Zur Deutungsproblematik des "Arte Nuevo der hacer comedias en este tiempo" von Lope de Vega

Zwischen ‚Arte‘ und ‚Naturaleza‘, Doktrin und künstlerischer Freiheit


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009

26 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Die comedia des Siglo de Oro

III. Zur Deutungsproblematik des Arte Nuevo de hacer comedias en este tiempo
III. 1. Die formale Struktur des Arte Nuevo
III. 2. Widerspruchliche Inhalte im Arte Nuevo

IV. Forschungspositionen - Der Arte Nuevo: Spiel oder Ernst?
IV. 1. Menendez y Pelayo, Menendez Pidal, Montesinos
IV.2. Aktuelle Forschungspositionen

V. Synthese: Vorschlag einer Lesart des Arte Nuevo

Literaturverzeichnis

I. Einleitung

Lope de Vegas Arte nuevo de hacer comedias en este tiempo aus dem Jahr 1609, eine dramentheoretische Abhandlung uber die zu erstrebende Beschaffenheit und das der Zeit angemessene Verfassen der spanischen comedia, stellt die Forschung vor ein „hermeneutisches Problem“1. Nicht nur der Rahmen, fur welchen Lope diese Schrift verfasst und die Art des Vortrags selbst, sofern man von der in der Forschung durchaus umstrittenen Annahme eines mundlichen Vortrags ausgeht, bleiben unklar. Auch „[der] Widerspruch zwischen Lopes Theorie im Arte Nuevo und seiner Praxis, gelegentlich klar erkennbare Unernsthaftigkeit, sogar Spott, und mangelnde Ausarbeitung in formaler und sprachlicher Hinsicht“2 stellen die Forschung vor eine herausfordernde Deutungsproblematik: Was ist der Arte Nuevo? Handelt es sich um einen revolutionaren Akt, eine Poetik, die sich von klassischen Normen und Anspruchen befreit? Oder ist der Arte Nuevo das Produkt eines reumutigen, beschamten Dichters, der die unuberschaubare Menge an bereits verfassten, hochst popularen comedias als Zeugnisse seines barbarischen literarischen Tuns am liebsten ruckgangig machen wurde?

Diese Arbeit mochte zunachst auf den formalen Aufbau des Arte Nuevo eingehen. Anhand einiger zentraler Textpassagen aus dem Arte Nuevo soll dann die Deutungsproblematik konkret am Inhalt aufgezeigt werden. Die Darstellung verschiedener Forschungspositionen soll im Folgenden den diachronen Prozess verschiedener Herangehensweisen an den Text verdeutlichen und die zum Teil extrem divergierenden Positionen aufzeigen und problematisieren: Diese reichen von der Sichtweise eines konservativ-reaktionaren Lope, der jegliche Form von Fortschritt und Neuerung im Grunde ablehnt3, bis hin zur Sichtweise eines selbstbewussten Dichters und eines Arte Nuevo von der Qualitat einer „exzeptionellen Neuheit“4.

Am Ende dieser Arbeit steht der Versuch einer eigenen Positionierung im Bezug auf den Arte Nuevo. Wenn es sich hierbei auch nicht um eine abschlieBende Lesart des Werks handeln soll, so geht es vielmehr um das Eroffnen von Perspektiven, die sich sowohl aus dem Versuch einer Synthese der verschiedenen Forschungspositionen, als auch aus eigenen Uberlegungen zum Arte Nuevo ergeben.

II.Die comedia des Siglo de Oro

Lope de Vega, 1562 als Sohn einfacher Handwerker in Madrid geboren, ist fur die Etablierung der comedia nueva im Siglo de Oro, von unbestritten zentraler Bedeutung. Von seinen comedias sind heute uber 400 Werke erhalten, deren „Themenvielfalt eine Klassifizierung der comedias des Autors erschweren, wenngleich die gangigen Subgattungen der comedia de capa y espada, der comedia historica usw. problemlos auszumachen sind.“5 Es ist Vorsicht geboten, wenn die Gattungsbezeichnung comedia einem deutschen Begriffsaquivalent zuzuordnen ist: Was im Commonsense als Komodie bezeichnet wird, ist hier nicht gemeint; Spezifisch fur diese spanische Dramenform ist vielmehr, dass Elemente aus Komodie und Tragodie miteinander vermischt werden. Auch formale Merkmale, wie beispielsweise das Grundschema oder sprachliche und metrische Besonderheiten, sind charakteristisch dieser neuen Gattung im Siglo de Oro zuzuordnen. Mit Blick auf die Funktion der comedia liegen die Forschungspositionen im Spannungsfeld von „Propagandawerkzeug“6 bis „Zeitkritik“7. Simson merkt jedoch an, dass „doppelte Lesarten durchaus auch die Folge einer veranderten historischen Situation sein [konnen]“8. Ob die Affirmation der bestehenden Zustande im Sinne bewusster Propaganda oder eine fundamentale Zeitkritik von den Dichtern tatsachlich intendiert waren, bleibt dann fraglich: Im Einzelfall muss gepruft werden, inwiefern sich eine Ideologie hinter dem Werk identifizieren lasst, oder ob es sich um Kasuistik, also das Durchexerzieren einzelner Falle handelt.

III. Zur Deutungsproblematik des Arte Nuevo de hacer comedias en este tiempo

III. 1 Die formale Struktur des Arte Nuevo

Die wesentliche Konzeption der comedia des Siglo de Oro, wie sie von Lope vertreten und praktiziert wird, wird im Arte nuevo de hacer comedias en este tiempo aus dem Jahr 1609 beschrieben. Der gangige Standpunkt, dass es sich hierbei um einen Akademievortrag vor einer aristotelischen Madrider Akademie handelt, wird unter anderem von Gumbrecht angezweifelt:

Obwohl Lope de Vega diesen kurzen Verstraktat im Untertitel als >dirigido a la Academia de Madrid< auswies, spricht vieles fur Karl Vosslers Vermutung, dass der damit gesetzte Rahmen fiktiv sei. Jedenfalls machte es die am Horizont des Textes evozierte Autoritat einer jener literarischen Akademie, welche uber die Einhaltung der aristotelischen Dramenpoetik wachten, fur Lope de Vega besonders leicht, die Identitat der so eindrucksvoll mit seinem Namen verknupften spanischen comedia uber eine einleitenden Serie von Negationen - nun nicht mehr historisch, sondern dramentechnisch und pragmatisch - darzustellen.9

Dieses Detail ist nicht unbedeutend, wenn es um die Deutung des Arte Nuevo als selbstbewussten oder entschuldigenden Akt geht, da der Rahmen gegebenenfalls von Lope selbst geschaffen und der Kontext des Werks somit zumindest nicht unmittelbar als Drucksituation und Rechtfertigungsnot zu bezeichnen ware.

Der Arte nuevo de hacer comedias en este tiempo besteht aus 389 Versen, welche in reimlosen Elfsilbern verfasst sind. Somit folgt Lope der humanistischen Tradition durch die Verwendung des Stils der Epistel, welche das klassische Aquivalent zum Metrum des reimlosen Elfsilbers bilden und aus der Horazschen Ars poetica entlehnt sind: „Lopes Arte Nuevo ist ein wesentlich personliches Gedicht und enthalt sachliche Belehrung nur dem Scheine nach, das heiBt scherzhafterweise. Als naturliche und uberkommene Form fur eine derartige Einstellung bot sich die poetische Epistel des horazischen Stils.“10 Vossler verweist desweiteren auf die Ironisierung dieses Stils durch die sich reimenden Abschlusse der Sinnabschnitte und die funf lateinischen Distichen am Ende des Werks, deren letzter Vers mit einem Reim an das Spanische anschlieBt.11

Die Beschreibung der Struktur des Arte Nuevo orientiert sich in dieser Arbeit an der Gliederung des Werks durch Rozas12. Dessen „dreigliedriges Schema macht aus der scheinbaren Unordnung in Lopes Vortrag [...] ein relativ stringent gebautes, vielleicht nur durch die beim Verfassen gebotene Eile nicht bis ins letzte durchgefeiltes, uberschaubares Ganzes“13. Rozas unterteilt den Arte Nuevo in Prolog, Doktrinaren Teil und Epilog. Er untergliedert den Doktrinaren Teil mit Termini der Rhetorik: Compositio, Elocutio, Inventio und Peroratio; wobei sich diese Reihenfolge auf die Prioritatensetzung des Dichters zuruckfuhren lasst: Diesem scheinen die Hinweise auf tragikomische Elemente und Stande- und Stilmischungen besonders wichtig gewesen zu sein.14 Prolog und Epilog funktionieren nach Rozas auBerdem nach demselben Schema: Auf eine Captatio benevolentiae folgt eine Demonstration der eigenen Bildung, welche dann in Rechtfertigung und Uberleitung bzw. Rechtfertigung und Schluss ubergeht.

Es lassen sich im Arte Nuevo also strukturelle Anlagen identifizieren, die durchaus in die klassische Tradition einzureihen sind und als Verweise auf diese gelten konnen. Fur die Deutung des Arte Nuevo sind diese konzeptuellen Besonderheiten von Bedeutung. Dies wird im Folgenden besonders in der Darstellung der Forschungspositionen, sowie dem Versuch einer eigenen Interpretation deutlich. Zunachst jedoch ein Blick auf die inhaltliche Ebene der Abhandlung:

III.2 Widerspruchliche Inhalte im Arte Nuevo

Nicht nur im Blick auf formale Aspekte des Arte Nuevo werden Verweise auf antike, klassische Traditionen sichtbar. In diesem Kapitel soll vielmehr aufgezeigt werden, wie der Arte Nuevo auch inhaltlich immer wieder auf die klassische Doktrin und Tradition verweist, sie anerkennend als gultigen MaBstab fur die Dramenproduktion erwahnt, und sich doch gleichzeitig deutlich von ihr abgrenzt. Dieses Spannungsfeld zwischen Anerkennung und Ablehnung fuhrt zur Deutungsproblematik des Arte Nuevo, daher werden nun einige im Bezug auf die Fragestellung zentrale Textstellen vorgestellt15: Gleich zu Beginn seiner Arte Nuevo macht Lope in Vers 16 durch den Gebrauch des Terminus „Arte“ (V 16) in Verbindung mit dem unbestimmten Artikel deutlich, dass er sich hier auf die klassizistische Regelpoetik bezieht.16 Die Mitglieder der aristotelischen Akademie werden als Kenner dieser Theorie angesprochen. Spielerisch und doch deutlich druckt der Dichter dann jedoch aus, dass es sich bei ihnen um theoretisches Wissen und nicht etwa praktisches Konnen handelt. Zwischen Theorie und Praxis setzt Lope so eine erste Zensur:

[...]


1 Eglseder Andreas: Der Arte nuevo von Lope de Vega. Theaterwissenschaftliche ErschlieBung eines "der am haufigsten miBverstandenen Texte der spanischen Literatur". Frankfurt am Main (u.a.) 1998. S.33.

2 Ebd.

3 Vgl. Weiger, John: Lope's conservative Arte de hacer comedias en este tiempo. In: William McCrain/Jose A. Madrigal (Hg.): Studies in honor of Everett W. Hesse. Lincoln, Nebrasca: 1981.

4 Neuschafer, Hans-Jorg: Lope de Vega und der Vulgo. Uber die soziologische Bedingtheit und die emanzipatorischen Moglichkeiten der popularen comedia (am Beispiel von Fuenteovejuna). In: Horst Baader/E.Loos (Hg.): Spanische Literatur im Goldenen Zeitalter. Fritz Schalk zum 70.Geburtstag. Frankfurt 1973. S.342.

5 Simson, Ingrid: Das Siglo de Oro. Stuttgart 2001. S.59.

6 Ebd. 53.

7 Ebd.

8 Ebd.

9 Gumbrecht, Hans Ulrich: Eine Geschichte der spanischen Literatur. Frankfurt am Main 1990. S.378.

10 Vossler, Karl: Lope de Vega und sein Zeitalter. Munchen 1932. S.121.

11 Ebd.

12 Vgl. Rozas, Juan Manuel: Significado y doctrina del Arte Nuevo de Lope de Vega. Madrid 1976. S.179f.

13 Eglseder (1998), S.42.

14 Vgl. Rozas (1976), S.99ff.

15 Der Primartext ist entnommen aus Rozas (1976), S.181ff.

16 Vgl. Eglseder (1998), S.104.

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Details

Titel
Zur Deutungsproblematik des "Arte Nuevo der hacer comedias en este tiempo" von Lope de Vega
Untertitel
Zwischen ‚Arte‘ und ‚Naturaleza‘, Doktrin und künstlerischer Freiheit
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
26
Katalognummer
V148716
ISBN (eBook)
9783640592845
ISBN (Buch)
9783640593033
Dateigröße
595 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Deutungsproblematik, Arte, Nuevo, Lope, Vega, Zwischen, Doktrin, Freiheit
Arbeit zitieren
Sarah Pfeffer (Autor), 2009, Zur Deutungsproblematik des "Arte Nuevo der hacer comedias en este tiempo" von Lope de Vega, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/148716

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