Die Kritik an Schumpeters Demokratietheorie - Versuch einer Rezension der Rezensenten


Seminararbeit, 1997
31 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhalt und Gliederung

2 Ziel dieses Versuchs über Schumpeter

3 Möglichkeiten dieses Versuchs über Schumpeters Demokratietheorie

4 Schumpeters Methode
4.1 die Verweigerung Schumpeters gegen Normatives
4.1.1 Kritik an Schumpeter
4.1.2 Kommentar zur Kritik
4.2 Schumpeters Empirie
4.2.1 Kritik an Schumpeters Empirie
4.2.1.1 Kommentar zur Kritik
4.2.2 konkretere Kritik an Schumpeters Empirie
4.2.2.1 Kommentar zur Kritik
4.3 erklärender Kommentar zur Kritik an Schumpeters Methode

5 Schumpeters politischer Markt
5.1 Schumpeters Prämisse vom unfähigen Wähler
5.1.1 Kritik an Schumpeters Prämisse vom unfähigen Wähler
5.1.1.1 Kommentar zur Kritik
5.2 Markt als Forum?
5.2.1 Kritik an Schumpeters Auffassung vom politischen Markt
5.2.1.1 Kommentar zur Kritik
5.3 Probleme bei der Beurteilung Schumpeters
Markttheorie und der hieran geübten Kritik
5.3.1 Überlegungen zum Wert einer Theorie
5.4 Suche nach einem Fehler, der Schumpeters Markttheorie immanent ist
5.4.1 Instrument zur Vereinbarung Schumpeters Prämissen mit denen der Kritik
5.4.2 Schlußfolgerungen aus den Prämissen des Instruments und Beurteilung von Schumpeters Markttheorie
5.5 Alternativen zu dem erarbeiteten Instrument
5.5.1 Ergänzung von Schumpeters Markttheorie durch Friedrichs
5.5.2 Ergänzung von Schumpeters Markttheorie durch Downs
5.5.3 Fazit

6 der Vorwurf gegen Schumpeter, Elitist zu sein
6.1 Kommentieren des Elitismusvorwurfs vor dem Hintergrund der Betrachtungen zu Schumpeters Methode
6.2 Kommentieren des Elitismusvorwurfs vor dem Hintergrund von Überlegungen zum Anspruch der Theorie Schumpeters

7 Ergebnis und Aussicht

8 zitierte Literatur

2 Ziel dieses Versuchs über Schumpeters Demokratietheorie

Als ein Anhänger der österreichischen Schule der Ökonomie vertrat Schumpeter die Auffassung, durch Abstraktion und Vereinfachung einer Theorie auf einen Modellcharakter relevante Ergebnisse erzielen zu können, welche dann durch die Ökonometrie zu verifizieren wären. Wenn auch unter deutschen Ökonomen diese Vorgehensweise inzwischen längst etabliert ist, so bedauert man heute doch, sich nicht so direkt in die Tradition Schumpeters stellen zu können, der - enttäuscht davon, seinen Ansatz in der hiesigen Wirtschaftswissenschaft nicht etablieren zu können - Bonn verließ, um in Harvard zu lehren.

Während also in der Wirtschaftswissenschaft Reue vorherrscht, stößt Schumpeters Demokratietheorie, auf die er seine wirtschaftswissenschaftlichen Methoden übertrug, unter Politologen noch oft auf Unverständnis und die daraus resultierende Kritik.

Ziel der vorliegenden Arbeit soll es also sein, festzustellen, inwieweit die an Schumpeters Demokratietheorie geäußerte Kritik fundiert und berechtigt ist.

3 Möglichkeiten dieses Versuchs über Schumpeters Demokratietheorie

1.) Durch ein solches Vorgehen würden automatisch die bestehenden Mißverständnisse aufgedeckt und eine neuartige Rezension von Schumpeters „Kapitalismus, Sozialismus und Demokratie“ (Schumpeter 1993, Kap. 21, 22) angemahnt.
2.) Zum anderen könnte Schumpeters Theorie an berechtigter Kritik gemessen werden, so daß ihre eventuellen Schwachpunkte deutlicher zutage treten.
3.) Im Endeffekt würde dies - falls ein tatsächlicher Erkenntniszuwachs resultiert - Möglichkeiten an die Hand geben, die Verwendbarkeit der Erkenntnisse Schumpeters besser beurteilen zu können. Gerade vor dem Hintergrund der Wiederbelebung und Fortführung von Schumpeters Theorien und der aktuellen Diskussion um direkte Demokratie und Partizipation könnte dies von Interesse sein.

4 Schumpeters Methode

Eine Reihe von Rezensenten konzentrieren ihre Kritik an Schumpeter auf dessen wissenschaftliche Methode, beziehungsweise auf Fehler, die seiner Theorie immanent seien.

4.1 die Verweigerung Schumpeters gegen Normatives

4.1.1 Kritik an Schumpeter

Ein Ansatz solcher Kritik an Schumpeters Methode hat ihren Kern darin, daß sein wissenschaftlicher Ansatz, seine Fragestellung unredlich sei. Dieser Vorwurf macht sich eigentlich nur an einem Fehler, der Schumpeters Theorie immanent sei, fest und zielt zunächst auf dessen Thesen zur Rolle des Gemeinwohls in der Demokratietheorie ab. Die wohl harschesten Worte fanden Mittermaier und Mair; ihre Argumentation stellt sich dabei etwa wie folgt dar:

Schumpeter versuche, die - von ihm so benannte - klassische Theorie der Demokratie zu widerlegen. Er tue dies unter anderem dadurch, daß er das Verwirklichen von Gemeinwohl, als fundamentale Intention der Systeme klassischer Demokratietheorien, für die tatsächlich existierenden demokratischen Systeme verneine. Schumpeter behaupte, das Gemeinwohl könne in einem nicht demokratischen System ebensogut oder gar besser erreicht werden. Lehne Schumpeter jedoch die klassische Demokratietheorie mit der Begründung ab, sie könne das Gemeinwohl nicht besser als ein nicht demokratisches System verwirklichen, so müsse aber auch mit derselben Begründung Schumpeters eigene Theorie abgelehnt werden. Schumpeter widerlege sich also selber! (vgl. Mittermaier/Mair 1995, S.174,175)

4.1.2 Kommentar zur Kritik an Schumpeter

Schumpeter mißt die Leistungsfähigkeit der klassischen Demokratietheorien daran, inwieweit sie real existierende politische Systeme, die gemeinhin als demokratisch bezeichnet werden, beschreiben. Mit Blick auf die Ergebnisse zu denen er bei der Beurteilung der klassischen Demokratietheorien gelangt, darf man also annehmen, daß mit den klassischen Theorien bei Schumpeter alle diejenigen Aussagen über Demokratie gemeint sind, die vornehmlich unter einem normativ-ontologischen Ansatz und eventuell auch unter dem kritisch-dialektischen Ansatz des hegelianischen Idealismus beziehungsweise des frühen dialektischen Materialismus getroffen wurden (Daß für Schumpeter „die Demokratietheorie des 19. Jahrhunderts (...) [tatsächlich] aus einer gähnenden Lücke“ (Mittermaier/Mair 1995, S.176) besteht, kann daher also nicht so ohne weiteres behauptet werden.).

Das Normative der klassischen Theorien offenbart sich offensichtlich zum Beispiel in der Idee, das Ziel der „richtigen“ Demokratie sei unter anderem die Verwirklichung des Allgemeinwohls. Wenn Schumpeter in seiner empirischen Demokratietheorie zu dem Schluß kommt, daß das Gemeinwohl durch Demokratie nicht besser als irgendwie sonst verwirklicht werde, ist dies für Schumpeter also ein fundierter Anlaß, die normativen, klassischen Theorien abzulehnen. Seine eigene Definition von Demokratie bleibt demnach nur dann richtig beziehungsweise realistisch, wenn sie das Erreichen von Gemeinwohl als Ziel von Demokratie nicht mehr beinhaltet. Folgerichtig spielt das Gemeinwohl für Schumpeters Demokratiebegriff keine Rolle; er legt dar, daß es so etwas wie ein Gemeinwohl nicht gebe, vielmehr müsse man von Interessen einzelner Bevölkerungsgruppen sprechen (Nicht nur hier zeigt sich die Aggressivität mit der - unter Zuhilfenahme unvollständiger Zitate - gegen Thesen argumentiert wird, die Schumpeter nie vertreten hat.

So meinen Mittermaier und Mair, „Schumpeter offenbart sich schließlich (...) als gelehriger Schüler Ortegas, dessen `wahres` Verständnis darin gründet, daß das Volk seinem Interesse am besten dient, wenn es gar kein eigenes spezifisches Interesse besitzt (...). Tatsächlich entblödet sich Schumpeter nicht zu behaupten, daß es letzten Endes `kein solches Ding wie ein eindeutig bestimmtes Gemeinwohl` (Schumpeter 1950, S. 399) gibt, wodurch er seine ganze `andere` Demokratietheorie selbst wieder implizit über den Haufen wirft.“ (Mittermaier/Mair 1995, S. 178)).

Schumpeter schließt für seine Demokratietheorie auch jede andere Problemstellung der normativen Wissenschaftskonzepte aus, indem er erklärt, die Demokratie sei in der Praxis nicht mehr als eine bloße Methode und Machtausübung habe lediglich einen Selbstzweck, verfolge dementsprechend kein Ziel außer Machterhalt und -ausdehnung. Eine bloße Methode ohne ein Ziel, eine Bestimmung beziehungsweise ein wahres Wesen, das ihr zugrunde liegen würde, sowie Machtausübung ohne Prämissen, Ideale, Ziele und so weiter entziehen sich jedoch den Problemstellungen der normativen Ansätze, die sich mit der Suche nach der richtigen Ordnung, der wahren Bestimmung, dem wahren Wesen, der Verwirklichung von guter Politik beschäftigen.

Der Kern von Mittermaiers und Mairs Kritik läßt sich also auf ein Unbehagen gegenüber folgendem zurückführen: In Schumpeters Theorie fehlt der Aspekt des Gemeinwohls.

So wird das Mißverständnis deutlich, dem sie unterliegen: Schumpeters Abgrenzung zur klassischen Demokratietheorie verdeutlicht unter anderem auch, daß er sich bezüglich der Intention seiner Überlegungen unterscheiden möchte. Schumpeter entwirft keine politische Idee zur zukünftigen praktischen Umsetzung, sondern definiert lediglich den Demokratiebegriff neu aus Betrachtungen real existierender politischer Systeme, um so die Voraussetzung zur Analyse von real existierenden demokratischen Systemen zu schaffen. Auch deswegen ist die Idee, beziehungsweise das Ideal vom Gemeinwohl für Schumpeters Ansatz entbehrlich, während die - von ihm so benannten - klassischen Theorien das Ziel des Gemeinwohls, als ein Charakteristikum von Demokratie, enthalten, da sie selbst teils vom Wunsch nach Gemeinwohl intendiert waren. Schumpeters wissenschaftliche Fragestellung ist in diesem Sinne eine ganz andere.

4.2 Schumpeters Empirie

Neben der - wie gezeigt wurde - wohl nicht ganz gewöhnlichen wissenschaftlichen Fragestellung, die der Ökonom Schumpeter seinem Werk ganz selbstverständlich zugrunde legt, mag auch die dem entsprechende wissenschaftliche Arbeitsweise eine der tieferen Ursachen für ähnliche Mißverständnisse sein, welche sich durch eine weitere kritische Äußerung offenbaren, die nun vorgestellt werden soll.

4.2.1 Kritik an Schumpeters Empirie

In einer kritischen Anmerkung bemängelt Habermas Schumpeters Begriff, beziehungsweise Terminus von Demokratie:

Schumpeter verzichte auf eine Ableitung der Demokratie aus Prinzipien der klassischen Sozialphilosophie. Der objektive Sinn der Institutionen werde so durch ihre abstrakten Bestimmungen ersetzt. Anstelle der Deduktion der Demokratie vom Grundsatz der Rechtsstaatlichkeit und der Volkssouveränität definiere Schumpeter die Demokratie nur durch „ihren tatsächlichen Apparat.“ (vgl. Habermas u.a. 1969: 13f)

4.2.1.1 Kommentar zur Kritik

Diese Kritik drückt das bekannte Unbehagen gegenüber einer Arbeit aus, die weder einem normativen noch dialektisch-kritischen Anspruch hat, aber trotzdem eine Theorie und nicht eine bloße Untersuchung sein will. Wenn die Argumentation von Habermas auch nur bei Schumpeters Demokratiebegriff ansetzt, so handelt es sich hier jedoch nicht nur um einen weiteren Versuch, Schumpeters wissenschaftlichen Ansatz zu kritisieren, sondern dahinter verbirgt sich - wie sich im folgendem zeigen wird - die Absicht, den Sinn und die Zweckmäßigkeit von Schumpeters empirischer Methode, beziehungsweise seinen rein analytischen Ansatz in Frage zu stellen. Es wird impliziert, daß Schumpeters Begriff von Demokratie eine unerlaubte Vereinfachung zugrunde liege. Doch die Reduzierung des Demokratiebegriffs um dessen Deduktion vom Grundsatz der Rechtsstaatlichkeit und Volkssouveränität dürfte für Schumpeter wohl eher den bei einer rein empirischen Methode zweckmäßigen Verzicht auf alle normativen Momente bedeutet haben. Schumpeter kann seinen Demokratiebegriff von keinem Grundsatz ableiten, denn seine Demokratietheorie soll rein empirisch sein, so daß auch der Begriff Demokratie hier nur die empirisch nachweisbare und erfahrbare Seite von Demokratie, nämlich ausschließlich die demokratische Methode umfassen soll. Ohne diesen Verzicht auf alles Normative wäre eine ökonomische Demokratietheorie nach Schumpeter unmöglich. Der Wert einer solchen Theorie liegt eher in den Möglichkeiten zu Schlußfolgerungen, welche die darin enthaltene Analyse erlaubt. Dies sollte das Manko der Theorie entschuldigen können, nicht sofort und ohne die Suche nach Alternativen zu dem von ihr beschriebenen System programmatisch wirken zu können - sofern man dies überhaupt als nachteilig auffassen möchte.

Außerdem muß beachtet werden, daß die Beschäftigung mit dem tatsächlichen Apparat der Demokratie unabdingbar ist, da - sieht man von der Ausnahme kleinster demokratischer Strukturen ab - Apparate, beziehungsweise Institutionen in demokratischen Systemen immer vorhanden sind und offensichtlich eine Eigendynamik entwickeln, die sie in mehr oder weniger hohem Maße entsprechend der Theorie Schumpeters funktionieren läßt:

So muß es eigentlich als Indiz für die Richtigkeit von Schumpeters Thesen gedeutet werden, wenn angesichts der Tagespolitik des Apparates der Demokratie, der Verfassungsorgane und Institutionen immer wieder ein demokratischer Geist, eine demokratische Kultur der Bevölkerung beschworen werden, um eine Demokratie zu beatmen, die augenscheinlich konsequent nach den Gesetzmäßigkeiten von Schumpeters Theorie zu arbeiten scheint.

Gemäß einer solchen Ansicht bezüglich der realen Entwicklungen ersetzte Schumpeter den objektiven oder - besser gesagt - den ursprünglichen Sinn der Institutionen durch deren abstrakte Bestimmung, da genau dies - aus seiner Sicht - die Tatsachen beschreibt.

Außerdem ist das Kriterium der Rechtsstaatlichkeit kein Maßstab dafür, wie demokratisch ein Staat ist. So ist es vorstellbar, daß die Rechtsstaatlichkeit auch in einem System voll entwickelt ist, das nur ein Minimum der Möglichkeiten zur demokratischen Entscheidungsfindung verwirklicht.

4.2.2 konkretere Kritik an Schumpeters Empirie

Um die grundsätzliche Frage, die durch diese Kritik an Schumpeters Begriff, Terminus von Demokratie aufgeworfen wird, besser und anschaulicher zu beleuchten, sollen auch der diesbezügliche Standpunkt Mittermaiers und Mairs erörtert werden. Die beiden gehen nämlich in ihrem Vorwurf gegen Schumpeter ungleich weiter, auch wenn dieser im Endeffekt in eine ganz ähnliche Richtung wie bei Habermas zielen soll:

[...]

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Details

Titel
Die Kritik an Schumpeters Demokratietheorie - Versuch einer Rezension der Rezensenten
Hochschule
Philipps-Universität Marburg  (Politikwissenschaft im Fachbereich 03 Gesellschaftswissenschaften)
Veranstaltung
Seminar POLITIK UND WIRTSCHAFT I
Note
1
Autor
Jahr
1997
Seiten
31
Katalognummer
V14951
ISBN (eBook)
9783638202190
Dateigröße
538 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Kritik, Schumpeters, Demokratietheorie, Versuch, Rezension, Rezensenten, Seminar, POLITIK, WIRTSCHAFT
Arbeit zitieren
Matthias Franke (Autor), 1997, Die Kritik an Schumpeters Demokratietheorie - Versuch einer Rezension der Rezensenten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/14951

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