Diese Doktorarbeit behandelt die Anwendung des Reichserbhofgesetzes im ehemaligen Amtsgerichtsbezirk Pfaffenhofen an der Ilm.
Die unmittelbar nach dem Beginn der NS-Herrschaft einsetzende nationalsozialistische "Rassenpolitik" beruhte auf dem Gedankengang Hitlers, dass die Blutsmischung die alleinige Ursache des Absterbens alter Kulturen sei. "Die Blutsmischung und das dadurch bedingte Senken des Rassenniveaus ist die alleinige Ursache des Absterbens alter Kulturen; denn die Menschen gehen nicht an verlorenen Kriegen zugrunde, sondern am Verlust jener Widerstandskraft, die nur dem reinen Blute zu eigen ist."
Um die Qualität des deutschen Erbgutes zu verbessern, sollte deshalb eine Steigerung der eigenen Rassenqualität durch eine "Aufzüchtung" (bzw. "Aufnordung") geplant. Für diese Aufgabe schien den Nationalsozialisten der geburtenstarke Bauernstand prädestiniert. Denn "die Bevölkerung auf dem Land ist...durchweg gesünder, kräftiger und noch kaum durch artfremdes Blut verdorben."
Zur Umsetzung der Wiederaufzucht sollten die germanischen Bauern auf sog. Erbhöfen "erbgesunden" Nachwuchs aus ihrem „noch unbefleckten Erbgut“ hervorbringen, um ihn an die übrige Bevölkerung abzugeben und so der angestrebten "Aufordnung” Schritt für Schritt näher zu kommen. "Der Blutsstrom steigt [nämlich] vom Lande auf und fließt in die Stadt, nicht umgekehrt, und wer also die Quelle reinigt, schafft auch in der Stadt mittelbare Blutsbereinigung."
Seine rechtliche Grundlage fand dieses Vorhaben in dem bereits Ende September 1933 verabschiedeten Reichserbhofgesetz (REG). Wegen seiner Ausrichtung verwundert es nicht, dass es unter allen agrarpolitischen Maßnahmen des NS-Staates als das am stärksten ideologisch geprägte Gesetz gilt. Um so interessanter ist es, wie die handelnden Personen vor Ort mit der neuartigen Regelung umgingen. Folgten sie den ideologisch bedingten Vorgaben oder ließen sie sich von anderen Motiven leiten. Die vorliegende Studie macht es sich deshalb zur Aufgabe, die Handhabung des REG durch die ausführenden Organe d.h. die Gerichte und den Reichsnährstand in einem überschaubaren Bereich darzustellen.
Inhalt
Einleitung
Kapitel I
Die NSDAP auf „Bauernfang”
1. Die große Krise der deutschen Landwirtschaft am Ende der Weimarer Republik
2. Die nationalsozialistische Bauernpolitik bis zur „Machtergreifung”
3. Die landwirtschaftliche Struktur und das Wahlverhalten im Landkreis Pfaffenhofen/Ilm 1928 – 1933
Kapitel II
Durchsetzung nationalsozialistischer Agrarpolitik: Entschuldung, Reichsnährstand und Reichserbhofgesetz
1. Das Gesetz zur Regelung der landwirtschaftlichen Schuldverhältnisse (Schuldenregelungsgesetz)
2. Der Reichsnährstand
3. Die ideengeschichtlichen Hintergründe des Erbhofkonzeptes
3.1 Das Anerbenrecht und die bäuerliche Erbsitte unter besonderer Berücksichtigung Bayerns und des Landkreises Pfaffenhofen/Ilm
3.1.1 Die Entwicklung des Anerbenrechts bis 1933
3.1.2 Die Erbsitte in Bayern und im Landkreis Pfaffenhofen/Ilm
3.2 Die Blut und Boden Ideologie
4. Das Reichserbhofgesetz
4.1 Das preußische Erbhofrecht als Vorläufer
4.2 Das Reichserbhofgesetz vom 29. September 1933
4.3 Das Reichserbhofgesetz im Verhältnis zum Bürgerlichen Gesetzbuch
4.3.1 Das Reichserbhofgesetz als Kern eines neuen völkischen Privatrechts
4.3.2 Der Erbhof als Teil des konkreten Ordnungsdenkens
4.4 Die „Fortbildung” des Reichserbhofgesetzes
5. Das Anerbenrecht in Deutschland nach 1945
Kapitel III
Die Anwendung des Reichserbhofgesetzes im ehemaligen Amtsgerichtsbezirk Pfaffenhofen/Ilm
1. Die Bedeutung der erbhofrechtlichen Bestimmungen im untersuchten Gebiet
2. Die Anlegungsverfahren
2.1 Die Ersterfassung
2.2 Die weiteren Anlegungsverfahren
2.3 Bewertung der Anlegungsverfahren
3. Gerichtsverfahren vor dem Anerbengericht Pfaffenhofen/Ilm
3.1 Erbhofstatus
3.1.1 Verfahren zur Streichung des Erbhofstatus
3.1.1.1 Einspruchsverfahren
3.1.1.2 Feststellungsverfahren
3.1.1.3 Gründe für die Streichung des Erbhofstatus
3.1.2 Verfahren zur Anerkennung des Erbhofstatus
3.1.3 Einschätzung
3.1.4 Verhältnis des Einspruchs- zum Feststellungsverfahren
3.1.5 Schaffung von sippengebundenen Ehegattenerbhöfen
3.2 Bodenmobilität
3.2.1 Verkauf von Grundstücken
3.2.1.1 An die öffentliche Hand
3.2.1.2 An Privatpersonen
3.2.2 Verkauf des gesamten Erbhofes
3.2.3 Verpachtung/Pachtverlängerung
3.2.4 Grundstückstausch
3.3 Vererbung
3.3.1 Die vorweggenommene Erbfolge
3.3.2 Die gesetzliche Erbfolge
3.3.3 Die Stellung der Altenteiler und weichenden Erben
3.3.3.1 Altenteiler
3.3.3.2 Weichende Erben
3.3.4 Teilung des Erbhofes
3.3.5 Versorgungsstreitigkeiten
3.3.6 Anerbenbestimmung
3.4 Belastungsverbot
3.5 Sanktionen
3.5.1 Treuhänderresche Wirtschaftsführung
3.5.2 Aberkennung der Bauernfähigkeit
4. Einflussnahme von Seiten des Reichsnährstandes
5. Einflussnahme seitens der NSDAP
6. Reaktionen der Bauern auf das Reichserbhofgesetz
7. Die Beschwerdeverfahren
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit stellt die praktische Anwendung und Handhabung des Reichserbhofgesetzes (REG) durch die zuständigen Gerichte (Anerbengerichte) und den Reichsnährstand in dem räumlich begrenzten Bereich des ehemaligen Amtsgerichtsbezirks Pfaffenhofen/Ilm für den Zeitraum von 1933 bis 1945 dar. Es wird untersucht, wie die ideologischen Ziele des nationalsozialistischen Staates vor Ort durch die ausführenden Organe umgesetzt wurden und inwieweit ökonomische Notwendigkeiten die ideologische Strenge relativierten.
- Historische Analyse des Reichserbhofgesetzes und der nationalsozialistischen Agrarpolitik
- Rolle der Anerbengerichte bei der Umsetzung des Gesetzes vor Ort
- Untersuchung der Bodenmobilität, Vererbung und Entschuldungsverfahren in Pfaffenhofen/Ilm
- Der Einfluss des Reichsnährstandes und der NSDAP auf die lokale Rechtsprechung
- Reaktionen der lokalen Landbevölkerung auf die rechtlichen Eingriffe
Auszug aus dem Buch
Die große Krise der deutschen Landwirtschaft am Ende der Weimarer Republik
Ab dem Jahre 1928 geriet die deutsche Landwirtschaft mit ihren Produkten immer mehr unter Preisdruck. Eine relative Überproduktion an landwirtschaftlichen Erzeugnissen auf der Welt (besonders bedingt durch die Länder USA und Kanada), selbstverständlich gemessen an der Kaufkraft der Konsumenten, nicht etwa an ihren realen Bedürfnissen, hatte zu einem Preissturz geführt, der alle landwirtschaftlichen Sektoren mehr oder weniger betraf. Die Konkurrenz aus Übersee konnte auf Grund ihrer größeren Anbauflächen und besseren Technisierung effektiver produzieren.
Entscheidend verschärfte sich die Situation mit dem Ausbruch der Weltwirtschaftskrise, deren Beginn allgemein mit dem sog. „Schwarzen Freitag” an der New Yorker Börse, dem 24. Oktober 1929, datiert wird. Im Gegensatz zu anderen Wirtschaftszweigen in Deutschland wurde die Landwirtschaft von dieser Depression besonders stark betroffen. Einer der Gründe ist bereits mit der relativen Überproduktion genannt worden.
Zusammenfassung der Kapitel
Kapitel I: Dieses Kapitel beleuchtet die wirtschaftliche Krise der Landwirtschaft am Ende der Weimarer Republik und untersucht, wie die NSDAP diese Lage für ihre politische Agitation nutzte, um in der ländlichen Bevölkerung Wähler zu gewinnen.
Kapitel II: Hier werden die zentralen gesetzgeberischen Maßnahmen der nationalsozialistischen Agrarpolitik vorgestellt, insbesondere die Entschuldung, der Reichsnährstand sowie die theoretischen Grundlagen des Reichserbhofgesetzes, inklusive seiner ideologischen Herleitung.
Kapitel III: Das Hauptkapitel analysiert die konkrete Umsetzung und Anwendung des Reichserbhofgesetzes im ehemaligen Amtsgerichtsbezirk Pfaffenhofen/Ilm anhand einer detaillierten Auswertung der lokal überlieferten Gerichtsakten.
Schlüsselwörter
Reichserbhofgesetz, Anerbenrecht, Landwirtschaft, NS-Agrarpolitik, Bauernstand, Bodenmobilität, Erbhofakten, Pfaffenhofen an der Ilm, Reichsnährstand, Erbfolge, Entschuldung, Blut und Boden Ideologie, NS-Recht, Bauerngerichte.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit im Kern?
Die Studie befasst sich mit der praktischen Anwendung des Reichserbhofgesetzes (REG) zwischen 1933 und 1945 im ehemaligen Amtsgerichtsbezirk Pfaffenhofen/Ilm durch die lokal handelnden Organe.
Welche Themenfelder stehen im Vordergrund?
Zentrale Themen sind die administrative Umsetzung des Erbhofrechts (Anlegungsverfahren), die Rechtsprechung zu Bodenmobilität, Vererbung und Sanktionen sowie die Rolle und Einflussnahme des Reichsnährstandes.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie nationalsozialistische Ideologie (insbesondere Blut-und-Boden-Ideologie) in der Praxis durch lokale Behörden und Gerichte umgesetzt wurde und welche Rolle pragmatische, ökonomische Erwägungen dabei spielten.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Der Autor führt eine tiefgehende juristische und historische Quellenanalyse durch, gestützt auf 974 aus dem Staatsarchiv München eingesehene Erbhofakten des untersuchten Bezirks.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung zur NS-Agrarpolitik und das empirische Kapitel III, welches die tägliche Arbeit der Anerbengerichte in Pfaffenhofen/Ilm detailliert nachzeichnet.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Reichserbhofgesetz, Anerbenrecht, Bäuerliche Erbfolge, NS-Agrarpolitik, Bodenmobilität und die spezifische Situation im Amtsgerichtsbezirk Pfaffenhofen/Ilm.
Warum konnte die Untersuchung gerade in Pfaffenhofen/Ilm so detailliert durchgeführt werden?
Die exzellente Überlieferung der sogenannten Erbhofakten im Staatsarchiv München ermöglichte eine nahezu vollständige Rekonstruktion der gerichtlichen Vorgänge in diesem spezifischen Bezirk.
Wie reagierten die Bauern vor Ort auf das Gesetz?
Die Reaktionen reichten von einer anfänglichen, großen Ablehnung aufgrund der Einschränkung von Verfügungsrechten bis hin zum "Arrangement" mit dem Regime, begünstigt durch den wirtschaftlichen Aufschwung nach der Überwindung der Weltwirtschaftskrise.
- Arbeit zitieren
- Gerhard Schober (Autor:in), 2007, Die Anwendung des Reichserbhofgesetzes im ehemaligen Amtsgerichtsbezirk Pfaffenhofen an der Ilm, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1485195