Sein als Gleichnis Gottes

Hinführung zur Metaphysik bei Bernard Lonergan


Seminararbeit, 2004

4 Seiten, Note: 1


Leseprobe

1. Einführung

Grundweisen menschlicher Erfahrung sind Sehen und Hören. Doch es wäre zu einfach, Sehen und Hören als verbindliche Erfahrung aufzufassen, wie die Mitmenschen oder die Umwelt in uns hineingelangen. Wir haben nicht nur Sinnesorgane, wir sind Sinnlichkeit, denn aufgrund sinnlicher Erfahrung und durch sie nehmen wir die Welt wahr. „Reditio in seipsum“, sagte Thomas von Aquin, und meint dies daseinsontologisch, was bei Descartes dann nur funktional gewendet ist: „Je pense donc je suis“[1]. Am Erkenntnisakt selbst und in diesem konstituiert sich mein Ich. Wenn ich die Dinge dieser Welt erkenne, so nehme ich sie in ihrer Bedeutung für den Menschen wahr.

Im 20. Jahrhundert war die Klärung von Begriffe im philosophischen Denken von großer Wichtigkeit. Dies erkennen wir vor allem bei einigen Neuscholastikern, wie Maréchal, Lonergan oder Coreth u. a. Bei diesen Denkern werden Gehalte der scholastischen Seinslehre neu formuliert, und sie gehen davon aus, dass durch die Neuentfaltung mittels transzendentaler Methode, Gehalte der klassischen Seinslehre neu entwickelt werden können.

2. Begründung von Metaphysik bei Lonergan

Lonergan bestimmt seine Metaphysik methodisch durch die Dialektik von Position und Entfaltung. Position, wird als dynamische Struktur des Erkenntnisvollzugs verstanden. Entfaltung der Position kann entweder der Position entsprechen, als so genannte Weiterführung, oder als Gegenposition verstanden werden. Zweck der Dialektik ist das Aufzeigen von der Zweiheit von Vollzug und Begriff, d. h. sein Anliegen ist die Einsicht in den Vollzug der Einsicht, der oftmals nicht beachtet wird. In Rahners Sprache ausgedrückt heißt dies, was bekannt aber nicht erkannt ist, erkannt zu machen. Die Einsicht in die Einsicht führt eben zu dieser Herausarbeitung dieser wiederkehrenden Struktur des menschlichen Erkennens. Auf dieser Ebene spielen Erfahrung, Verstehen und Urteil eine wichtige Rolle. Diese Erkenntnisstruktur nennt Lonergan „Grundposition“. Daraus ergibt sich eine Dialektik zwischen Grundposition und ihrer Entfaltung. Alle Aussagen des menschlichen Erkennens kann auf die Grundposition über Erkennen, Objektivität und Realität zurückgeführt werden. Weiter zeigt sich diese Dialektik als Dialektik von Position und Gegenposition. Eine Gegenposition ist die Entfaltung, die der Grundposition über das Erkennen, Objektivität und Realität widerspricht. Eine Gegenposition widerspricht der Grundposition, aber entspricht jedoch einer Gegengrundposition. So entsteht ein kritischer Nachweis der Entfaltung der Grundposition. Deshalb brauchen die Aussagen, nämlich die der Grundposition über Erkennen, Objektivität und Realität, eine Weiterführung.

Die Entfaltung der Grundposition besteht in der konkreten Ableitung der Erkenntnisstruktur, die die dynamische Struktur von Erfahrung, Verstehen und Urteil ist. Deshalb ist die Metaphysik die Verwirklichung der Erkenntnisstruktur durch die konkrete Ableitung der Seinsstrukturen aus der Struktur des Erkenntnisvollzugs. So werden von der Struktur von Erfahrung, Verstehen und Urteil die Seinsstrukturen von Potenz, Form und Akt abgeleitet.

Was Lonergan deshalb „methodical exigence“ nennt, ist die Aufforderung von Verstehen. „Verstehen Sie systematisch! Wandeln Sie Gegenposition um! Entwickeln Sie Positionen! Übernehmen Sie Verantwortung für ihr Urteil!“[2] Es geht ihm dabei um einen neuen Vollzug der klassischen Metaphysik, und er selbst bekennt, dass er von dem geleitet ist, was Papst Leo XIII in Aeterni Patris im Sinne einer so genannten philosophia perennis ausgedrückt hat. Es geht um die Erneuerung christlicher Philosophie, die sich zur Aufgabe macht, die alte Wahrheit neu zu verwirklichen, indem sie durch die neuen Einsichten ergänzt und vervollständigt werden soll: vetera novis augere et perficere. So bezeichnet Lonergan seine Untersuchung als „Einsicht“, als eine Übertragung der Genialität des Thomas von Aquin auf die Probleme einer späteren Zeit.[3] Man kann sagen, Lonergan habe in diesem Sinne eine Wahrheit der Überlieferung ergänzt und vervollständigt.

[...]


[1] Vgl. “…ist die erste Gewissheit für Kant die Existenz des Denkens.” Andrzej Wiercinski, Gustav Siewerth und der transzendentale Thomismus, in: Gott für die Welt, 2001, 221.

[2] Es heist: „Understand, understand systematically, reverse counter-positions, develop positions, and take responsibility for your judgment.” In seinem Aufsatz schreibt er: “A method, I take it, is a set of rules or directives for the advancement of a science… My rules, then, are five in number. They are: 1. Understand. 2. Understand systematically. 3. Reverse counter positions. 4. Develop positions. 5. Accept the responsibility of judgment”. In: Philosophical and Theological Papers 1958-1964, Vol. 6, 1996, 29-53.

[3] Vgl. Lonergan, Einsicht, 835-836.

Ende der Leseprobe aus 4 Seiten

Details

Titel
Sein als Gleichnis Gottes
Untertitel
Hinführung zur Metaphysik bei Bernard Lonergan
Hochschule
Università della Svizzera Italiana, Lugano  (Theologie)
Veranstaltung
Seminar Dogmatik
Note
1
Autor
Jahr
2004
Seiten
4
Katalognummer
V148622
ISBN (eBook)
9783640599462
Dateigröße
461 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sein, Gleichnis, Gottes, Hinführung, Metaphysik, Bernard, Lonergan
Arbeit zitieren
lic.theol. Daniel M. Bühlmann (Autor), 2004, Sein als Gleichnis Gottes, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/148622

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