Die Magisterarbeit zeichnet den Prozess der kulturellen Selbstverständigung in Mecklenburg-Vorpommern nach der Wiederbegründung des Bundeslandes 1990 nach. Sie untersucht den Verlauf der Debatten des Schweriner Landtages in den ersten drei Legislaturperioden. Im Ergebnis bleibt festzuhalten, dass die grundsätzliche Debatte über den Sinn und Zweck von Kulturpolitik 1990 bis 1994 bald von einer Kulturfinanzierungsdebatte abgelöst wurde. Trotz des Transformationsprozesses konnte einer Vielzahl kultureller Einrichtungen aus der DDR-Zeit übernommen werden. In der dritten Legislaturperiode rückte die Theaterfinanzierung in den Mittelpunkt.
Erfolgreiche Kulturpolitik, so die Quintessenz der Arbeit, verlangt eine Identifikation der Einwohner mit ihren Kultureinrichtungen. Gerade in Ostdeutschland ließ sich unmittelbar nach der Wende jedoch ein bedenkliches Maß an Versorgungsmentalität beoachten. Lebendige Kulturpolitik kann hingegen nur mit aktivem Bürgerengagement und reger Partizipation gestaltet werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung – Ein neues Bundesland mit alter Kultur?
1.1 Vorbemerkungen
1.2 Fragestellung, Abgrenzung und Methodik der Untersuchung
1.3 Forschungsstand zur Kulturpolitik
2. Hintergründe – Kultur und Kulturpolitik M-Vs im Wandel
2.1 Die DDR-Kulturpolitik in den drei Nordbezirken vor der Wende
2.2 Föderaler Kulturstaat anstatt sozialistischer Staatskultur nach der Wende
2.3 Die veränderte kulturelle Situation und deren Perzeption im Lande
3. Verlauf der Schweriner Landtagsdebatte 1990-2002
3.1 Die erste Legislaturperiode (1990-1994)
3.1.1 Kulturpolitische Vorstellungen der CDU-FDP-Koalition
3.1.2 Die Regierungsumbildung 1992
3.1.3 Das Verständnis von Kulturpolitik in den Oppositionsparteien
3.1.3.1 Die SPD-Fraktion
3.1.3.2 Die Fraktion LL/PDS
3.2 Die zweite Legislaturperiode (1994-1998)
3.2.1 Kulturpolitische Leitlinien der Großen Koalition
3.2.2 Die PDS-Opposition
3.2.3 Von der Kultur- zur Kulturfinanzierungsdebatte
3.3 Die dritte Legislaturperiode (1998-2002)
3.3.1 Der Stellenwert von Kunst und Kultur in der rot-roten Koalition
3.3.2 Die CDU-Fraktion in der Oppositionsrolle
3.3.3 Theater- und Orchesterstrukturen als Debattenschwerpunkt
4. Auswirkungen der kulturpolitischen Debatte
4.1 Kulturelles Selbstverständnis und Tourismus
4.2 Probleme der Kultur(entwicklungs)planung
4.3 Kulturförderung und Kulturfinanzierung
4.4 Identitätsstiftung als kulturpolitische Aufgabe
5. Zusammenfassung und Perspektiven
5.1 Zusammenfassung
5.2 Perspektiven
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das kulturelle Selbstverständnis des Landes Mecklenburg-Vorpommern im Zeitraum von 1990 bis 2002. Ziel ist es, die kulturpolitischen Debatten im Schweriner Landtag zu analysieren und deren Auswirkungen auf die kulturelle Infrastruktur, Finanzierung und Identitätsbildung unter Berücksichtigung des Systemwandels von der DDR-Planwirtschaft zur föderalen Demokratie zu beleuchten.
- Historische Genese und Transformation der Kulturpolitik in Mecklenburg-Vorpommern.
- Analyse der landesparlamentarischen Debatten über drei Legislaturperioden hinweg.
- Vergleich der kulturpolitischen Konzepte von Regierungs- und Oppositionsfraktionen (CDU, FDP, SPD, PDS).
- Untersuchung des Spannungsfeldes zwischen Kulturförderung, Tourismuswirtschaft und knappen öffentlichen Kassen.
- Reflektion über die Rolle von Kultur als Identitätsstifter in einem neuen Bundesland.
Auszug aus dem Buch
1.1 Vorbemerkungen
Die Kunst und Kultur des Landes Mecklenburg-Vorpommern ist alt und neu zugleich. Alt erscheint sie insbesondere dann, wenn man sich die kulturhistorischen Zeugnisse dieses slawisch-germanischen Siedlungsgebietes (vgl. BRÜGGER 1997) vergegenwärtigt, die Überreste und Denkmäler des Mittelalters und der frühen Neuzeit in Erinnerung ruft, die neben der urkundlichen Ersterwähnung nicht zuletzt 1995 Anlaß zur 1000-Jahrfeier des Landes gaben. Neu dagegen wirken die kulturellen und kulturpolitischen Entwicklungen in dem Bindestrich-Bundesland, das nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Land Mecklenburg und dem westlichen Teil der preußischen Provinz Pommern ohne Stettin und die Odermündung zusammengefügt wurde.
Dennoch sind Mecklenburg und Vorpommern als kulturhistorische Räume nicht in Vergessenheit geraten. Mehrere Generationen von Denkmalpflegern, Volkskundlern, Regionalhistorikern, Heimatgeschichtsforschern, Publizisten und Archäologen bemühten sich auch zu DDR-Zeiten um Pflege und Bewahrung kultureller Eigenarten und Traditionen. So sind Mentalitätsunterschiede und Befindlichkeiten zwischen den kulturell eigenständigen Landesteilen bis heute spürbar – z. B. in der politischen Kultur, den Auseinandersetzungen um die Landeshauptstadt und im Wahlverhalten (siehe dazu WERZ/SCHMIDT 1996) – , sie rückten vor allem nach der demokratischen Revolution in der DDR 1989 und der Neuerrichtung des Landes M-V 1990 ins Blickfeld der politischen Aufmerksamkeit.
Wie viele Kultur- und Reiseführer bezeugen, bietet M-V sowohl eine interessante Natur- als auch Kultur- und Geschichtslandschaft, die seit der sog. politischen Wende weitgehend touristisch erschlossen wurde. Notwendig machten diese Vermarktung der Kulturlandschaft die ökonomische Randlage in der Peripherie von Hamburg und Berlin sowie die anhaltende wirtschaftliche Strukturschwäche des Landes. Vor diesem Hintergrund bilden Kunst und Kultur, d. h. die zahlreichen Schlösser, Gutshäuser, Burgen, Kirchen, Museen und Theater und ebenso die Musiker, Künstler und Vereine zusammengenommen eine wichtige Voraussetzung touristischer und sonstiger wirtschaftlicher Unternehmungen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung – Ein neues Bundesland mit alter Kultur?: Dieses Kapitel führt in die Thematik ein, stellt die Forschungsfrage und erläutert die methodische Herangehensweise der Untersuchung zur kulturellen Entwicklung in Mecklenburg-Vorpommern.
2. Hintergründe – Kultur und Kulturpolitik M-Vs im Wandel: Es wird die Ausgangssituation nach 1990 beschrieben, insbesondere der Wandel von der zentralistischen DDR-Kulturpolitik hin zur föderalen Struktur sowie die veränderte Wahrnehmung der kulturellen Situation im Land.
3. Verlauf der Schweriner Landtagsdebatte 1990-2002: Dieser Hauptteil analysiert detailliert die kulturpolitischen Diskussionen, Anträge und Auseinandersetzungen in den drei Legislaturperioden des Landtags und stellt die Positionen der verschiedenen Fraktionen gegenüber.
4. Auswirkungen der kulturpolitischen Debatte: Hier werden die Ergebnisse der Debatten auf die Bereiche Kulturtourismus, Kulturentwicklungsplanung, Finanzierung und Identitätsstiftung angewendet und kritisch diskutiert.
5. Zusammenfassung und Perspektiven: Das Kapitel fasst die zentralen Erkenntnisse zusammen und wagt einen Ausblick auf die künftigen Herausforderungen der Kulturpolitik im Land.
Schlüsselwörter
Kulturpolitik, Mecklenburg-Vorpommern, Landtagsdebatte, Kulturfinanzierung, Kulturföderalismus, DDR-Kultur, Transformationsprozess, Identitätsstiftung, Kulturtourismus, Denkmalschutz, Theaterlandschaft, Kulturplanung, Soziokultur, öffentliche Förderung, Strukturwandel.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das kulturpolitische Selbstverständnis von Mecklenburg-Vorpommern im Prozess der deutschen Einheit und beleuchtet, wie der Schweriner Landtag zwischen 1990 und 2002 die Transformation von sozialistischen Kulturstrukturen hin zu einem föderalen System debattierte.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zu den Schwerpunkten gehören der Umgang mit dem kulturellen Erbe der DDR, die Neuausrichtung der Finanzierung von Kultureinrichtungen (Theater, Museen, Bibliotheken), die Rolle der Kultur für den Tourismus sowie die Bemühungen um eine regionale Identitätsbildung.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, den kulturpolitischen Diskurs im Landtag von Mecklenburg-Vorpommern während der ersten drei Legislaturperioden systematisch nachzuzeichnen und zu bewerten, wie politische Akteure auf den Systemwechsel und die damit verbundenen finanziellen und strukturellen Herausforderungen reagierten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt einen historisch-deskriptiven Ansatz. Als Materialgrundlage dienen Plenarprotokolle, Drucksachen, parlamentarische Dokumente sowie ergänzende Fachliteratur und Zeitzeugengespräche.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich chronologisch den kulturpolitischen Auseinandersetzungen in den drei Legislaturperioden, unterteilt in die Zeit der Konstituierung (1990-1994), die Phase der Konsolidierung und Finanzierungsdebatte (1994-1998) sowie die Ära der rot-roten Koalition (1998-2002).
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Kulturföderalismus, Transformationsmanagement, kulturpolitische Leitlinien, Substanzerhaltung, kommunale Kulturhoheit und das Spannungsfeld von Kunst und Ökonomie charakterisieren.
Wie hat sich die Kulturpolitik gegenüber der DDR-Zeit verändert?
Die Kulturpolitik wandelte sich von einer zentralistisch gesteuerten Staatskultur mit ideologischer Vorgabe hin zu einer föderalen Struktur, in der das Land die Rahmenbedingungen setzt, während die konkrete Verantwortung stärker auf die Kommunen und private Träger verlagert wurde.
Welche Rolle spielt die Theaterfinanzierung im untersuchten Zeitraum?
Die Theaterfinanzierung entwickelte sich zum zentralen "Dauerthema" und Debattenschwerpunkt. Die Auseinandersetzungen drehten sich insbesondere darum, wie die hohe Theaterdichte in einer strukturschwachen Region angesichts sinkender öffentlicher Mittel und steigender Kosten finanziell tragfähig erhalten werden kann.
- Citation du texte
- Christian Schwießelmann (Auteur), 2003, Das kulturelle Selbstverständnis des Landes Mecklenburg-Vorpommern - Hintergründe, Verlauf und Auswirkungen der Schweriner Landtagsdebatte 1990-2002, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/14918