Analyse und Diskussion der österreichischen Exilzeitschrift Freiheit für Österreich


Hausarbeit (Hauptseminar), 2004
44 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Freiheit für Österreich: Daten, Ziele, Positionen
2.1 Allgemeines
2.2 Selbstgesteckte Ziele
2.3 Einordnung in das politische Spektrum
2.4 Die Herausgeberschaft und das Assembly for a Democratic Austrian Republic

3. Stellungnahme zu zentralen Fragen
3.1 Der Antisemitismus und die Österreicher
3.2 Österreich im Dritten Reich: Anschluss oder Eroberung?
3.3 Österreichs Verhältnis zum Krieg und die Suche nach einem Verursacher
3.4 Die Zukunft des Heimatlandes

4. Rubriken und regelmäßige Inhalte
4.1 Exilpolitik in den USA
4.2 Nachrichten aus Österreich
4.3 Hilfe und Orientierung
4.4 Kultur und Lyrik
4.5 „Zuschriften unserer Leser“
4.6 „Pro und Contra“
4.7 Anzeigen

5. Ziele und Inhalte von Hier spricht die Jugend und Jugend im Kampf
5.1 „We’ve come a long way“: Texte als Sprachrohr und Orientierungshilfe
5.2 „We’re in the army now“: Armee und Krieg im Spiegel der Berichterstattung
5.3 „This is our war!“: Durchhalteparolen für eine Generation im Exil

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

Anhang I: Verbleibende Gedichte in der Reihenfolge ihres Erscheinens

Anhang II: Drei ungekürzte Texte

Anhang III: Zitierte Internetseiten

1. Einleitung

„Freiheit für Österreich“! Der Titel der während des Zweiten Weltkriegs in den USA er­schienenen Exilzeitschrift fasst bereits prägnant das Hauptanliegen der Publikation zu­sammen, die rund ein Jahr lang die Emigranten unter diesem Motto informieren wollte und ihnen Hoffnung gab, dass die zurückgelassene Heimat trotz Naziterror und Krieg eines Tages wieder bewohnbar sein würde.

Grundlage dieser Seminararbeit bilden die elf nummerierten Ausgaben der „Anti Nazi monthly“, die im Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes und größten­teils auch in der Österreichischen Nationalbibliothek einsehbar sind. Lediglich die ersten beiden undatierten Ausgaben können bei der Betrachtung nicht berücksichtigt werden, da sie in keiner der beiden Dokumentationsstätten archiviert wurden. Dieser Mangel liegt of­fensichtlich in einer sehr geringen Startauflage begründet. Dennoch lässt sich unter Ein­beziehung der Erstausgabe der Austro American Tribune ein abgerundetes Bild erstellen, das Auskunft über die Ziele der Herausgeberschaft und ihre zentralen Positionen gibt.

Im Juli 1943 wird Freiheit für Österreich zur Nachfolgezeitschrift Austro American Tribune. Bis dahin war sie als Organ des Assembly for a Democratic Austrian Republic (später: American Federation of Austrian Democrats) nur eine Stimme in einem ganzen Chor von Organisationen, die alle unterschiedliche politische Positionen besetzten und vertraten. Nachdem zu Beginn dieser Arbeit die wenigen verfügbaren statistischen Daten kurz dar­gestellt worden sind, soll auf die politische Positionierung von Freiheit für Österreich ein­gegangen werden. In diesem Zusammenhang werden auch die im Blatt genannten Ziel­vorstellungen erläutert werden, ehe die Herausgeber Fritz Rager und Alois Englander be­nannt werden. Da die Biographien der relevanten Personen an anderer Stelle bereits gut zugänglich dokumentiert worden sind[1], wird aber auf eine intensivere Auseinandersetzung verzichtet.

Im Anschluss wird die Stellungnahme der Zeitschrift zu vier zentralen Fragen ausführlich thematisiert. Den Anfang bildet das Verhältnis der Österreicher zum Antisemitismus. Hier wie auch bei den anderen diskutierten Fragen soll nicht die Richtigkeit der getroffenen Aussagen überprüft werden, sondern vielmehr eine Reihe von Positionen möglichst objek­tiv wiedergegeben werden. Schließlich lässt sich rückblickend ohnehin nicht klären, inwie­weit Freiheit für Österreich nicht zuletzt auch als Lazarettzeitschrift danach gestrebt hat,den Österreichern ein möglichst positives Bild von sich selbst zu vermitteln. Offenkundig geht mit dem Exil eine enorme Belastung einher, die durch bestimmte Gewissheiten zu­mindest erleichtert werden kann. Eine dieser Gewissheiten besteht darin, dass Österreich sich nicht einmal ansatzweise freiwillig ans Dritte Reich angeschlossen habe, sondern vielmehr erobert worden sei. Die intensive Auseinandersetzung mit dieser These bildet den zweiten Punkt dieser Betrachtung. Es folgen die Frage nach der Kriegsschuld und schließlich die Thematisierung einer wünschenswerten Zukunft für das Heimatland. Ursprünglich sollten die einzelnen Artikel bei der darauf folgenden Beschreibung regelmä­ßiger Inhalte und Rubriken in Sparten wie Politik, Kultur, Wirtschaft, Service und so weiter unterteilt werden. Bereits eine erste Sichtung des Inhalts machte deutlich, wie unmöglich eine derartige Aufgliederung durch das Trauma des Exils und der damit verbundenen ra­dikalen Politisierung gemacht wird. Es ist in der Situation der Schreibenden offenbar nicht möglich, einen einfachen Blutspendeaufruf zu starten, ohne gleichzeitig zu betonen: „Ge­rade wir als Angehörige einer von den Barbaren unterdrückten Nation müssen helfen, den Feind zu besiegen.“[2]

Im Exil wird jedes Thema politisch, so wie man sich offenbar jedem Thema nur noch von einem patriotischen Standpunkt aus nähern kann. „Indem wir Robert Musil ehren, ehren wir Österreich und sichern wir unserer Heimat einen Platz unter den freien Nationen der Zukunft“[3], heißt es beispielsweise in einem Artikel zum Tod des Literatens. In ähnlicher Weise betont auch eine Abhandlung „über die Aufgaben des österreichischen Arztes nach dem Kriege“[4], dass dieser Berufsstand darum besonders besorgt sein müsse, „seine alte Heimat wieder rehabilitiert und anerkannt zu sehen“[5]. Schließlich macht auch ein Artikel über Sozialpolitik Österreich als eines von vielen „von den Braunen unterjochten Ländern“[6]aus.

Alle vier Beispiele entstammen derselben Ausgabe und verdeutlichen, dass trennscharfe Kategorien unter diesen Vorraussetzungen kaum geschaffen werden können. Stattdessen sollen prägnante und repräsentative Artikel herausgegriffen werden, um eine intensive Betrachtung zu ermöglichen. Besonders prominent sind in allen Ausgaben die Exilpolitik in den USA und die oft spärlichen Nachrichten aus der Heimat platziert. Nach deren Wieder­gabe folgt eine kurze Zusammenfassung der von Freiheit für Österreich gewährten „Orien­tierung und Hilfe“ und eine genaue Auseinandersetzung mit „Kultur und Lyrik“. Auf die Rubriken „Zuschriften unserer Leser“ und „Pro und Contra“ folgt die Auswertung der re­gelmäßig vorhandenen Anzeigen, die Auskunft über das Publikum von Freiheit für Öster­reich, aber auch über die Inserenten selbst versprechen.

All dies geschieht in dem Bewusstsein, dass es sich um elementare Betrachtungen han­delt, die idealerweise dazu geeignet sind, die Publikation zu positionieren und einer weite­ren wissenschaftlichen Betrachtung zu erschließen. Wie viele Bereiche der Exilforschung ist auch Freiheit für Österreich nur rudimentär erfasst und wartet noch darauf, in einen größeren Diskussionskontext eingebunden zu werden. Jeder einzelne Teilbereich würde eine eigene Arbeit oder Publikation rechtfertigen und bei tiefer gehender Betrachtung den Rahmen dieser einzelnen Arbeit bei weitem sprengen.

Diese Einschätzung trifft auch auf die Beilage Jugend im Kampf zu, die speziell für die junge Leserschaft konzipiert worden war und viele ihrer Beiträge veröffentlichte. Aus der sehr plakativen Schreibe dieser Beilage wurden drei Schlagworte herausgearbeitet, an denen sich die Diskussion orientiert. Der erste Punkt „We’ve come a long way“ themati­siert die doppelte Funktion des Sprachrohrs einerseits und der Orientierungshilfe anderer­seits. „We’re in the army now“ setzt sich mit dem Bild von Krieg und Armee auseinander, das durch Jugend im Kampf transportiert und generiert wird. „This is our war!“ spürt schließlich den oft wiederholten Durchhalteparolen nach und zeigt, wie diese die Jugendli­chen zum Weitermachen animieren sollten. Wegen der großen thematischen Nähe wird die Rubrik „Hier spricht die Jugend“ der Mutterzeitschrift diesen Betrachtungen in einer knappen Zusammenfassung vorangestellt.

Das folgende Fazit fasst die vorangegangenen Ausführungen zusammen und zeigt in ver­dichteter Weise, welche Thesen und Anliegen Freiheit für Österreich konstituierten und formten. Dabei spielt das in der Erstausgabe der Austro American Tribune publizierte Re­sümee der einjährigen Arbeit von Freiheit für Österreich eine besondere Rolle, das einer intensiven Analyse unterzogen wird. In diesem Zusammenhang wird auch der Nachweis erbracht, dass Freiheit für Österreich nicht nur die Realität der Emigranten verändert hat, sondern dass auch die Emigranten selbst in dem dokumentierten Jahr zu einer neuen Perspektive ihrer selbst gelangt sind.

Bei all der Analyse ist es leider nicht zu vermeiden, dass Artikel nur stark verkürzt oder gar nicht wiedergegeben werden können. Gleiches gilt für die vielen Gedichte, die regelmäßig in Freiheit für Österreich erschienen sind. Um beiden Gattungen gerecht werden zu kön­nen, gibt Anhang I alle nicht direkt in der Arbeit besprochenen Gedichte ungekürzt wieder. Anhang II enthält neben dem bereits angesprochenen Resümee den Text „Erste Begeg­nung mit der Emigration“ von Josef Breuer sowie das Märchen „Es war einmal ein Wald“, das in der Beilage Jugend im Kampf publiziert wurde.

2. Freiheit für Österreich: Daten, Ziele, Positionen

Wer sich heute über ein Printmedium informieren möchte, kann mit reichhaltigem Daten­material aus verschiedenen Quellen rechnen. Insbesondere die Werbewirtschaft ist an objektiven Daten über die Auflage, die Leseranzahl pro Ausgabe, die Leserstrukturen, die Zielgruppe oder das Verbreitungsgebiet interessiert.

Im Fall der Exilzeitschriften fehlen derartige statistische Erhebungen und lassen sich aus nahe liegenden Gründen heute auch nicht mehr zuverlässig erheben. Die wichtigste Quel­le für die Eckdaten einer Publikation wird somit häufig die Publikation selbst. Wie im Fol­genden gezeigt werden wird, verhindert dies jedoch nicht eine fundierte Auseinanderset­zung. Schließlich werden zumindest die Herausgeber an anderer Stelle in verschiedenen erhaltenen Dokumenten erwähnt, was trotz des Fehlens eines Impressums den Zugang zum Umfeld von Freiheit für Österreich und seine Verortung ermöglicht.

2.1 Allgemeines

Trotz einer zweimaligen Adressänderung ist Freiheit für Österreich über den gesamten Erscheinungszeitraum hinweg in New York erschienen. Die Zeitschrift befindet sich damit in Gesellschaft einer Reihe von dort ansässigen Exilpublikationen, die neben der von ih­nen wahrgenommenen Vermittlerfunktion danach strebten, „das Verständnis für die neue Heimat mit der Bindung an die alte in Einklang zu bringen, um ihren Lesern über Identi­tätskrisen hinwegzuhelfen. Die Kommunikation zwischen Schicksalsgenossen und Gleich­gesinnten, die gebotenen Orientierungshilfen im politischen und vor allem sozialen Bereich sollten Existenzprobleme und die Isolation in der fremden Umgebung mindern und zum Aufbau eines neuen - dauernden oder vorübergehenden - Daseins in Amerika beitra­gen.“[7]Diese Beobachtung von Sigrid Schneider lässt sich in vollem Umfang auf die Arbeit der Zeitschrift übertragen - ob sie nun mit dem Zusatztitel „Anti Nazi Monthly“ (ab August 1942) oder außerdem mit dem Untertitel „Austrian Democratic Review“ (ab März 1943) erschien. Bis zur Januar-Ausgabe 1943 trug der Titel außerdem den Zusatz „Freedom for Austria“, auf den in der Folgezeit verzichtet wurde. Dennoch wurde ab September 1942 in Deutsch und Englisch publiziert und diese inhaltliche Entscheidung auch beibehalten.

Zumindest von September 1942 bis Januar 1943 lässt sich anhand des verzeichneten Er­scheinungsdatums belegen, dass die Zeitschrift jeweils zur Monatsmitte publiziert wurde. Im darauf folgenden März wurde das Erscheinungsdatum offenbar auf den ersten Tag des Monats verschoben, was das Fehlen einer Ausgabe für den Februar 1943 erklärt. Die letz­te Ausgabe von Freiheit für Österreich ist wieder in der Monatsmitte („Mid-June 1943“[8]) erschienen. Das Weiterbestehen in der Folgepublikation Austro American Tribune belegt neben dem auch dort verwendeten Zusatztitel „Anti Nazi Monthly“ der Hinweis „Formerly Freiheit Für Österreich“.

Ab September 1942 wird augenscheinlich auf moderne Drucktechniken bei der Herstel­lung zurückgegriffen. In der darauf folgenden Oktober-Ausgabe findet sich auf der letzten Seite dazu auch der Hinweis „Printed at H.G. PUBLISHING CO.“[9]. Bereits seit Juli 1942 wird die Zeitschrift beidseitig im Format 21 Zentimeter mal 27 Zentimeter produziert. Bis einschließlich Dezember 1942 werden dabei ausschließlich zwei Spalten verwendet, wäh­rend im Januar 1943 eine weitere hinzukommt. Der Umfang liegt relativ stabil bei zwölf Seiten, lediglich die Ausgabe vom Juli 1942 (neun Seiten) und die Ausgaben vom März und April 1943 (jeweils 16 Seiten) bilden eine Ausnahme.

Ursprünglich wird angestrebt, Freiheit für Österreich aus dem Verkaufserlös und einem Pressefond zu finanzieren: „Wir haben keine Hintermänner und Gönner, die uns subventi­onieren, aus unseren eigenen Kräften wollen wir die Zeitung finanzieren. [...] Wir suchen keine Subvention für unsere Arbeit, wir wollen die Zeitung durch einen Pressefond unserer Mitglieder und Anhänger finanzieren. [...] Sammelt für unsere Zeitschrift, unterstützt unse­ren Pressefond!“[10]Bis zum Januar 1943 kostet eine Ausgabe 5 Cent (Jahresabonnement 50 Cent), danach 10 Cent (Jahresabonnement 1 Dollar).

In dem zitierten frühen Aufruf wird darum gebeten, Schecks auf den Namen von Alois Englander auszustellen. Der Vizepräsident der Assembly for a Democratic Austrian Re­public wird in einem im Nachlass von Martin Fuchs erhaltenen Brief als „Finanzier“[11] der Zeitschrift benannt. Diese Einordnung deckt sich mit der zu treffenden Vermutung, dass Verkaufserlös und Spenden zur Finanzierung wohl nicht ausreichten. Dementsprechend heißt es in einem späteren Aufruf vom Dezember 1942: „Wir danken allen, die mit gutem Willen die gute Sache unterstützen. Aber Briefe allein genügen nicht. Die Zeitung wird mit finanziellen Opfern hergestellt. Die Hauptlast ruhte bisher auf einem mehr oder minder kleinen Kreise von Enthusiasten, die uns in finanziellen Schwierigkeiten immer wieder ge­holfen haben, auf die wir aber nicht bauen dürfen.“[12] Es ist also zusammenfassend davon auszugehen, dass Freiheit für Österreich trotz Verkaufserlös, Spenden und Anzeigen ein Zuschussbetrieb war, der nur durch ständige Unterstützung existieren konnte.

Diese Bezuschussung suchten die Verantwortlichen durch beständiges Festhalten an ih­ren Zielen sicherzustellen: „Von unserer Seite soll alles geschehen, um das Vertrauen, das Sie uns bisher erwiesen haben, auch in Zukunft zu rechtfertigen.“[13] Von diesen Zielen soll nun die Rede sein.

2.2 Selbstgesteckte Ziele

Zunächst formuliert die Zeitschrift selbst ihre Ziele relativ allgemein und plakativ. Von einer „politischen Tribüne im Kampf gegen die Nazis und jede Art von Appeasement“[14]und vom Kampf „gegen Hitler und Baldur von Schirach“[15]ist zunächst die Rede. .„Freiheit für Öster­reich’ wird Euer Programm im Weltkrieg gegen den Faschismus formulieren, Eure Forde­rungen vertreten, für die Zukunft Eurer alten Heimat kämpfen“[16], verspricht die Herausge­berschaft im Juli 1942.

Rund zehn Monate später werden die bisherigen und künftigen Ziele erneut und in we­sentlich präziserer Form benannt. Wegen der Wichtigkeit dieser Proklamation soll sie an dieser Stelle in voller Länge wiedergegeben werden: „Die Zeitung der demokratischen Ös­terreicher in den USA TRITT EIN für rückhaltslose Teilnahme am Kriegs-Effort der Vereinigten Staaten und der United Nations, VERTEIDIGT die Interessen der österreichi­schen Emigration, KÄMPFT für die Befreiung Österreichs vom Hitlerjoch, für das Selbst­bestimmungsrecht des österreichischen Volkes und die Wiederherstellung seiner demo­kratischen Freiheiten und Regierungsform, die Gleichberechtigung aller Bürger vor dem Gesetz, BEKÄMPFT die Achse und alle ihre Trabanten, den Faschismus in jeder Form, totalitäre Ansprüche aller Parteien, Rassen-, Klassen-, und Nationalitäten-Hass, LEHNT AB die groß-österreichischen Ziele des schwarz-gelben Monarchismus, die nur Zwietracht unter die zentraleuropäischen Völker tragen und dem Freiheitskampf Österreichs nur schaden, WIRBT um die Unterstützung aller freiheitsliebenden demokratischen Österrei­cher.“[17] In präziserer Form lässt sich der Anspruch von Freiheit für Österreich eigentlich nicht darstellen. Seine Erläuterung führt direkt zur politischen Einordnung der Publikation.

2.3 Einordnung in das politische Spektrum

Als „political but nonparty“[18]wird das hinter Freiheit für Österreich stehende Assembly for a Democratic Austrian Republic im Juli 1942 eingestuft. Die an anderer Stelle auf Fritz Rager und den als „geistigen Kopf“[19]bezeichneten Mitstreiter Ludwig Wagner gemünzte Bemerkung, sie träten als „betonte Demokraten und Republikaner“[20]auf, lässt sich vorbe­haltlos auf die gesamte Publikation übertragen. Fortwährend wird monarchistischen und restaurativen Kräften eine Absage erteilt. Ein „unabhängiges demokratisches Österreich“[21]wird wiederholt zum Ziel erklärt.

Als besonderes Hindernis dafür wird Otto von Habsburg angesehen, dem die ganze Kritik und Häme der Autoren gilt. So wird Ferdinand Bruckner etwa mit den Worten zitiert: „Ihm werden die ehemaligen k. und k. Völker schon beibringen, dass er sich endlich nach ei­nem Beruf umsehen sollte...[22] In die gleiche Kerbe schlägt das Zitat von Albert Einstein: „Ich kann es auch nicht begreifen, was man hier mit dem Otto von Habsburg treibt. Durch etwas Ähnliches dürfte Tolstoi zu dem Titel seines Dramas ,Der lebende Leichnam’ ange­regt worden sein. Mir erscheint die Sache zu lächerlich, um eine ernsthafte Erklärung zu rechtfertigen.“[23]

Damit wird auf die Prominenz angespielt, die Otto von Habsburg in gewissen Kreisen ge­nießt und die er zu nutzen sucht, um in seinem Sinne für Österreich zu sprechen. Insbe­sondere im Zusammenhang mit der Gründung einer österreichischen Abteilung innerhalb der amerikanischen Armee beteiligt sich Freiheit für Österreich wiederholt an Protesten gegen diese Bestrebungen. „Für ein österreichisches Bataillon aber ohne Habsburger!“[24]heißt eine gemeinsam mit österreichischen, tschechischen, ungarischen, italienischen, polnischen, rumänischen und jugoslawischen Sprechern unterzeichnete Erklärung, die verkündet: „All nations who were ever under the Habsburg domination reject categorically the restauration of the Hapsburg throne. They protest against tendencies to give Otto Hapsburg or his agents influence upon the special Austrian unit in the United States Army, the establishment of which has been announced.”[25]

Auch wenn das Werben Otto von Habsburgs für „sein Bataillon“[26]an anderer Stelle durch­aus mit Spott registriert wird, wird er keinesfalls als harmloser Reaktionärer gesehen. An­ders ist nicht zu erklären, dass die Einladung zur Massenkundgebung „Weder Hitler noch Habsburg“[27]' über eine ganze Seite hinweg abgedruckt wird. Die politische Rechte, ob ge­mäßigt oder extrem, ist das erklärte Ziel des publizistischen Widerstandes von Freiheit für Österreich. Wenn auch „nicht als Sozialisten“[28], so treten die Herausgeber doch zumindest links der Mitte auf. Diese Einschätzung deckt sich mit den Positionen, die im dritten Ab­schnitt bei der Diskussion zentraler Fragen noch nachgewiesen werden.

2.4 Die Herausgeberschaft und das Assembly for a Democratic Austrian Republic

„Nicht lange nach der Gründung des Austrian Labor Committee, im April 1942, schloss sich - ebenfalls in New York - eine Gruppe von Mitgliedern der ehemaligen Sozialdemo­kratischen Partei [...] zur Assembly for a Democratic Austrian Republic [...] zusammen. Ihren Vorsitz übernahm Fritz Rager, der von 1921 bis 1934 Sekretär der Wiener Kammer für Arbeiter und Angestellte gewesen war“[29]. Bereits zur Jahresmitte konnte das Assembly „circa 90 bis 100 Mitglieder, fast durchwegs linksbürgerliche Juden“[30]vorweisen, die Frei­heit für Österreich als ihr publizistisches Organ betrachteten.

Ab März 1943 firmiert die Organisation unter dem Namen American Federation of Austrian Democrats, nachdem sie sich mit den befreundeten und ihr nahe stehenden Organisatio­nen Austrian Action, Freie Österreichische Jugend und der Austrian Youth Assembly über ein gemeinsames Ziel verständigt hat: „Bei den alliierten Regierungen, in der Weltöffent­lichkeit und, nicht zuletzt, bei den Österreichern selbst“[31]Österreichs Anspruch auf Freiheit und demokratische Selbstgestaltung seines Schicksals zu vertreten. Darüber hinaus gel­ten die Ziele, die im Punkt 2.2 bereits dargestellt worden sind.

[...]


[1]vgl. etwa Werner Röder und Herbert A. Strauss (Hrsg.), Biographisches Handbuch der deutschsprachigen Emigration nach 1933. Band I: Politik, Wirtschaft, Öffentliches Leben. München 1999.

[2]Freiheit für Österreich (FfÖ) Juli 1942, S.4.

[3]FfÖ Juli 1942, S. 7.

[4]Ebd.

[5]Ebd.

[6]Fritz Rager, Hitlers Sozialpolitik. FfÖ Juli 1942, S. 4.

[7]Sigrid Schneider, Deutschsprachige Journalisten und Publizisten im New Yorker Exil. In: John M. Spalik u.a. (Hrsg.), Deutschsprachige Literatur seit 1933, Band 2, Teil 2. Bern 1989, S. 1265.

[8]FfÖ Juni 1943, S. 1.

[9]FfÖ Oktober 1942, S. 12. [HERVORHEBUNG im Text]

[10]o.V., Freunde des freien demokratischen Österreich! FfÖ Juli 1942, S. 5.

[11]Brief von Martin Fuchs an Ernst (vermutlich Ernst Hoor) betreffend politische Emigration in den USA (etwa Mitte 1942). Institut für Zeitgeschichte, Wien, Nachlass Martin Fuchs. DÖW E 19.512. Zitiert in: Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) (Hrsg.), Österreicher im Exil. USA 1938-1945. Eine Dokumentation. Band 2. Wien 1995, S. 249.

[12]Brief von Martin Fuchs an Ernst (vermutlich Ernst Hoor) betreffend politische Emigration in den USA (etwa Mitte 19 Die Redaktion und Administration von Freiheit für Österreich, An unsere Freunde und Leser! FfÖ Dezember 1942, S. 8.

[13]Ebd.

[14]o.V., Freunde des freien demokratischen Österreich! FfÖ Juli 1942, S. 5.

[15]Ebd.

[16]Ebd.

[17]FfÖ Mai 1943, S. 12. [Hervorhebung aus dem Original übernommen]

[18]Von der britischen Post- und Telegrafenzensurstelle zusammengestellte Liste österreichischer Organisationen vom 9.12.1942. Zitiert inDÖW (1995), S. 261.

[19]Fuchs (1942), S. 249.

[20]Ebd.

[21]o.V., Österreichische Kriegserklärung an Hitler. FfÖ Juli 1942, S. 1.

[22]FfÖ Dezember 1942, S. 2.

[23]Ebd., S. 1.

[24]vgl. Ebd., S. 5.

[25]o.V., Für ein österreichisches Bataillon aber ohne Habsburger! FfÖ Dezember 1942, S. 5.

[26]o.V., Otto Habsburg im „New Yorker“. FfÖ März 1943, S. 10.

[27]FfÖ März 1943, S. 5.

[28]Fuchs (1942), S. 249.

[29]Artikel von Thomas Albrich (Innsbruck) über das Austrian Jewish Representative Committee (N.Y.C.), 1990/91. Zeitgeschichte, Jg. 18, Heft 7/8, 1990/91. Zitiert in DÖW (1995), S. 532.

[30]Fuchs (1942), S. 249.

[31]Ferdinand Czernin, Alois Engländer u.a., American Federation of Austrian Democrats. FfÖ März 1943, S. 3.

Ende der Leseprobe aus 44 Seiten

Details

Titel
Analyse und Diskussion der österreichischen Exilzeitschrift Freiheit für Österreich
Hochschule
Universität Wien  (Institut für Publizistik)
Veranstaltung
HS Exiljournalismus
Note
1,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
44
Katalognummer
V148465
ISBN (eBook)
9783640591817
ISBN (Buch)
9783640592012
Dateigröße
916 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Österreich, Exiljournalismus, Freiheit für Österreich
Arbeit zitieren
Alexander Godulla (Autor), 2004, Analyse und Diskussion der österreichischen Exilzeitschrift Freiheit für Österreich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/148465

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Analyse und Diskussion der österreichischen Exilzeitschrift Freiheit für Österreich


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden