Kreolistik als Bereich soziolinguistischer Forschung

Am Beispiel spanisch basierter Kreolsprachen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

24 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Spanisch – basierte Kreolsprachen
1.2 Papiamentu

2 Einführung in die Terminologie
2.1 Pidgin – und Kreolsprachen
2.1.1 Pidgin
2.1.2 Kreol
2.1.3 Jargon
2.2 Die Entstehung von Kreolsprachen
2.2.1 Baby- und Foreignertalk

3 Von der Linguistik zur Kreolistik
3.1 Der Perspektivenwechsel in der Linguistik
3.2 Die Bildung der Kreolistik

4 Kreolistik als Bereich soziolinguistischer Forschung
4.1 Soziolinguistik
4.2 Kreolisitk
4.2.1 Die frühesten Forschungsansätze
4.2.2 Die aktuellen Forschungsansätze

5 Schlussbetrachtungen

6 Quellenangaben

1 Einleitung

Ein Großteil der Erforschung von Mischidiomen und Sprachkontakten etablierte sich nach den überseeischen Expansionen der Europäer. Es dürfte dennoch klar sein, dass das Phänomen des Sprachwandels, so alt wie die Sprache selbst ist und das die Fragen nach Herkunft und Entstehung von Sprache, den Menschen zu jeder Zeit fasziniert haben. So gehört die Sprachwissenschaft auch zu den ältesten Wissenschaften der Welt. Sie existierte bereits vor ca. 2500 Jahren im alten Indien, wo sie sich zunächst bildete, um die Normen der einheitlichen, indischen Schriftsprache Sanskrit zu erhalten.[1] Auch die Sprachphilosophen der Neuzeit beschäftigte die Frage nach der Entstehung der menschlichen Sprache. Mit der Entdeckung von Pidgin- und Kreolsprachen konnten gerade in der jüngeren und jüngsten Vergangenheit sprachwissenschaftliche Untersuchungen gemacht werden, die zu der Beantwortung dieser Frage beigetragen haben. Bereits im Fall von antiken Großreichen, wie beispielsweise denen der Perser, Chinesen, oder Ägypter, wird davon ausgegangen, dass deren militärische, wirtschaftliche und kulturelle Expansion durch die Bildung von Pidginsprachen, in bestimmten Gebieten ihres Herrschaftsbereiches, unterstützt wurde. Als Beleg werden dramatische Texte aus dem antiken Griechenland gewertet, in denen Ausländer dadurch charakterisiert und dargestellt werden, dass sie eine gebrochene Form des damaligen Griechisch sprachen.[2] Eine große Schwierigkeit bei der Untersuchung derart alter Mischidiome, ist der bestehende Mangel an Dokumenten. Die romanisch – basierten Kreolsprachen, die im Zuge der Kolonisation entstanden sind, sind auf Grund ihres vergleichsweise jungen Alters besser belegt und bilden zudem einen zentralen Ausgangspunkt der vorliegenden Arbeit. Dennoch wird in dieser Arbeit nur am Rande auf die sprachliche Entwicklung, sowie die sprachlichen Eigenheiten einzelner Kreolsprachen eingegangen. Aufgabe dieser Arbeit ist zum einen, eine Einführung in die Erforschung von Kreolsprachen zu geben und zum anderen die Kreolistik als einen Bereich der Soziolinguistik zu konstituieren. Der Anspruch dieser Arbeit besteht darin, einen möglichst klaren Überblick über den Stand und die Entwicklung dieses Bereiches sprachwissenschaftlicher Forschung zu ermöglichen. Auf Grund des begrenzten Rahmens besteht zwar kein Anspruch auf Vollständigkeit, aber es sollte der vorliegenden Arbeit gelingen das wissenschaftliche Interesse zu wecken, sowie die Basis für weitere Studien zu bilden. Die Untersuchung beginnt mit einer Einführung in die wichtigsten Termini des Bereiches der Kreolistik und erläutert die verschiedenen Bedingungen und Entwicklungsstadien von Kreolsprachen.

Den Hauptteil der Arbeit bildet die Untersuchung der Entwicklung und den gegenwärtigen Stand der Erforschung von Kreolsprachen und versucht darüber hinaus die Frage nach dem Nutzen und der Verortung von Kreolistik zu stellen, um mit möglichen Zukunftsperspektiven für diesen Bereich linguistischer Forschung abzuschließen.

1.1 Spanisch – basierte Kreolsprachen

Aus der Perspektive der heutigen Linguistik, ist es selbstverständlich, dass Sprachkontakte und sich daraus entwickelnde Mischsprachen bereits solange existieren, wie das Phänomen der Sprache als solches und das es aus diesem Grund in allen Teilen der Welt und zu verschiedensten Zeiten zur Bildung von Kreolidiomen gekommen ist. Um die Aufgabe dieser Untersuchung gezielt zu verfolgen und den begrenzten Rahmen effektiv zu nutzen, konzentriert sich die Arbeit auf jene Kreolsprachen, welche sich vor allem durch die Spanier und die Portugiesen im Zuge des Kolonisierungsprozesses, auf dem südamerikanischen Kontinent und in der Karibik haben bilden können. Da jedoch auch eine Begrenzung auf diesen Bereich noch immer einen sehr großen Umfang aufweisen würde und die Gefahr besteht, sich bei den Erläuterungen in einer substanzlosen Weite des Gegenstandes zu verlieren, oder sich an Aspekten aufzuhalten, die für die vorliegende Untersuchung als Marginalien gewertet werden müssten, sollen hier nur die spanisch basierten Kreolsprachen als Exempel der Untersuchung dienen. Es lassen sich bei den Sprechern spanisch basierter Kreolsprachen zudem einige Phänomene feststellen, wenn diese Spanisch sprechen, was wiederum Rückschlüsse auf die Entwicklung und die Struktur ihrer eigenen Kreolsprache ermöglicht und die an dieser Stelle noch kurz erwähnt werden sollen. Bei Kreolsprachlern, die Spanisch sprechen lässt sich häufig eine gedoppelte Verneinung feststellen, die sowohl vor- als auch nachgestellt wird: „No hablo inglés no.“ Des Weiteren kann man oftmals eine Reduzierung des Plurals; „Las hija tuya.“, sowie einen extrem hohen Gebrauch der Subjektpronomen feststellen. Einige weitere Merkmale sind ein reduzierter Gebrauch von Artikeln, das Fehlen einer Einleitung des Nebensatzes durch die Konjunktion que, das häufige Fehlen von Reflexiv- und Passivkonstruktionen oder das Fehlen von Kopulaverben. Im Vergleich zu anderen Kreolsprachen, die auf europäischen Sprachen, wie beispielsweise Französisch oder Niederländisch basieren, hat das Spanische nur sehr wenig Kreolsprachen hervorgebracht: das Papiamentu, das Palenquero, und das Chabacano, wobei das Palenquero als eine der bedeutendsten Quellen zur Erforschung von alten Kreols gilt, da es etwa zweihundert Jahre lang in Kolumbien isoliert bestand und daher lange Zeit frei von weiteren Einflüssen anderer Sprachen blieb.

1.2 Papiamentu

Bei der Entstehung der Kreolsprache Papiamentu, die hier an einigen geeigneten Stellen als wichtigstes Beispiel genutzt werden soll, waren neben dem Spanischen auch andere Sprachen beteiligt, nachweislich vor allem das Portugiesische.

„El papiamento tiene en su base el criollo negro-portugués que traían los esclavos de África. En Curacao esta lengua se mezcló con el español hablado en las Antillas y en las costas venezolanas. Por añadidura, cuenta con numerosas palabras holandesas.“[3]

Seinen Ursprung hat das Papiamentu auf der Karibikinsel Curacao, welche der Spanier Alonso de Ojeda 1499 entdeckte und 1527 zusammen mit den Inseln Aruba und Bonaire, in spanischen Besitz überging (ABC – Inseln). Die Spanier herrschten über einhundert Jahre lang auf den ABC – Inseln, die auch als niederländische Antillen bekannt sind und konnten so ihre Sprache verbreiten, bevor sie 1634 von den Holländern verdrängt wurden. Die Holländer machten Curacao zu einem wichtigen Depot für ihren Sklavenhandel in der „neuen Welt“ und etablierten die holländische Sprache. Neben dem Sklavenhandel der Holländer spielten noch sprachliche Einflüsse sephardischer Juden aus Portugal und Spanien eine Rolle. Obwohl die Spanier von den Holländern vertrieben worden waren, behielt die spanische Sprache, durch die Nähe und dem Kontakt zum spanischsprachigen Festland weiterhin ein hohes Prestige und eine gewichtige Rolle bei der Entwicklung des Papiamentu. Auch wenn die niederländische Sprache bis in die Gegenwart die Amtssprache der ABC – Inseln darstellt, leben auf ihnen ein paar hunderttausend Sprecher der Muttersprache Papiamentu, wobei die Sprecherzahlen, je nach Quelle, zwischen ca. 185.000[4] und 250.000[5] schwanken. Darüber hinaus existieren zwei Sprachsysteme des Papiamentu für dessen Schriftsprache: ein niederländisch und ein spanisch Geprägtes. Diese Teilung liegt an der Sprachpolitik die lange Zeit auf Curacao von der Kirche bestimmt war. Die katholische Kirche förderte die spanisch basierte Version des Papiamentu, da die Spanier mehrheitlich katholischen Glaubens sind. Die protestantische Kirche hingegen förderte die niederländisch basierte Version des Papiamentu und zwar aus demselben Grund: Die Niederländer waren mehrheitlich protestantisch. Bis heute, hat das Papiamentu „[…] für ein Kreol einmaliges Prestige [erlangt].“[6]

2 Einführung in die Terminologie

2.1 Pidgin – und Kreolsprachen

Bevor sich in den Kapiteln drei und vier dem Kern der Untersuchung gewidmet werden kann, nämlich dem Forschungsstand, sowie der Verortung der Kreolistik innerhalb der Linguistik, ist es nötig, die grundsätzlichen Termini dieses Bereiches der Sprachwissenschaft vorzustellen. Wie bereits in der Einleitung angekündigt, sollen an dieser Stelle die wesentlichen Merkmale und Unterschiede zwischen einem Pidgin, einem Kreol, so wie auch einem Jargon aufgezeigt werden.

2.1.1 Pidgin

Die Herkunft der Bezeichnung Pidgin ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Die bekannteste Auffassung ist jene, dass es sich bei dem Wort Pidgin um eine Variante des englischen Wortes buisness handelt, ausgesprochen in einer englisch – chinesischen Pidginsprache.[7] Eine andere These zur Etymologie des Wortes Pidgin, vermutet dessen Herkunft in dem hebräischen Wort „pidjom“, welches ebenfalls, wie auch das englische buisness, die Bedeutung von „Handel“ und „Austausch“ inne hat. Unabhängig davon, ob die wahre Herkunft des Begriffes Pidgin in der Zukunft noch geklärt werden kann, wird an diesen beiden etymologischen Beispielen deutlich, in welchem Milieu Pidginsprachen vorwiegend verortet werden können: im Bereich wirtschaftlicher Beziehungen zwischen verschiedensprachigen Volksgruppen. Der Bereich des Handels zwischen verschieden-sprachigen, ethnischen Gruppen, stellt zwar eine der wichtigsten Grundlagen für die Herausbildung von Pidginsprachen dar, ist jedoch nicht die Einzige. Aus diesem Grund kann dieser Bereich noch nicht für eine allgemeine Definition von Pidginsprachen ausreichen. Dennoch muss an dieser Stelle eine allgemeine Definition des Begriffes gemacht werden, da sie für den weiteren Verlauf der Arbeit von essentieller Bedeutung ist.

Unter einem Pidgin, oder einer Pidginsprache, versteht man eine Mischsprache, die sich aus einem intensiven Sprachkontakt zwischen verschiedensprachigen, heterogenen Volksgruppen gebildet hat: „A Pidgin is a reduced language that results from extended contact between groups of people with no language in common […]“[8]. Pidgins entstehen besonders vor dem Hintergrund besonderer sozialer Umstände und dienen bzw. bilden sich für eine Kommunikation in bestimmten Lebensbereichen, wobei der Bereich des Handels das wichtigste Beispiel darstellt. Exemplarisch für die genannten „besonderen sozialen Umstände“ stehen in dieser Arbeit die aus dem Sklavenhandel resultierenden Sprachkontakte in Amerika und der Karibik. Eine Pidginsprache entsteht in diesem Fall zwischen afrikanischen Sklaven, die selber häufig aus unterschiedlichen Gebieten Afrikas stammten, und dann auf Teile der Sprache ihrer Herren zurück greifen mussten, um sich auch untereinander verstehen zu können. Auf diese Weise fließen verschiedene Teile verschiedener Sprachen zusammen, um die grundlegende Kommunikation zu gewährleisten. Man spricht hier von einer frühen Pidginphase, in der die Sprache aus einer kommunikativen Notwendigkeit heraus entsteht und die sich dann im Laufe der Zeit festigen und etablieren kann, wobei Holm allerdings festhält: „[A Pidgin] is no ones native language.“[9] Bei Pidgins, anders als beispielsweise bei einem Jargon, bleibt immer ein sprachlicher Transfer, ausgehend von den weiter existierenden Muttersprachen bestehen. Wenn sich diese Strukturen im Laufe der Zeit immer weiter verfestigen und sich von den ursprünglichen Sprachen absetzen, spricht man von einem Prozess der Kreolisierung, in welchem sich dann die Kreolsprachen bilden.

2.1.2 Kreol

Bevor wir uns in diesem Teil, direkt der Definition, sowie den wichtigsten Merkmalen von Kreolsprachen zuwenden, soll an dieser Stelle, wie auch im vorangegangenen Abschnitt, eine kleine etymologische Einleitung den Anfang bilden: Die Herkunft des Begriffes Kreol, ist anders als bei dem Begriff Pidgin, eindeutig geklärt. Kreol stammt ursprünglich von dem lateinischen Begriff creare, in der Bedeutung (auf) wachsen, erschaffen, bzw. von dem jüngeren portugiesischen Begriff criar = aufwachsen ab. Im Zuge des Prozesses der Kolonisierung gelangte dieser Begriff mit der Sprache der Eroberer in die „neue Welt“, wo er dann in Form seines Partizips criado afrikanisch - stämmige Sklaven bezeichnete, die im Hause ihres Herren, also bereits in der „neuen Welt“ geboren worden waren. Der Diminutiv von criado also crioulo, bezeichnete später nicht mehr nur, in der „neuen Welt“ geborene Afrikaner, sondern auch Europäer, woraus sich dann der Begriff sp. criollo, frz. c réole, holl. creools, engl. Creole und dt. Kreol bildete.

[...]


[1] Berésin, F.M.: „Geschichte der sprachwissenschaftlichen Theorien“, VEB Bibliographisches Institut, Leipzig 1980, S. 11

[2] Holm, John: „An introduction to pidgins and creoles.“; Cambridge University Press, Cambridge 2000, S.9

[3] Zamora Vincente, Alonso: „Dialectología española“; Madrid 1967, S. 442

[4] Angabe der Sprecherzahl aus: Geckeler, Horst/Dietrich, Wolf: „Einführung in die spanische Sprachwissenschaft“, Erich Schmidt Verlag, Berlin 2004, S. 26

[5] Angabe der Sprecherzahl aus: Bartens, Angela: „Der kreolische Raum“, Finnische Akademie der Wissenschaften, Helsinki 1996, S. 170

[6] Bartens, Angela: „Der kreolische Raum“, Finnische Akademie der Wissenschaften, Helsinki 1996, S. 170

[7] Bertelsmann: Das moderne Lexikon, Bertelsmann Lexikon Verlag, Gütersloh 1971, Band 14

[8] Holm, John: „An introduction to pidgins and creoles.“; Cambridge University Press, Cambridge 2000, S.5

[9] Holm, John: „An introduction to pidgins and creoles.“; Cambridge University Press, Cambridge 2000, S.5

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Kreolistik als Bereich soziolinguistischer Forschung
Untertitel
Am Beispiel spanisch basierter Kreolsprachen
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Romanistik)
Veranstaltung
Soziolinguisitk des Spanischen in Amerika
Note
1,7
Autor
Jahr
2007
Seiten
24
Katalognummer
V148804
ISBN (eBook)
9783640594207
ISBN (Buch)
9783640593842
Dateigröße
498 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Linguistik, Kreolsprachen, Pidgin, Wissenschaftstheorie
Arbeit zitieren
Ralf Beckendorf (Autor), 2007, Kreolistik als Bereich soziolinguistischer Forschung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/148804

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