Lope de Vegas Arte nuevo de hacer comedias en este tiempo aus dem Jahr 1609, eine
dramentheoretische Abhandlung über die zu erstrebende Beschaffenheit und das der
Zeit angemessene Verfassen der spanischen comedia, stellt die Forschung vor ein
„hermeneutisches Problem“1. Nicht nur der Rahmen, für welchen Lope diese Schrift
verfasst und die Art des Vortrags selbst, sofern man von der in der Forschung durchaus
umstrittenen Annahme eines mündlichen Vortrags ausgeht, bleiben unklar. Auch „[der]
Widerspruch zwischen Lopes Theorie im Arte Nuevo und seiner Praxis, gelegentlich
klar erkennbare Unernsthaftigkeit, sogar Spott, und mangelnde Ausarbeitung in
formaler und sprachlicher Hinsicht“2 stellen die Forschung vor eine herausfordernde
Deutungsproblematik: Was ist der Arte Nuevo? Handelt es sich um einen revolutionären
Akt, eine Poetik, die sich von klassischen Normen und Ansprüchen befreit? Oder ist der
Arte Nuevo das Produkt eines reumütigen, beschämten Dichters, der die
unüberschaubare Menge an bereits verfassten, höchst populären comedias als Zeugnisse
seines barbarischen literarischen Tuns am liebsten rückgängig machen würde?
Diese Arbeit möchte zunächst auf den formalen Aufbau des Arte Nuevo eingehen.
Anhand einiger zentraler Textpassagen aus dem Arte Nuevo soll dann die
Deutungsproblematik konkret am Inhalt aufgezeigt werden. Die Darstellung
verschiedener Forschungspositionen soll im Folgenden den diachronen Prozess
verschiedener Herangehensweisen an den Text verdeutlichen und die zum Teil extrem
divergierenden Positionen aufzeigen und problematisieren: Diese reichen von der
Sichtweise eines konservativ-reaktionären Lope, der jegliche Form von Fortschritt und
Neuerung im Grunde ablehnt3, bis hin zur Sichtweise eines selbstbewussten Dichters
und eines Arte Nuevo von der Qualität einer „exzeptionellen Neuheit“4.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Die comedia des Siglo de Oro
III. Zur Deutungsproblematik des Arte Nuevo de hacer comedias en este tiempo
III.1. Die formale Struktur des Arte Nuevo
III.2. Widersprüchliche Inhalte im Arte Nuevo
IV. Forschungspositionen – Der Arte Nuevo: Spiel oder Ernst?
IV.1. Menéndez y Pelayo, Menéndez Pidal, Montesinos
IV.2. Aktuelle Forschungspositionen
V. Synthese: Vorschlag einer Lesart des Arte Nuevo
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Deutungsproblematik von Lope de Vegas Werk „Arte nuevo de hacer comedias en este tiempo“ aus dem Jahr 1609. Im Zentrum steht die Forschungsfrage, ob das Traktat als unterwürfiger Widerruf eines Dichters gegenüber klassischen Normen oder als selbstbewusste, ironische Legitimation einer neuen, populären Dramenkonzeption zu verstehen ist, wobei insbesondere das Verhältnis zwischen theoretischem Anspruch und praktischer Umsetzung beleuchtet wird.
- Analyse des formalen Aufbaus und der inhaltlichen Paradoxien des „Arte Nuevo“.
- Vergleichende Darstellung diachroner Forschungspositionen von konservativen Ansätzen bis zu modernen, rezeptionsästhetischen Deutungen.
- Untersuchung der Rolle des „vulgo“ und der Vermischung tragischer und komischer Elemente als strategische Mittel Lopes.
- Erörterung der Bedeutung von Ironie und literarischer „Dezentrierung“ im Kontext des Barock.
Auszug aus dem Buch
III.2 Widersprüchliche Inhalte im Arte Nuevo
Nicht nur im Blick auf formale Aspekte des Arte Nuevo werden Verweise auf antike, klassische Traditionen sichtbar. In diesem Kapitel soll vielmehr aufgezeigt werden, wie der Arte Nuevo auch inhaltlich immer wieder auf die klassische Doktrin und Tradition verweist, sie anerkennend als gültigen Maßstab für die Dramenproduktion erwähnt, und sich doch gleichzeitig deutlich von ihr abgrenzt. Dieses Spannungsfeld zwischen Anerkennung und Ablehnung führt zur Deutungsproblematik des Arte Nuevo, daher werden nun einige im Bezug auf die Fragestellung zentrale Textstellen vorgestellt.
Gleich zu Beginn seiner Arte Nuevo macht Lope in Vers 16 durch den Gebrauch des Terminus „Arte“ (V 16) in Verbindung mit dem unbestimmten Artikel deutlich, dass er sich hier auf die klassizistische Regelpoetik bezieht. Die Mitglieder der aristotelischen Akademie werden als Kenner dieser Theorie angesprochen. Spielerisch und doch deutlich drückt der Dichter dann jedoch aus, dass es sich bei ihnen um theoretisches Wissen und nicht etwa praktisches Können handelt. Zwischen Theorie und Praxis setzt Lope so eine erste Zensur:
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Die Einleitung führt in die hermeneutische Problematik des „Arte Nuevo“ ein und stellt die zentrale Frage nach dem Status des Werks zwischen theoretischer Rechtfertigung und künstlerischer Praxis.
II. Die comedia des Siglo de Oro: Dieses Kapitel erläutert den historischen Kontext der „comedia nueva“ und deren Charakteristika im Spannungsfeld zwischen klassizistischer Norm und populärem Anspruch.
III. Zur Deutungsproblematik des Arte Nuevo de hacer comedias en este tiempo: Es wird die formale Struktur und der inhaltliche Widerspruch des Traktats analysiert, wobei insbesondere der spielerische Umgang mit antiken Vorgaben untersucht wird.
IV. Forschungspositionen – Der Arte Nuevo: Spiel oder Ernst?: Dieses Kapitel bietet einen Überblick über verschiedene wissenschaftliche Deutungsansätze, die von einer konservativen Sichtweise bis hin zur Interpretation als ironisches, barockes Spiel reichen.
V. Synthese: Vorschlag einer Lesart des Arte Nuevo: Die Synthese plädiert für eine Lesart, die das Werk nicht isoliert betrachtet, sondern die Ironie und die bewusste Aufwertung des Publikums als zentrales, genial-raffiniertes Konzept Lopes hervorhebt.
Schlüsselwörter
Lope de Vega, Arte Nuevo, Siglo de Oro, comedia, Literaturtheorie, Klassizismus, Aristoteles, vulgo, Rezeptionsästhetik, Barock, Dramentheorie, Paradoxie, Ironie, Literaturgeschichte, Spanien.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Deutungsproblematik von Lope de Vegas „Arte nuevo de hacer comedias en este tiempo“ und untersucht, wie der Autor das Spannungsfeld zwischen antiker Regelpoetik und der Praxis des spanischen Theaters seiner Zeit reflektiert.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind das Verhältnis von Theorie und Praxis, die Rolle des Publikums („vulgo“), die Bedeutung von Ironie im Werk und die Einordnung der Schrift in den historischen Kontext des spanischen Siglo de Oro.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es zu klären, ob Lope mit dem „Arte Nuevo“ eine ernsthafte Entschuldigung für seine Abweichungen von den klassischen Normen verfasst hat oder ob es sich um eine selbstbewusste und ironische Neubestimmung der dramatischen Kunst handelt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin wählt eine interpretative und literaturwissenschaftliche Herangehensweise, indem sie Textpassagen analysiert und diese mit einer diachronen Darstellung existierender Forschungspositionen vergleicht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden der formale Aufbau, inhaltliche Widersprüche innerhalb des Werks, verschiedene wissenschaftliche Interpretationsansätze der letzten 150 Jahre sowie die Rolle der klassischen Topoi untersucht.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Lope de Vega, Arte Nuevo, comedia, vulgo, Ironie, Barock, Klassizismus und die Debatte um die Legitimation des populären Theaters.
Warum wird die „comedia“ im Siglo de Oro als problematisch eingestuft?
Weil sie klassizistische Normen und antike Dramenlehren bewusst missachtet, um den Geschmack eines breiten Publikums zu bedienen, was Lope in seinem Traktat sowohl verteidigt als auch scheinbar kritisiert.
Welche Rolle spielt die Ironie in Lopes „Arte Nuevo“?
Die Ironie dient Lope als Werkzeug, um zwischen der akademischen Erwartungshaltung und seiner eigenen künstlerischen Freiheit zu lavieren, was das Traktat zu einem „barocken Spiel“ macht.
Was ist die „synthetische Lesart“, die die Autorin vorschlägt?
Sie plädiert dafür, den „Arte Nuevo“ nicht als isoliertes Manifest zu lesen, sondern als ein Werk, das durch den ironischen Ton und die Einbeziehung der realen Theaterpraxis Lopes Genialität und strategisches Geschick unterstreicht.
Wie bewerten die verschiedenen Forscher den „Arte Nuevo“?
Die Forschung ist gespalten: Während ältere Ansätze Lope als reumütigen, konservativen Sünder sehen, interpretieren modernere Forscher das Werk als ein selbstbewusstes, ironisches Manifest eines genialen Dichters.
- Citation du texte
- Sarah Pfeffer (Auteur), 2009, Zur Deutungsproblematik des "Arte Nuevo der hacer comedias en este tiempo" von Lope de Vega, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/148716