„Statt Arbeit – action; statt verhaltener Gefühle – expressiver Ausdruck. Die bürgerliche Kultur huldigte der Vernunft und dem Wort; das Kino dagegen war assoziativ und bildlich.“
Aus diesem Zitat wird bereits deutlich, dass sich bürgerliche Kultur und Kino in dessen Anfangszeiten scheinbar unversöhnlich gegenüberstanden. In den Jahren, in denen sich der Kinofilm zu etablieren begann, entbrannte eine teils hitzige Debatte über die „Gefahren“ des Kinos. Vor allem das Bildungsbürgertum sah, wie auch aus dem einleitenden Zitat zu ersehen ist, in dem neuen Medium einen Verfall der Kultur, den es zu verhindern galt: Amerikanisierung und Massenkultur wurden zu Schreckgespenstern, die die kulturelle Vorrangstellung des Bildungsbürgertums gefährdeten.
Die Kinodebatte korrelierte dabei mit unterschiedlichen Vorstellungen von Bildung und dem „richtigen“ Konsum, gegenüber standen sich hauptsächlich das Bildungsbürgertum einerseits, das die für sich beanspruchte Hochkultur verteidigen wollte, und die Angestellten andererseits, die dem Reiz der modernen Unterhaltung erlagen. Damit ist die Geschichte des frühen Kinofilms und die Auseinandersetzung um dieses neue Medium auch eine Geschichte von Klassengegensätzen und Klassenkämpfen, der Konsum bewirkte einen Distinktionseffekt.
Die Geschichte des Kinos begann im Jahr 1895, als die Brüder Lumière im Pariser Gand Café ein Gerät vorstellten, mit dem Filme aufgenommen, projiziert und kopiert werden konnten: der Kinematograph. In den ersten Jahren verbreitete sich diese Erfindung über die ganze Welt, doch kann von „Kino“ im heutigen Sinn noch nicht gesprochen werden. Zunächst zogen Schausteller mit Wanderkinematographen umher und zeigten ihr Kurzfilmprogramm vornehmlich auf Jahrmärkten oder in Varietés. Erst 1908 wurden in ehemaligen Ladenlokalen feste Abspielstätten der Kinematographen eingerichtet, die oftmals einem „kleinen Verschlag“ glichen. Im Laufe von nur vier Jahren setzte der Kinematograph zu einem Siegeszug an, in dessen Lauf bereits die ersten monumentalen Lichtspielhäuser errichtet wurden, die sich deutlich vom Jahrmarkt-Charakter distanzierten. Während die Zahl der Kinos um 1910 bei etwa 456 Kinos in 29 deutschen Städten lag, waren es drei Jahre später bereits 2.371. Parallel zu diesem „Siegeszug“ mehrten sich in den Jahren 1907 bis zum Ersten Weltkrieg auch warnende Stimmen aus dem Bürgertum – daher wird der Fokus dieser Arbeit auch auf diesem Zeitraum der sogenannten Kinodebatte liegen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Distinktion durch Konsum: Bildungsbürger vs. Angestellte
2.1. Begriffliche Vorüberlegungen
2.2. Der Bildungsbürger als „richtiger“ Konsument
2.3. Bürgerliche Konsumkritik als Ausdruck des Antiamerikanismus’
2.4. Bürgerliche Konsumkritik als Mittel der Abgrenzung gegenüber Angestellten
3. Kinokultur in Bewegung – Die Zusammensetzung des Kinopublikums
3.1. Theater der „kleinen Leute“
3.2. Proletarisierung des Kinos?
3.3. (Bildungs-)Bürgerliche Kinogänger
4. Verteidigung der Hochkultur: Die Kinodebatte zu Beginn des 20. Jahrhunderts
4.1. Gefahren des Kinos aus bildungsbürgerlicher Sicht
4.2. Zensur als Mittel zur Bekämpfung des neuen Mediums
4.3. Die Debatte setzt sich fort: Alfred Döblin, Siegfried Kracauer, Thomas Mann und ihre Meinung zum neuen Medium Film
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht kultursoziologische Aspekte der Auseinandersetzungen um das Medium Kino zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Ziel ist es zu klären, inwiefern die Kritik des Bildungsbürgertums an diesem neuen Medium als Distinktionsversuch gegenüber der aufstrebenden Mittelschicht bzw. Angestellten zu deuten ist und ob dies zur Festigung oder Auflösung von Klassengrenzen beitrug.
- Kultursoziologische Analyse des frühen Kinos
- Distinktion durch Konsumgewohnheiten
- Konflikt zwischen Bildungsbürgertum und Angestellten
- Die sogenannte Kinodebatte der Jahre 1907-1914
- Bedeutung der Massenkultur als Abgrenzungsfolie
Auszug aus dem Buch
3.1. Theater der „kleinen Leute“
„Die Kinder […] waren vom ersten Augenblick an für die Lichtbildervorstellungen begeistert. In hellen Scharen saßen sie im Zuschauerraum, meist auf den billigsten Plätzen, eng aneinandergedrückt und starrten mit großen Augen auf die Wunder, die vor ihnen über die weiße Leinwandfläche huschten. Und sie waren alle glücklich, besonders die Jüngeren und Jüngsten.“
Das Kino der Anfangszeit war vor allen dingen ein „Familien-Medium“, Erwachsene kamen meist als Begleitung von Kindern, die einen Großteil des Kinopublikums ausmachten: 96% der Kinder des 8. Schuljahres waren bereits einmal im Kino gewesen. Dies lag zum Teil daran, dass die Charakteristik des frühen Films den Rezeptionsgewohnheiten von Kindern sehr nah kam, bis zur Etablierung der Langfilme handelte es sich bei den Kino-Spielfilmen um kurze Filme von lediglich 8-18 Minuten. Dieser schnelle Wechseln von verschiedenen Eindrücken, wie auch die „meist unkomplizierten Geschichten der Kurzspielfilme“ waren besonders für eine kindliche Rezeption geeignet. Auch die Programmteile, die sich eher an Erwachsene richteten, waren insgesamt kurz genug, damit sich die kindlichen Besucher gar nicht erst langweilten.
Dass jugendliche Besucher vielfach den Großteil der Kinobesucher ausmachten, geht aus kleineren Quellen, wie einer Hamburger Lehrerkommission oder den Mitteilungen der Zentralstelle des Deutschen Städtetages 1910 hervor, in denen festgestellt wurde, dass das Publikum der Kinematographentheater „hauptsächlich aus schulpflichtigen und halberwachsenen jungen Leuten [bestand].“ Corinna Müller konstatiert daher auch, dass „das frühe Kinopublikum […] nicht proletarisch [war], sondern ein junges Publikum.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die historische Ausgangslage der Kinodebatte ein und erläutert die Fragestellung zur Rolle des Kinos als Instrument der sozialen Distinktion zwischen Bildungsbürgertum und Angestellten.
2. Distinktion durch Konsum: Bildungsbürger vs. Angestellte: Dieses Kapitel analysiert das Selbstverständnis des Bildungsbürgertums als elitäre Konsumenten und die daraus resultierende Kritik am Massenkonsum der Angestellten.
3. Kinokultur in Bewegung – Die Zusammensetzung des Kinopublikums: Hier wird die tatsächliche Struktur des Kinopublikums untersucht, wobei der Mythos eines rein proletarischen Publikums kritisch hinterfragt und die Bedeutung jugendlicher Zuschauer herausgearbeitet wird.
4. Verteidigung der Hochkultur: Die Kinodebatte zu Beginn des 20. Jahrhunderts: Dieses Kapitel behandelt die spezifischen Argumente und Ängste des Bildungsbürgertums hinsichtlich Ästhetik, Moral und der Gefährdung der Hochkultur durch das neue Medium.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und kommt zu dem Schluss, dass das Kino den Wandel zur Konsumgesellschaft einleitete und die starren Klassengrenzen zunehmend auflöste.
Schlüsselwörter
Kino, Kinodebatte, Bildungsbürgertum, Angestellte, Konsum, Distinktion, Klassengesellschaft, Massenkultur, Kinematographie, Kulturkritik, Hochkultur, Sozialgeschichte, 20. Jahrhundert, Modernisierung, Unterhaltungsindustrie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die soziokulturelle Bedeutung des frühen Kinos im Kontext der deutschen Gesellschaft zu Beginn des 20. Jahrhunderts und beleuchtet die Spannungen zwischen verschiedenen sozialen Klassen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Kinodebatte, das Konzept der Distinktion durch Konsum, der soziale Wandel durch Massenmedien und das Verhältnis zwischen Bildungsbürgertum und aufstrebenden Angestellten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Die Forschungsfrage zielt darauf ab, zu ergründen, ob die heftige Kritik des Bildungsbürgertums am Kino als bewusster Abgrenzungsversuch diente, um den eigenen sozialen Status gegenüber der Mittelschicht zu wahren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer kultursoziologischen Analyse historischer Quellen, darunter zeitgenössische Dissertationen, Berichte sowie Schriften prominenter Intellektueller wie Döblin, Kracauer und Mann.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Konsummuster, die Analyse der tatsächlichen Zusammensetzung des Kinopublikums und die detaillierte Auseinandersetzung mit der Kinodebatte sowie den Zensurbestrebungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Distinktion, Bildungsbürgertum, Kinodebatte, Massenkultur, Konsumverhalten und soziale Schichtung.
Warum wurde die These des „proletarischen Kinopublikums“ in der Arbeit kritisiert?
Die Autorin argumentiert, dass diese These primär eine „Erfindung“ des Bildungsbürgertums war, um das Kino als minderwertig abzuwerten und den eigenen Führungsanspruch in einer Zeit des sozialen Wandels zu legitimieren.
Welche Rolle spielten die Angestellten im frühen Kino?
Angestellte werden als eine der Hauptgruppen des frühen Kinopublikums identifiziert, deren veränderte Freizeit- und Konsumgewohnheiten den Unmut des traditionellen Bildungsbürgertums erregten.
Welchen Stellenwert hatte die „Dunkelheit“ des Kinos in der zeitgenössischen Kritik?
Die Dunkelheit wurde als Symbol für mangelnde soziale Kontrolle und als potenzieller Raum für moralische Verstöße wahrgenommen, was die Ablehnung des Kinos durch konservative Kreise weiter verstärkte.
Wie bewerten die herangezogenen Intellektuellen das neue Medium Film?
Die Ansichten sind ambivalent: Während sie den Film oft als „schundhaft“ oder kunstfern ablehnten, entwickelten einige (wie Thomas Mann) eine „heitere Passion“ für das Medium, auch wenn sie weiterhin strikt zwischen Film und „wahrer“ Kunst unterschieden.
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- Bachelor of Arts Britta Wehen (Author), 2009, Bürgertum und Kino zu Beginn des 20. Jahrhunderts, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/148109