Die Fragen nach dem Wesen und der Qualität unserer Bildung und Erziehung – als auch die Versuche ihrer Verbesserung – sind wohl so alt wie die Menschheit selbst. Ziel der modernen westlichen Erziehung ist der eigenständig handelnde und emanzipierte Mensch, der sein Leben gestalten und planen kann. Aus diesem Grund ist auch nichts so zeitgemäß wie die Kritik am Deutschen Bildungswesen: dies zeigen nicht zuletzt die seit einigen Jahren in Deutschland und Europa geführten Debatten um die PISA-Studie und den sogenannten Bologna-Prozess, durch die eine erregt geführte und noch immer anhaltende Bildungsdebatte um das deutsche Bildungssystem erneut entbrannt ist. Dieses Bologna-Prozess genannte Vorhaben zur Schaffung eines einheitlichen europäischen Hochschulwesens bis zum Jahr 2010 hat inzwischen etliche Kritiker wie den in dieser Arbeit zitierten Wiener Philosophen Konrad Paul Liessmann auf den Plan gerufen: dieser bringt in seinem Buch „Theorie der Unbildung: Die Irrtümer der Wissensgesellschaft“ die Befürchtung zum Ausdruck, dass das Studium zunehmend auf rein wirtschaftliche und berufsbezogene Kriterien reduziert und damit das vormalige Bildungsideal aufgegeben werde. Und auch Friedrich Nietzsche – um den es im weiteren Verlauf der Arbeit gehen soll – hat sich seinerzeit ausführlich und kritisch mit seiner zeitgenössischen Bildung und Erziehung auseinandergesetzt. Bereits in seiner Antrittsrede an der Universität Basel als Professor für alte Sprachen äußerte sich Nietzsche 1872 in seinen Basler Bildungsvorträgen „Ueber die Zukunft unserer Bildungsanstalten“ kritisch zu Bildungszielen und Bildungsniveau in den verschiedenen wilhelminischen Bildungsanstalten. In seiner Dritten unzeitgemäßen Betrachtung „Schopenhauer als Erzieher“ von 1874 stellt er dann den „demokratisierenden“ staatlichen Bildungsidealen des soeben gegründeten wilhelminischen Reiches seine „Ethik der Selbstverwirklichung“ entgegen. Sowohl Nietzsches explizite Kritik als auch sein alternatives Erziehungskonzept werden in dieser Arbeit einer ausführlichen Lektüre (Close-Reading-Verfahren) unterzogen. Im Fazit werden Rückschlüsse auf die heutzutage virulenten Bildungsdebatten im Zuge des Bologna-Prozesses gezogen
Inhaltsverzeichnis
Einführung
I. Bildung contra Gebildet sein: Nietzsches Kritik an der deutschen Bildung und den Gelehrten um 1870
1.1 Friedrich (Nietzsche) der Unzeitgemäße
1.2 Nietzsche Kritik an den wilhelminischen Bildungsanstalten und seine Phänomenologie des modernen Gelehrten
II. Die Existenz gegen den Staat: der Philosoph (Schopenhauer) als Vorbild und Erzieher
2.1 Der idealische Schopenhauer als Vorbild und Erzieher
2.2 Kultur als Vorbereiterin und Erzeugerin des philosophischen Genius
III. Resumée
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht Friedrich Nietzsches frühe Kultur- und Bildungskritik, insbesondere seine Auseinandersetzung mit den wilhelminischen Bildungsidealen und seine Forderung nach einer individuellen Ethik der Selbstverwirklichung im Kontrast zum staatlich instrumentalisierten Bildungsverständnis.
- Kritik an der instrumentellen Wissensvermittlung und dem Fachgelehrtentum.
- Die Rolle des Philosophen als Erzieher und Vorbild.
- Distinktion zwischen staatlich verordneter Bildung und wahrer Selbstverwirklichung.
- Nietzsches Verständnis von Kultur als Erzeugerin des philosophischen Genius.
- Vergleichende Perspektiven zu zeitgenössischen Bildungsdebatten (Bologna-Prozess/PISA).
Auszug aus dem Buch
1.2 Nietzsches Kritik an den wilhelminischen Bildungsanstalten und seine Phänomenologie des modernen Gelehrten
„Jede Erziehung aber, welche an das Ende ihrer Laufbahn ein Amt oder einen Brodgewinn in Aussicht stellt, ist keine Erziehung zur Bildung, wie wir sie verstehen, sondern nur eine Anweisung, auf welchem Wege man im Kampfe um das Dasein sein Subjekt rette und schütze.“ (Friedrich Nietzsche)
Nietzsche unterzieht in seiner ca. 90 seitigen Abhandlung zunächst seine Zeit einer kritischen Prüfung und schildert, wie und was ein Philosoph, der nicht zu den „in ihrem Staat vergnügten Philosophieprofessoren“ gehört, so sieht:
„Die Gewässer der Religion fluten ab und lassen Sümpfe und Weiher zurück...Die Nationen trennen sich wieder auf das Feindseligste und begehren sich zu zerfleischen... die gebildeten Stände und Staaten werden von einer großartig verächtlichen Geldwirtschaft fortgerissen...Die gelehrten Stände sind nicht mehr Leuchttürme oder Asyle inmitten aller dieser Unruhe der Verweltlichung, sie selbst werden täglich unruhiger, gedanken- und liebloser... Der Gebildete ist zum größten Feind der Bildung abgeartet, denn er will die allgemeine Krankheit weglügen und ist den Ärzten hinderlich...Die Wissenschaften, ohne jedes Maß und im blindesten laissez faire betrieben, zersplittern und lösen alles Festgeglaubte auf...Alles dient der kommenden Barbarei, die jetzige Kunst und Wissenschaft mit einbegriffen.“
Zusammenfassung der Kapitel
Einführung: Die Einleitung beleuchtet den historischen Wandel des Bildungsbegriffs von Humboldt bis zur modernen Debatte um PISA und den Bologna-Prozess.
I. Bildung contra Gebildet sein: Nietzsches Kritik an der deutschen Bildung und den Gelehrten um 1870: Dieses Kapitel analysiert Nietzsches Selbstverständnis als Unzeitgemäßer und seine frühe Kritik an der akademischen Philologie sowie am modernen Gelehrtentum.
1.1 Friedrich (Nietzsche) der Unzeitgemäße: Der Abschnitt skizziert den Werdegang Nietzsches und seine Motivation, als Zeitkritiker und öffentlicher Lehrer über den akademischen Betrieb hinauszuwirken.
1.2 Nietzsche Kritik an den wilhelminischen Bildungsanstalten und seine Phänomenologie des modernen Gelehrten: Hier wird Nietzsches Fundamentalkritik am utilitaristischen Bildungsverständnis und der ökonomischen Instrumentalisierung des Menschen durch den Staat dargelegt.
II. Die Existenz gegen den Staat: der Philosoph (Schopenhauer) als Vorbild und Erzieher: Das Kapitel thematisiert die Notwendigkeit von Erziehern als Befreiern und die Konzeption der „Ethik der Selbstverwirklichung“.
2.1 Der idealische Schopenhauer als Vorbild und Erzieher: Nietzsche entwirft Schopenhauer als symbolisches Vorbild, um den Menschen aus der Konformität des Staates zu lösen.
2.2 Kultur als Vorbereiterin und Erzeugerin des philosophischen Genius: Die Ausführungen behandeln die „drei Weihen der Kultur“, die notwendig sind, um einen Raum für die Entstehung eines philosophischen Genius zu schaffen.
III. Resumée: Die Zusammenfassung reflektiert Nietzsches Bildungskritik als zeitlosen Impuls, der die Bedeutung einer nicht-utilitaristischen Selbstentfaltung unterstreicht.
Schlüsselwörter
Friedrich Nietzsche, Bildungskritik, Schopenhauer als Erzieher, Unzeitgemäße Betrachtungen, Selbstverwirklichung, wilhelminische Bildungsanstalten, Gelehrtentum, Kultur, Staat, Bologna-Prozess, Philologie, Geniekult, Ethik, Moderne, Individuum.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert Nietzsches frühe Kritik an den Bildungsinstitutionen seiner Zeit und sein Plädoyer für ein individuelles, nicht vom Staat determiniertes Bildungsideal.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Zu den Schwerpunkten gehören das Verhältnis von Kultur und Staat, die Kritik am modernen Gelehrtentum, der Begriff der „Ethik der Selbstverwirklichung“ sowie Nietzsches Schopenhauer-Rezeption.
Welches primäre Ziel verfolgt der Autor mit dieser Untersuchung?
Das Ziel ist es, Nietzsches alternative Erziehungskonzeption anhand seiner Basler Vorträge und der „Unzeitgemäßen Betrachtungen“ durch eine textnahe Lektüre freizulegen.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit angewandt?
Der Verfasser verwendet primär das Verfahren des „Close Reading“ (nahe Lektüre), um Nietzsches Texte kritisch zu analysieren und in einen kontextuellen Bezug zu aktuellen Bildungsdebatten zu setzen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit inhaltlich behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Nietzsches Kritik am modernen Bildungsapparat sowie die Darstellung seines Konzepts einer Kultur, die den philosophischen Genius hervorbringt.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Wichtige Schlüsselbegriffe sind „Bildungskritik“, „Selbstverwirklichung“, „Unzeitgemäßheit“, „Staatskritik“ und „Geniekult“.
Wie unterscheidet Nietzsche zwischen wahrer Bildung und dem, was er als „Gebildet sein“ kritisiert?
Nietzsche kritisiert das moderne „Gebildet sein“ als rein instrumentelle Anpassung an ökonomische Anforderungen, während er wahre Bildung als individuelle Selbstentfaltung und Befreiung von gesellschaftlichem Konformismus definiert.
Warum bezieht sich der Autor in seiner Analyse zusätzlich auf Konrad Paul Liessmann?
Der Autor nutzt Liessmanns Kritik am Bologna-Prozess, um aufzuzeigen, dass Nietzsches frühe Kritik am utilitaristischen Bildungswesen auch in der heutigen Debatte um Reformen und Ökonomisierung eine hohe Relevanz besitzt.
Welche Rolle spielt Schopenhauer in Nietzsches Erziehungskonzept?
Nietzsche nutzt Schopenhauer nicht als historisches Vorbild, sondern als idealisiertes symbolisches Modell, das durch seine Unabhängigkeit vom Staat und seine „Existenz gegen den Staat“ als Befreier für das Individuum dienen soll.
- Quote paper
- Christian Finger (Author), 2005, Über den Geist und Ungeist Deutscher Bildungsanstalten, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/149630