Über den Geist und Ungeist Deutscher Bildungsanstalten


Seminararbeit, 2005
21 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einführung

I. Bildung contra Gebildet sein: Nietzsches Kritik an der deutschen Bildung und den Gelehrten um 1870
1.1 Friedrich (Nietzsche) der Unzeitgemäße
1.2 Nietzsche Kritik an den wilhelminischen Bildungsanstalten und seine Phänomenologie des modernen Gelehrten

II. Die Existenz gegen den Staat: der Philosoph (Schopenhauer) als Vorbild und Erzieher
2.1 Der idealische Schopenhauer als Vorbild und Erzieher
2.2 Kultur als Vorbereiterin und Erzeugerin des philosophischen Genius

III. Resumée

Literaturverzeichnis

Einführung

Die Fragen nach dem Wesen und der Qualität unserer Bildung und Erziehung (als auch die Versuche ihrer Verbesserung) sind wohl so alt wie die Menschheit selbst. Wie sehr dabei etwa der Begriff Bildung ein unklar definierter und häufig umgedeuteter Begriff ist, so wird doch übereinstimmend Bildung nicht nur als Aneignung von Wissen, sondern zugleich auch als kritische Übernahme kultureller Werte verstanden.[1] Ganz allgemein gesprochen bezeichnet Bildung die Entfaltung oder Entwicklung der Fähigkeiten eines Menschen aus seinen Anlagen, angeregt und gesteuert durch seine Erziehung und ist abzugrenzen von Begriffen wie Wissen, Intellektualität und Kultiviertheit, mit denen Bildung umgangssprachlich oft synonym verwendet wird. Während in unserem Alltagsdenken und -handeln der Bildungsbegriff stark mit Begriffen wie Belehrung oder Wissensvermittlung verbunden ist, haftet seit Wilhelm von Humboldt in der Theorie und der Programmatik „dem Wort Bildung das Moment der Selbständigkeit, also des Sich-Bildens der Persönlichkeit“[2] an. Demnach ist nach Humboldt Bildung die Anregung aller Kräfte des Menschen, damit diese sich über die Aneignung der Welt entfalten und zu einer sich selbst bestimmenden Individualität und Persönlichkeit führen.

Das Wort Bildung selbst ist ein typisch deutsches Wort, das in spezifischer Beziehung zur Erziehung steht. Auch Erziehung ist ein unscharfer und weitgefasster Begriff, der alle Maßnahmen umschließt, die den Menschen positiv verändern und ein erwünschtes Verhalten hervorrufen sollen. Insbesondere Kindern und Jugendlichen soll durch Erziehung die Werte und Normen einer Gesellschaft als auch deren Wissen vermittelt werden. Erziehungs-Instanzen dafür sind sowohl Familien und Umwelt als auch spezielle Institutionen wie Kindergärten und Schulen und darauf folgend etwa Universitäten.[3] Ziel der modernen westlichen Erziehung ist der eigenständig handelnde und emanzipierte Mensch, der sein Leben gestalten und planen kann.

Aus diesem Grund ist auch nichts so zeitgemäß wie die Kritik am (deutschen) Bildungswesen: genau um die vermeintliche Verteidigung oder Veränderung dieser Ziele geht es etwa in den seit einigen Jahren in Deutschland und Europa geführten Debatten um die PISA-Studie und den sogenannten Bologna-Prozess. So ist in Deutschland seit der 2000 von der OECD[4] eingeführten PISA-Studie – deren Ergebnisse den sogenannten PISA-Schock auslöste – eine erneute und erregt geführte und noch immer anhaltende Bildungsdebatte um das deutsche Bildungssystem entbrannt. In den emotional geführten Diskussionen geht es um einen angeblichen, durch den Test aufgedeckten Bildungs- und Erziehungsnotstand im einstigen „Land der Dichter und Denker“. Bei ihrem Vorgehen orientiert sich die Studie, deren Methoden auf politischer Ebene nie wirklich hinterfragt worden sind, nicht an der Schnittmenge nationaler Curricula, sondern postuliert einen eigenen Bildungsbegriff, in dem es um Wissen, Fähigkeiten und Kompetenzen geht „die relevant sind für persönliches, soziales und ökonomisches Wohlergehen.“[5]

Der sogenannte Bologna-Prozess wiederum ist eine Ende der 90er Jahre gestartete Initiative, deren Pläne 1999 in der Stadt Bologna von insgesamt 29 Ländern unterzeichnet wurde, um im Zuge eines mehr oder weniger zusammenwachsenden Europas einen gemeinsamen und vergleichbaren europäischen Hochschulraum zu schaffen. Drei große Themen stehen dabei im Vordergrund: die Förderung von Mobilität, von internationaler Wettbewerbsfähigkeit und von Beschäftigungsfähigkeit. Die nun schrittweise umgesetzten Reformierungspläne der Hochschulen in ganz Europa soll und wird zu einer Vereinheitlichung und somit Vergleichbarmachung der Bildungssysteme in Europa führen. Dieses Vorhaben hat auch etliche Kritiker – wie beispielsweise den Wiener Professor für Philosophie und Bildungswissenschaft, Konrad Paul Liessmann, mit seiner 2006 veröffentlichten Schrift „Theorie der Unbildung. Die Irrtümer der Wissensgesellschaft“ – auf den Plan gerufen. So wird u. a. befürchtet, dass den Studierenden durch die gestraffte Ausbildungsform und die zumeist vorgegebenen Lehrinhalte die Möglichkeit genommen werde, eigene Interessenschwerpunkte herauszuarbeiten und sich wissenschaftlich experimentell einzubringen; das Studium werde so zunehmend auf rein wirtschaftliche und berufsbezogene Kriterien reduziert und damit das vormalige Bildungsideal aufgegeben.

Und auch Friedrich Nietzsche – um den es im weiteren Verlauf der Arbeit gehen soll – hat sich seinerzeit ausführlich und kritisch mit seiner zeitgenössischen Bildung und Erziehung auseinandergesetzt. Bereits in seiner Antrittsrede an der Universität Basel als Professor für alte Sprachen thematisierte Nietzsche 1872 in seinen Basler Bildungsvorträgen „Ueber die Zukunft unserer Bildungsanstalten“[6] Bildungsziele und Bildungsniveau in den verschiedenen wilhelminischen Bildungsanstalten. In seiner dritten unzeitgemäßen Betrachtung „Schopenhauer als Erzieher“ von 1974 stellt er dann den „demokratisierenden“ staatlichen Bildungsidealen des soeben gegründeten wilhelminischen Reiches seine „Ethik der Selbstverwirklichung“ entgegen. Sowohl Nietzsches Kritik als auch seinem alternativen Erziehungskonzept wird nun im Folgenden einer ausführlichen Lektüre (Close-Reading-Verfahren) unterzogen.

I. Bildung contra Gebildet sein: Nietzsches Kritik an der deutschen Bildung und den Gelehrten um 1870

1.1 Friedrich (Nietzsche) der Unzeitgemäße

„...unzeitgemäß – das heißt gegen die Zeit und dadurch auf die Zeit und hoffentlich zugunsten einer kommenden Zeit – zu wirken.“ (Friedrich Nietzsche, III. UB)

1869 wird der erst 24 jährige Student Friedrich Nietzsche aufgrund seiner herausragender Fähigkeiten und Leistungen auf Empfehlung des angesehenen Gräzisten Friedrich Wilhelm Ritschl auf eine Professur für Klassische Philologie an die Universität Basel berufen. Doch für Nietzsche, der diese Professur zehn Jahre lang ausführt, wird schon bald deutlich, dass seine Ambitionen sowohl weit über die Philologie als auch über den akademischen Bereich hinausgehen. So äußert er schon frühzeitig seine Ambitionen, sich insbesondere auch auf dem philosophischen Gebiet[7] zu beschäftigen und nicht nur akademisch, sondern auch als Zeitkritiker und öffentlicher Lehrer, d. h. als Publizist zu wirken.[8] Als politischer Schriftsteller und Erzieher versteht sich Nietzsche auch in seinen seit 1873 verfassten „Unzeitgemäßen Betrachtungen“, in denen er mit dem herrschenden Zeitgeist abrechnet und die den Boden für eine neue Kultur vorbereiten sollen.[9]

In der ersten „Unzeitgemäßen Bertachtung“ parodiert Nietzsche auf sarkastische Weise das liberale Fortschrittsdenken in Deutschland und äußert die Befürchtung, der soeben vollbrachte deutsche militärische Sieg über Frankreich könne sich kulturell in die Niederlage des deutschen Geistes[10] zu Gunsten des deutschen Reiches verwandeln. Zugleich distanziert Nietzsche sich mit der Vorführung des Schriftstellers David Friedrich Strauss als Paradefall eines Bildungsphilisters[11] von seinem eigenen wissenschaftlichen Umfeld. In der zweiten „Unzeitgemäßen Betrachtung“ wendet Nietzsche sich gegen ein Kulturverständnis, bei dem Kultur zur bloßen Dekoration des Lebens degeneriert und richtet die zuvor am Bildungsphilister geäußerte Kritik nun grundsätzlich gegen die historischen Wissenschaften.[12]

[...]


[1] Vgl. Harenberg Kompaktlexikon unter dem Begriff „Bildung“

[2] Hartmut von Hentig: Bildung. Ein Essay

[3] Harenberg Kompaktlexikon unter dem Begriff „Erziehung“

[4] Abkürzung für: Organisation for Economic Cooperation and Development (OECD)

[5] Quelle: Measuring Student Knowledge and Skills: A new Framework for Assessment, OECD 1999

[6] Friedrich Nietzsche: Ueber die Zukunft unserer Bildungsanstalten. Sechs öffentliche Vorträge; in: KSA 1, S. 641-763

[7] Nietzsches älterer und zu diesem ein ebenso kritisches wie freundschaftliches Verhältnis pflegende Kollege Jacob Burckhardt meinte, dass Nietzsche bei seinen „so keck und groß aufgeworfenen Fragen“philosophisch nach den Bedingungen der propagierten neuen Kultur frage und dabei historisch immer wieder auf die Kultur der frühen Griechen zu sprechen komme, die ihm als Paradigma einer kulturellen Selbstschöpfung für die Deutschen diene; vgl. Volker Gerhardt: Friedrich Nietzsche, S. 38

[8] Volker Gerhardt sieht darin den Wunsch, dass Nietzsche die Erkenntnis praktisch-politisch in den Dienst einer ästhetischen Aufgabe stellen möchte und Philosophie als ein notwendig gewordenes Propädeutikum der Kunst ansehe, ohne die wahrhaft menschliches Leben nicht möglich ist; vgl. ebd., S.39

[9] vgl. ebd., S. 39

[10] Unter den Begriffen Kultur und Geist versteht Nietzsche dabei etwas, in dem die vielfältigen Erscheinungen des Lebens zu einer ästhetischen Einheit finden: „Kultur ist vor allem Einheit des künstlerischen Stiles in allen Lebensäußerungen eines Volkes.“ (1. UB, S. 163)

[11] Der Bildungsphilister wird beschrieben als ein Mensch „der an die Wissenschaft, an das stetige Fortschreiten der Gesellschaft und an das gute im Menschen glaubt“ und der den „tragischen Widerspruch im Dasein des Individuums – wenn er ihn überhaupt kennt – verleugnet und die Frage nach dem Sinn seines Lebens nicht stellt...“; Gerhard: Friedrich Nietzsche, S. 39

[12] „ohne damit, wie mancher Leser heute immer noch glaubt, einen generellen Verzicht auf Geschichte zu propagieren“; vielmehr geht es Nietzsche um die richtige Art und Weise des Umgangs mit Geschichte; ebd., S. 40

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Über den Geist und Ungeist Deutscher Bildungsanstalten
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Veranstaltung
Friedrich Nietzsche: Seine frühe Ästhetik und Kulturtkritik
Note
1,7
Autor
Jahr
2005
Seiten
21
Katalognummer
V149630
ISBN (eBook)
9783640606207
ISBN (Buch)
9783640606047
Dateigröße
474 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Friedrich Nietzsches Kritik an den wilhelminischen Bildungsideen und seine Forderung nach einer 'Ethik der Selbstverwirklichung' in seinen Basler Vorträgen "Ueber die Zukunft unserer Bildungsanstalten" und der Dritten Unzeitgemäßen Betrachtung "Schopenhauer als Erzieher"
Schlagworte
Bildung, Geist, Deutsche Bildungsanstalten, Nietzsche, Bologna, Bolognaprozess, Bologna-Prozess, Liessmann, Unzeitgemäße Betrachtungen, Bildungsdebatte, Bildungsanstalten, Schopenhauer, Theorie der Unbildung
Arbeit zitieren
Christian Finger (Autor), 2005, Über den Geist und Ungeist Deutscher Bildungsanstalten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/149630

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