„…Titel: ››Frau Kommerzienrätin oder Wo sich Herz zum Herzen findt ‹‹. Dies ist die Schlußzeile eines sentimentalen Lieblingsliedes, das die 50jährige Kommerzienrätin im engeren Zirkel beständig singt und sich dadurch Anspruch auf das ››Höhere‹‹ erwirbt, während ihr in Wahrheit nur das Kommerzienrätliche, will sagen viel Geld, das ››Höhere‹‹ bedeutet…“.
Gerade die Vereinbarkeit dieser Gegensätzlichkeit ist es, die Theodor Fontane seiner Hauptfigur zumutet und womit die zentrale Thematik seiner Milieustudie festgelegt ist. Knapp zusammengefasst sagt dieser Satz alles aus, um was es in Theodor Fontanes Gesellschaftsroman „Frau Jenny Treibel“ (so der spätere Titel) geht. Mit einem Minimum an Handlung auskommend und in einem, sich auf Gespräche beschränkendem Erzählstil wird hier u. a. dem bourgeoisen Besitzbürgertum des ausgehenden 19. Jahrhunderts der Spiegel vorgehalten.
Einer kurzen historische Einordnung, der soziokulturellen und gesellschaftlichen Zustände der damaligen Zeit, folgt eine Erörterung über Fontanes Mentalitäten und Einstellungen zu eben diesen Zuständen, wie sie anhand brieflicher Zeugnisse festgemacht und belegt werden können. Die zum Teil harschen Worte, die Fontane in seinen Briefen verwendet, woraus seine kritische Haltung deutlich zu ersehen ist, beziehen sich vielfach zwar nicht konkret auf „Frau Jenny Treibel“, so aber doch auf die hierin behandelte Thematik. Die deutlichen Worte schwächen sich zu humoristischen Bildern ab, ein satirischer Grundton hält Einzug in die Schilderungen der Personen und deren Handlungen; dennoch bleibt die Kritik bestehen und ist sowohl für den damaligen als auch für den heutigen Leser unschwer zu erkennen.
So soll auch im weiteren Verlauf der Arbeit, primär anhand der Darstellung der Industriellenfamilie Treibel und seiner Agitationen und Interaktionen im Roman, wobei ein besonderer Augenmerk auf die Hauptgestalt gerichtet ist, versucht werden herauszuarbeiten, inwieweit die satirische Grundkonzeption und die humoristische Darstellungsvariante, Theodor Fontanes gesellschaftskritischen Mentalitäten gerecht und somit als solche nach wie vor erkannt werden.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Historische Einordnung/ Historischer Kontext
3 Fontane und das Bürgertum
4 Das Besitzbürgertum/ Akteure
5 Primat des Materialismus/ Äußerlichkeitsherrschaft
5.1 Äußerlichkeiten in Einrichtung und Ausstattung
5.2 Äußerlichkeiten/ Repräsentation bei Gesellschaften
6 Widerspruch zwischen reellem Sein und ideellem Schein
7 Der Typus Jenny Treibel
8 Humor und Satire im Dienste der Kritik
9 Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die bürgerliche Gesellschaft im ausgehenden 19. Jahrhundert sowie deren satirische Darstellung in Theodor Fontanes Roman „Frau Jenny Treibel“. Dabei liegt der Fokus auf der Analyse der Widersprüche zwischen dem materiellen Sein und dem ideellen Schein der besitzenden Schicht, um aufzuzeigen, wie Fontane gesellschaftskritische Mentalitäten mittels humoristischer und satirischer Mittel transportiert.
- Historische Einordnung des Bürgertums im 19. Jahrhundert
- Das Verhältnis von Besitzbürgertum und Bildungsbürgertum
- Die Rolle der Hauptfigur Jenny Treibel als Typus der Bourgeoisie
- Darstellung der Diskrepanz zwischen ideellem Schein und materiellem Sein
- Der Einsatz von Humor und Satire als Instrument gesellschaftskritischer Darstellung
Auszug aus dem Buch
6 Widerspruch zwischen reellem Sein und ideellem Schein
Widersprüchliche/ Kontrastierende Haltungen/ Aussagen zum realen Leben auf der einen und zu ideellen Anschauungen über das Leben auf der anderen Seite, erhalten wir von vielen Personen des Romans vor allem und am pointiertesten aber von der Jenny-Treibel-Figur, die als Titelheldin / Namensgeberin des Romans auch die Hauptrolle spielt. Frau Jenny Treibel, geb. Bürstenbinder und Tochter eines Materialwarenhändlers entstammt einfachen (kleinen) Verhältnissen und steigt durch Heirat des Fabrikanten und Kommerzienrates Treibel in eine finanziell besser gestellte Schicht auf (Besitzbürgertum).
Mit dieser Figur nun zeichnet Fontane die Erscheinungsform der städtischen Bourgeoisie jener Zeit; sie zeigt, wie Fontane seinem Sohn Theodor im Vorfeld des Erscheinens des Romans schreibt „…[eine] 50jährige Kommerzienrätin [, die ein sentimentales Liebesgedicht] beständig singt und sich dadurch Anspruch auf das „Höhere“ erwirbt, während ihr in Wahrheit nur das Kommerzienrätliche, will sagen viel Geld, das „Höhere“ bedeutet. Zweck der Geschichte: das Hohle, Phrasenhafte, Lügnerische, Hochmütige, Hartherzige des Bourgeoisiestandpunkts […], der von Schiller spricht und Gerson meint…“ 23. Aussagen dieser Qualität und in dieser Deutlichkeit finden wir an sehr vielen Stellen des Romans und eigentlich immer vereint Jenny Treibel dabei sehr stark kontrastierende Anschauungen und Aussagen in sich, was sie aber stets problemlos hinbekommt. Ihr selbst fällt dieser Widerspruch zwischen ideellem Schein und materiellem Sein gar nicht auf, sosehr ist ihre Denkart über Bildung und Kultur dem Erwerb von Besitz untergeordnet. Treffend beschreibt dann auch Professor Willibald Schmidt den vereinten Widerspruch der Jenny Treibel, indem er sagt: „…Nun ist das Püppchen eine Kommerzienrätin und kann sich alles gönnen, auch das Ideale, und sogar ›unentwegt‹. Ein Musterstück einer Bourgeoise…“.24
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung führt in die zentrale Thematik der Gegensätzlichkeit von Schein und Sein in Fontanes Gesellschaftsroman ein und erläutert das methodische Vorgehen.
2 Historische Einordnung/ Historischer Kontext: Dieses Kapitel skizziert den soziokulturellen Wandel des Bürgertums im 19. Jahrhundert, vom revolutionären Aufbruch bis zur Etablierung des industriellen Besitzbürgertums.
3 Fontane und das Bürgertum: Hier wird Fontanes kritische Haltung gegenüber dem Besitz- und Bildungsbürgertum anhand seiner brieflichen Äußerungen und seines Realismuskonzepts analysiert.
4 Das Besitzbürgertum/ Akteure: Das Kapitel stellt die Industriellenfamilie Treibel als repräsentatives Fallbeispiel für die bürgerliche Schicht im Roman vor.
5 Primat des Materialismus/ Äußerlichkeitsherrschaft: Diese Sektion untersucht, wie sich gesellschaftlicher Zwang in der Einrichtung der Villa und bei den durchgeführten Gesellschaften in Form von Prestigedenken äußert.
6 Widerspruch zwischen reellem Sein und ideellem Schein: Der Kern der Arbeit beleuchtet die Diskrepanz zwischen der moralisch-ideellen Fassade der Protagonistin und ihrem tatsächlichen, materiell geprägten Handeln.
7 Der Typus Jenny Treibel: Hier wird die Hauptfigur als zeitgenössischer Typus der „Bourgeoise“ und der „Durchschnittsfrau“ interpretiert, deren Verhalten im gesellschaftlichen Umgang analysiert wird.
8 Humor und Satire im Dienste der Kritik: Dieses Kapitel reflektiert, wie Fontane durch eine humoristisch-satirische Erzählweise seine Gesellschaftskritik artikuliert, ohne dabei als belehrender Neuerer aufzutreten.
9 Schlussbetrachtung: Die Arbeit schließt mit einer Zusammenfassung der Ergebnisse, in der die satirische Grundkonzeption des Romans nochmals im Kontext der zeitkritischen Intention Fontanes verortet wird.
Schlüsselwörter
Theodor Fontane, Frau Jenny Treibel, Besitzbürgertum, Bildungsbürgertum, Gesellschaftskritik, Realismus, Satire, Humor, Bourgeoisie, Wilhelminische Ära, Repräsentation, Schein und Sein, soziale Mobilität, Kapitalismus, 19. Jahrhundert.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die Darstellung der bürgerlichen Gesellschaft im ausgehenden 19. Jahrhundert in Theodor Fontanes Roman „Frau Jenny Treibel“ und untersucht, wie Fontane Kritik an dieser Schicht übt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind der historische Kontext der Industrialisierung, die Rolle von Besitz und Bildung, die Adelsfixierung des Bürgertums sowie die Diskrepanz zwischen moralischem Anspruch und materieller Realität.
Welches primäre Ziel verfolgt der Autor der Hausarbeit?
Ziel ist es aufzuarbeiten, inwieweit die satirische Grundkonzeption des Romans Fontanes gesellschaftskritische Mentalitäten widerspiegelt und wie diese als solche erkannt werden können.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Analyse verwendet?
Die Analyse stützt sich auf eine Kombination aus der Untersuchung von Textstellen des Romans, dem Heranziehen brieflicher Zeugnisse Fontanes sowie der Einbeziehung sekundärer Forschungsliteratur.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine historische Einordnung, eine Untersuchung von Fontanes Haltung zum Bürgertum, eine detaillierte Charakterisierung der Treibel-Familie und eine Analyse der satirischen und humoristischen Mittel des Autors.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die Arbeit lässt sich am besten mit Begriffen wie Theodor Fontane, Frau Jenny Treibel, Besitzbürgertum, Satire, Gesellschaftskritik und dem Spannungsfeld von Schein und Sein beschreiben.
Welchen Stellenwert nimmt die Figur der Jenny Treibel ein?
Sie dient als zentrale Hauptgestalt und ist ein Paradebeispiel für den Widerspruch zwischen einem (vermeintlich) höheres Ideal anstrebenden Geist und einer rein materiell orientierten, opportunistischen Lebensführung.
Wie bewertet die Arbeit Fontanes Einsatz von Humor und Satire?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass Fontane eine „humorvolle Zeitsatire“ nutzt, um gesellschaftliche Missstände bloßzustellen, ohne dabei in eine aggressive oder verletzende Art der Kritik zu verfallen.
- Citar trabajo
- Peter Golde (Autor), 2007, Die satirische Darstellung der bürgerlichen Gesellschaft im späten 19. Jahrhundert. Die besitzende Schicht in Fontanes „Frau Jenny Treibel“, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/148300