildungschancen für alle durch individuelle Förderung und gemeinsames Lernen ab Klasse 7. Internet: URL http://www.berlin.de/sen/bildung/bildungspolitik/schulreform. Stand 24.02. 2010.

3 Vgl. Senat für Bildung, Wissenschaft und Forschung Berlin: Bildungsbericht 2008. Internet: URL http://www.berlin.de/imperia/md/content/sen- bildung/bildungsstatistik/bildungsbericht_2008.pdf?start&ts=1260801495&file=bildungsbericht_20 08.pdf. Stand 24.02.2010.

4 Vgl. Senat für Bildung, Wissenschaft und Forschung Berlin: Bildung für Berlin. Arbeitsprogramm Hauptschule. Internet: URL http://www.berlin.de/imperia/md/content/sen-bildung/bildungswege/hauptschule/arbeitsprogramm_hauptschule.pdf?start&ts=1245390639&file= arbeitsprogramm_hauptschule.pdf. Stand 24.02. 2010.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Das problematische Erbe Berliner Sekundarschulen
Untertitel
Überlegungen zur Berliner Schulreform 2010/11
Hochschule
Universität Potsdam  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Theaterarbeit mit Jugendlichen
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
22
Katalognummer
V148050
ISBN (eBook)
9783640599325
ISBN (Buch)
9783640599929
Dateigröße
514 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Überlegungen zur Berliner Schulreform 2010/11 unter besonderer Betrachtung der defizitären Motivationsbereitschaft und Erfolgserwartung sowie der wachsenden Schuldistanz unter Hauptschülern in den Bezirken Kreuzberg-Friedrichshain, Neukölln und Mitte
Schlagworte
Schulreform, Berlin, Sekundarschule, Hauptschule, Motivationsbereitschaft, Erfolgserwartung, Schuldistanz, Kritik, Binnendifferenzierung, Bildungssystem, Schulsystem, dreigliedrig, auflösung, bildungschancen, bildungschancengleichheit, pisa, realschule, gymnasium
Arbeit zitieren
Michael Schwark (Autor), 2010, Das problematische Erbe Berliner Sekundarschulen , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/148050

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