Das Gesellschaftsbild bei Lion Feuchtwanger und Ödön von Horváth


Seminararbeit, 2000
33 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Gesellschaftsbild in Die Geschwister Oppermann
2.1 Die Vertreter des deutsch-jüdischen Großbürgertums
2.1.1 Unterschätzung der faschistischen Gefahr
2.1.2 Das kritsch-wache Bürgertum
2.2 Das Kleinbürgertum
2.2.1 Unpolitische Bürger
2.2.2 Regimetreue Anhänger
2.3 Das Möbelhaus Oppermann: Treffpunkt der Schichten
2.4 Das innerfamiliäre Rollenverständnis
2.4.1 Die Rolle der Frau
2.4.2 Vertreter der jungen Generation

3. Das Gesellschaftsbild in Italienische Nacht
3.1 Gesellschaftliche Rangordnung
3.2 Das Rollenverständnis innerhalb der bürgerlichen Familie
3.2.1 Ausgebeutete Frauen auf dem Weg zur Emanzipation
3.2.2 Der Generationenkonflikt
3.3 Die Rolle des Kleinbürgertums im politischen Prozeß
3.3.1 Politische Desinteresse und Politikverdrossenheit des einfachen Bürgers
3.3.2 Verblendung der politisch organisierten Bürger

4. Feuchtwanger und Horv«th im Vergleich
4.1 Gemeinsame Ausgangsbasis: das Bürgertum zur Zeit der Weimarer Republik
4.2 Unterschiedliche Gewichtung
4.3 Das Kleinbürgertum – Parallelen und Unterschiede
4.3.1 Typisierung der politischen Einstellungen
4.3.2 Darstellung der Jugend
4.3.3 Darstellung der Frau
4.4 Unterschiedliche Darstellungsweise
4.4.1 Lion Feuchtwanger: Historischer Roman und neue Sachlichkeit
4.4.2 Ödön von Horv«th: Realismus und kritisches Volksstück

5. Zwei Darstellungsweisen – eine Botschaft

Literaturverzeichnis:

1. Einleitung

„Es bleibt dieser Roman am meisten zurück hinter dem, was ich wollte, er ist am wenigsten der historische Roman geworden, der jeder gute Gegenwartsroman sein müßte“[1], äußert sich Lion Feuchtwanger selbstkritisch über den zweiten Teil seiner fWartesaalQ-Trilogie, Die Geschwister Oppermann. Auch Kollegen wie Kurt Tucholsky übten Kritik an dem Werk: „Künstlerisch ist es ganz schlecht – strohig, aus Pappe. Ich halte den Mann für sinnlos überschätzt.“[2] Wohl zählen Die Geschwister Oppermann vom künstlerisch-stlistischen Gesichtspunkt nicht zu den Glanzstücken Feuchtwangers, wohl aber als literarisches Dokument einer Zeit, die wir heute nur noch aus Geschichtsbüchern kennen: die Zeit des aufkommenden Nationalsozialismus. Denn Feuchtwangers Roman, der 1933 entstanden ist, ist das erste Prosawerk im Exil und der erste deutschsprachige Roman überhaupt, der die Alltagswirklichkeit im Dritten Reich darzustellen versucht.

Zwei Jahre vorher, 1931, schreibt Ödön von Horvath sein Volksstück Italienische Nacht, das ebenso der Kritik ausgesetzt war wie Feuchtwangers Roman: „Hier ist nichts erlebt, nichts empfunden – und das ist eine Todsünde wider die Kunst – Ödön Horv«th!“[3], attackiert die Deutsche Nationale Zeitung den gleichen Mangel an literarischem Kunstverständnis, der auch Feuchtwanger vorgeworfen wurde.

Doch was für Feuchtwanger gilt, gilt auch für Horv«th: Ein zeichnet ein Bild des anbrechenden Nationalsozialismus und ein Bild der Gesellschaft zu jener Zeit, die den Sockel für Hitlers Aufstieg zur Macht gebildet hat und liefert somit ein wichtiges Dokument für die Nachwelt. Dieses Bild der deutschen Gesellschaft der 30er Jahre soll nun für beide Werke untersucht werden und schließlich einander gegenübergestellt werden. Vorauszuschicken ist die unterschiedliche Ausgangslage der beiden Autoren. Als Feuchtwanger seine Geschwister Oppermann schreibt, befindet er sich bereits im Exil. Er muß auf Zeitungsberichte und Aussagen von Freunden und Bekannten, die sich noch in Deutschland befinden, zurückgreifen. Und: als er seinen Roman verfasst, ist Hitler bereits an der Macht. Horv«th hingegen, der Deutschland erst 1933 verlässt, schreibt 1931 noch aus der Sicht eines Daheimgebliebenen. Außerdem stehen bei ihm die Nationalsozialisten zwar bereits vor der Tür, die endgültige Macht haben sie aber noch nicht an sich gerissen. Im Folgenden soll nun aufgezeigt werden, wie die beiden Autoren in Anbetracht dieser unterschiedlichen Ausgangslage die Gesellschaft dieser Zeit darstellen. Vorauszuschicken ist, das beide nur einen Ausschnitt der Gesellschaft darstellen. In beiden Werken rückt vor allem das Bürgertum ins Blickfeld. Im speziellen soll der Schwerpunkt dieser Arbeit auf der Darstellung und Rolle des Kleinbürgertums liegen, da dieses als Hauptträger der faschistischen Bewegung gilt und infolgedessen für eine Analyse besonders interessant scheint.

2. Das Gesellschaftsbild in Die Geschwister Oppermann

2.1 Die Vertreter des deutsch-jüdischen Großbürgertums

Um das Gebärden des Kleinbürgertums analysieren zu können, bedarf es auch einer kurzen Untersuchung des Großbürgertums, da das Handeln des Kleinbürgertums nicht zuletzt durch dessen Verhältnis zum Großbürgertum bestimmt wird. Feuchtwanger legt in seinem Roman den Schwerpunkt auf die Charakterisierung des Großbürgertums. Im Mittelpunkt des Geschehens steht der großbürgerliche Jude Gustav Oppermann, Seniorchef des gleichnamigen Möbelhauses, der die Geschäfte aber weitgehend seinem Bruder Martin überläßt und als „ästhetischer Individualist“[4] lieber an einer Lessingbiographie arbeitet. Die Familie Oppermann, neben Gustav der Geschäftsführer Martin, der Arzt Edgar und die Schwester Klara mit ihrem Mann Jacques Lavendel, einem Inhaber von Immobiliengeschäften, vereinen in sich die Merkmale des Besitz- und Bildungsbürgertums. Sinnbildlich für das großbürgerliche Leben steht das Bildnis Immanuel Oppermanns, dem Firmengründer:

„Das Bildnis Immanuel Oppermanns schaute schlau, gutmütig, ungeheuer real auf die Versammlung. Man stand auf festem Grund, ausgerüstet mit dem Wissen der Zeit, gesättigt mit dem Geschmack von Jahrhunderten, ein stattliches Bankkonto hinter sich.“ (F., S. 42)[5].

Auch die Prokuristen Hintze und Brieger zählen zum Besitzbürgertum, das durch Fleiß und zähe Arbeit in der gesellschaftlichen Rangordnung „rasch hochgeklettert“ (F., S. 26) war.

Um die Person Gustavs scharen sich eine Reihe von Vertretern der Intelligenz: Sybil Rauch, Dr. Frischlin, Essayist Gutwetter, Geheimrat Lorenz, Professor Mühlheim und Schulleiter Fran¸ois, der neben Gustav am deutlichsten den engagierten Bildungsbürger verkörpert: „Sein literarischer Geschmack war der gleiche wie Gustavs, wie er haßte er Politik, war wie der ein fanatischer Kämpfer für die Reinheit des Wortes.“ (F., S. 113).

2.1.1 Unterschätzung der faschistischen Gefahr

Das Bild, das Feuchtwanger von der großbürgerlichen Gesellschaft zeichnet, offenbart sich in der Einschätzung der faschistischen Gefahr. Hierbei gilt es in zwei Gruppen zu unterscheiden.

Die Mehrheit des Großbürgertums erkennt die faschistische Gefahr nicht oder zu spät. Man fühlt sich sicher, durch materielle Sicherheit und Bildung überlegen. Die Stellung in der Gesellschaft scheint unantastbar. Und so wird die faschistische Bewegung allein dem Kleinbürgertum zugeschrieben und aus Sicht der scheinbar überlegenen gesellschaftlichen Schicht belächelt:

Infolgedessen „ stellte sich die völkische Bewegung lediglich als plumpe Agitation dar, geschürt von Militaristen und Feudalisten, spekulierend auf trübe Kleinbürgerinstinkte. So sah sie der zynische Professor Mühlheim, der frivol und gescheit darüber scherzte, so, bei aller Vorsicht, die sie als kluge Geschäftsleute trafen, sahen sie die Oppermanns, so sahen sie die Damen Caroline Theiss und Ellen Rosendorff.“ (F., S. 43).

Gerade Gustav und Fran¸ois flüchten sich als Humanisten in die Literatur und verschließen sich gegenüber den tagespolitischen Ereignissen. Man scherzt über den Führer, der „urteillos nachplappernd, was man ihm suggerierte, [...] fest in der Hand des Großkapitals“ sei. Aber nicht nur der Führer, auch das eigene Volk wird im Vertrauen auf Vernunft falsch eingeschätzt: „So, und nicht wie Herr Vogelsang, dachte dieses Volk. Es hielt zur Vernunft, es fiel nicht herein auf das verblasende Gerede des Führers. Heiter, in Ruhe und Zuversicht, scherzten sie, wie dieser Führer enden werde, ob als Ausrufer in einer Jahrmarktsbude oder als Versicherungsagent.“ (F., S. 119).

Diesem inneren Monolog von Fran¸ois stellt Feuchtwanger am Ende des ersten Buches Gestern den Satz „Am 30. Januar ernannte der Reichspräsident den Verfasser des Buches Mein Kampf zum Reichskanzler“ (F., S. 119) gegenüber. Die Gedankenwelt und Einschätzung von Fran¸ois und Gustav steht im krassen Kontrast zu den Fakten und verdeutlicht einmal mehr die Verblendung des Bürgertums vor den Zeichen der Zeit. Selbst als sich Gustav nach dem Reichstagsbrand dazu überreden lässt, das Land zu verlassen und ganz allmählich aus seinem literarischen Dämmerschlaf erwacht, sehen die Literarten Gutwetter und Sybil Rauch nicht den Ernst der Lage. Aus ihnen spricht eine Auffassung, die der expressionistischen Kriegsvorstellung vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs gleichkommt. Der Krieg wird als Reinigung, als katarsisches Element in einem großen Schauspiel empfunden ohne die Tragweite, die damit verbundenen Greuel und Leiden zu begreifen:

„Die Nation ist im Begriff, aus sich heraus einen großen neuen Typ zu gebären. Wir haben die ungeheure Chance, der Geburt dieses gigantischen Embryos beizuwohnen, das erste Gelall dieses herrlichen Ungeheuers abzuhören: und da läuft unser Freund Gustav davon, weil vielleicht ein Rülpser der gebärenden Nation ihm nicht angenehm ins Ohr klingen könnte? [...]. Ich beneide Sie, liebe Freundin, daß Sie das große Schauspiel in der Frische Ihrer neugierigen, bereiten Jugend in sich aufnehmen dürfen“ (F., S. 213f).

2.1.2 Das kritsch-wache Bürgertum

Doch nicht alle Vertreter des Großbürgertums verschließen die Augen. Feuchtwanger zeichnet insofern ein differenziertes Bild der Gesellschaft, in dem er die einzelnen Vertreter durchaus unterschiedliche Geisteshaltungen ausdrücken lässt. Jacques Lavendel etwa sieht die Entwicklung dank seines „gesunden Menschenverstandes“ (F., S. 47) voraus. Er habe aus der Geschichte gelernt, dass die jeweils Gefährdeten erst zu spät daran dachten, sich in Sicherheit zu bringen und die Liquidierung seiner Geschäfte von langer Hand vorbereitet. (Vgl. F., S. 47, 48, 287). Lavendel ist als amerikanischer Staatsbürger sicher, er handelt somit mehr aus kapitalistischen Gründen als aus persönlicher Bedrohung und tiefster Abneigung gegen das neue Regime. „Ich weiß, es ist nur ein Teil von euch, der diese Schweinereien gemacht hat. Es ist ein anständiges Volk im Grunde“ (F., S. 286), versichert er gegenüber dem Wirtschaftsführer Pfanz, einem der wichtigsten Männer im NS-Staat und Lavendels vertrautem Geschäftsfreund. „Ich bin Kapitalist. Ich verstehe eure Motive“ (F., S. 41), übt er Verständnis für die Völkischen. Er sieht zwar die Entwicklung voraus, reduziert aber sein Denken auf finanzielle Belange. Die menschliche Tragweite des NS-Regimes scheint ihm nicht vollkommen bewusst, auch wenn er die Methoden der Nazis durchschaut und die anderen dazu ermahnt, den Führer nicht zu unterschätzen.

Der einzige, der die Ereignisse richtig und vor allem rechtzeitig einschätzt, ist Professor Mühlheim. Er ist es schließlich, der Gustav nach langem Zureden zu seiner sofortigen Abreise überredet. Mehr als das durchschaut er als einziger die Fehleinschätzung der anderen Bildungsbürger, die auf die Vernunft des Menschen vertrauen: „Weil nämlich die anderen immer wieder annehmen, auf solche Plumpheit falle kein Mensch herein. Und dann, immer wieder, fallen alle herein.“ (F., S. 209).

2.2 Das Kleinbürgertum

Zwar nimmt die Darstellung des Großbürgertums im Roman den größten Platz ein, in der Realität bildeten große Masse jedoch die Kleinbürger. Obwohl nur vier Vertreter des Kleinbürgertums auftauchen, zeichnet Feuchtwanger ein differenziertes Bild dieser Schicht.

2.2.1 Unpolitische Bürger

Der kleinbürgerliche Protagonist ist Markus Wolfsohn, Verkäufer im Möbelhaus Oppermann. Durch Wolfsohn vermittelt Feuchtwanger die spießige, kleinbürgerliche Lebenswelt dieser Zeit. Die vierköpfige Familie Wolfsohn lebt in einer Mietskaserne mit „zweihundertsiebzig Wohnungen, eine der anderen gleich wie eine Sardinenbüchse der anderen“ (F., S. 74). Doch Wolfsohn liebt den eintönigen Häuserblock und identifiziert sich mit „seinen“ (ebd.) Wohnungen. Sein Zuhause mit dem großen Fleck an der Wand und den kitschigen Oppermann-Möbeln gibt ihm ein Gefühl der Geborgenheit. Genauso eintönig und uniform wie seine Wohnung, gestaltet sich auch sein Leben. Ein Leben, wie es Tausende andere zu jener Zeit genauso geführt haben mögen. Er geht jeden Tag brav zur Arbeit, kommt er nach Hause, hält seine Frau die Pantoffeln bereit und das Essen steht bereits auf dem Tisch. Er macht es sich mit Zeitung und Bier gemütlich, genießt seinen Feierabend und ist mit sich und der Welt zufrieden:

„Während Frau Marie mit den Kindern beschäftigt war, saß Markus Wolfsohn in dem schwarzen Ohrenstuhl, Okkasion, vor sich hin dösend, zufrieden. So saßen viele in dem Block an der Friedrich-Karl-Straße, vor sich hin dösend, zufrieden. Die Zufriedenheit jedes einzelnen verstärkte die Zufriedenheit aller. Herr Wolfsohn war einer dieser Zufriedenen. Er wünschte allen das Beste.“ (F., S. 99).

Selbst als die wirtschaftliche Krise immer weitere Kreise zieht, bleibt Wolfsohns Lebensgefühl gleich, das durch eine Komponente geleitet wird: Zufriedenheit. Die Arbeitslosenzahlen steigen, doch er ist seit 20 Jahren bei Oppermann angestellt, ihm kann nichts passieren. Dieses spieß-bürgerliche Desinteresse, dieses Zurückziehen ins Private, spiegelt sich auch in Wolfsohns Ein-stellung zur Politik wider. Politik interessiert ihn nicht im geringsten, er sieht nicht die Gefahr, die ihm als Jude droht und hat auch keinerlei Ambitionen gegenüber dieser Bewegung, die den Klein-bürgern eine bessere Existenz gelobt. Denn er ist zufrieden, auch wenn an allen Ecken und Enden gespart werden muss. Dennoch ist Wolfsohn durch Feuchtwangers Darstellungsweise nicht schutz-los der Kritik ausgeliefert. Er ist als durchaus sympathische Figur gezeichnet, eben einer aus der gro-ßen Masse, der vermutlich aufgrund mangelnder Bildung – „My home is my castle“ (F., S. 74), ist einer der wenigen Sätze, den er aus seiner drei Jahren Realschule behalten hat – nicht geschafft hat, über seinen kleinbürgerlichen Tellerrand hinauszuschauen: „Herr Wolfsohn saß, grübelte, verstand es nicht“ (F., S. 166). Erst seine kurzzeitige Verhaftung öffnet ihm die Augen.

Doch nicht alle Kleinbürger ordnet Feuchtwanger diesem Klischee, das für die Mehrheit sicher zutrifft, unter. Den Gegenpol zu Wolfsohn bildet sein Schwager, der Setzer Moritz Ehrenreich. Die gegensätzlichen Haltungen Wolfsohns und Ehrenreichs prallen in ihren Gesprächen ständig auf-einander. Ehrenreich, der Typ des aufgeklärten, belesenen Kleinbürgers erkennt den Ernst der Lage, während Wolfsohn alles nur herunterspielt. Ehrenreich entkommt dem spießigen Kleinbürgermief und somit auch der Gefahr, seine Abreise nach Palästina ist längst geplant. (F., S. 77, 103).

2.2.2 Regimetreue Anhänger

Den unpolitischen Kleinbürgern Wolfsohn und Ehrenreich stehen zwei Vertreter entgegen, die auf den Zug des Nationalsozialismus aufgesprungen sind. Da ist zum einen Zarnke, Wolfsohns Nachbar und „alter ego“[6]. Er hat die gleichen Grundbedingungen wie Wolfsohn. Seine Wohnung ist nur spie-gelverkehrt zu der seines Nachbarn, das Weihnachtsfest läuft bei beiden Familien gleich ab, beide Söhne bekommen ein Bomberflugzeug geschenkt, beide haben die selben innerfamiliären Sorgen und Nöte. Doch gestaltet sich das Weihnachtsfest bei Zarnke „bei aller Ähnlichkeit des äußeren Ver-laufs, weniger friedlich als bei Wolfsohns“ (F., S. 97). Diese Beschreibung des Weihnachtsfestes kann sinnbildlich für das ganze Leben der beiden gesehen werden: bei aller äußerlichen Ähnlichkeit, verläuft das Leben Zarnkes weniger friedlich. Denn anders als Wolfsohn ist er unzufrieden mit seiner Lage, sucht einen Sündenbock für sein Schicksal und entschließt sich somit für die unfriedlichste aller Lösungen, die ihm diesen Sündenbock liefert: den Nationalsozialismus. Wie die Wohnungen der beiden so sind auch ihre Reaktionen auf die Zeitumstände spiegelverkehrt. Am Beispiel des Kleinbürgers Zarnke zeigt der Roman die aktive Variante der Anpassung an die Ver-hältnisse, die, nicht wie bei Wolfsohn, im Verschwinden in der Masse, sondern in der Mitthilfe beim Vorantreiben einer Entwicklung besteht, die scheinbar die Erfüllung aller Kleinbürgerträume verspricht.[7] Doch Zarnke wird bitter enttäuscht:

„Daß Deutschland von den Juden und Kapitalisten ausgesogen werde, war Herrn Zarnkes Meinung von jeher. Aber er hatte gehofft, der Führer werde da sehr rasch Abhilfe schaffen; diese Hoffnung war der Grund gewesen, aus dem er unter die völkischen Landsknechte gegangen war. [...] Aber nun stellte sich heraus, daß die Wirtschaft der neuen Bonzen noch schlimmer ist als die, gegen die man aufstand.“ (F., S. 303).

Aus den selben Beweggründen wie Zarnke schließt sich auch der Handwerker Heinrich Wels der braunen Bewegung an, denn „sie sprach aus, was Heinrich Wels längst gespürt hatte, daß nämlich die jüdischen Warenhäuser und ihre gerissenen Verkaufsmethoden schuld waren an Deutschlands Niedergang“ (F., S. 21). Gegen den Großunternehmer Oppermann hat Wels keine Chance, „das wurmte ihn in seinem Handwerkerherzen“ (F., S. 21). Die neue Bewegung bringt ihm den ersehnten wirtschaftlichen Aufstieg.

2.3 Das Möbelhaus Oppermann: Treffpunkt der Schichten

Gerade das Beispiel Wels spiegelt das Verhältnis von Groß- und Kleinbürgertum wieder. Treffpunkt der Schichten ist das Möbelhaus Oppermann, hier prallen die unterschiedlichen Weltanschauungen und gesellschaftlichen Verhältnisse aufeinander. Wels kommt als Lieferant und gleichzeitig als Kon-kurrent ins Möbelhaus. Wels fertigt Einzelstücke für die Oppermanns und kann seine eigenen Pro-dukte nicht so billig anbieten wie die Großunternehmen, die ihm die Kunden nehmen. Wels kommt zu Martin Oppermann, um über eine geplante Fusion der beiden Betriebe zu verhandeln. Noch hat Martin die besseren Karten, er lässt Wels warten und geht auf seine Vorschläge nicht ein. Doch dem Druck der Zeit können die Oppermanns schließlich nicht mehr standhalten. Der jüdische Name muss aus der Firma verschwinden, Martin muss sich den Forderungen des Kleinunternehmers Wels beu-gen, sich erniedrigen, seinerseits auf Wels warten und zu allem „Ja, Herr Wels, gewiß, Herr Wels“ (F., S. 179) sagen. Und Wels kostet seinen Sieg in vollen Zügen aus, endlich hat er die groß-bürgerlichen Juden da, wo er sie haben will: „Jetzt saßen die Herren, die geborenen Herren da, wo sie hingehörten, und die Emporkömmlinge lagen vor ihnen auf den Knien und hörten die Gesetze, die sie ihnen diktierten“ (F., S. 180), triumphiert der einstige Kleinbürger. Dank seinem Engagement in der Partei ist er in der gesellschaftliche Rangordnung ohne eigenes Zutun nach oben geklettert. Doch Wels findet diese Umkehrung der gesellschaftlichen Verhältnisse nur gerecht, er sieht nicht, dass sich auch die Oppermanns ihre gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Rang erst über Generationen hinweg erkämpfen mussten.

Die andere Gruppe der Kleinbürger, die im Möbelhaus Oppermann agiert, sind die Angestellten. Ganz ähnlich wie mit Wels verhält es sich mit dem Packer Hinkel, der inzwischen Truppführer ge-worden ist. Er widersetzt sich den Anweisungen seines Chefs Martin, denn „die Arbeit für den nationalen Aufstieg geht vor“ (F., S. 249), von einem Juden will sich der Kleinbürger in Zukunft nichts mehr sagen lassen: die Verhältnisse kehren sich um, nicht mehr der gesellschaftliche Rang ist entscheidend, sondern die Zugehörigkeit zur Partei.

Für den Angestellten Wolfsohn gestaltet sich die Situation anders. Aus seiner Sicht hat sein Chef, der Großbürger Martin Oppermann, zwar ein Herz für seine Angestellten, ist aber innerlich hochmü-tig. Es spricht also eine gewisse Distanz, vielleicht sogar Neid gegenüber dem Großbürgertum aus seiner Einstellung, die er zu überbrücken versucht, in dem er sich durch gelegentliche Pferderennen und seine französische Aussprache an die vermeintliche Lebensart der Großbürger anlehnt. Dadurch, dass Wolfsohn und sein Chef Juden sind, werden sie vor die selben Probleme gestellt. „Wir haben es alle nicht leicht, Wolfsohn“, stellt sich Martin gewissermaßen auf eine Stufe mit seinem Ange-stellten. Martin muss schließlich ins Gefängnis, da er Juden bei sich beschäftigt. Als er Wolfsohn nach dessen Entlassung aus den Deutschen Möbelwerken sogar bei ihm einstellt, lässt sich vielleicht sogar Solidarität unter den Juden feststellen, die über das bloße Pflichtbewußtsein und Verantwor-tungsgefühl hinaus geht und Standesschranken überwindet. „Zusammenhalt“, meint auch der Prokurist Brieger, „darauf kommt es an. Wir Juden halten glücklicherweise zusammen.“ (F., S. 49).

[...]


[1] Lion Feuchtwanger in „Nachwort des Autors 1939“, zitiert nach: Feichenfeldt (1986), S. 147.

[2] Tucholsky (1962), S. 274.

[3] Deutsche Nationale Zeitung, zitiert nach Horv«th (1984), S. 156.

[4] Berendsohn (o.J.), S. 79.

[5] Alle Zitate aus Feuchtwanger: Die Geschwister Oppermann werden gekennzeichnet durch (F., Seitenangabe).

[6] Schneider (1979), S. 196.

[7] Vgl. Schneider (1979), S. 197.

Ende der Leseprobe aus 33 Seiten

Details

Titel
Das Gesellschaftsbild bei Lion Feuchtwanger und Ödön von Horváth
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg  (Fakultät Sprach- und Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Proseminar Romane des Exils
Note
1,0
Autor
Jahr
2000
Seiten
33
Katalognummer
V14807
ISBN (eBook)
9783638201148
Dateigröße
643 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gesellschaftsbild, Lion, Feuchtwanger, Horváth, Proseminar, Romane, Exils
Arbeit zitieren
Marion Kaufmann (Autor), 2000, Das Gesellschaftsbild bei Lion Feuchtwanger und Ödön von Horváth, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/14807

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