Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Emotion Trauer im Mittelalter. Hierbei wird die Trauer im Heldenepos Nibelungenlied anhand unterschiedlicher Textstellen untersucht. Da die Emotion Trauer an einigen Stellen präsent ist und auf verschiedene Weisen inszeniert wird, geht diese Arbeit der Frage nach, wie Trauer in relevanten Szenen des Nibelungenliedes dargestellt wird.
Zu allererst wird Trauer im Kontext des Mittelhochdeutschen aufgegriffen und die historische Emotionsforschung beleuchtet. Hierzu ist es von hoher Bedeutung auf die Emotionswörter „klagen“, „jâmer“, „trûren“ sowie „leit“ einzugehen und diese im Kontext mittelalterlicher Literatur einzuordnen.
In einem nächsten Schritt folgt die Interpretation drei zentraler Textstellen, nämlich Sifrits Todes, des Königinnenstreites sowie der Trauer Rüdigers und dessen Tod am Ende des Heldenepos. Es wurde sich explizit für diese Textstellen entschieden, weil durch das Sterben Sifrits die Trauer Kriemhilts, einer zentralen Figur im Nibelungenlied, im Vordergrund steht, sich im Königinnenstreit zwei unterschiedliche weibliche Figuren gegenseitig beleidigen und folglich trauern sowie im Hinblick auf Rüdiger und dessen Tod primär die männliche Trauer eine wichtige Rolle einnimmt. Die Schwerpunkte für die Analysen liegen auf der weiblichen Trauer im Vergleich zur männlichen Trauer sowie auf dem Unterschied zwischen privater und öffentlicher Trauer. In diesem Zuge soll beleuchtet werden, wie die Trauer jeweils inszeniert wird, welche Rolle dabei der Erzähler des Heldenepos spielt und zudem, wo die Trauer in den einzelnen Textstellen ausgetragen wird, also eher privat oder öffentlich.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Trauer im Mittelhochdeutschen
3. Analyse ausgewählter Textstellen
3.1 Sifrits Tod
3.2 Der Königinnenstreit
3.3 Rüdigers Trauer
4. Fazit
5. Bibliographie
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Darstellung der Emotion Trauer im mittelhochdeutschen Heldenepos „Nibelungenlied“ anhand ausgewählter Schlüsselereignisse. Dabei wird analysiert, wie Geschlechterunterschiede, die Abgrenzung von privater und öffentlicher Trauer sowie die Inszenierung dieser Emotion durch den Erzähler und die agierenden Figuren zur Charakterisierung der Handlung und der Protagonisten beitragen.
- Analyse der Emotionsbegriffe „klage“, „jâmer“, „trûren“ und „leit“ im mittelhochdeutschen Kontext.
- Untersuchung der weiblichen Trauer am Beispiel von Kriemhilts Reaktion auf Sifrits Tod.
- Analyse emotionaler Ausdrucksformen im Königinnenstreit zwischen Kriemhilt und Brünhilt.
- Betrachtung der männlichen Trauer und des psychischen Konflikts am Beispiel der Figur Rüdiger.
- Gegenüberstellung von privater Trauer in persönlichen Sphären und öffentlicher Inszenierung als gesellschaftlicher Akt.
Auszug aus dem Buch
3.1 Sifrits Tod
Die erste zu untersuchende Textstelle ist Teil der 17. Aventiure, in der Kriemhilt um den ermordeten Sifrit trauert. Neben Sifrits Ehegattin Kriemhilt trauern auch die Bürger des Burgundenlandes. Auslöser für die Ermordung Sifrits ist der Königinnenstreit weil sowohl Kriemhilt als auch Brünhilt verschiedene Ansichten hinsichtlich der Machtverhältnisse ihrer Männer pflegen. Der Untertan Hagen von Tronje stellt eine zentrale Figur im Zuge der Auseinandersetzung dar, da er sich mit der Situation nicht zufrieden gibt und beschließt, sich zu rächen, indem er Sifrit tötet. Kriemhilt findet Sifrits Leichnam am folgenden Morgen vor ihrer Kammer und dies stellt den Beginn ihrer lang anhaltenden Trauer um ihren geliebten Ehemann dar. Laut Haymes würde die Aufmerksamkeit auf Kriemhilt erst nach Sifrits Tod wieder gelenkt, indem dann ihre Gefühle und Handlungen detailliert wiedergegeben werden.
In einem ersten Schritt soll die Trauer Kriemhilts nach der Ermordung Sifrits analysiert werden. Hierbei überwiegt die Erzählerrede gegenüber der Verwendung direkter Rede. Um die trauernde Kriemhilt zu beschreiben, verwendet der Erzähler insbesondere die Begriffe „klagen“ und „leit“. Anfangs ist zu beobachten, dass Kriemhilt vor ihrer Kammer in privater Atmosphäre trauert und ihre Trauer demnach noch nicht öffentlich macht, also nicht gemeinsam mit anderen Menschen trauert bzw. sich nach deren Mitleid sehnt. Der Erzähler führt an: „dô begonde Kriemhilt vil harte unmæzliche klagen.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit führt in die Fragestellung nach der Darstellung der Emotion Trauer im Nibelungenlied ein, definiert das methodische Vorgehen und stellt den Forschungsstand bzw. die verwendete Literatur vor.
2. Trauer im Mittelhochdeutschen: In diesem Kapitel werden grundlegende mittelhochdeutsche Emotionswörter wie „klage“, „jâmer“, „trûren“ und „leit“ theoretisch erläutert und in den Kontext mittelalterlicher Trauerkultur eingeordnet.
3. Analyse ausgewählter Textstellen: Die zentralen Abschnitte der Arbeit untersuchen die Trauer bezüglich Sifrits Tod, den Emotionsausbruch im Königinnenstreit sowie die männliche Trauer Rüdigers unter Berücksichtigung von Geschlechterrollen und Öffentlichkeit.
4. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bestätigt, dass Trauer im Nibelungenlied je nach Figur, Situation und Geschlecht unterschiedlich inszeniert wird, wobei die Unterscheidung zwischen privater und öffentlicher Trauer eine zentrale Rolle spielt.
5. Bibliographie: Dieses Kapitel listet sämtliche verwendete Primär- und Sekundärliteratur auf.
Schlüsselwörter
Trauer, Nibelungenlied, Mittelhochdeutsch, Emotionsforschung, Kriemhilt, Brünhilt, Rüdiger, Klage, Jâmer, Leit, Mittelalter, Geschlechterrollen, Öffentlichkeit, Totenklage, Heldenepos
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit prinzipiell?
Die Arbeit analysiert die literarische Darstellung der Emotion Trauer in ausgewählten Szenen des Nibelungenliedes und untersucht, wie verschiedene Figuren diese Trauer im textlichen Kontext performativ zum Ausdruck bringen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Differenzierung von weiblicher und männlicher Trauer, der Abgrenzung von privaten Gefühlen gegenüber der kollektiven öffentlichen Trauer sowie der Analyse spezifischer mittelhochdeutscher Emotionsbegriffe.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Hauptziel ist es zu klären, wie Trauer in relevanten Schlüsselszenen dargestellt wird und welche Funktion diese Darstellung im Hinblick auf die Charakterisierung der Protagonisten erfüllt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Untersuchung stützt sich auf eine Analyse ausgewählter Textstellen in Verbindung mit einer theoretischen Fundierung durch die historische Emotionsforschung und mediävistische Literaturwissenschaft.
Welche Inhalte werden im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Begriffsbestimmung von Trauerkategorien sowie die detaillierte Analyse spezifischer Aventiuren, insbesondere Sifrits Tod, den Königinnenstreit und die Trauer des Rüdiger.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Trauer, Klage, Jâmer, Leit, Heldendichtung, Mittelhochdeutsch sowie die Konzepte von Repräsentation und Expression im Kontext historischer Emotionen.
Wie unterscheidet sich Kriemhilts private von ihrer öffentlichen Trauer?
Kriemhilt beginnt mit einer privaten, in sich gekehrten Trauer, wandelt diese jedoch zunehmend in eine öffentliche Klage um, wobei sie ihre Umgebung aktiv in ihre Trauer miteinbezieht und herkömmliche höfische Konventionen durchbricht.
Welche besondere Rolle spielen Tränen im Königinnenstreit?
Im Königinnenstreit fungieren Tränen nicht als Ausdruck der Totenklage, sondern als Manifestation von Scham, Demütigung und Zorn, hervorgerufen durch das gegenseitige Herabsetzen des sozialen Status der Königinnen.
Warum wird Rüdigers Trauer als atypisch angesehen?
Rüdigers Trauer ist als männliche Trauer atypisch für die mittelalterliche literarische Konvention, da sich sein emotionaler Schmerz in einem intensiven Weinen äußert, das durch einen inneren Loyalitätskonflikt begründet ist.
Wie trägt der Erzähler zur Inszenierung der Trauer bei?
Der Erzähler lenkt die Wahrnehmung des Lesers bewusst durch die Verwendung spezifischer Emotionswörter und die detaillierte Schilderung körperlicher Reaktionen, wie etwa dem Strömen von Blut oder dem Klageschrei, um die Intensität des Schmerzes zu verdeutlichen.
- Citation du texte
- Daniel Reiser (Auteur), 2023, Trauer im Nibelungenlied, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1490225