Diese Masterarbeit untersucht die Eignung der modernen Methoden der Jahresabschlussanalyse bzw. der Krisendiagnose zur Steuerung der größten Risikoposition, namentlich des Ausfallrisikos, eines Kredits im Kontext der SolvV und MaRisk. In die Untersuchung werden dabei die Phasen eines Kreditprozesses, die Kreditvergabe und die Kreditüberwachung, einbezogen. Denn unter Bezugnahme der regulatorischen und betriebswirtschaftlichen Aspekten wird ein Kreditinstitut bestrebt sein zum Zeitpunkt der Kreditvergabe das Ausfallsrisiko bestmöglich zu schätzen und im Zeitraum der Kreditüberwachung die Realisierung des Ausfallrisikos frühzeitig zu prognostizieren.
In concreto wird im Rahmen dieser Masterarbeit der Frage nachgegangen, ob für Kreditinstitute Methoden der Jahresabschlussanalyse existieren, mit denen bei der Kreditvergabe das erwartete Ausfallrisiko zur Risikoabwälzung geschätzt und somit das unerwartete Ausfallrisiko reduziert werden kann, und welche dieser Methoden hierfür am besten geeignet sind. Dieselbe Frage wird hinsichtlich der Methoden der Jahresabschlussanalyse zur Früherkennung von Ausfallrisiken nach der Kreditvergabe bzw. bei der Kreditüberwachung untersucht.
Untersuchungen der Unternehmensinsolvenzen im Zeitraum 1990-2007 zeigten, dass unerwartete Zahlungsausfälle von Kreditnehmern eine hohe Korrelation mit der Konjunktur bzw. mit dem systematischen Risiko aufweisen. Der Grund dafür sind die insolvenzbezogenen Risikopositionen in einem Unternehmensumfeld, z. B. die Verschuldung. Diese Erkenntnisse lassen sich auf die aktuelle konjunkturelle wirtschaftliche Lage projizieren: Mit der Covid-19-Pandemie und ihren Folgen erlebte die Realwirtschaft durch einen exogenen Schock die stärkste Krise der Nachkriegszeit. Gleichzeitig haben im Jahr 2020 so wenige Unternehmen einen Insolvenzantrag gestellt wie seit 1994 nicht mehr. Dies liegt zum einen daran, dass aufgrund der expansiven Geldpolitik die Möglichkeit bestand, sich günstig zu finanzieren, zum anderen an direkten finanziellen Hilfen für die betroffenen Branchen. Zudem wurde die Insolvenzantragspflicht befristet aufgehoben. Somit wurden die Insolvenzen künstlich verschoben. Aktuell laufen die geld- und fiskalpolitische Maßnahmen aus, damit sind Verluste aus Kreditgeschäften, durch zeitliche Verschiebungen dieser, zu erwarten. Was die aktuelle Relevanz der Früherkennung von Zahlungsausfällen nur verdeutlicht.
Inhaltsverzeichnis
1 Kreditinstitute – Umgang mit der Ungewissheit
2 Kreditinstitute und Krisendiagnose
2.1 Bilanzanalyse
2.1.1 Definition
2.1.2 Zweck
2.2 Kreditinstitute und das Ausfallrisiko
2.2.1 Kredit und die Funktion der Kreditinstitute
2.2.2 Risiken des Kredites
2.2.3 Risikobewertung und Risikosteuerung
2.2.4 Determinierung des Ausfallrisikos
2.3 Krisenprozess – Endstadium Insolvenz
2.3.1 Definition
2.3.2 Krisenforschung und ihre Unterbereiche
2.3.3 Idealtypischer Verlauf von Unternehmenskrisen
2.3.4 Erfolgs- und finanzwirtschaftliche Perspektive
3 Kreditinstitute und Methoden der Krisendiagnose
3.1 Traditionelle Methode
3.1.1 Vorgehen und Methodik
3.1.2 Kritik
3.1.2.1 Datengrundlage
3.1.2.2 Eignung zur Krisendiagnose
3.2 Moderne mathematisch-statistische Methoden
3.2.1 Differenzierung der Methoden
3.2.2 Univariates Verfahren – dichotomische Klassifikation
3.2.2.1 Definition
3.2.2.2 Grundzüge der Anwendung
3.2.2.3 Kritik
3.2.2.3.1 Konzeption
3.2.2.3.2 Datengrundlage
3.2.2.3.3 Kennzahlen
3.2.2.3.4 Historische Leistungsfähigkeit
3.2.3 Multivariate Verfahren
3.2.3.1 Lineare Diskriminanzanalyse
3.2.3.1.1 Historie und Definition
3.2.3.1.2 Grundzüge der Anwendung
3.2.3.1.3 Kritik
3.2.3.1.3.1 Prämissen einer LMD
3.2.3.1.3.2 Konzeption
3.2.3.1.3.3 Datengrundlage
3.2.3.1.3.4 Kennzahlen
3.2.3.1.3.5 Leistungsfähigkeit
3.2.3.2 Logistische Regressionsanalyse
3.2.3.2.1 Historie und Definition
3.2.3.2.2 Grundzüge der Anwendung
3.2.3.2.3 Kritik
3.2.3.2.3.1 Modell-Input und -Throughput
3.2.3.2.3.2 Modell-Output
4 Fazit
Zielsetzung & Themen
Ziel der Arbeit ist es, die Eignung verschiedener Methoden der Jahresabschlussanalyse für Kreditinstitute zur Schätzung des erwarteten Ausfallrisikos bei der Kreditvergabe sowie zur Früherkennung von Ausfallrisiken bei der Kreditüberwachung kritisch zu evaluieren, um das tatsächliche, unerwartete Kreditrisiko zu minimieren.
- Analyse der Funktionsweise und Grenzen traditioneller Methoden der Bilanzanalyse.
- Untersuchung mathematisch-statistischer Verfahren (MS-Methoden) wie der linearen Diskriminanzanalyse (LMD) und der logistischen Regression (LR).
- Kritische Bewertung der Modellprämissen und der Leistungsfähigkeit dieser Verfahren zur Prognose von Unternehmenskrisen.
- Beurteilung der Anwendbarkeit dieser Methoden in der Bankenpraxis unter Berücksichtigung regulatorischer Anforderungen.
Auszug aus dem Buch
3.2.3.1.1 Historie und Definition
Als wesentliche Nachteile des dichotomischen Klassifikationstestes werden die hohen Fehlklassifikationsquoten, widersprüchliche Teilurteile und unberücksichtigte Korrelationen zwischen den Kennzahlen angesehen. Auf diesen Kritikpunkten aufbauend wandte Altman 1968 erstmals eine LMD zur Insolvenzprognose an, jedoch mit einer höheren Fehlklassifikationsquote als bei Beaver. Der Versuch von Altman löste in den folgenden Jahren weitere empirische Untersuchungen auf dem Gebiet aus. Die LMD selbst wurde im Jahre 1936 von Fisher entwickelt.
Mit der LMD wird simultan anhand mehrerer Variablen eine Grundgesamtheit mit solventen und insolventen Unternehmen in ihre Teilgesamtheiten (solvent bzw. insolvent) klassifiziert. Der Zweck einer LMD besteht darin, die verwendeten Variablen bei einem minimalen Informationsverlust durch eine Linearfunktion zu einer einzigen Variable zu aggregieren. In ihrer allgemeinen Form ist die Linearfunktion wie in Abbildung 4 dargestellt aufgebaut.
Die Variable Y ist die aggregierte Diskriminanzvariable bzw. das Ergebnis einer linearen Kombination der unabhängigen Variablen. Die Koeffizienten b und bj werden auf Grundlage einer Grundgesamtheit ermittelt. Dabei sind die beschreibenden Variablen metrisch, sodass auch die Diskriminanzvariable Y metrisch ist und nicht direkt die Gruppenzugehörigkeit (solvent bzw. insolvent) wiedergibt.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Kreditinstitute – Umgang mit der Ungewissheit: Das Kapitel führt in die Problematik ein, dass Kreditinstitute bei der Kreditvergabe mit ungewissen Zahlungsströmen konfrontiert sind und das unerwartete Ausfallrisiko als Kernrisiko identifizieren.
2 Kreditinstitute und Krisendiagnose: Es werden die Grundlagen der Bilanzanalyse, das Wesen des Kreditrisikos und der Verlauf von Unternehmenskrisen als Basis für die Diagnose kritisch betrachtet.
3 Kreditinstitute und Methoden der Krisendiagnose: Das Hauptkapitel analysiert und kritisiert sowohl traditionelle Kennzahlenrechnungen als auch moderne mathematisch-statistische Methoden wie die Diskriminanzanalyse und die logistische Regression auf ihre Eignung zur Krisenvorhersage.
4 Fazit: Die Arbeit schließt mit der Erkenntnis, dass moderne, statistische Verfahren – insbesondere die logistische Regression – aufgrund besserer Prognosegüte und interpretierbarer Ergebnisse (PD) den traditionellen Methoden in der Praxis deutlich überlegen sind, wenngleich sie konzeptionellen Grenzen unterliegen.
Schlüsselwörter
Kreditinstitute, Krisendiagnose, Ausfallrisiko, Jahresabschlussanalyse, Diskriminanzanalyse, logistische Regression, Insolvenzprognose, Bilanzanalyse, Bonitätsprüfung, Basel II, Solvabilitätsverordnung, MaRisk, statistische Verfahren, Krisenfrüherkennung, PD (Probability of Default)
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert kritisch, wie Kreditinstitute mittels moderner Methoden der Jahresabschlussanalyse das Risiko von Unternehmenskrisen und Kreditausfällen besser diagnostizieren können, um unerwartete Verluste zu minimieren.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themen sind der Umgang mit Kreditrisiken, der Ablauf von Unternehmenskrisen sowie die methodische Gegenüberstellung von traditionellen Kennzahlenanalysen und mathematisch-statistischen Verfahren wie der Diskriminanzanalyse und der logistischen Regression.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das primäre Ziel ist es, die Eignung und Leistungsfähigkeit verschiedener Analysemethoden zu prüfen, um eine fundierte Aussage darüber zu treffen, welche Verfahren zur Schätzung der Ausfallwahrscheinlichkeit (PD) bei der Kreditvergabe und Überwachung am besten geeignet sind.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet die Arbeit?
Die Arbeit nutzt eine systematische Literaturanalyse und evaluierte Untersuchung kritischer methodischer Ansätze sowie eine vergleichende Analyse empirischer Studien zur Leistungsfähigkeit statistischer Prognosemodelle.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich detailliert mit der Abgrenzung zwischen traditioneller Bilanzanalyse und modernen statistischen Modellen (MS-Methoden). Er untersucht deren Voraussetzungen, Konzeption, historische Leistungsfähigkeit und die Gründe für die Dominanz logistischer Modelle in der Praxis.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Arbeit?
Die Kernbegriffe umfassen Ausfallrisiko, Krisendiagnose, Insolvenzprognose, logistische Regression, Diskriminanzanalyse und die regulatorischen Anforderungen an Kreditinstitute wie Basel II.
Warum konnten sich traditionelle Kennzahlenanalysen laut dieser Arbeit nicht zur Krisendiagnose etablieren?
Traditionelle Verfahren leiden unter hoher subjektiver Entscheidungsfreiheit, ignorieren Interdependenzen zwischen Kennzahlen, sind oft ungenau bei komplexen Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen von Krisen und konnten in empirischen Studien kein überzeugendes Fehlklassifikationsniveau erreichen.
Warum hat sich die logistische Regression in der Praxis gegenüber der Diskriminanzanalyse durchgesetzt?
Die logistische Regression liefert ein direktes Ergebnis in Form einer Ausfallwahrscheinlichkeit (PD), was den Anforderungen der Solvabilitätsverordnung entspricht, und ist zudem weniger abhängig von strikten Verteilungsannahmen (wie Normalverteilung), was die praktische Anwendung erleichtert.
Welche Bedeutung hat das "Theoriedefizit" laut dem Autor bei der Verwendung von statistischen Prognosemodellen?
Trotz fehlender allgemeingültiger Lehre zur Kausalität von Krisen, stützt sich der Autor auf die Leistungsfähigkeit in der Praxis. Die statistische Trenngüte ist ausschlaggebend, selbst wenn die zugrunde liegende ökonomische Theorie die komplexen Verläufe von Unternehmenskrisen nur als Indiz abbilden kann.
- Arbeit zitieren
- Anonym (Autor:in), 2022, Kreditinstitute und moderne Methoden der Krisendiagnose. Eine kritische Analyse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1491515