Während meiner viermonatigen Projektarbeit mit marginalisierten türkischen
Jugendlichen in einem medienpädagogischen Projekt in Berlin-Kreuzberg im
Sommer 2002 gewann ich Erkenntnisse über deren Lebenswirklichkeit und
Werteorientierungen, die in überraschender Weise vom öffentlichen Diskurs über
diese Gruppierungen abwichen:
1. ein ausdifferenziertes Wertebewusstsein, dass vom Drogenverkauf und
bestimmtem delinquentem Verhalten über die dezidierte Ablehnung von
Waffen, Gewalt, Genussmittel- und Drogenmissbrauch bis hin zu einer
Statuszuschreibung reicht, die dem gesellschaftlichen Mainstream entspricht
2. eine weitreichende Kenntnis von und Sensibilisierung für den Widerspruch
zwischen der öffentlichen Debatte über dt.-türkische Jugendliche einerseits
und ihren tatsächlichen Werteorientierungen anderseits und das dezidiert
geäußerte Bedürfnis, beide Diskurse zu harmonisieren
Beispiele:
- Bandenführer Ibo: Statuszuschreibung und Autorität durch
abgeschlossene Ausbildung, Job, eigene Wohnung
- Erziehung junger Gruppenmitglieder zu „rechtschaffenem“ Verhalten
(kein Alkohol, keine Zigaretten, keine Drogen) durch höhergestellte
Gruppenmitglieder
- Gruppensolidarität geht über politische und kulturelle Grenzen
hinweg: Türkisch dominierte Gruppe integriert kurdische Mitglieder
Als Fragen für meinen Vortrag ergeben sich aus diesen Schlaglichtern:
1. Bandengründungen und Gruppendelinquenz werden häufig als kulturell
bedingte Phänomene dargestellt. Zu welchen Ergebnissen kommt die
soziologische und ethnologische Forschung hinsichtlich dieser Frage?
2. In welcher Beziehung stehen öffentliche Diskurse über dt.-türk. Jugendliche
(z.B. Ghettoisierung, Eherbegriff/Schiffauer, religiöser Fundamentalismus/
Heitmeyer) zur tatsächlichen Lebenswirklichkeit und Werteorientierung
dieser Jugendlichen?
3. Dt.-türk. Jugendliche der zweiten und dritten Generation wurden oft als
„verlorenen Generation“ tituliert. Wie gehen die Jugendliche mit dieser
Stigmatisierung um, und inwieweit ist dieses Bild heute noch stichhaltig?
4. Seit Mitte der 90er Jahre erregte eine neue transnationale Jugendkultur
(HipHop, Breakdance, Graffiti u.a.) große öffentliche Aufmerksamkeit. Wie
ist diese Kultur entstanden, und welche Auswirkungen hat sie Kultur auf das
Selbstverständnis und die Lebenswirklichkeit dt.-türk. Jugendlicher?
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
2. Jugendgang: Eine Begriffsgeschichte
2.1. Chicago School
2.2. 50er-80er Jahre
2.3. Vergleich USA/Deutschland
3. Türkische Jugendkulturen in Deutschland
3.1. Öffentliche Diskurse: Ghetto, Eherbegriff, Fundamentalismus
3.2. Ökonomisches, soziales und symbolisches Kapital
3.3. Marginalität und Subkultur
3.4. Selbst- und Fremdzuschreibung
3.5. HipHop-Gruppen in Berlin-Kreuzberg
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Lebenswirklichkeit und Werteorientierungen von türkischen Jugendlichen in Deutschland, wobei ein besonderer Fokus auf dem Kontrast zwischen wissenschaftlich-öffentlichen Diskursen und der tatsächlichen Praxis liegt. Ziel ist es, die sozioökonomischen Bedingungen von Delinquenz und Identitätsbildung zu analysieren und aufzuzeigen, wie Jugendliche durch Kultur und Unternehmertum neue Wege der gesellschaftlichen Teilhabe erschließen.
- Begriffsgeschichte und soziologische Konzepte von Jugendgangs
- Kritische Diskursanalyse zu Ghettoisierung und Fundamentalismus
- Analyse von ökonomischem, sozialem und symbolischem Kapital
- Bedeutung von HipHop als emanzipatorisches Ausdrucksmittel
- Strategien der Identitätsbildung im transnationalen Kontext
Auszug aus dem Buch
3.2. Ökonomisches, soziales und symbolisches Kapital
Ausländer sind generell stärker von der Arbeitslosigkeit betroffen. In Berlin steigt die Arbeitslosenzahl der Deutschen zwischen 1991 und 1998 um ein Drittel, jene der Ausländer aber um 140% (Arbeitslosenquote Berlin-Brandenburg/Januar 1998: Deutsche: 18,9%, Ausländer: 34,4%).
Ursprünglich waren Türken Gastarbeiter und verkehrten fast ausschließlich im Arbeitermilieu. In den vergangenen Jahren gibt es Tendenzen zur Stratifizierung innerhalb der türkischen Community. Obgleich der Anteil von Türken mit hoher ökonomischer Mobilität prozentual noch immer klein ist, führen Firmengründungen zu einer zunehmend ungleichen Verteilung des ökonomischen Kapitals.
Caglar: Das größte Defizit der türkischen Diaspora liegt jedoch nicht im ökonomischen, sondern im sozialen/symbolischen Kapital: Anzahl ihrer Netzwerkverbindungen, Anzahl der Beziehungen, die jemand mobilisieren kann, Effizienz dieser Beziehungen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Darstellung der persönlichen Projektarbeit mit türkischen Jugendlichen in Berlin-Kreuzberg und Formulierung der leitenden Forschungsfragen zur Diskrepanz zwischen Diskurs und Realität.
2. Jugendgang: Eine Begriffsgeschichte: Historischer Überblick über die soziologische Gangforschung von der Chicago School bis hin zu modernen Theorien der Individualisierung.
3. Türkische Jugendkulturen in Deutschland: Analyse der öffentlichen Stigmatisierung und der sozioökonomischen sowie kulturellen Gegenstrategien der Jugendlichen.
4. Fazit: Zusammenfassende Bewertung der Ergebnisse, die betont, dass Delinquenz primär sozioökonomisch bedingt ist und durch Empowerment sowie unternehmerische Initiativen überwunden werden kann.
Schlüsselwörter
Türkische Jugendkultur, Integration, Diskurskritik, HipHop, Ghetto, Marginalität, Arbeitslosigkeit, Unternehmertum, Identität, Soziales Kapital, Berlin-Kreuzberg, Transnationalität, Rassismus, Delinquenz, Empowerment.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der Lebenswelt türkischer Jugendlicher in Deutschland, insbesondere im Berliner Kontext, und hinterfragt dabei gängige Klischees aus Politik und Wissenschaft.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder umfassen die Geschichte der Gangforschung, die Analyse öffentlicher Diskurse über Integration sowie die Bedeutung von Bildung, Kultur und Unternehmertum.
Was ist das primäre Ziel der Forschung?
Das Ziel ist die Dekonstruktion negativer Fremdzuschreibungen und der Nachweis, dass kulturelle Praktiken wie HipHop oder unternehmerisches Handeln aktive Strategien der Identitätsbildung sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine ethnologisch orientierte Arbeit, die auf Diskursanalyse sowie der Auswertung soziologischer Studien und empirischer Daten basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden sowohl theoretische Konzepte (wie das von Bourdieu beeinflusste Kapitalverständnis) als auch spezifische Fallbeispiele, etwa zur Berliner HipHop-Szene, diskutiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Integration, Marginalität, Transnationalität, Soziales Kapital und Identitätsbildung.
Wie unterscheidet sich die Situation von Jugendlichen in Deutschland von der in den USA?
Während in den USA oft eine stärkere Identifikation mit dem Geburtsland besteht, werden türkischstämmige Jugendliche in Deutschland trotz der zweiten oder dritten Generation häufig weiterhin als „Ausländer“ markiert.
Welche Rolle spielen HipHop-Projekte bei der Integration?
HipHop fungiert als emanzipatorisches Ventil und Medium zur Thematisierung von Rassismus; zudem haben staatlich geförderte Projekte geholfen, Jugendliche aus der sozialen Isolation zu führen.
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- Clemens Grün (Author), 2003, HipHop, Banden, Subkultur - Türkische Jugendkulturen in Frankfurt und Berlin, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/14917