Die Politik der Agonalität in Kleists und Müllers "Phöbus" ist Gegenstand der vorliegenden Untersuchung. Im Jahre 1808 gesellt sich neben der Belletristik (Gedichte, Dramen, Novellen) auch noch die Publizistik zu Kleists Aktivitäten hinzu, dies mit dem Kunstjournal "Phöbus", das der junge Dichter zusammen mit Adam Müller, den er bei seinem Aufenthalt in Dresden kennen und schätzen lernt, herausgibt. Das Wagnis, in eine – zu dieser Zeit sehr umkämpfte – Marktlücke vorzudringen, scheitert leider bereits nach neun Ausgaben ("Stücke" genannt) und führt letztendlich auch zum Zerwürfnis zwischen Müller und Kleist.
Der verwandte Begriff des Agonismus (hergeleitet aus dem griechischen Wort "ἀγών", lies: "agon"), bedeutet so viel wie Wettstreit oder Wettkampf. Wenn in dieser Magisterarbeit von der "Politik der Agonalität" gesprochen wird, wird hiermit jedoch nicht ein politisches System gemeint, vielmehr wird der Politikbegriff hier als ein taktierendes Verhalten oder ein zielgerichtetes Vorgehen verstanden. Der Begriff der "Politik der Agonalität" bedeutet in diesem Kontext also ein Vorgehen, das das Moment des (Wett)Kampfes, des (Wett)Streites, kurzum der konfliktuösen Auseinandersetzung exponiert.
Ist das von Heinrich von Kleist und Adam Müller herausgegebene Periodikum "Phöbus" jetzt tatsächlich ein Paradebeispiel für die Politik der Agonalität, oder ist der Phöbus sogar – das allerdings absolut wider Willen – die Inkarnation der Agonalität schlechthin? Dieser Frage soll in dieser Untersuchung nachgegangen werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Zur Kontextualisierung des Phöbus
2.1 Kleist und die Publizistik
2.2 Die Publizistik um 1800
3. Der Phöbus – eine Herausforderung zum (Wett)Kampf
3.1 Zur Konzeption des glanzvollen Phöbus
3.1.1 Die Dresdner Entourage
3.1.2 Die Idee einer deutschen Zeitschrift
3.1.3 Die Konzeption einer Spitzenzeitschrift
3.2 Der „erhabene Streit“ als Leitmotiv
3.3 vom „erhabenen Streit“ zur Dichterfehde. Epigrammatik und Literaturkritik im Phöbus
3.4 Phöbus-Apoll im Kettenharnisch – Agonalität als ästhetisches Prinzip
3.4.1 Kunst zur ´Wehrertüchtigung´? – militante Rhetorik und Bildsprache im Phöbus
3.4.2 Kleists Fragmente – Manöverübungen im Phöbus
4. Reaktionen auf den Phöbus – eine gescheiterte Politik
5. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das von Heinrich von Kleist und Adam Müller herausgegebene Kunstjournal Phöbus vor dem Hintergrund seiner Entstehungsgeschichte und nationalen Kontextualisierung. Ziel ist die Beantwortung der Forschungsfrage, inwiefern das Periodikum als Schauplatz einer "Politik der Agonalität" fungierte und durch eine konfrontative, kämpferische Ästhetik eine Abkehr von der apolitischen Klassik-Tradition vollzog.
- Die Entstehungsgeschichte des Phöbus im Dresdner Kontext.
- Die theoretische Untersuchung des Begriffs der "Agonalität" und deren Anwendung auf das Journal.
- Die literarische und kunstpolitische Auseinandersetzung zwischen den Herausgebern und der zeitgenössischen Konkurrenz.
- Die Analyse der publizistischen Strategien und der "militanten Rhetorik" als Subtext.
- Die Rolle der "organischen Fragmente" von Kleist als Experimentierfeld politischer Wirkmacht.
Auszug aus dem Buch
3.1.1 Die Dresdner Entourage
Als Kleist 1807 im Dresdner Hotel de Russie absteigt, befinden sich die deutschsprachigen Länder in einer tiefen Krise. Dem Eroberungszug des Napoleon Bonaparte, den Kleist 1806 als „Wüterich“ deklassiert, war es nun vollends gelungen, große Teile des deutschsprachigen Raumes für sich zu behaupten. „Die Zeit scheint eine neue Ordnung der Dinge herbeiführen zu wollen, und wir werden davon nichts, als bloß den Umsturz der alten erleben“, schrieb Kleist in einem Brief an Rühle von Lilienstern Ende November 1805. Dieser „Umsturz“ war jetzt - nur zwei Jahre später - im vollen Gang. 1806 fiel das Heilige Römische Reich deutscher Nationen mit der Niederlegung der Krone durch Kaiser Franz II. Preußen erlitt im selben Jahr die verheerenden Niederlagen bei Jena und Auerstedt und wurde 1807 mit dem Tilsiter Friedensvertrag großer Teile seiner Hoheitsgebiete beraubt.
Kurzum, als Kleist in Dresden ankommt, liegen die ehemaligen Glanzstätten deutscher Kultur in Schutt und Asche. Anders sieht es jedoch für die Elbstadt Dresden aus, denn die Entscheidung Sachsens, dem Rheinbund beizutreten, verhalf dem Land nicht nur zur Erhebung zum Königreich im Jahre 1806, sondern sicherte es auch gegen weitere Übergriffe der Franzosen ab. Dresden blieb weitestgehend unbesetzt von den westlichen Eroberern, sodass die Elbmetropole sich in dieser Zeit des politischen Umbruchs „zunehmender Beliebtheit als Exil für das geistige und gesellschaftliche Berlin erfreute“. Dresden hatte wahrhaftig für Kunstliebhaber viel zu bieten, unter anderem die berühmten Abgüsse aus dem Besitz Anton Raphaels Mengs oder der prächtigen Gemäldegalerie, die Raphaels Sixtinische Madonna ausstellte, ein Bild, das auch Kleist bei seinem ersten Besuch in der Kunststadt 1801 imponiert hatte: „ehrfürchtig stand er „vor dem einzigen Raphael, vor jener Mutter Gottes [...], mit dem hohen Ernste, mit der stillen Größe“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet Kleists Dresdner Schaffensphase und skizziert das Phöbus-Projekt als literarisches Unterfangen, das weit über eine reine "Börse" für die eigenen Werke hinausging und durch Agonalität geprägt war.
2. Zur Kontextualisierung des Phöbus: Das Kapitel analysiert den historischen und publizistischen Rahmen um 1800, wobei die Einflüsse anderer Zeitschriften wie Schillers Horen, der Schlegel’schen Athenaeum-Idee und Goethes Propyläen als Kontrastfolien dienen.
3. Der Phöbus – eine Herausforderung zum (Wett)Kampf: Der Hauptteil untersucht die konzeptionellen Grundlagen des Journals, die Dresdner Umgebung, die nationale Gesinnung der Herausgeber und die bewusste Entscheidung zur agonalen Positionierung im zeitgenössischen Literaturmarkt.
4. Reaktionen auf den Phöbus – eine gescheiterte Politik: Dieses Kapitel thematisiert das Scheitern des Unternehmens, sowohl in wirtschaftlicher Hinsicht als auch aufgrund der scharfen Reaktionen und der Kritik seitens der Zeitgenossen wie Böttiger.
5. Schlussbetrachtung: Die Arbeit resümiert das Phöbus als ein Kunstprojekt, das, obwohl offenkundig kunsttheoretisch motiviert, durch seine inhärente Agonalität und politische Rhetorik den Weg für Kleists spätere aggressive publizistische Aktivitäten ebnete.
Schlüsselwörter
Heinrich von Kleist, Adam Müller, Phöbus, Agonalität, Romantik, Dresdner Kunstzeitschrift, Publizistik, Literaturkritik, Nationalpatriotismus, Napoleonische Ära, Kunsttheorie, Epigramm, Zerwürfnis, Politische Ästhetik, Kriegsrhetorik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Magisterarbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das Kunstjournal Phöbus von Heinrich von Kleist und Adam Müller und argumentiert, dass dieses Journal hinter seiner Fassade als Kunstblatt eine bewusste "Politik der Agonalität" verfolgte.
Welche zentralen Themenfelder werden analysiert?
Im Zentrum stehen die Entstehungsgeschichte des Journals, die Konzeption einer kämpferischen Ästhetik, die Rolle des Nationalpatriotismus in Dresden und der literarische Streit mit Zeitgenossen wie Goethe.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu belegen, dass der Phöbus entgegen der Selbstdarstellung der Herausgeber kein rein apolitisches Kunstorgan war, sondern den bewussten Konflikt als ästhetisches Prinzip kultivierte.
Welche wissenschaftliche Methodik wird angewandt?
Die Untersuchung basiert auf einer tiefgehenden Analyse der historischen Kontexte, zeitgenössischer Briefwechsel sowie der Lektüre der im Phöbus erschienenen Texte, Prologe und Epigramme im Vergleich mit zeitgenössischen Vorbildern.
Was wird im Hauptteil des Werkes behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des Konzeptionsumfeldes, das Leitmotiv des "erhabenen Streits", die Analysen kleistscher Epigramme als Duellarena und die Rolle von Kleists "organischen Fragmenten" als künstlerische Manöverübungen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Forschungsarbeit?
Die zentralen Begriffe sind Agonalität, Politik der Agonalität, Kunstjournal, konfrontativer Duktus und militante Rhetorik in der Literatur der napoleonischen Ära.
Wie wird das Verhältnis zwischen Bildender Kunst und Poesie im Phöbus gewertet?
Das Verhältnis wird nicht als friedliches Einvernehmen, sondern als "höherer Streit" interpretiert, bei dem beide Disziplinen ihre Eigenheiten wahren, um durch Gegensätze einen künstlerischen Mehrwert zu generieren.
Warum scheiterte der Phöbus laut der Autorin/dem Autor?
Das Scheitern wird auf das prahlerische Auftreten der Herausgeber, die hohen Kosten bei mangelndem Absatz, die persönlichen Zerwürfnisse und die scharfe Ablehnung durch einflussreiche Kritiker zurückgeführt.
- Citation du texte
- Anonym (Auteur), 2024, Politik der Agonalität. Heinrich von Kleists und Adam Müllers "Phöbus" im Kontext der romantischen Publizistik, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1491390