Platons literarisches Gesamtwerk besteht aus einer langen Reihe einander zeitlich folgender Dialoge, welche dem deutschen Philosophen H. Kuhn zufolge offensichtlich zueinander gehören, ohne dass dieser Zusammenhang jedoch irgendwo betont wird. Dialogführer in den platonischen Dialogen ist jeweils Platon selbst, obwohl auch dies niemals in den Dialogen direkt ausgesprochen wird. Doch kommt er als Dialogführer auf jeder Stufe seines Werkes zum Vorschein, woraus sich eine sinnvolle und auf Platon zurückweisende Einheit ergibt. Abschließendes und umfangreichstes Werk Platons sind die Nomoi, welche sich nach H. Kuhn aus den Prämissen der früheren Werke ergeben. Sie stellen damit die politischen Erfahrungen zusammengefasst dar. Im Unterschied zur historischen Bedeutung des Textes als Quelle antiker Gesetzgebung und als Beschreibung des Polislebens, welche zu keiner Zeit bestritten wurde, wurden häufig Bedenken gegen die philosophische Bedeutsamkeit der Schrift geäußert. Mittlerweile ist jedoch auch das philosophische Interesse an den Nomoi wiedererwacht. Dabei kam dem zehnten Buch, welches wesentliche Gedanken zur Theologie und Kosmologie Platons beinhaltet, zu jeder Zeit besondere Aufmerksamkeit zu. Und so befasst sich auch die vorliegende Arbeit mit der Theologie in den Nomoi. Ziel der Arbeit soll die Beleuchtung der Rolle der Theologie in Bezug auf die Gesetze sowie die Untersuchung des Gottesbeweises im zehnten Buch (Nom. 884 – 910) sein. Um das zehnte Buch in den Gesamtzusammenhang einzuordnen, soll eine knappe Darstellung der einzelnen Bücher der Nomoi zu Beginn einen Überblick verschaffen. Für ein möglichst genaues Bild der Vorstellung von Gott bzw. Göttern in den Nomoi, soll daraufhin in einem ersten Schritt die Ansprache an die Siedler im vierten Buch (Nom. 715 e8 – 718 c8) als zentrale Stelle zur Theologie außerhalb des zehnten Buches untersucht werden. Da diese Textstelle der Kenntnis der Vorstellungen aus dem Timaios als Grundlage für genaues Verstehen bedarf, sollen wichtige Erkenntnisse aus diesem Dialog Platons zusätzlich dargestellt werden, bevor dann der Gottesbeweis im zehnten Buch der Nomoi ausführlich analysiert werden soll. Eine Zusammenfassung der Ergebnisse soll die Arbeit daraufhin beschließen.
Aus Gründen der Einheitlichkeit und Übersichtlichkeit werden direkte Zitate aus dem platonischen Primärtext bzw. indirekte Verweise auf diesen nach der Stephanus-Paginierung angegeben.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Die Nomoi
1. Ort, Zeit und beteiligte Personen
2. Inhalt
III. Das zehnte Buch im Kontext der Nomoi
1. Gottesvorstellungen außerhalb des zehnten Buches: Die Ansprache an die Siedler
2. Platons Timaios als Verständnisgrundlage
3. Bedeutung für das zehnte Buch der Nomoi
IV. Das zehnte Buch
1. Die Einleitung zum Gottesbeweis
2. Der Gottesbeweis
2.1 Der Beweis der Existenz der Götter
2.1.1 Der Beweis für die Priorität der Seele
2.1.2 Die Herrschaft der besten Seele und die Götter
2.2 Der Beweis der Fürsorge der Götter gegenüber den Menschen
2.3 Der Beweis der Unbestechlichkeit der Götter
V. Abschließende Bemerkungen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Rolle der Theologie in Platons Werk Nomoi mit besonderem Fokus auf den Gottesbeweis im zehnten Buch. Das primäre Ziel besteht darin, darzulegen, wie der Gottesbeweis als notwendiges philosophisches Fundament für die Gesetzgebung fungiert, um die allgemeinverbindliche Geltung der Gesetze gegenüber atheistischen Auffassungen zu rechtfertigen.
- Die Analyse der Theologie in Platons Nomoi und ihr Bezug zur Gesetzgebung.
- Die Untersuchung des Gottesbeweises im zehnten Buch (Nom. 884–910).
- Die Bedeutung des Dialogs Timaios als Verständnisgrundlage für das platonische Gottesbild.
- Die Auseinandersetzung mit atheistischen Positionen und deren Bedrohung für das politische Fundament der Polis.
- Die Darlegung der philosophischen Begründung von Tugend und glücklichem Leben durch den Glauben an Götter.
Auszug aus dem Buch
2. Platons Timaios als Verständnisgrundlage
»Ihr Männer […], der Gott (ho theos), wie auch die alte Rede sagt, welcher Anfang und Ende und Mitte alles dessen innehat, was da ist, kommt auf geradem Weg zum Ziel, indem er der Natur gemäß kreisend seine Bahnen zieht; ihm aber folgt stets Dike [i.e. die Gerechtigkeit] nach, welche diejenigen, die hinter dem göttlichen Gesetz zurückbleiben, es büßen lässt. An diese schließt sich an, wer glücklich sein will, und folgt ihr in Demut und Bescheidenheit; […]« (Nom. 715 e8 – 716 a6)
Der Beginn der Siedleransprache für sich betrachtet, ist nicht einfach zu verstehen. Der Athener beruft sich auf eine »alte Rede«, jedoch ist es nicht ganz deutlich, ob mit dieser lediglich gemeint ist, dass Gott Anfang, Ende und Mitte alles Seienden in den Händen hat, oder ob auch diejenige Vorstellung, dass Gott seine Bahnen zieht, auf denen ihm Dike, die Göttin der Gerechtigkeit, und jeder, der glücklich werden will, nachfolgt, Teil dieses Spruches gewesen ist. Der Athener begnügt sich in seiner Ansprache mit der Andeutung, dass der Gott auf einer Kreisbahn entlang ziehe und dass dieses auch seiner Natur entspreche. Diese und die anderen Andeutungen bleiben unklar und werden erst dann verständlich, wenn man zur Erläuterung den ersten Teil des Timaios (Tim. 29 d6 – 47 e2) zu Hilfe nimmt, in welchem die gesamte Schöpfung betrachtet wird, insofern sie ausschließlich von der Vernunft hervorgebracht ist.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Diese Einleitung führt in das literarische Gesamtwerk Platons ein, begründet das Interesse an den Nomoi und formuliert das Ziel der Arbeit, die Rolle der Theologie sowie den Gottesbeweis im zehnten Buch zu untersuchen.
II. Die Nomoi: Dieses Kapitel erläutert den Rahmen des Dialogs, die beteiligten Personen und gibt eine inhaltliche Übersicht über die zwölf Bücher der Nomoi sowie deren Struktur.
III. Das zehnte Buch im Kontext der Nomoi: Das Kapitel weist die Notwendigkeit nach, das zehnte Buch nicht isoliert, sondern im Kontext der gesamten Nomoi zu interpretieren, und nutzt den Timaios als Schlüssel für das Gottesverständnis.
IV. Das zehnte Buch: Hier steht die detaillierte Analyse der Einleitung zum Gottesbeweis sowie der drei spezifischen Beweise für Existenz, Fürsorge und Unbestechlichkeit der Götter im Fokus.
V. Abschließende Bemerkungen: Die Zusammenfassung unterstreicht die These, dass der Gottesbeweis die unverzichtbare Legitimation für das in den Nomoi entworfene Staatswesen und dessen Gesetze darstellt.
Schlüsselwörter
Platon, Nomoi, Theologie, Gottesbeweis, Gesetzgebung, Vernunft, Seele, Polis, Atheismus, Timaios, Kosmos, Gerechtigkeit, Tugend, Metaphysik, Philosophie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der theologischen Fundierung der Gesetze in Platons Spätwerk Nomoi, insbesondere mit der Bedeutung des Gottesbeweises im zehnten Buch.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die platonische Theologie, die Verknüpfung von göttlicher Ordnung und irdischer Gesetzgebung sowie die Auseinandersetzung mit antiken atheistischen Theorien.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, dass der Gottesbeweis im zehnten Buch keineswegs ein bloßer Einschub ist, sondern das unverzichtbare Fundament für die Allgemeinverbindlichkeit der Gesetze in der Polis bildet.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine philosophische Textanalyse, die den platonischen Primärtext im Licht relevanter Sekundärliteratur (wie z. B. von Michael Bordt oder A. B. Hentschke) interpretiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil umfasst die Einbettung des zehnten Buches in das Gesamtwerk, die Herleitung des Gottesbildes aus dem Timaios und die systematische Erläuterung der drei Beweise für die Götter.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Platon, Nomoi, Theologie, Gottesbeweis, Gesetzgebung, Vernunft und Polis.
Warum wird der Dialog Timaios als Verständnisgrundlage herangezogen?
Ohne den Timaios bleiben viele Andeutungen des Atheners in den Nomoi, etwa bezüglich der Kreisbewegung Gottes und der Vernunft, unverständlich; er liefert die metaphysische Basis.
Warum wertet Platon den Atheismus als Bedrohung für den Staat?
Da in der griechischen Antike Religion und politisches Fundament untrennbar waren, bedeutet der Atheismus den Angriff auf das gesamte Gesetzessystem und die Traditionen der Polis.
Wie ist die Funktion der "Ansprache an die Siedler" zu bewerten?
Sie dient als rhetorische und inhaltliche Vorbereitung, um die Notwendigkeit zu verdeutlichen, die Allgemeinverbindlichkeit der Gesetze philosophisch neu zu begründen.
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- Nadine Heinkel (Author), 2010, Die Rolle der Theologie in Platons 'Nomoi': Der Gottesbeweis in Buch X, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/149433