Willem Dafoe zwischen "Wooster Group" und Hollywood. Der Wechsel von Performance zu Film


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

25 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 The Wooster Group
2.1 Das Prinzip der Dekonstruktion
2.2 Dekonstruktion als Teil theatraler Arbeit

3 Willem Dafoe
3.1 Dafoe als Filmschauspieler
3.2 Dafoe zwischen Performance und Film

4 Schlussbetrachtungen

5 Quellenverzeichnis

1 Einleitung

Der Schauspieler Willem Dafoe ist vor allem durch seine Präsenz auf den Kinoleinwänden dieser Welt bekannt, und genießt durch seine charakteristischen Gesichtszüge, selbst als Nebendarsteller, einen hohen Wiedererkennungswert beim Publikum. Dafoe wirkte bereits in dutzenden Filmen mit, in kommerziellen, wie in experimentellen. In vielen Fällen mimte Dafoe düstere und zwielichtige Charaktere auf der Leinwand, wie beispielsweise seine Rollen als Antagonist in den Hollywoodfilmen „Speed II – Cruise Control“ und „Spiderman“. Dafoe ist jedoch auch humorvollen Figuren nicht abgeneigt, wie z.B. in dem Film „The Life Aquatic“ von 2004, in welchem er einen schwäbischen Meeresforscher mit Namen Klaus Daimler, an der Seite von Bill Murray gibt. Trotz des hohen Bekanntheitsgrades, den Willem Dafoe durch seine schauspielerische Arbeit beim amerikanischen Film erlangt hat, ist sich nur der kleinere Teil der Zuschauer darüber im Klaren, dass Dafoes künstlerische Tätigkeit vor allem durch seine Arbeit als Bühnendarsteller gekennzeichnet ist. Die Geschichte von Willem Dafoe als Schauspieler, ist untrennbar mit seinem Wirken als Künstler bei der amerikanischen Performancegruppe The Wooster Group verbunden. Die Schauspielkunst Willem Dafoes bewegt sich damit zwischen zwei, in hohem Maße, differenzierten Ebenen schauspielerischer Arbeit. Auf der einen Seite sein Schauspiel bei (zum großen Teil kommerziellen) Filmen der amerikanischen Filmindustrie, und auf der anderen Seite seine künstlerische Arbeit als Performer der Wooster Group.

Eben dieser stetige Wechsel Dafoes zwischen den zwei genannten Ebenen schauspielerischer Darstellung bildet den wissenschaftlichen Untersuchungsgegenstand der vorliegenden Arbeit. Die Aufgabe dieser Arbeit besteht darin einen Vergleich von Dafoes Darstellungsweisen zu ermöglichen, sowie mögliche Verbindungen und Gegensätze seiner Schauspielkunst herauszuarbeiten und zu untersuchen. Dabei soll die Person Willem Dafoe jedoch nicht als ein exemplarisches Beispiel für grundsätzliche Vergleiche dieser Art verstanden werden, da es nicht nur eine Vielzahl von schauspielerischen Lehrmethoden und Theorien gibt, sondern auch immer auf die jeweilige Biographie des Darstellers Rücksicht genommen werden muss.

Im vorliegenden Fall ist es notwendig, zunächst einen Überblick über die besonderen Arbeitsweisen der Performancegruppe The Wooster Group zu geben, um ein besseres Verständnis für die schauspielerische Prägung Willem Dafoes zu erlangen.

Die Performancekunst nimmt bereits eine besondere Stellung unter den Theaterformen ein, da sie nicht ausschließlich als solche zu verstehen ist, sondern von einem interdisziplinären Charakter geprägt ist. In der Performance lassen sich sowohl Elemente des Theaters, der neuen Medien und besonders auch der bildenden Künste finden, die sich durch ihre unkonventionellen Darstellungsformen in besonderem Maße, und darin liegt auch ein Grund für die folgenden Betrachtungen, von der Arbeitsweise der Filmindustrie unterscheiden.

„Performance läßt sich in diesem Kontext als eine Gegenstrategie begreifen, sowohl zur visualistischen Codierung von Denken, Wahrnehmung und Fühlen in der westlichen Kulturtradition als auch zur vorherrschenden Mediendramaturige, die auf die Bildung von Mustern, auf die Bestätigung von konventionalisierten Wahrnehmungsrastern hinausläuft.“[1]

Zudem existiert bei der Performance eine besondere Form der Auseinandersetzung zwischen dem Schauspieler bzw. Künstler und der Rolle, der er sich annähert. Der Schauspieler verkörpert nicht nur möglichst glaubwürdig die Figur eines dramatischen Textes, sondern entwickelt eine Art persönlicher Beziehung zur Figur, welche auf der Biographie des Darstellers basiert und dem Darsteller die Möglichkeit bietet, etwas von seiner eigenen Person, in Form einer ausgestellten Selbsterfahrung, mit einfließen zu lassen. Die Theaterwissenschaftlerin Elizabeth Jappe hatte in einem Definitionsversuch für die Performance behauptet, dass die Darsteller keine Rollen, sondern ausschließlich sich selbst spielen. Jedoch kann man gerade bei den neueren Arbeiten der Wooster Group „[…] eine Tendenz zur Fiktionalisierung beobachten, die das Authentizitätspostulat außer Kraft setzt.“[2]

Nachdem in dem folgenden Kapitel eine Einführung in die Arbeit der W ooster Group, als primärer Spielstätte Willem Dafoes, gegeben wurde, soll ein Einblick in dessen Biographie gegeben werden. Die Kapitel 2 bis 3 bilden damit die Grundlage für den hier angestrebten Vergleich von Willem Dafoes Schauspiel zwischen Film und Performance, welcher den Hauptgegenstand der vorliegenden Untersuchung bildet.

2 The Wooster Group

Die amerikanische Performance- und Theatergruppe „The Wooster Group“ gibt das Jahr 1975 als ihr offizielles Gründungsjahr an. Als eigentliches Gründungsjahr könnte man jedoch auch das Jahr 1967 ansehen, in welchem sich die Theatergruppe „The Performance Group“ unter der Leitung von Richard Schechner bildete. Aus dieser ging, nach dem endgültigen Bruch der Gruppe mit Schechner im Jahre 1980, die Wooster Group hervor.

Einen Grund für die Trennung von Schechner nennt David Savran, in seinem Buch „The Wooster Group“:

„She [LeCompte] found his [Schechners] mise en scéne too highly symbolic and ritualistic and his approach to performance dangerously psychoanalytical, urging the performer really to feel – at least in rehearsal – what he was experiecing on stage.“[3]

Zu den Gründungsmitglieder der Wooster Group zählen vor allem Elizabeth LeCompte, welche 1975 zum ersten Mal die Regie der Gruppe übernahm, der Bühnenbildner Jim Clayburgh, Spalding Gray, welcher sich jedoch bald einer Karriere als Solo-Performer widmete, die Schauspieler Peyton Smith und Kate Valk, sowie die mittlerweile aus US-Spielfilmen bekannten Schauspieler Ron Vawter und Willem Dafoe, LeComptes Lebensgefährten, auf welchen im dritten Kapitel dieser Arbeit noch genauer eingegangen wird. Die traditionelle Spielstätte der Gruppe ist noch immer dieselbe wie bereits unter der Leitung Schechners als Performance Group. Der Ort trägt den bezeichnenden Namen „Performing Garage“ und befindet sich im New Yorker Stadtteil Soho. Bei den Mitwirkenden der Wooster Group kann jedoch nicht von einem Theaterensemble im klassischen Sinne gesprochen werden, da die Besetzungen der Stücke immer wieder variieren. Vielmehr handelt es sich bei der Wooster Group um einen Verband von Künstlern, welcher den Zusammenhalt, sowie die Mittel für die Entstehungen innovativer Theaterproduktionen, trotz mangelhafter öffentlicher Subventionen, ermöglicht. Zu den vielen Künstlern, die immer wieder mit der Gruppe zusammengearbeitet haben gehören unter anderem Filmemacher wie Ken Kobland, Musiker wie John Lurie, Schriftsteller wie Jim Strahs, Regisseure wie Richard Foreman, welcher auch als Lehrmeister von Elizabeth LeCompte bezeichnet wird, sowie eine Vielzahl von Schauspielern wie beispielsweise John Malkovich, Steve Buscemi, oder Valerie Charles. Die Wooster Group zählt zu den Pionieren des postdramatischen Theaters, sowie des Theaters der Dekonstruktion, welches nicht die Aussagen seiner Textvorlagen in den Vordergrund stellt, sondern die Umsetzung des Textes in Form eines Bruchs mit der aktuellen Lektüre praktiziert. Darunter versteht man, dass sie ausgehend vom ursprünglichen Aufführungstext einen neuen, selbst entwickelten Aufführungstext erstellt, anstatt das Original werkgetreu interpretieren zu wollen. Als Theater der Dekonstruktion und ohne einen vergleichbaren, bürokratischen Überbau, wie man ihn im deutschen Theater noch in den meisten Fällen vorfindet, arbeitet die Wooster Group, anders als die herkömmlichen amerikanischen Theater, die vor allem nach kommerziellem Erfolg streben und vielen jungen Schauspielern als Sprungbrett in eine Filmkarriere dienen. Die Wooster Group setzt sich auf eine dekonstruktive Weise mit der eigenen, sprich mit der amerikanischen Kultur, auseinander, wobei die Gruppe nicht nur einen differenzierten Umgang mit der Darstellung eines Stückes selbst hat, sondern sich bereits im Besonderen mit dem Produktionsprozess auseinandersetzt. In diesem Zusammenhang hatte sich im Jahr 1988 der Regisseur Peter Sellars, der auch selbst einige Male mit der Wooster Group zusammen gearbeitet hat, über diese als eine zukunftsweisende Theatergruppe geäußert:

„The Wooster Group is speaking the language that the theatre will speak fifteen to twenty years from now. I’m talking about the vocabulary of stage language, of what a set looks like, how lightning behaves, how sound works, how video works, how all of those things go into creating a total work of art.“[4]

Die Wooster Group wurde besonders durch den Einsatz von Video-Technik auf der Bühne zu einer Weg weisenden Institution. Die Gruppe war um eine Suche nach zeitgemäßen Formen der Bühnenhandlung, wie des Bühnenbildes bemüht, welche den Zuschauer herausfordern, und ihn dazu bringen sollten seine Sehgewohnheiten und Erwartungen zu überprüfen und umzustellen. Was den Zuschauer schließlich dazu bringen sollte, mit den eigenen Erwartungen und Sehgewohnheiten zu spielen und zu experimentieren:

“Der Zuschauer schaltet sich in diese kleine, Schocks und Intensitäten erzeugende Theatermaschine der Wooster Group ein. Ein Ereignisraum wird geschaffen, in dem der Zuschauer sich durch die Lektüre und Dechiffrierung der Theaterzeichen als Subjekt konstituiert. [...] Der dabei unter Umständen entstehende Rausch ist durch eine Überaktivierung des Nervensystems und den beschleunigten Entladungsvorgang der Neuronen im Hirn bedingt.“[5]

Bei den Stücken der Wooster Group handelt es sich in den meisten Fällen um Montagen unterschiedlicher ästhetischer Ebenen und Elemente, in welchen Tanz, Video, Film, sowie auch Architektur und vor allem ein immenses Spektrum an oft zitierten schauspielerischen Genres, von traditionellen japanischen Schauspieltechniken, über Bewegungs- und Sprachkultur der afroamerikanischen Kultur, bis hin zu einem Schauspielstil á la Hollywood, wie beispielsweise der eines Willem Dafoe, zum Ausdruck kommen und sich zu komplexen Zeichensystemen verdichten. Die erste Arbeit der Wooster Group die, wie bereits erwähnt worden ist in der Regie von Elizabeth LeCompte entstand, basierte auf der Trilogie „Three Places on Rhode Island“ (1975-1979) von Spalding Gray. Bei diesem Werk kamen bereits die bezeichnenden und wesentlichen Elemente der Arbeitsweise der Wooster Group zum Ausdruck. Die Darsteller, treten zunächst nicht in einer Rolle, sondern als sie selbst auf, wobei sie nicht in, sondern mit einer Rolle spielen. Zudem gibt es Bilderzeugungstechnik statt nur lose Bilder auf der Bühne, Videoprojektionen, die nicht als Einspielungen, sondern als Akteure fungieren, sowie eine Art „Bühne auf der Bühne“ in Form eines Gerüstes, welches die Struktur eines schlichten Hauses aufweist, und schließlich der assoziative, dekonstruktivistische Umgang mit Textvorlagen wie O'Neills „Eines langen Tages Reise in die Nacht“. Das Urteil von Markus Weßendorf, über die Inszenierungstechniken der Wooster Group, welches er in seiner Arbeit zur dekonstruktiven Arbeitsweise der Gruppe zum Ausdruck bringt ist eindeutig: „Die Performing Garage der Wooster Group ist keine moralische Anstalt, eher schon ein Ingenieurbüro für Theatrales. [...] Das Spiel ist schnell, klar, cool.“[6] Die Projekte „Route 1 & 9“ aus dem Jahr 1981 und „L.S.D. (...Just The High Points...)“ von 1984 „[...] legen das Fundament zum Weltruhm der Wooster Group.“[7] In „Route 1 & 9“ waren die durchgehend weißen Darsteller schwarz geschminkt und spielten unter anderem Szenen aus dem dritten Akt von Thornton Wilders „Our Town“. In dieser Inszenierung trafen das idyllische Leben weißer Farmer und die schwarze Kultur, aus New Yorker Stadtteilen wie Queens und Harlem, „[...] in den Klischees ihrer Zeichen-Welten aufeinander, ohne dass dabei eine eindeutige Botschaft mit transportiert worden wäre.“[8] In dem Stück „L.S.D. (…Just The High Points…)“ parodierte die Gruppe das Theater von Schechners Performance Group, aus der Zeit der Gründungsjahre der heutigen Wooster Group, sowie das orgiastische Living Theatre. Dazu verwendete die Wooster Group Schriften von Timothy Leary und Arthur Miller und baute diese auf ironische Weise in die eigene Inszenierung ein. „Beide Aufführungen [...] sind, wie alle Arbeiten LeComptes, Reflektionen über Amerika, über seine Gewalt und Zerstörungswut, über seine heuchelnde Naivität.“[9] Dadurch das Arthur Miller versuchte gerichtlich dagegen vorzugehen, dass Passagen aus seinem Drama „The Crucible“ in dem Stück „L.S.D. (…Just The High Points…)“ verwendet wurden, sowie die darauf folgende Reaktion der Wooster Group, diese Passagen nicht mehr wörtlich, sondern in einer eigens entwickelten Kunstsprache, nämlich „[...] der Nonsense-Sprache Gibberish [...]“[10], wurde der Gruppe auch in New York und ganz Amerika zu größerer Bekanntheit verholfen. Das Interesse an der Arbeit und den Stücken der Wooster Group, welches in Europa schon seit längerer Zeit bestand, nahm in Amerika des Weiteren mit den kommerziellen Erfolgen der Gruppenmitglieder Ron Vawter und Willem Dafoe als Filmschauspieler im Dienste Hollywoods zu. Bis zum Jahr 2006 brachte die Wooster Group fünfzehn Theaterproduktionen hervor, sowie eine Reihe von eigenständigen Arbeiten in den Bereichen Film, Hörspiel und Tanztheater. Viele der oft preisgekrönten Produktionen der Gruppe wurden weltweit zu Gastspielen eingeladen. Auch in der Bundesrepublik war die Wooster Group bereits mehrmals zu Gast.

[...]


[1] Baxmann, Inge: „Wahrnehmung In-Between“ , aus „Acting (Re)Considered“, Hrsg. Zarrill, Philip, London/New York, 1995 ??? (Entnommen aus dem Reader des Seminars)

[2] Balme, Christopher: „Einführung in die Theaterwissenschaft, 3.Auflg., Erich Schmidt Verlag, Berlin 2003,

S. 163

[3] Savran, David: „The Wooster Group (1975-1985) – Breaking the Rules“, U.M.I.-Books on Demand, New York, 1986, S. 3

[4] Sellars, Peter: „The Director´s Voice“, Hrsg. Bartow, Arthur, New York, 1988, S.283

[5] Weßendorf, Markus: „Die theatrale Ästhetik der Wooster Group: Dekonstruktion als theatrale Praxis“, Diplomarbeit, Gießen, 1990, S. 1

[6] Weßendorf, Markus: „Die theatrale Ästhetik der Wooster Group: Dekonstruktion als theatrale Praxis“, Diplomarbeit, Gießen, 1990, S. 1

[7] Klett, Renate: “Auch Dekonstruktion ist Schöpfung“, in “Die Zeit” Ausgabe No. 25, 9. Juni 2004

[8] www.wikipedia.org/wiki/wooster_group

[9] Klett, Renate: “Auch Dekonstruktion ist Schöpfung“, in “Die Zeit” Ausgabe No. 25, 9. Juni 2004

[10] Klett, Renate: “Auch Dekonstruktion ist Schöpfung”, in “Die Zeit” Ausgabe No. 25, 9. Juni 2004

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Willem Dafoe zwischen "Wooster Group" und Hollywood. Der Wechsel von Performance zu Film
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Theaterwissenschaft)
Veranstaltung
Method Acting
Note
1,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
25
Katalognummer
V148796
ISBN (eBook)
9783640594160
ISBN (Buch)
9783640593866
Dateigröße
525 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Willem Dafoe, Schauspieltheorie, Method Acting, Performance
Arbeit zitieren
Ralf Beckendorf (Autor), 2006, Willem Dafoe zwischen "Wooster Group" und Hollywood. Der Wechsel von Performance zu Film, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/148796

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