Die satirische Darstellung der bürgerlichen Gesellschaft im späten 19. Jahrhundert. Die besitzende Schicht in Fontanes „Frau Jenny Treibel“


Seminararbeit, 2007
25 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Historische Einordnung/ Historischer Kontext

3 Fontane und das Bürgertum

4 Das Besitzbürgertum/ Akteure

5 Primat des Materialismus/ Äußerlichkeitsherrschaft
5.1 Äußerlichkeiten in Einrichtung und Ausstattung
5.2 Äußerlichkeiten/ Repräsentation bei Gesellschaften

6 Widerspruch zwischen reellem Sein und ideellem Schein

7 Der Typus Jenny Treibel

8 Humor und Satire im Dienste der Kritik

9 Schlussbetrachtung

10 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„…Titel: ››Frau Kommerzienrätin oder Wo sich Herz zum Herzen findt ‹‹. Dies ist die Schlußzeile eines sentimentalen Lieblingsliedes, das die 50jährige Kommerzienrätin im engeren Zirkel beständig singt und sich dadurch Anspruch auf das ››Höhere‹‹ erwirbt, während ihr in Wahrheit nur das Kommerzienrätliche, will sagen viel Geld, das ››Höhere‹‹ bedeutet…“[1]

Gerade die Vereinbarkeit dieser Gegensätzlichkeit ist es, die Theodor Fontane seiner Hauptfigur zumutet und womit die zentrale Thematik seiner Milieustudie festgelegt ist. Knapp zusammengefasst sagt dieser Satz alles aus, um was es in Theodor Fontanes Gesellschaftsroman „Frau Jenny Treibel“ (so der spätere Titel) geht. Mit einem Minimum an Handlung auskommend und in einem, sich auf Gespräche beschränkendem Erzählstil wird hier u. a. dem bourgeoisen Besitzbürgertum des ausgehenden 19. Jahrhunderts der Spiegel vorgehalten.

Einer kurzen historische Einordnung, der soziokulturellen und gesellschaftlichen Zustände der damaligen Zeit, folgt eine Erörterung über Fontanes Mentalitäten und Einstellungen zu eben diesen Zuständen, wie sie anhand brieflicher Zeugnisse festgemacht und belegt werden können. Die zum Teil harschen Worte, die Fontane in seinen Briefen verwendet, woraus seine kritische Haltung deutlich zu ersehen ist, beziehen sich vielfach zwar nicht konkret auf „Frau Jenny Treibel“, so aber doch auf die hierin behandelte Thematik. Die deutlichen Worte schwächen sich zu humoristischen Bildern ab, ein satirischer Grundton hält Einzug in die Schilderungen der Personen und deren Handlungen; dennoch bleibt die Kritik bestehen und ist sowohl für den damaligen als auch für den heutigen Leser unschwer zu erkennen.

So soll auch im weiteren Verlauf der Arbeit, primär anhand der Darstellung der Industriellenfamilie Treibel und seiner Agitationen und Interaktionen im Roman, wobei ein besonderer Augenmerk auf die Hauptgestalt gerichtet ist, versucht werden herauszuarbeiten, inwieweit die satirische Grundkonzeption und die humoristische Darstellungsvariante, Theodor Fontanes gesellschaftskritischen Mentalitäten gerecht und somit als solche nach wie vor erkannt werden.

2 Historische Einordnung / Historischer Kontext

Die Anfänge des „bürgerlichen Zeitalters“ wie das 19. Jahrhundert auch genannt wird und wie wir es auch zu Zeiten des Romans beschrieben finden, sind sicherlich in den geistigen Entwicklungen in der Zeit vor der Französischen Revolution zu suchen. Hier wurden die Grundlagen gelegt, die den gesellschaftlichen Wandel des 19. Jahrhunderts kennzeichnen: Ausgehend von Frankreich löste auch in den übrigen europäischen Staaten – nicht zuletzt in Preußen- ein starkes, marktwirtschaftlich und industriell ausgerichtetes Bürgertum die absolutistische und monarchische Ordnung des Adels auf politischer und gesellschaftlicher Ebene ab; der moderne Verfassungsstaat mit seinen Organen und Legitimationen setzte sich beinahe unangefochten durch. Nach der preußischen Niederlage gegen Napoleon und dem daraufhin geschlossenen „Frieden von Tilsit“ im Jahre 1806/1807 wurden in ganz Preußen umfangreiche Reformen der Gesellschaftsordnung durchgeführt. Die Erbuntertänigkeit wurde beseitigt, Bauern und Bürgern war es fortan gestattet, Grundbesitz zu erwerben und am politischen Leben teilzunehmen. Die fortschreitende Industrialisierung und die sozialen Probleme in den dreißiger und vierziger Jahren führten zur Deutschen Revolution von 1848 und anschließend zur Gründung des Deutschen Reiches. Trotz der durchgeführten Reformen nahm der Adel weiterhin die dominante Stellung im politischen Leben ein. Das änderte sich erst als dem Adel die patrimoniale Gerichtsbarkeit sowie die Grundsteuerbefreiung entzogen wurde; allmählich setzte sich der Einfluss des Bürgertums durch. Bereits zu Anfang der Bismark-Zeit wurde es Bürgerlichen möglich, Offizierslaufbahnen im Militär einzunehmen.

Das verstärkt einsetzende Emanzipationsstreben des Bürgertums verstand es, sich durch Besitz und Bildung einen gesellschaftlichen Einfluss auf politischer Ebene zu erarbeiten. Der gesamtgesellschaftliche industrielle Aufschwung der fünfziger Jahre und die gründerzeitliche Prosperität der Siebziger kam dabei vornehmlich den besitzenden Bürgern zugute, dabei lag das Hauptbetätigungsfeld in der Konsumgüterproduktion, wobei insbesondere die Textil- und Holzindustrie, sowie die Lebensmittelverarbeitung herausragende Stellungen einnahmen. Der damit einhergehende materielle Aufschwung der industriell arbeitenden Bürger brachte auch eine politische Stärkung des Besitzbürgertums mit sich, sowie auch eine Hebung des gesellschaftlichen Ansehens, ist doch zunächst auch mit dem materiellen Besitz immer eine Verbesserung der Bildungssituation einhergegangen. Ein Ungleichgewicht innerhalb des Bürgertums tat sich erst im letzten Drittel bzw. zum Ende des Jahrhunderts auf, als der materielle Besitz und eine hohe Bildung nicht mehr gleichermaßen als erstrebenswert angesehen wurden.

Der materielle Besitz nahm mehr und mehr die beherrschende und einflussnehmende Stellung innerhalb des nun geteilt zu sehenden Bürgertums ein. Bildung mutierte zum Mittel zum Zweck, zur persönlichen Bereicherung und zum plakativen Schmuckstück des industriellen Besitzbürgers.

Der andere Teil des Bürgertums setzte sich vornehmlich aus der höheren Beamtenschaft, aus Lehrern, Professoren und Richtern, aus Geistlichen, Künstlern, Schriftstellern sowie Ärzten und Rechtsanwälten zusammen, welche das materielle Besitzstreben durchaus kritisch beobachteten, es auch anprangerten und aus einer -vermeintlich- moralisch erhöhten Position ablehnten, ihm jedoch aufgrund ihrer materiellen Besitzlosigkeit nur ideell etwas entgegenzusetzen hatten. Das Bildungsbürgertum nahm die neue Rolle an und fand sich mit der politischen Bedeutungslosigkeit ab. Dieses Disengagement in der Politik wurde ihm auf dem gesellschaftlichen Parkett wiederum vergolten, indem das Besitzbürgertum das Ansehen der Bildungsschicht in ihren Kreisen erhöhte und idealisierte. Trotz des zunehmenden Einflusses des Besitzbürgertums auf die Politik und das gesellschaftlichen Leben und der Entprivilegierungen des Adels, war es dennoch der Adel, der weiterhin Schlüsselpositionen in Militär und Politik besetzt hielt und damit die politische Macht ausübte. Dem Bürgerlichen war es nur möglich an dieser Macht teilzuhaben, wenn er sich adliger Lebensweise und Kultur annäherte, sie hofierte, nachahmte und (auch finanziell) unterstützte, womit aber auch eine allgemeine Feudalisierung des Bürgertums einherging. Diese Entwicklung drückte sich u. a. dadurch aus, dass sich durch das gesamte Bürgertum Tendenzen zur Hierarchisierung zogen, die sich darin zeigten, dass im Besitz- wie auch im Bildungsbürgertum ein Streben nach Titeln einsetzte, um ihren sozialen Status zu erhöhen. Industrielle schmückten sich gerne mit Zusätzen wie „Kommerzienrat“ , „Baurat“ oder „Generalkonsul“ wohingegen dem Bildungsbürgertum staatliche Amts- und Ehrbezeichnungen wie „Regierungsrat“, „Geheim-“ oder „Studienrat“ als erstrebenswert galten. Oftmals wurde auch versucht durch Einheirat in eine -verarmte- Adelsfamilie Anschluss und Ansehen zu gewinnen und Zugehörigkeit auszudrücken, welches sich auch darin zeigte, dass manch ein (neu)reicher Besitzbürger sein Stadthaus oder sein Landgut nach adeligem Vorbild gestaltete um seinen Reichtum nach außen zu demonstrieren. Oberstes Ziel und Hoffnung all dieser Bestrebungen war stets eine Erhöhung in den Adelsstand, die aber nur den wenigsten Bürgern zuteil wurde.

In Frau Jenny Treibel, dessen Handlungszeit ungefähr um das Erscheinungsjahr des Romans anzusiedeln ist, spiegelt sich die hier geschilderte Situation des Besitz- und Bildungsbürgertums des späten 19. Jahrhunderts wider.

3 Fontane und das Bürgertum

Fontanes Einstellung zum Bürgertum (Besitz- und Bildungsbürgertum) seiner Zeit ist anhand vieler seiner Romane und vor allem seiner Briefwechsel von einer Vielzahl von Forschern sehr eingehend untersucht worden. Es ist somit einhellige Meinung, dass Fontane nicht nur dem Besitzbürger-, sondern auch dem Bildungsbürgertum, dessen Schicht er ja auch zuzuordnen ist, gegenüber äußerst kritisch eingestellt ist. Diese Einstellung Fontanes zur bürgerlichen Gesellschaft ist gerade am Beispiel seines Berliner Romans „Frau Jenny Treibel“ sehr gut abzulesen; mittels außertextlicher Belege, brieflicher Zeugnisse und sekundärer Forschungsliteratur soll jetzt versucht werden, eine Haltung Fontanes herauszuarbeiten, die im weiteren Verlauf der Arbeit anhand beispielhafter Szenen und Themen im Roman selbst konkretisiert und belegt wird.

Generell anerkennt, bewundert, ja fasziniert Theodor Fontane große ökonomische Macht, richtiger Reichtum und unternehmerisches Engagement, wobei er aber genau hier die Grenze zum schnell emporgekommenen Besitzbürger zieht, der seine kleinbürgerliche Mentalität und Herkunft, zwar zu leugnen und nach Außen hin, einen pseudokulturellen Anspruch zu erheben versucht, seine Einstellungen jedoch nicht zu überwinden in der Lage ist.

„…Ich kann den Bourgeoisten nicht ertragen, […] in derselben Weise dreht sich mir jetzt angesichts des wohlhabend gewordenen Speckhökertums das Herz um. Wirklicher Reichtum imponiert mir oder erfreut mich wenigstens, seine Erscheinungsformen sind mir in hohem Maße sympathisch, und ich lebe gern inmitten von Menschen, die 5000 Grubenarbeiter beschäftigen, Fabrikstädte gründen und Expeditionen aussenden zur Kolonialisierung von Mittel-Afrika. Große Schiffsreeder, die Flotten bemannen, Tunnel- und Kanalbauer, die Weltteile verbinden, Zeitungsfürsten und Eisenbahnkönige sind meiner Huldigungen sicher, […] alles Große hat von Jugend auf einen Zauber für mich gehabt, ich unterwerfe mich neidlos. Aber der Bourgeois ist nur die Karikatur davon, er ärgert mich in seiner Kleinstelzigkeit und seinem unausgesetzten Verlangen, auf nichts hin bewundert zu werden…“[2]

Eindeutige Kritik also gegenüber dem, aus kleinen Verhältnissen stammenden Neureichen, der während der Gründerjahre zu einigem Wohlstand gekommen ist. Dabei geht es ihm in erster Linie nicht um den Reichtum als solches, sondern um die prahlerische Zurschaustellung sowie die damit einhergehende Selbstherrlichkeit und Vermessenheit, die der besitzende Bourgeois damit zum Ausdruck bringt; materielle Güter werden überbewertet, wirtschaftliche Ziele und Interessen stehen im Vordergrund, echte innere Gefühle und ideelle Werte (als Überbleibsel eines komplexen und anspruchsvollen Bildungsbegriffes) werden zugunsten einer unechten, lediglich auf Widergabe ausgerichteten Außendarstellung derselben geopfert, die belegen soll, wie nah man doch dem alten `Bildungsideal` noch steht, welches ursprünglich vom Besitz losgelöst war und dessen Erreichen einen sozialen Aufstieg nach sich zog. Mittlerweile erscheint Bildung „…nicht mehr als das, was man erstrebt; sie ist zu dem geworden, was man besitzt und worüber man verfügt…“[3].

Somit erfährt auch das materiell unterlegene Bildungsbürgertum seine Kritik, indem Fontane auch hier eine latente Geldsackgesinnung unterstellt:

„…Denn der Bourgeois, wie ich ihn auffasse, wurzelt nicht eigentlich oder wenigstens nicht ausschließlich im Geldsack; viele Leute, darunter Geheimräte, Professoren und geistliche Leute, die gar keinen Geldsack haben, oder einen sehr kleinen, haben trotzdem eine Geldsackgesinnung [...]. Alle geben sie vor, Ideale zu haben; in einem fort quasseln sie vom »Schönen, Guten, Wahren« und knixen doch nur vor dem goldenen Kalb, entweder indem sie tatsächlich alles was Geld und Besitz heißt, umcouren oder sich innerlich in Sehnsucht danach verzehren…“[4]

Zum einen beklagt Fontane hier die Monetarisierung der Bildungsinhalte und zum anderen die zunehmende Bedeutungsverengung des Bildungsbegriffes in der bürgerlichen Gesellschaft, in der Bildung, hauptsächlich in Form geistreicher Zitate und sinnentleerter geflügelter Worte verstanden und gesehen wird, welchen aber jeglicher Aussagegehalt fehlt, die lediglich aus dem Zusammenhang gerissen sind und willkürlich verwendet werden und mit wirklicher Bildung nicht mehr viel zu tun haben. So etablierte sich im Preußen jener Jahre eine neue Schicht, die „…durch gesteigerten Besitz und Anspruch sich aller jener Werte zu bemächtigen suchte, die eine frühere Kultur wesensgemäß erschuf. Dieses neue Erwerbsbürgertum [...] musste zur Grundlage seines Seins Werte leihen [...] es ergab sich das falsche Spiel mit Idealen, Worten und Gebärden…“[5]. Der Zweck dieses inflationär zu sehenden und gebrauchten Bildungsbegriffes, der nicht mehr nach Inhalten fragt, sondern als plakativer Vorwand für gesellschaftliche Erhöhung herhalten muss, liegt nunmehr lediglich darin sich und anderen Bedeutsamkeit vorzugaukeln:

„…Und so überall. Es wird soviel von Fortschritt gesprochen, und die Bildung soll alles besorgen, es wird aber mit Hülfe dieser Bildung nur noch schlimmer, denn die Zahl derer wächst ins Millionenfache, die nun auch „von Bildungs wegen“ etwas bedeuten wollen…“[6]

[...]


[1] Fontane an seinen Sohn Theodor, 09.05.1888. In: Fontanes Briefe in 2 Bänden, Hrsg. von Gotthard Erler. Berlin und Weimar, Bibliothek deutscher Klassiker, 1980, Bd. 2, S. 185.

[2] Fontane an seine Frau Martha, 18.04.1884. In: Fontanes Briefe in 2 Bänden, Hrsg. von Gotthard Erler. Berlin und Weimar, Bibliothek deutscher Klassiker, 1980, Bd. 2, S. 120 .

[3] Müller-Seidel, Walter: Theodor Fontane: soziale Romankunst in Deutschland. 2. durchges. Aufl. Stuttgart: Metzler, 1980, S. 301.

[4] Theodor Fontane: Von Zwanzig bis Dreißig. Hrsg. von Otto Drude. Frankfurt a. M.: Insel Verlag 1987, S. 21.

[5] Fritz Martini: Theodor Fontanes Romane. In: Zeitschrift für Deutschkunde 49, 1935, S. 523 f.

[6] Fontane an Mathilde von Rohr, 23.05.1888. In: Fontanes Briefe in 2 Bänden. Hrsg. von Gotthard Erler. Berlin und Weimar: Bibliothek deutscher Klassiker, 1980, Bd. 2, S. 191.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Die satirische Darstellung der bürgerlichen Gesellschaft im späten 19. Jahrhundert. Die besitzende Schicht in Fontanes „Frau Jenny Treibel“
Hochschule
Technische Universität Berlin  (Institut für Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Fontane und der bürgerliche Realismus
Note
2,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
25
Katalognummer
V148300
ISBN (eBook)
9783640590247
ISBN (Buch)
9783640590292
Dateigröße
533 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gesellschaft, Jahrhundert, Darstellung, Beispiel, Schicht, Theodor, Fontanes, Roman, Jenny, Treibel“
Arbeit zitieren
Peter Golde (Autor), 2007, Die satirische Darstellung der bürgerlichen Gesellschaft im späten 19. Jahrhundert. Die besitzende Schicht in Fontanes „Frau Jenny Treibel“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/148300

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