Die Erklärungslücke


Hausarbeit, 2007

23 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Die Identitätstheorie

2 Saul Kripkes Argument gegen die Identitätstheorie

3 Levines Argument der Erklärungslücke
3.1 Levines Erwiderung auf Kripkes metaphysischen Einwand gegen die Identitätstheorie
3.2 Der epistemische Einwand gegen die Identitätstheorie – die Erklärungslücke

4 Der Unterschied zwischen dem epistemischen und dem ontologischen Status von Qualia

5 Die materialistische Theorie von Bekanntschaft als physikalistische Erklärung zur Erkärungslücke

6 Literaturverzeichnis

1 Die Identitätstheorie

In der in den 1950er Jahren von Ullin T. Place und John J. C. Smart entwickelten Identitätstheorie behaupten die Verfasser, dass Empfindungen mit Gehirnprozessen identisch sind. Der Versuch des semantischen Physikalismus, mentale Prädikate in eine physikalistische Sprache zu übersetzen scheitert zwar, daraus folgt aber nicht, dass Empfindungen nicht mit Gehirnprozessen identisch sein können. Also können auch Empfindungen mit Gehirnprozessen identisch sein.

Doch wie gelangen Place und Smart zu dieser Auffassung?

Mit dem semantischen Physikalismus mentale Begriffe in synonyme physikalische Begriffe zu übersetzen, ist zwar nicht möglich, denn:

„ - Mentale Prädikate sind in der Regel Cluster-Begriffe, die sich nicht ohne weiteres durch die Angabe notwendiger und hinreichender (physikalischer) Bedingungen definieren lassen.
- Es scheint zumindest schwierig zu sein, die Bedingungen möglicher Definitionen so vollständig zu formulieren, daß die Definitionen nicht mit Gegenbeispielen konfrontiert sind.
- Mentale Ausdrücke lassen sich nicht zirkelfrei in physikalischer Sprache definieren“ (Beckermann, 1999: 90; Hervorh. im Original).

Dennoch können auch nicht synonyme Begriffe dieselbe Entität ausdrücken.

Ansgar Beckermann führt in seiner Einführung in die Philosophie des Geistes in dem Kapitel „Identitätstheorie“ Beispiele an, die belegen sollen, dass nicht synonyme Begriffe durchaus dieselbe Eigenschaft beschreiben können. Ich greife ein Beispiel heraus: So ist etwa Blau identisch mit der Lieblingsfarbe von Klara. Die Prädikate „ist blau“ und „hat die Lieblingsfarbe von Klara“ bezeichnen dieselbe Eigenschaft, obwohl diese Begriffe nicht synonym sind (vgl. Beckermann, 1999: 99).

Außerdem belegen auch die Naturwissenschaften, dass es nicht synonyme Begriffe gibt, die dieselbe Entität ausdrücken können (z. B. Wasser und H2O bezeichnen dieselbe Entität).

So könnten ebenso Empfindungen mit Gehirnprozessen identisch sein, auch wenn mentale und physikalische Prädikate allgemein nicht synonym sind.

Beckermann weißt darauf hin, dass die Identitätstheorie in dieser Form verbessert werden muss, und zwar aus den zwei folgenden Gründen:

Nicht nur Empfindungen, sondern auch intentionale Zustände können mit der Identitätstheorie beschrieben werden. Deshalb ist die Identitätstheorie für alle mentalen Zustände gültig.

Empfindungen sind nicht mit Gehirnprozessen identisch, da Empfindungen zu der Kategorie der Eigenschaften und Gehirnprozesse zur Kategorie der Ereignisse gehören und Eigenschaften grundsätzlich nicht identisch mit Ereignissen sind. Deshalb können nur mentale Eigenschaften bzw. Zustände mit physischen Eigenschaften bzw. Zuständen identisch sein (vgl. Beckermann, 1999: 100).

Wenn mentale Eigenschaften bzw. Zustände mit physischen Eigenschaften bzw. Zuständen identisch sind, dann ist dies eine Identität a posteriori, weil sich die Wahrheit der entsprechenden Identitätsaussagen nicht schon aus der Bedeutung der jeweiligen Prädikate ergibt.

Allgemein gilt, dass alle Identitätsaussagen a posteriori wahr sind, wenn die Ausdrücke, die ein Einzelding bezeichnen, dasselbe Einzelding bezeichnen, auch wenn ihr Sinn verschieden ist. Genauso gilt für Identitätsaussagen über Eigenschaften und Zustände, die a posteriori wahr sind, dass die Prädikate, die eine Eigenschaft oder einen Zustand ausdrücken, die selbe Eigenschaft oder den selben Zustand bezeichnen, obwohl ihr Sinn verschieden ist (vgl. Beckermann, 1999: 103).

Nach dieser Feststellung wird es möglich, zu behaupten, dass mentale Eigenschaften bzw. Zustände mit physischen Eigenschaften bzw. Zuständen a posteriori identisch sind.

Die Frage die sich stellt, ist, ob diese Behauptung falsch oder richtig ist und damit die Identitätstheorie scheitert oder besteht. Im folgenden Punkt stelle ich ein Argument vor, dass gegen die Richtigkeit dieser Behauptung spricht.

2 Saul Kripkes Argument gegen die Identitätstheorie

In der erkenntnistheoretischen Tradition wurden lange Zeit die Begriffe „a priori“ und „notwendig“ genauso wie die Begriffe „a posteriori“ und „kontingent“ als synonym betrachtet. In seiner Vorlesung „Naming and Necessity“, die er 1970 an der Princeton University hielt, weist Saul A. Kripke darauf hin, dass diese Begriffe keineswegs synonym, ja nicht einmal koextensiv sind (vgl. Kripke, 2005: 48).

Demnach gibt es nicht nur zwei, sondern vier Arten von Wahrheiten:

- notwendige Wahrheiten a priori.
- kontingente Wahrheiten a posteriori.
- notwendige Wahrheiten a posteriori.
- kontingente Wahrheiten a priori (vgl. Beckermann, 1999: 128).

Bevor ich dazu komme, welche Folgen diese Feststellung für die Identitätstheorie hat, möchte ich darauf eingehen, wie Kripke überhaupt dazu kommt, dass es vier anstatt zwei Arten von Wahrheiten gibt. Immerhin bricht Kripke mit einer erkenntnistheoretischen Tradition, die ihren Anfang bei Kant nimmt. Man sollte deshalb nachvollziehen können, wie Kripke zu dieser neuen, epochemachenden Erkenntnis gelangt, um sie als gültig anerkennen und die bisherige Tradition als unvollständig betrachten zu können.

Zunächst möchte ich auf die Bedeutung der Begriffe notwendig, kontingent, a priori und a posteriori genauer eingehen:

- Wenn eine Aussage notwendig wahr ist, dann ist sie in allen möglichen Welten wahr.
- Wenn eine Aussage kontingent wahr ist, dann ist diese Aussage in der tatsächlichen Welt wahr, aber es gibt zugleich mindestens eine mögliche Welt in der diese Aussage falsch ist.
- A priori wahr ist eine Aussage dann, wenn man ohne Rückgriff auf die Erfahrung, einsehen kann, dass diese Aussage wahr ist.
- A posteriori wahr ist eine Aussage dann, wenn die Wahrheit dieser Aussage nur durch Rückgriff auf die Erfahrung eingesehen werden kann.

In der traditionellen Erkenntnistheorie werden die Begriffe „a priori“ und „notwendig“ genauso wie die Begriffe „a posteriori“ und „kontingent“ als synonym betrachtet.

Kripke meint dazu, dass man dachte, dass wenn eine Wahrheit notwendig wahr ist, wir in der Lage sein sollten, diese a priori zu erkennen. Umgekehrt dachte man, dass etwas, dass a priori erkannt wird, notwendig wahr sein muss. Denn wenn in der tatsächlichen Welt ohne Erfahrung etwas erkannt werden kann, so nahm man an, dass dann diese Erkenntnisweise auch für alle möglichen Welten gelten muss und somit Erkenntnisse a priori immer notwendig sind. Denn wie kann etwas kontingent sein, wenn es ohne Rückgriff auf die Erfahrung eingesehen werden kann (so dachte man zumindest)? (vgl. Kripke, 2005: 48)

Diese Annahmen implizieren eine weitere Annahme, nämlich, dass Wahrheiten die a posteriori erkannt werden, zufällig sein müssen.

Saul Kripke behauptet, wie oben bereits erwähnt, dass jene Begriffe nicht synonym sind und es vier Arten von Wahrheiten gibt.

Er verwendet die Begriffe „rigid designator“ (starrer Bezeichner) und „non-rigid designator“ (nicht-starrer Bezeichner), mit Hilfe derer Bedeutungen er aufzeigen kann, dass seine Behauptung, dass es vier Arten von Wahrheiten gibt, gültig ist.

- Ein Ausdruck ist genau dann ein starrer Ausdruck oder ein starrer Bezeichner, wenn er in allen möglichen Welten denselben Gegenstand bezeichnet.
- Ein Ausdruck ist genau dann ein nicht-starrer Ausdruck oder ein nicht-starrer Bezeichner, wenn er nicht in allen möglichen Welten denselben Gegenstand bezeichnet (vgl. Kripke, 2005: 59).

Die Behauptung, dass es Wahrheiten gibt, die a priori erkennbar und zugleich notwendig sind, dürfte unumstößlich sein. Als Beispiel für eine solche Wahrheit führt man in der Philosophie häufig den Satz „Alle Junggesellen sind unverheiratet“ an. Es ist klar, dass man allein durch Sprachkompetenz erkennen kann, dass dieser Satz wahr ist. Man braucht also nicht tatsächlich zu erfahren, dass alle Junggesellen unverheiratet sind. Außerdem ist dieser Satz in jeder möglichen Welt notwendig wahr, da die Begriffe „Junggeselle“ und „unverheiratet“ synonym sind. Der Begriff „Junggeselle“ beinhaltet nämlich das Prädikat „unverheiratet“.

Genauso ist es unumstößlich, dass es Wahrheiten gibt, die a posteriori erkennbar und zugleich kontingent sind. Ich beziehe mich an dieser Stelle auf ein Beispiel von Beckermann für eine solche Art von Wahrheit, das ich in verkürzter und leicht abgewandelter Form wiedergeben möchte:

Man kann sich ein Zimmer vorstellen in dem ein Stuhl links neben der Tür steht. In der vorgestellten Welt ist es wahr, dass „dieser Stuhl“, man könnte ihn mit S bezeichnen, links neben der Tür steht. Diese Wahrheit ist a posteriori wahr, da man nur durch Erfahrung erkennen kann, ob dieser Stuhl in der vorgestellten Welt links neben der Tür steht. Außerdem ist diese Wahrheit kontingent, da man sich Welten vorstellen kann, in denen S nicht links neben der Tür steht. Der Begriff „dieser Stuhl“ oder „S“ ist eben nicht synonym mit dem der Eigenschaft „steht links neben der Tür“ und daher ist es kontingent, wenn S links neben der Tür steht (vgl. Beckermann, 1999: 129ff).

Was kann man sich nun unter notwendigen Wahrheiten vorstellen, die nur a posteriori erkannt werden können? Um das zu klären, beziehe ich mich wieder auf das Stuhlbeispiel:

Man könnte sich vorstellen, dass der Stuhl S noch einen anderen Namen hat, etwa T. Sowohl der Name S, als auch der Name T sind starre Bezeichner, da sie in jeder möglichen Welt den gleichen Gegenstand bezeichnen. Daraus folgt die Identitätssaussage S = T (vgl. Beckermann, 1999: 131).

Diese Aussage ist notwendig wahr, da S und T, wie gerade erwähnt, in jeder möglichen Welt den gleichen Gegenstand ausdrücken. Die Aussage S = T ist außerdem nur a posteriori erkennbar, da die Begriffe S und T nicht synonym sind. Deshalb können wir nur durch Erfahrung wissen, dass der Name S und der Name T den gleichen Gegenstand ausdrücken.

Was sind nun kontingente Wahrheiten, die a priori erkannt werden können? Ich beziehe mich für die Beantwortung dieser Frage wieder auf ein Beispiel von Beckermann:

Der Satz, „ich bin jetzt hier“, ist a priori wahr. Es ist klar, dass diese Wahrheit dieses Satzes unabhängig von der Erfahrung gewusst werden kann, denn immer wenn jemand diesen Satz äußert, sagt er etwas Wahres. Sprachkompetenz reicht aus, um zu erkennen, dass dieser Satz wahr ist. Dennoch ist dieser Satz kontingent, da sich derjenige, der den Satz äußert, zum Zeitpunkt der Äußerung in anderen möglichen Welten an einem anderen Ort befindet (vgl. Beckermann, 1999: 132).

In der Identitätstheorie wird behauptet, dass mentale Eigenschaften bzw. Zustände mit physischen Eigenschaften bzw. Zuständen identisch sind. Wenn diese Behauptung wahr ist, dann handelt es sich dabei um eine Wahrheit, die nur a posteriori erkannt werden kann (etwa durch die Neurowissenschaften), da mentale Begriffe bzw. Prädikate und physikalische Begriffe, Prädikate nicht synonym sind.

Außerdem muss diese Behauptung notwendig wahr sein, vorrausgesetzt die Begriffe „mentale Eigenschaft“ bzw. „mentaler Zustand“ und die Begriffe „physische Eigenschaft“ bzw. „physischer Zustand“ sind starre Bezeichner (vgl. Beckermann, 1999: 134).

Im Folgenden verwende ich in Anlehnung an Kripke einen konkreten mentalen Begriff, nämlich „Schmerz“ und einen konkreten physischen Zustand, nämlich „Feuern von C-Fasern“ (vgl. Kripke, 2005: 164).

Der Identitätstheorie zufolge ist Schmerz identisch mit dem Feuern von C-Fasern.

Kripke behauptet, dass diese Aussage falsch sei, weil sie zugleich nicht notwendig ist und die Ausdrücke „Schmerz“ und „Feuern von C-Fasern“ starre Bezeichner sind (vgl. Kripke, 2005: 169ff).

Wenn zwei nicht synonyme Ausdrücke als starre Bezeichner in einer Aussage das Gleiche bezeichnen, so kann diese Aussage nur wahr sein, wenn sie notwendig wahr ist, d.h. für alle möglichen Welten gültig ist. Wenn sich herausstellen sollte, dass „Schmerz“ nicht mit dem „Feuern von C-Fasern“ identisch ist, dann ist die Aussage „Schmerz ist identisch mit dem Feuern von C-Fasern“ für alle möglichen Welten falsch, da, wenn sie wahr wäre, für alle möglichen Welten wahr wäre.

[...]

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Die Erklärungslücke
Hochschule
Universität Regensburg  (Lehrstuhl für theoretische Philosophie)
Veranstaltung
Geist und Bewusstsein
Note
2,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
23
Katalognummer
V148979
ISBN (eBook)
9783640602667
ISBN (Buch)
9783640602049
Dateigröße
643 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Joseph Levine, Saul Kripke, Qualia, Quale, Erklärungslücke, modales Argument, Materialismus, Dualismus, Philosophie des Geistes, Identitätstheorie, Ullin Place, John Smart, semantischer Physikalismus, Gehirnzustand, Feuern von C-Fasern, mentale Prädikate, mentale Begriffe, phänomenale Begriffe, Ansgar Beckermann, a priori, a posteriori, notwendig, kontingent, rigid designator, non-rigid designator, phänomenale Eigenschaften, On leaving out what it´s like, cartesisch, Identitätsaussage, Leibe-Seele-Problem, Brückenprinzipien, metaphysisch, epistemisch, Bekanntschaft
Arbeit zitieren
Matthias Neumann (Autor), 2007, Die Erklärungslücke, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/148979

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