Body in Islam – A Source of Sin and Shame?

Ein Appell für die Befreiung des Körpers von Sünde und Schamhaftigkeit im Islam


Hausarbeit, 2009
24 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Bedeutung und Funktion des Korpers im Leben und im Tod
2.1 Genese des Menschen als Entstehung seines Korpers
2.2 Einheit von Korper und Seele im Islam
2.3 Der Tod - das Ende der leiblichen Integritat?
2.4 Korpervorstellung im Jenseits

3. Restriktiver Umgang mit dem Korper im Islam

4. Schlussbemerkung

5. Quellen- und Literaturverzeichnis
5.1 Quellen
5.2 Literatur

1. Einleitung

„The body in the Arab world. A source of sin and shame”[1] ist die These mit der Ah­med El Attar seinen Artikel in der Zeitschrift „Ballettanz“ uberschreibt und die auch dieser Arbeit in leicht abgewandelter Form, als Titel dient. Mit ihr soll die Behaup- tung des agyptischen Regisseurs Attar, der den Grundgedanken der Sundhaftigkeit und Schambehaftung des Korpers in arabisch-islamischen Landern auf die Tabuisie- rung insbesondere des Frauenkorpers in der Offentlichkeit, der Kunst, des Films und des Tanzes postuliert, grundsatzlich hinterfragt werden. Weil es jedoch eine Vielzahl an unterschiedlichen Zugangen zum Korper innerhalb der islamischen Welt gibt und eine Annaherung an ein homogenes Korperbild, ganz abgesehen von einer einheitli- chen Korperkonzeption unmoglich ware, wird die Bedeutung und Funktion des Kor- pers im Islam anhand weniger elementarer Glaubensartikel uber die in der Mehrheit der islamischen Welt Konsens herrscht, herausgearbeitet. Die Arbeit zielt mit Hilfe dieser ausgesuchten, elementaren Glaubensartikel des Islams darauf ab, die Auswei- sung des Korpers als Ursprung von Sunde zu widerlegen. Stattdessen soll die positi­ve Konnotation des Korpers im muslimischen Glauben zum Ausdruck kommen. Die Darstellung islamischer Grundannahmen, sowohl in der Anthropologie, als auch in der Eschatologie, ist dazu unerlasslich, denn Aspekte der Menschwerdung, des Todes und der Jenseitsvorstellungen legen die Grundlagen zum islamischen Korperver- standnis (Kapitel 2). Anschliefiend soll im dritten Kapitel gezeigt werden, dass der restriktive Umgang mit dem Korper im diesseitigen Leben nicht etwa ein Indiz fur seine Sundhaftigkeit oder Schambehaftung ist. Vielmehr ist er durch Passivitat ge- kennzeichnet, da er lediglich als Aushandlungsort der jenseitigen Existenz instru- mentalisiert wird.

Die sparliche Berucksichtigung des Korperbegriffs im islamischen Schrifttum konnte eine Ursache fur das fehlende allgemeingultig-islamische Korperkonzept sein. So wird der Korper in den wichtigsten islamischen Quellen dem Koran (arab. qur’an), der sunna und der sarfa lediglich innerhalb anderer, ihn betreffender Themenberei- che berucksichtigt. Die Quellen geben beispielsweise Auskunft uber Vorschriften bezuglich des Essens, Trinkens, Waschens, der Korpergestaltung und Schonheits- pflege, sowie zum Umgang mit Toten und der Festlegung von Korperstrafen durch das islamische Strafrecht. Den Korper selbst erklart jedoch keine als eigenstandigen Gegenstandsbereich oder in geschlossener Darstellung allgemeiner Natur.

Insgesamt basieren die Einstellungen zum Korper nicht nur auf den Glaubensinhalten der jeweiligen islamischen Ausrichtung und Rechtsschule, sondern auch auf der Kul- tur, sowie auf den politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen in denen sich eine Gesellschaft oder ein Individuum befindet. Demzufolge sind die Zugange zum Verstandnis und zur Bewertung des Korpers aus islamischer Sicht derart viel- schichtig, dass es zu dieser Thematik folglich kein Standardwerk oder eine, der Gro- fie des Themenkreises wurdige Veroffentlichung geben kann. So werden in dieser Arbeit haufig die wichtigsten Schriften des Islams, der Koran und die sunna verwen- det, daruber hinaus jedoch kann keine Uberblicksdarstellung benannt werden.

Die Beschaftigung mit der Bewertung des Korpers und seiner Bedeutung im Islam ist in vielerlei Hinsicht relevant, zurzeit besonders in den Bereichen Medizin und Bio- ethik. So benutzen nach Moosa „zeitgenossische muslimische Rechtspraktiken im Bereich der Bioethik vormoderne Episteme“[2] des Islams. Denn die Grenzen der Be- handlung im Zeitalter der modernen Intensivmedizin sind nicht nach deren Moglich- keiten gesetzt, sondern werden im Islam durch bestehende Ver- und Gebote festge- legt, sowie durch neue Rechtsgutachten - so genannten Fatwas - bestimmt.[3] Auch der Bereich der Bekleidung, beziehungsweise Verhullung, vor allem der Frau, steht immer wieder im Mittelpunkt des Interesses, besonders im Fachgebiet der Gender Studies.

2. Die Bedeutung und Funktion des Korpers im Leben und im Tod

Anders als bei Themen der Eschatologie, gibt es im Koran und in der sunna keine langere Passage, die als Grundlage einer islamischen Anthropologie dienen konnte. Wie beim Themenkreis des Korpers werden lediglich Teilaspekte berucksichtigt, aus denen wiederum die Lehre des Menschen konstruiert werden kann. Selbst die Sure 76, die mit „Der Mensch“ uberschrieben ist, gibt kein umfassendes Bild einer islami­schen Anthropologie. Tatsachlich beschaftigt sich jedoch der uberwiegende Teil die­ser Sure mit der Eschatologie, also beispielsweise mit der Beschreibung des Jenseitsoder der Warnung vor den Folgen des diesseitigen Handelns beim Jungsten Gericht (vgl. Sure 76, 4-31). Bei dem Themenkreis der Einheit von Leib und Seele verhalt es sich, was die Quellenlage betrifft, wie im Bereich der Anthropologie. So wird bei- spielsweise in der sunna, den Uberlieferungen der Ausspruche und Taten des Pro- pheten Mohammed, die die Medizin betreffen, auf den besonderen Stellenwert der Einheit von Leib und Seele und das daraus resultierende Sundenpotential des Men- schen aufmerksam gemacht.[4]

2.1 Genese des Menschen als Entstehung seines Korpers

Im Islam gelten das Leben und der Tod als von Gott gegeben. Bevor Gott jedoch dem Menschen seinen Geist und damit das Leben einhaucht und so gleichzeitig sei- nen Tod und seine Auferstehung festgelegt, schafft er den Trager seines Geistes, den menschlichen Korper.[5] Im Koran heifit es dazu:

„12 Wir haben doch den Menschen (ursprunglich) aus einer Portion (?) Lehm (oder: aus einem Extrakt (?) aus Lehm) geschaffen. 13 Hierauf machten wir ihn zu einem Tropfen (Sperma) in einem festen Behalter (d.h. im Mutterleib). 14 Hierauf schufen wir den Tropfen zu einem Emb­ryo, diesen zu einem Fotus und diesen zu Knochen. Und wir bekleideten die Knochen mit Fleisch. Hierauf liefien wir ihn als neues (w. anderes) Geschopf entstehen. [...] 15 Hierauf, nachdem dies (alles) vor sich ge- gangen ist (und ihr ins Leben gerufen worden seid), habt ihr zu sterben. 16 Hierauf, am Tag der Auferstehung, werdet ihr (vom Tod) erweckt werden.“ (Sure 23, 12-16)[6]

Die Schaffung des Menschen aus Erde (vgl. Sure 18,37; 22,5), Lehm (vgl. Sure 23,12) oder feuchter Tonmasse (vgl. Sure 15, 26) wird in zahlreichen weiteren Suren in unterschiedlicher Ausfuhrlichkeit beschrieben. Gott habe den Korper des Men­schen in bester Form (vgl. Sure 95, 4), ebenmafiig (vgl. Sure 82,7) und mit einer schonen Gestalt (vgl. Sure 64,3) geschaffen und ihn mit Gehor, Gesicht (Sehvermo- gen) und Verstand (vgl. Sure 32,9; 67,23 usw.), sowie mit zwei Augen, zwei Lippen und einer Zunge (vgl. Sure 90, 8-9) angemessen ausgestattet.[7]

In der islamischen Mystik erhalt der menschliche Korper als Zeichen oder ganzheit- liche Konstellation von Zeichen Gottes eine herausragende Stellung, die wie folgt beschrieben wird:

„In its outward dimensions, Sufis praised the human body as the epit­ome of beauty in the physical world. In its inward dimensions, Sufis maintained that the body is the locus of the manifestation of God’s names and attributes - a theophany of the highest order. It is a universal characteristic of religions that the sacred lodges in physical places [...]. Sufis pushed this logic to an iconoclastic extreme and claimed that the divine fully manifests only in human beauty; in this way they understood the Prophet’s teaching that ‘God created Adam in his image’, that is, in God’s own image."[8]

Auch wenn uber die Verehrung des Korpers als Gottesgabe in der islamischen Or- thodoxie und der Mystik Konsens herrscht, ist der Orthodoxie die Huldigung der menschlichen Gestalt in diesem Ausmafi, als „epitome of beauty“ oder „theophany of the highest order“ fremd. Die Mystik unterscheidet sich in vielen Gebieten der Praxis und Lehre von der Orthodoxie, doch ist ihnen der Koran als wichtigster Bezug ihres Glaubens gemein. Wenn also am Ende des Zitats die Gottebenbildlichkeit des Men- schen impliziert wird, so ist diese als „Funktions- und Relationsaussage“[9] des Ver- haltnisses zwischen Gott und Mensch zu verstehen, welche dem Koran zugrunde liegt. Denn sie bezieht sich auf die Uberlieferung der gottlichen Auszeichnung Adams vor den anderen Geschopfen der Erde und sogar vor den Engeln, als hallfa (arab. Pl. hulafa, hala’if), also Stellvertreter Gottes auf Erden (vgl. Sure 2, 30-34). Dazu lehrte Gott ihn alles mit Namen zu benennen und erhob ihn so uber die Engel, die er nicht in der Namensgebung unterwies und die nach dem Koran eigenstandig diese Fahigkeit nicht erlangen konnen (vgl. Sure 2,32). Die Erhebung des Menschen uber die Engel ist zudem durch Gottes Aufforderung sich vor Adam zu verneigen, impliziert. Nur iblis, der Teufel, verneigt sich nicht und wird als Strafe fur die Ab- lehnung der Souveranitat und Schopfungsbefugnis Gottes, die sich im gottlichen Be- schluss der Ausstattung Adams mit seiner besonderen Wurde und seinem ubergeord- netem Status manifestiert, verstofien. Denn „Gott wird verpont, wo der Mensch ver- achtet wird.“[10]

Die unveraufierliche Wurde des Menschen, die damit zum Ausdruck kommt, ist Grundlage der generellen Ablehnung von Korperfeindlichkeit im Islam. Insgesamt ist der Korper als ein von Gott geliehenes Gut ohne grundsatzliche Verderbtheit durch die Erbsunde, „ehrfurchtsvoll, aber auch genussbereit zu behandeln“.[11] In der Theologie des Islams gibt es zwar den Sundenfall und die Vertreibung aus dem Para- dies (vgl. Sure 7, 19-25), doch da dies nicht den Glauben an die Erbsunde nach sich zieht, wie beispielsweise im Christentum, verfugt der Islam uber keine Erlosungs- theologie. Der Mensch ist somit nicht von Geburt an mit Sunde behaftet, aber fur seine Sunden allein verantwortlich, was zur Folge hat, dass er seinen Korper nicht nur achten, sondern dessen Integritat (arab. hurma, Pl. hurumat, huramat) auch schutzen muss und ihn nicht nach Belieben verandern darf.[12]

[...]


[1] El Attar, Ahmed: The body in the Arab world. A source of sin and shame, in: Ballettanz, 3 (2004), S. 34.

[2] Moosa, Ebahim: Die Nahtstelle von Naturwissenschaft und Jurisprudenz: Unterschiedliche Blick winkel auf den Korper in der modernen muslimischen Ethik, in: Ghadban, Ralph u.a. (Hrsg.): Mo- derne Medizin und Islamische Ethik. Biowissenschaften in der muslimischen Rechtstradition, Frei­burg i. B. 2008, S. 201.

[3] Krawietz, Birgit: Gesundheit, Krankheit, in: Klockner, Michael und Tworuschka, Udo (Hrsg.): Ethik der Weltreligionen. Ein Handbuch, Darmstadt 2005, S. 130.

[4] Burgel, Johann Christoph: Leiblichkeit, Krankheit, Heilung im Islam, (Krankheit und Heilung in den Religionen. Islam - Hinduismus - Christentum, Bd. 67) Bad Herrenalb 1990, S. 15.

[5] Dimler-Wittleder, Petra: Der Umgang mit dem Tod in Deutschland. Ein Vergleich des judischen, christlichen und moslemischen Glaubens, Munster 2005, S. 63.

[6] Ubersetzt von Paret, Rudi: Der Koran, 10. Auflage, Stuttgart 2007, S. 238.

[7] Khoury, Adel Theodor: Mensch, in Hagemann, Ludwig u.a. (Hrsg.): Islam-Lexikon. Geschichte -

Ideen - Gestalten, Freiburg i. B. 1991, S. 515.

[8] Kugle, Scott: Sufis & Saints ’ Bodies. Mysticism, Corporeality, & Sacred Power in Islam, Chapel Hill 2007, S. 29-30.

[9] Renz, Andreas: Der Mensch unter dem An-Spruch Gottes. Offenbarungsverstandnis undMen- schenbild des Islam im Urteil gegenwartiger christlicher Theologie, in: Heimbach-Steins, Marianne und Wielandt, Rotraud (Hrsg.): Christentum und Islam. Anthropologische Grundlagen und Ent- wicklungen, Wurzburg 2002, S. 376.

[10] Renz, S. 135.

[11] Krawietz, Birgit: Der Korper zwischen Gott und Mensch im Islam, in: Menke, Christoph und van der Walt, Sibylle (Hrsg.): Die Unversehrtheit des Korpers. Geschichte und Theorie eines elementa- ren Menschenrechts, Frankfurt a. M. 2007, S. 118.

[12] Ebd.: Korper, S. 118-119.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Body in Islam – A Source of Sin and Shame?
Untertitel
Ein Appell für die Befreiung des Körpers von Sünde und Schamhaftigkeit im Islam
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Islamwissenschaft)
Veranstaltung
Vorstellungen von Wettkampf und Sport in der islamischen Welt
Note
1,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
24
Katalognummer
V149250
ISBN (eBook)
9783640597468
ISBN (Buch)
9783640597161
Dateigröße
512 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Körper, Islam, Jenseitsvorstellung, Köperbild, Religion, Restriktion, Muslim, Muslime
Arbeit zitieren
Katharina Fülle (Autor), 2009, Body in Islam – A Source of Sin and Shame?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/149250

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