Personalisierung, Präsidentialisierung, Amerikanisierung? Zur Entwicklung von Kandidatenorientierungen und Wählerverhalten in Deutschland im Vergleich zu den USA


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003
43 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhalt

Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theoretische Grundlagen
2.1 Das sozialpsychologische Modell des Wählerverhaltens
2.2 Kandidatenorientierungen und Rationalität – ein Widerspruch?

3 Zur Personalisierungsdiskussion
3.1 Entwicklung der Personalisierungsdiskussion in Deutschland
3.2 Abgrenzung: Personalisierung, Präsidentialisierung, Amerikanisierung

4 Kandidatenorientierungen in Deutschland und den USA
4.1 Vorüberlegungen und Hypothesenbildung
4.1.1 Institutioneller Kontext in Deutschland und den USA
4.1.2 Methodik und Datenlage
4.1.3 Prämissensetzung und Forschungshypothesen
4.2 Entwicklung der Kandidatenorientierungen von 1972 bis 2000
4.2.1 Entwicklung der Parteiidentifikation
4.2.2 Globale Personalisierung
4.2.3 Spezifische Personalisierung

5 Fazit

6 Literatur

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Der funnel of causality oder Kausalitätstrichter
(Quelle: nach Dalton , 2001)

Abbildung 2: Das sozialpsychologische Modell des Wählerverhaltens
(Quelle: nach Asher, 1983)

Abbildung 3: Prozentualer Anteil der Personen, die sich mit einer der beiden Volksparteien stark identifizieren
(Quelle: Brettschneider , 2002)

Abbildung 4: Anteil der Personen mit starker Parteiidentifikation, die jene
Partei wählen, mit der sie sich identifizieren
(Quelle: Brettschneider , 2002)

Abbildung 5: Die Erklärungskraft der Kandidatenorientierung für das Wählerver halten nach optimistischer und pessimistischer Schätzung, 1972-2000
(Quelle: Brettschneider , 2002)

Abbildung 6: Vorschlag eines Kontinuums zur Erfassung des Kandidatenimages

1 Einleitung

Die drei letzten Bundestagswahlen – 1994, 1998 und 2002 – scheinen eines eindeutig bewiesen zu haben: die Politik in Deutschland wird zunehmend personalisiert. Die Wahlplakate von 1994, auf denen nur noch Helmut Kohl und kein CDU-Label mehr zu sehen war, die 10 Gründe, die Gerhard Schröder 1998 für eine SPD-Wahl nannte und von denen der letzte schlicht „Helmut Kohl“ lautete, die ersten TV-Duelle der beiden Kanzlerkandidaten in der deutschen Fernsehgeschichte bei der Wahl 2002 – dies alles scheint für viele Beobachter nur einen gültigen Schluss zuzulassen: die letzten zehn Jahre stehen für eine Transformation der Bundestagswahlen zu Kanzlerwahlen.

Die Gründe hierfür liegen für viele Analysten auf der Hand: Oft ist von einem Übergreifen der viel diskutierten „Amerikanisierung“ der deutschen Gesellschaft nun auch auf die deutsche Politik zu hören. Ein deutliches Indiz hierfür seien die immer mehr auf die Kanzlerkandidaten zugeschnittenen Wahlkampagnen. Auch der gestiegene Einfluss einer großteils stark personalisierten Fernsehberichterstattung, insbesondere der Privatsender, wird häufig als naheliegende Erklärung herangezogen. Hier würden mehr und mehr oberflächliche und politisch nicht relevante Kriterien wie Äußerlichkeiten und Privatleben betont.

Was jedoch bei diesen Analysen häufig vernachlässigt wird: entschieden werden Wahlen noch immer von den Wählern und deren Vorstellungen von politischer Relevanz. Ob sich diese von den Veränderungen beeinflussen lassen, die viele Analysten bei Wahlkampagnen und Medienberichterstattung beobachten, ist eine Frage, die für sich steht und auch für sich geklärt werden muss. Ob die Entwicklungen der letzten Jahre automatisch eine zunehmende Angleichung an das amerikanische Wählerverhalten bedeuten, ist ebenfalls keineswegs selbstverständlich.

Die Politikwissenschaft hat sich folgerichtig in den letzten 20 Jahren immer eingehender mit dem Einfluss von Spitzenkandidaten auf die Wahlentscheidung beschäftigt, nachdem dieser für Jahrzehnte vernachlässigt wurde. Zuerst v.a. in den USA und seit einigen Jahren verstärkt auch in Deutschland versucht man nun, die vorhandene Forschungslücke Stück für Stück zu schließen. Mittlerweile liegt deshalb eine Reihe von Forschungsergebnissen vor, die die Untersuchung folgender Fragen ermöglicht:

(1) Wie hat sich der Einfluss von Kanzlerkandidaten und ihren Images auf die Wahlentscheidung in Deutschland entwickelt? (2) Wie ist der Einfluss von Präsidentschaftskandidaten und ihren Images auf die Wahlentscheidung in den USA zu beurteilen? (3) Stellen die Veränderungen in Deutschland eine eigene Entwicklung dar oder ist eine Annäherung an amerikanische Verhältnisse zu beobachten, die deshalb auch als „Amerikanisierung“ beschrieben werden kann?

Nach einer Erläuterung der zugrundeliegenden Theorien und einem Überblick über die deutsche Personalisierungsdiskussion mit einigen nötigen Begriffsklärungen werden hierfür kurz die wichtigsten institutionellen Unterschiede beider Länder dargestellt. Im Anschluss an eine Besprechung der wichtigsten Datenquellen werden dann Forschungsprämissen und –hypothesen aufgestellt, um auf dieser Grundlage beide Länder einer eingehenden Analyse zu unterziehen.

2 Theoretische Grundlagen

2.1 Das sozialpsychologische Modell des Wählerverhaltens

Anders als im ältesten Paradigma der Wählerforschung, den soziologischen Ansätzen von Lazarsfeld[1] und Berelson[2] bzw. Lipset und Rokkan[3], das Gruppenbindungen als Hauptbestimmungsgrund der Wahlabsicht postuliert, sind im sozialpsychologischen Konzept von Campbell u.a.[4] bereits explizit Kandidatenorientierungen als einer von drei bestimmenden Faktoren der Wahlentscheidung berücksichtigt. Die Wahlentscheidung wird in diesem – häufig auch als Ann Arbor- oder Michigan-Modell bezeichneten ‑ Ansatz durch das Zusammenwirken eines dominierenden Langzeiteinflusses, der Parteiidentifikation, mit zwei Kurzfristfaktoren, den Themen- und den Kandidatenorientierungen (vgl. Abb. 2), erklärt[5].

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Der funnel of causality oder Kausalitätstrichter (Quelle: nach Dalton , 2001)

Dabei kann der gesamte Verursachungsprozess mit einem Trichter, dem sogenannten „funnel of causality“[6] verglichen werden (vgl. Abb. 1), an dessen Spitze die Wahlentscheidung und ‑ kausal unmittelbar vorgelagert ‑ die drei oben genannten Einflussfaktoren stehen. Diese befinden sich alle auf der Ebene der subjektiven Wahrnehmung des Wählers. Der Fokus verschiebt sich somit gegenüber dem soziologischen Modell von der Makro- auf die Mikroebene. Explizit untersucht werden nur noch vom Wähler als relevant betrachtete Wahrnehmungen. So wird, nach Falter, die „Identifikation mit einer sozialen Gruppe bedeutsamer als die tatsächliche Gruppenmitgliedschaft“[7]. Soziologische Bestandteile der Makroebene wie z.B. sozioökonomische Bedingungen und Gruppenbindungen, die im Kausalitätstrichter der Parteiidentifikation vorgelagert sind, werden als gegeben angesehen und nicht weiter untersucht. Dies wird durch die Annahme möglich, dass all diese Einflüsse sich letztlich in der Parteiidentifikation bündeln und so – indirekt – ebenfalls berücksichtigt werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Parteiidentifikation ist als „länger andauernde, gefühlsmäßig tief verankerte Bindung des einzelnen an eine bestimmte Partei“[8] zu verstehen, was ihre Einordnung als langfristigen Einflussfaktor erklärt. Zur Veranschaulichung ihrer Bedeutung wurde von Converse[9] das Bild der „psychischen Parteimitgliedschaft“ eingeführt, Klingemann/Taylor[10] bezeichneten sie auch als „Sammelkonto“ der individuellen Bewertung der von den politischen Parteien betriebenen Politik. Die Parteiidentifikation wird nach Campbell u.a. im Allgemeinen bereits während der politischen Sozialisation eines Wählers im Elternhaus erworben und ein Leben lang beibehalten. Ihre Wirkung[11] bezieht sich zunächst direkt auf die Bereitschaft zur Wahlbeteiligung und zur Stimmabgabe für eine bestimmte Partei. Zusätzlich erfüllt sie jedoch eine Filterfunktion bei der Wahrnehmung der politischen Wirklichkeit und der Bewertung politischer Objekte, d.h. von Themen und Kandidaten (vgl. Abb. 2).

Themen- und Kandidatenorientierungen wirken ihrerseits auf die Parteiidentifikation ein. Stimmen bei einer Wahl alle drei Faktoren überein, wird die Parteiidentifikation weiter gefestigt. Kommt es hingegen trotz des Wahrnehmungsfilters wiederholt zu inkonsistenten Themen- und/oder Kandidatenorientierungen, kann die Parteiidentifikation dadurch langfristig verringert und im Extremfall sogar gewechselt werden. Weiterhin bestehen Wechselwirkungen zwischen Themen und Kandidaten, da beide selten für sich stehen (vgl. Abb. 2).

Zusammenfassend lässt sich also festhalten, dass die meisten Wähler nicht vor einer völlig offenen Entscheidungssituation stehen, sondern längerfristig begründete Vorlieben und Abneigungen gegenüber den zur Wahl stehenden Parteien mitbringen, die gemeinsam mit den jeweils nur für die anstehende Wahl gültigen Kandidaten und Problemorientierungen die individuelle Wahlentscheidung bestimmen.

2.2 Kandidatenorientierungen und rationale Wähler – ein Widerspruch?

Wie in der Einleitung bereits erwähnt, ist die Kandidatenorientierung bisher von allen Komponenten des Ann Arbor-Modells am wenigsten erforscht[12]. In parlamentarischen Systemen verwundert diese Tatsache zunächst kaum, wohl aber im stark personenzentrierten präsidentiellen System der USA. Grund dafür sind die normativen demokratietheoretischen Vorstellungen vom rationalen Wähler, die v.a. in den USA durch einen stark dominierenden Teil der politikwissenschaftlichen Forschung vertreten werden. Diesen Vorstellungen liegt die Rational Choice-Theorie von Anthony Downs[13] zu Grunde, die neben dem soziologischen und sozialpsychologischen Modell zu den prägenden Ansätzen der Wählerforschung zählt.

Die Rational Choice-Theorie, oder genauer: die rationalistische Theorie des Wählerverhaltens, geht u.a. von der Annahme aus, dass Wähler und Parteien sich rational verhalten, d.h. durch ihre Wahlentscheidung bzw. die Ausrichtung ihrer Partei ihren (politischen) Nutzen zu maximieren versuchen. Diesen stellt für Parteien der Wahlerfolg, für Wählern die Umsetzung der vom Wähler bevorzugten Maßnahmen durch die Regierung dar. Zudem agieren die Wähler als Kostenminimierer, d.h. sie versuchen, ihre Ressourcen (z.B. Zeit, Geld) möglichst zu schonen. So wird insgesamt, wie in Theorien zur freien Marktwirtschaft durch Angebot und Nachfrage, der größte Nutzen für alle erreicht – ein utilitaristisch geprägtes demokratietheoretisches Ideal.

Lange Zeit galten Kandidatenorientierungen im Gegensatz zu Themenorientierungen als unvereinbar mit der Vorstellung vom rationalen Wähler[14]. Mittlerweile wird diese Ansicht jedoch von immer mehr Autoren[15] in Frage gestellt. Kandidatenorientierungen sind demnach nicht zwingend „superficial, emotional, or purely short-term“[16]. Dieser Paradigmenwechsel scheint aus mehreren Gründen überfällig.

Politische Entscheidungen sind selten durch äußere Restriktionen ganz festgelegt. Die Führungspersonen der Parteien verfügen stets über einen Handlungsspielraum, auf den der Wähler durch seine Wahlentscheidung keinen direkten und ständigen Zugriff hat. Gleichzeitig ist es für die meisten Wähler kostensparender, sich beispielsweise durch Medieninformationen ein Bild von den Spitzenkandidaten der Parteien zu machen als einzuschätzen, welche Positionen Parteien bei einzelnen Sachfragen einnehmen und wie bedeutend diese für die Zukunft sind. „Kandidatenorientierungen erfüllen somit gleich zwei wichtige Anforderungen, um Eingang in die Wahlentscheidung zu finden. Man benötigt sie, um eine ‚gute’ Wahlentscheidung treffen zu können, und man kann sie zu vertretbaren Kosten mit Informationen unterfüttern.“[17] Auch Kepplinger u.a. stellen fest: „Das Verhalten der Wähler ist deshalb keineswegs irrational, sondern durchaus rational, weil es die Grenzen der eigenen Erkenntnis- und Urteilsmöglichkeiten nicht verkennt, sondern in Rechnung stellt“[18]. Es stellt sich teilweise sogar die Frage, ob Kandidatenorientierungen nicht sogar rationaler als Themenorientierungen sein können: „Ein Parteitagsbeschluss kann sich schon nach wenigen Wochen als durch die Realität überholt darstellen, der Spitzenkandidat wird im Falle seiner Wahl mit hoher Wahrscheinlichkeit für einige Jahre im Amt sein“[19]. Wattenberg[20] schließlich geht so weit, der rationalistischen Theorie des Wählerverhaltens ab den 80er Jahren mehr Relevanz bei der Erklärung von Wählerverhalten zuzumessen als dem sozialpsychologischen Modell[21]. (In eine ähnliche Richtung geht auch die aus der kognitiven und sozialen Psychologie stammende und von Miller/Wattenberg/Malanchuk[22] auf die Politik übertragene Schema-Theorie, die Wählern eine Reihe von langfristigen, aus Vorwissen und Erfahrung gebildeten Kriterien bzw. Schemata zur Bewertung der Kandidaten unterstellt[23].)

3 Zur Personalisierungsdiskussion

3.1 Entwicklung der Personalisierungsdiskussion in Deutschland

Bereits Ende der 70er Jahre beschäftigten sich Norpoth[24] sowie Klingemann/Taylor[25] erstmals genauer mit dem Einfluss von Kanzlerkandidaten und deren Bewertungen auf das Wählerverhalten der Deutschen, stellten aber lediglich fest, dass ein gewisser genuiner Beitrag der Kandidatenorientierung auch für Deutschland nicht auszuschließen sei. In den folgenden Jahren wurde in Deutschland bedauerlicher Weise „kein Versuch unternommen [...], in systematischer Weise den Kandidateneffekt quantitativ zu isolieren“[26]. Ab den 80er Jahren erforschte man Kandidateneinflüsse v.a. in Bezug auf Wahlkämpfe und Medienberichterstattung[27]. Gründe dafür waren wohl v.a. der von vielen als stark personalisiert empfundene Wahlkampf 1980 und die Einführung des Privatfernsehens 1984. Ein bestimmender Kandidateneinfluss auf das Wählerverhalten – eine Personalisierung des Wählerverhaltens also ‑ wurde aufgrund des parlamentarischen Systems ohne Direktwahl des Regierungschefs und die starke Stellung der Parteien in der BRD lange für wenig wahrscheinlich gehalten.

Mitte der 90er Jahre änderte sich dies. Der augenscheinlich starke Einfluss des Kanzlers Helmut Kohl auf die Wahlabsicht vieler Wähler in Ost und West, die Ergebnisse aus der Forschung zur politischen Kommunikation im Zeitalter des immer stärker genutzten Privatfernsehens, die in den 80er Jahren von vielen beobachtete Auflösung der gesellschaftlichen Konfliktlinien, die Lipset und Rokkan[28] Ende der 60er Jahre noch für stabile Gruppenbindungen verantwortlich gemacht hatten, und die damit verbundene Abnahme der Parteiidentifikation ließ nicht nur Max Kaase fragen: „Is there Personalization in Politics?“[29]

3.2 Abgrenzung: Personalisierung, Präsidentialisierung, Amerikanisierung

Für die weiteren Ausführungen ist es unerlässlich, zumindest die am häufigsten in der Diskussion verwendeten Begriffe herauszugreifen und zu klären, ob sie alle ein und denselben Umstand beschreiben und ob sie zur Beschreibung der hier untersuchten Vorgänge unterschiedlich gut oder gar nicht geeignet sind.

Im englischsprachigen Raum wird seit vielen Jahren die Diskussion um die „Präsidentialisierung“ parlamentarischer Systeme, insbesondere des britischen Zweiparteiensystems, geführt[30]. Die Präsidentialisierungsthese behauptet, dass der wichtigste politische Führer in parlamentarischen Systemen dem amerikanischen Präsidenten zunehmend ähnlicher wird. „Veränderungen auf der Makrobene des politischen Systems, also die Aufwertung der wichtigsten politischen Führer, werden umgesetzt in entsprechende Einstellungen und Handlungen auf der Mikrobene der Wähler“[31]. In der deutschen Wahlforschung wurde die Präsidentialisierungsdiskussion ‑ vermutlich aufgrund der Stärke der Parteien im politischen System Deutschlands ‑ nicht aufgegriffen. Da sich die Diskussion außerdem zu einem großen Teil auf die System- bzw. Makroebene konzentriert, die hier nicht weiter untersucht wird, scheint der Begriff der Präsidentialisierung für diese Arbeit nicht geeignet.

Eine „Amerikanisierung“ der deutschen Gesellschaft wird seit langer Zeit v.a. in kultureller oder sprachlicher Hinsicht diskutiert. Mittlerweile wurde der Begriff jedoch von einigen Autoren auf die Politik, insbesondere auf Wahlkämpfe[32], aber auch das Wählerverhalten[33] ausgedehnt. Für unsere Arbeit relevant ist dabei lediglich eine mögliche Amerikanisierung des Wählerverhaltens. Auch hier ist die wachsende Bedeutung des politischen Führungspersonals für die Wahlentscheidung gemeint, im Gegensatz zur Präsidentialisierungshypothese jedoch unabhängig von Veränderungen auf der Makroebene. Der Begriff scheint demnach in seiner Bedeutung für diese Arbeit durchaus geeignet zu sein. Allerdings mangelt es ihm an einem anderen wichtigen Kriterium der Sozialwissenschaften: der Präzision. Während der Begriff der „Präsidentialisierung“ nämlich eindeutig einen Endpunkt der Entwicklung benennt ‑ das Wählerverhalten in präsidentiellen Systemen ‑ ist im Begriff der „Amerikanisierung“ weder Richtung noch Endpunkt vorgegeben. Um also wissenschaftlich verwendet werden zu können, müsste erst noch genauer bestimmt werden, welche Besonderheiten des amerikanischen Systems gemeint sind, an die die beobachtete Annäherung erfolgt. Eine solche Präzisierung erfolgt im Anschluss an die Vorüberlegungen in den Forschungshypothesen (vgl. 4.1.3). Um am Schluss berechtigter Weise von einer Amerikanisierung des Wählerverhaltens sprechen zu können, müsste zudem zweifelsfrei geklärt sein, dass (1) es sich nicht um allgemeine bzw. parallele Entwicklungen in beiden Ländern, sondern um eine „aufholende“ Entwicklung in Deutschland gegenüber den USA handelt, (2) die Entwicklung einen eindeutigen und langfristigen Trend ausdrückt und nicht eine zufällige oder nur vorübergehende Erscheinung darstellt.

[...]


[1] Lazarsfeld u.a. (1968)

[2] Berelson u.a. (1954)

[3] Lipset/Rokkan (1967)

[4] Campbell u.a. (1960)

[5] Anm. d. Verf.: Da das Ann Arbor-Modell ursprünglich für die USA entwickelt wurde, stellt sich natürlich die Frage nach der Übertragbarkeit auf andere, insbesondere parlamentarische Systeme wie das der BRD. So stellt Gabriel (1997), S. 239 fest: „Mit Problemen bei der Datenerhebung und –interpretation ist vor allem dann zu rechnen, wenn man die verschiedenartigen Bedingungen diesseits und jenseits des Atlantiks ignoriert und das Michigan-Modell unreflektiert auf deutsche Verhältnisse überträgt.“ Er fügt jedoch hinzu: „Die meisten Untersuchungen bejahen die Frage nach der Relevanz des [...] Konzepts für die Erklärung des Wählerverhaltens in der Bundesrepublik Deutschland.“ Für diese Arbeit wird im Folgenden deshalb ebenfalls von der Übertragbarkeit des Modells auf Deutschland ausgegangen.

[6] Campbell u.a. (1960), S. 24f

[7] Falter u.a. (1990), S. 9

[8] Falter u.a. (1990), S. 9

[9] Converse (1969), S. 144

[10] Klingemann/Taylor (1977), S. 340

[11] vgl. Gabriel (1997), S. 236

[12] vgl. Gabriel (1997), S. 234

[13] Downs (1957)

[14] Dies führte teilweise dazu, dass Kandidatenorientierungen ausschließlich über die Bewertung der Themenorientierungen der Kandidaten gemessen wurden (vgl. Nie/Verba/Petrocik (1979)) und werden (vgl. 4.4), was unter dem Gesichtspunkt des hier zugrundegelegten Ann Arbor-Modells eine problematische Vermischung der zwei getrennten kurzfristigen Einflussfaktoren des darstellt.

[15] Kinder u.a. (1980); Kinder (1986); Miller/Wattenberg/Malanchuk (1986); Rahn u.a. (1990); Kepplinger u.a. (1994), S. 501; Lass (1995), S. 187ff; Brettschneider (2000), S. 132f; Klein/Ohr (2000b), S.97ff; Ohr (2000), S. 274f

[16] Dalton/Wattenberg (1993), S. 209

[17] Ohr (2000), S. 275

[18] Kepplinger u.a. (1994), S. 501

[19] Klein/Ohr (2000b), S.98

[20] vgl. Wattenberg (1991), S.20ff

[21] Anm. d. Verf.: Das rationalistische Modell muss jedoch nicht zwingender Weise als alternativer oder konkurrierender Ansatz zu den anderen beiden Modellen gesehen werden. Falter/Schumann/Winkler (1990) betrachten das Modell plausibler Weise als wichtige Ergänzung der beiden anderen Ansätze, durch die erst die Erklärung unterschiedlichen Wahlverhaltens bei unterschiedlichen Restriktionen ermöglicht wird.

[22] Miller/Wattenberg/Malanchuk (1986), vgl. auch Lau (1986)

[23] Anm. des Verf.: Auf diesen Ansatz kann aus Platzgründen hier nicht genauer eingegangen werden.

[24] Norpoth (1977)

[25] Klingemann/Taylor (1977)

[26] Jagodzinski/Kühnel (1990), S. 323; Anm. d. Verf.: Falter/Rattinger (1983) untersuchten zwar Kandidateneinflüsse, jedoch lediglich im Rahmen einer „Normal Vote Analyse“. Auch sie konnten allerdings nur einen sehr geringen Einfluss der Kandidatenorientierung feststellen.

[27] vgl. Radunski (1980), Radunski (1983), Sarcinelli (1986), Sarcinelli (1987), Pfetsch (1991)

[28] Lipset/Rokkan (1967)

[29] Kaase (1994), vgl. auch Kepplinger/Brosius/Dahlem (1994), Lass (1995)

[30] vgl. Lass (1995), S. 11-13 mit weiteren Literaturhinweisen

[31] Lass (1995), S. 11

[32] vgl. Radunski (1996), Schönbach (1996), Brettschneider (2002), S. 18 u. S. 22

[33] vgl. Dalton/Wattenberg (1993), S. 209

Ende der Leseprobe aus 43 Seiten

Details

Titel
Personalisierung, Präsidentialisierung, Amerikanisierung? Zur Entwicklung von Kandidatenorientierungen und Wählerverhalten in Deutschland im Vergleich zu den USA
Hochschule
Universität Stuttgart  (Institut für Sozialwissenschaften)
Veranstaltung
Wahlen in europäischen Demokratien - Das Wahljahr 2002
Note
1,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
43
Katalognummer
V14914
ISBN (eBook)
9783638201902
ISBN (Buch)
9783638739603
Dateigröße
746 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Untersucht werden die Jahre 1972-2000. Umfangreiche Literaturliste.
Schlagworte
Personalisierung, Präsidentialisierung, Amerikanisierung, Entwicklung, Kandidatenorientierungen, Wählerverhalten, Deutschland, Vergleich, Wahlen, Demokratien, Wahljahr
Arbeit zitieren
Jan Kercher (Autor), 2003, Personalisierung, Präsidentialisierung, Amerikanisierung? Zur Entwicklung von Kandidatenorientierungen und Wählerverhalten in Deutschland im Vergleich zu den USA, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/14914

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