Die Europäische Union (EU) feierte am 01.05.2004 ihre Erweiterung durch die neuen Mitgliederstaaten aus Mittel- und Osteuropa als einen historischen Moment und eine Wiedervereinigung des europäischen Kontinents.
Die Türkei hat bereits am 31.07.1959 einen Antrag auf Mitgliedschaft mit der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) gestellt. Bis zum endgültigen Beitritt zur EU werden sicherlich noch einige Jahre hinzukommen. Vor gut sechs Jahren ernannten die Regierungschefs der EU die Türkei zum Beitrittskandidaten. Die Türkei als potenzielles Beitrittsland nimmt eine Sonderrolle ein und ist zum Gegenstand politischer und wirtschaftlicher Auseinandersetzungen geworden.
Ein baldiger EU-Beitritt der Türkei wird in dieser Zeit wie kaum ein anderes Thema kontrovers diskutiert.
In der vorliegenden Hausarbeit sollen die Hintergründe und Argumente der Beitrittsfrage aufgezeigt werden. Die Türkei hat im Laufe der Jahre permanent diverse Rückschläge einstecken müssen. Trotz der sich ständig wiederholenden Ablehnungen lässt sich die Türkei nicht entmutigen, sie verfolgt beständig ihr Ziel EU-Beitritt.
In meiner Hausarbeit sollen die Gründe und Fakten hierzu näher betrachtet werden, und zwar in bezug auf die Aufnahme der Türkei in die EU-was spricht dafür und was spricht dagegen sowie der Handlungsstrang innerhalb der Politik der Türkei.
Der Stand der Entwicklung zum Beitritt der Türkei in die EU wird in den jährlichen Fortschrittsberichten der Europäischen Kommission festgehalten. In meiner Hausarbeit habe ich den Fortschrittsbericht vom 6. Oktober 2004 zugrunde gelegt.
Im Anschluss an meine Darstellung erfolgt eine Erläuterung, warum ich dem EU-Beitritt der Türkei kritisch gegenüberstehe, ihn jedoch nicht ablehne.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Beziehungen der Türkei zur Europäischen Union
3. Vorteile und Nachteile für die EU durch die Aufnahme der Türkei
3.1. Gründe gegen eine Aufnahme
3.1.1. Geschichtliche Unterschiede
3.1.2. Unterschiede in der Gesellschaft und der Politik
3.1.3. Achtung der Menschenrechte
3.1.4. Folgen in der Wirtschaft
3.1.5. Bedenken in der Sicherheitspolitik
3.2. Gründe für eine Aufnahme
3.2.1. Vorteile in der Sicherheitspolitik
3.2.2. Die Europäische Union ist keine „christliche Vereinigung“
3.2.3. Sicherstellen der Energieversorgung
4. Fortschritte der Türkei auf dem Weg zum Beitritt
4.1. Politische Kriterien
4.2. Wirtschaftliche Kriterien
4.3. Administrative Kriterien
5. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Hintergründe, Chancen und Risiken eines möglichen Beitritts der Türkei zur Europäischen Union, um auf Basis aktueller Fortschrittsberichte die Beitrittsdebatte kritisch zu beleuchten.
- Geopolitische Bedeutung und sicherheitspolitische Aspekte der Türkei
- Wirtschaftliche Herausforderungen und fiskalische Auswirkungen
- Kulturelle und historische Argumente in der Beitrittsdebatte
- Erfüllung der Kopenhagener Kriterien (politisch, wirtschaftlich, administrativ)
- Analyse der Reformbemühungen der Regierung unter Recep Tayyip Erdogan
Auszug aus dem Buch
3.1.2. Unterschiede in der Gesellschaft und der Politik
Aus resultierenden Umfrageergebnissen kann man die Gründe für ein anderes Politik- und Gesellschaftsverständnis erkennen. Diese Befragungen spiegeln der Türkei im Vergleich zu den bisherigen und neuen EU-Staaten große Unterschiede in wichtigen gesellschaftlichen Bereichen wieder.
Auf die Ergebnisse des sozialwissenschaftlichen Projekts „European Value Survey“ beruft sich der Soziologe Jürgen Gerhards. In dem Projekt kam zu Tage, dass die türkischen Bürger weitaus religiöser sind als die Bürger der bisherigen und zukünftigen EU-Mitgliedstaaten. Außerdem sind sie mehrheitlich gegen eine Trennung der Kirche von staatlichen Angelegenheiten. Es gaben 62,3 Prozent der befragten türkischen Bürger an, „Politiker, die nicht an Gott glaubten, seien ungeeignet für ein politisches Amt“. In den zur Zeit angehörigen EU-Staaten stimmten nur 17,9 Prozent zu, und in den zukünftigen EU-Staaten stimmten nur 18,5 Prozent dem zu. Gerhards kam zu dem Schluss, dass die Türkei am wenigsten mit den Werten der EU übereinstimme.
Die Umfrage „Views of a Changing World 2003” wiederlegt die Feststellungen der Umfrage „European Value Survey“. In dieser Umfrage sprachen sich 73 Prozent der Befragten in der Türkei für eine Trennung von Kirche und Politik aus. Diese Zahl wurde in den derzeitigen und zukünftigen EU-Staaten nur gelegentlich noch übertroffen. Die Meinung der meisten der türkischen Bürger geht also in Richtung Trennung. Als Grund wird der säkulare (Trennung von Staat und Religion) Charakter der türkischen Republik genannt. Dieser Charakter nehme Einfluss auf das Denken der Bürger.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Darstellung der historischen Dimension des EU-Erweiterungsprozesses und Einordnung des türkischen Beitrittswunsches in den aktuellen politischen Kontext.
2. Beziehungen der Türkei zur Europäischen Union: Historischer Abriss der Annäherung zwischen der Türkei und der EU, von den Anfängen der Republik bis zur Einleitung formeller Beitrittsverhandlungen.
3. Vorteile und Nachteile für die EU durch die Aufnahme der Türkei: Detaillierte Gegenüberstellung der sicherheits-, wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Argumente, die sowohl gegen als auch für eine Vollmitgliedschaft angeführt werden.
4. Fortschritte der Türkei auf dem Weg zum Beitritt: Überprüfung der türkischen Reformbemühungen anhand der Kopenhagener Kriterien (politisch, wirtschaftlich, administrativ) unter Heranziehung des Fortschrittsberichts 2004.
5. Zusammenfassung: Synthese der Argumente sowie ein Fazit zur Notwendigkeit einer sachlichen Debatte bei gleichzeitiger Anerkennung der noch bestehenden Defizite.
Schlüsselwörter
Europäische Union, Türkei, Beitritt, EU-Erweiterung, Kopenhagener Kriterien, Reformprozess, Menschenrechte, Sicherheitspolitik, Wirtschaft, Religion, Laizismus, Demokratie, Fortschrittsbericht, Geopolitik, Integration
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Hausarbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert die komplexen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aspekte der Beitrittsdebatte der Türkei zur Europäischen Union.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zu den Schwerpunkten zählen die historische Entwicklung der Beziehungen, die Geopolitik, die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit sowie die Einhaltung demokratischer Grundwerte.
Welches primäre Ziel verfolgt der Autor?
Das Ziel ist es, die Argumente der Befürworter und Gegner objektiv gegenüberzustellen und den aktuellen Fortschritt der Türkei anhand der Kopenhagener Kriterien zu bewerten.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit stützt sich primär auf eine Literaturanalyse sowie die Auswertung des offiziellen Fortschrittsberichts der Europäischen Kommission aus dem Jahr 2004.
Was wird schwerpunktmäßig im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine kritische Diskussion der Beitrittsargumente sowie eine detaillierte Prüfung der politischen, wirtschaftlichen und administrativen Anpassungsleistungen der Türkei.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie EU-Beitritt, Kopenhagener Kriterien, Demokratisierung, wirtschaftliche Integration und geopolitische Stabilität definiert.
Wie bewertet der Autor den Einfluss des türkischen Militärs auf den Beitrittsprozess?
Der Autor konstatiert, dass eine zu starke Rolle des Militärs mit EU-Normen unvereinbar ist, begrüßt jedoch die von der Regierung Erdogan eingeleiteten Einschränkungen dieses Einflusses.
Welche Bedeutung kommt der Zypern-Frage für den Beitritt zu?
Das Zypern-Problem wird als bedeutender politischer Faktor gewertet, wobei die Unterstützung des UN-Friedensplans als Fortschritt auf dem Weg zur EU-Kompatibilität hervorgehoben wird.
- Quote paper
- Thorsten Kenull (Author), 2006, Der geplante EU-Beitritt der Türkei, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/149361