Das Problem der Identität des Kolonisierten in "La Grande Maison" von Mohammed Dib


Hausarbeit (Hauptseminar), 2008
23 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Theoretische Grundlagen zu Frankophonie / Kolonialismus

1. Die Bedeutung der «Frankophonie»
1.1. Allgemeines und Geschichtliches
1.2. Die Schreibweise(n)

2. Die französische Kolonialpolitik
2.1. Motivation, Methoden und Auswirkungen
2.2. Die Kolonisation Algeriens
2.3. Die französische Sprache im heutigen Algerien
2.4. Algeriens Konfliktpunkt: Ressourcen(management)

3. Kennzeichen kollektiver und individueller Sozialisation
3.1. Gruppenidentität
3.2. Einzelperson

II. Analytische Auswertung von La Grande Maison

4. Vorstellung des Romans
4.1. Allgemeines und Autobiographisches
4.2. Der Inhalt und sein historischer Kontext

5. „un Francophone parle d´un pays francophone“
5.1. Globale Analyse bezüglich der zwiespältigen Lage des Protagonisten
5.2. Detailanalyse des Sprachkonflikts
5.3. Fehlende Ressource: Brot
5.4. Darstellung zweier Kultursysteme

6. Résumé

7. Bibliographie

I. Theoretische Grundlagen zu Frankophonie / Kolonialismus

1. Die Bedeutung der «Frankophonie»

1.1. Allgemeines und Geschichtliches

Die Bezeichnungen «francophone» und «la francophonie»[1] stammen von dem französischen Kolonialgeographen Onésime Reclus (1837-1916) und bezeichnen

- kurz gefasst - den französischen Sprachraum, zu dem jede Bevölkerung zählt, die Französisch als offizielle Sprache ihres einsprachigen Territoriums anerkennt. Es gehören auch Staaten dazu, die dem Französischen den Status einer kooffiziellen, einer Amts- oder Arbeitssprache zugestehen und jene, in denen das Französische als Sprache der Bildung (Schulsprache) angesehen wird oder wo Eliten den französischen Ton bevorzugen. Dass Französisch als offizielle Sprache gilt, bringt nur wenig Aufschluss über ihre tatsächliche Verbreitung oder eben Nicht-Verbreitung. Um den Verbreitungsgrad zu ermitteln, muss die Funktion der Sprache innerhalb des sozialen Raumes untersucht werden, nicht aber der staatliche Status allein als Quelle dienen.

Es gibt also viele Möglichkeiten, Teil des frankophonen Raumes zu sein. Aus der detaillierten Auflistung frankophoner Mitglieder wird ersichtlich, dass auch ehemalige französische Kolonien und andere Länder integriert sind, in denen das Französische ausschließlich gesellschaftliche Relevanz hat. Es werden sogar Länder aufgenommen, die nicht eigens frankophon sind, aber definitiv eine starke Beziehung zu solchen Ländern pflegen. Der Beobachterstatus bedeutet, dass die Affinität nicht sprachlich begründet ist, sondern ein politisches Interesse vorliegt. Denn nicht nur aus kultureller, sondern auch aus politischer Motivation heraus (mit der Gründung der Agence de coopération culturelle et technique – ACCT[2] ), kümmert sich die Internationale Organisation der Frankophonie (OIF = l´Organisation internationale de la Francophonie) um die Bündelung der Mitglieder.[3] Ihren ersten großen Erfolg verzeichnete die Vereinigung mit dem UNO-Generalsekretär Boutros-Ghali

1997-2002. Auch sie kämpft, wie die schon 1635 gegründete Académie francaise, gegen die Dominanz des Englischen (Anglophonie). Mit der Einladung politischer Würdenträger durch den französischen Präsidenten F. Mitterrands (1916-1996), fand im Jahre 1986 erstmals ein Gipfeltreffen[4] zur Frankophonie statt. Damit setzte die bis heute andauernde Phase ihrer Verstaatlichung ein. Inzwischen hat sich die Frankophonie zu einem inter- bzw. transdisziplinären Phänomen ausgeweitet, das nicht nur in der Romanistik des deutschsprachigen Raumes seit den 70er Jahren des 20. Jhdts. auftritt, sondern soziologische, politikwissenschaftliche, ökonomische, demographische, ethnologische und anthropologische Bereiche der akademischen Forschung betrifft.

Die Verbreitung des Französischen über seine eigenen Grenzen hinaus, bewirkt aufgrund der Existenz weiterer Weltsprachen und vor allem der regional vorhandenen Dialekte (Soziolekte), so genannte Sprachkonflikte. Das Konfliktfeld besteht aus Spannungen, die sich bei einer Konfrontation als Ungerechtigkeiten, Abwertungen oder Diskriminierungen entladen können. Die Konkurrenz zwischen den frankophonen und anglophonen Vertretern ist ein gravierendes Beispiel für einen langwierigen Sprachkonflikt, in dem sich das Französische als „bedrohte“ Sprache fühlt. Für eine Verteidigungsstrategie verbündeln sich die politische Führungsmacht und kulturelle Vertreter, um dem weltweiten Trend zu Anglizismen in der eigenen Sprache Einhalt zu gebieten. Die Mitgliederstaaten der Frankophonie kämpfen gegen das Hegemoniestreben der USA und den Einfluss des englischsprachigen Commonwealth, einer kolonialen Bindung an Großbritannien. Das zwieträchtige Verhältnis zwischen dem Englischen und dem Französischen geht auf deren kolonialistisches Gedankengut zurück, wer welche Gebiete erobern konnte. Dadurch ist die Französischsprachigkeit nicht nur für die soziale und kulturelle Etablierung, dem Prestige, von Bedeutung, sondern auch eine regelrechte Staatsangelegenheit.

1.2. Die Schreibweise(n)

Für die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem frankophonen Phänomen ist die Unterscheidung dreier Schreibweisen von Bedeutung:

Der erste Ausdruck, «Fran k ophonie» in der deutschen Sprache, betrifft im Allgemeinen die Französischsprachigkeit als Gegenstand der Forschung. Sie beschäftigt sich mit der weltweiten Verbreitung des Französischen (zumeist im Vergleich mit anderen Sprachen wie dem Englischen). Die beiden französischen Wörter unterscheiden sich durch den Anfangsbuchstaben entweder in der Form eines Minuskels oder eines Majuskels. So bezeichnet « f rancophonie» die sozialen und kulturellen Räume, während « F rancophonie» für die institutionalisierte politische Vereinigung und ihre internationale Organisation verwendet wird.

2. Die französische Kolonialpolitik

2.1. Motivation, Methoden und Auswirkungen

Frankreichs Kolonialpolitik gliedert sich in drei große Abschnitte, nämlich in das erste und das zweite Kolonialreich und den Postkolonialismus. In jeder Phase sind Territorien auf dem ganzen Erdball betroffen. Jules Ferry fasst die Kolonialpolitik Frankreichs am 28. Juli 1885 bei den „Débats parlementaires“ in drei Stichwörtern zusammen: „économique, humanitaire, et politique“.[5] Das erste Argument, warum die Kolonisation für Frankreich wichtig ist, betrifft den ökonomischen Bereich. Der wirtschaftliche Gewinn liegt einmal in der Migration, weiters in einer Ausbeutung von Ressourcen, vor allem von Luxusgütern, wie Kakao- oder Kaffeebohnen, sind dort billiger zu erwerben. Die Gründung einer Kolonie bietet einem industriell fortschrittlichen und an Kapital reichen Land wie Frankreich die lukrative Erschließung neuer Absatzmärkte. Das zweite Argument der Humanität baut auf dem ersten auf, nämlich dass die Herrschaft über eine fremde Kultur auch deren Unterdrückung bedeutet, was zur Rebellion führen kann. Deshalb sei es wichtig, die Kolonisierten zu zivilisieren. Einerseits käme eine Lektion im guten Benehmen der „races inférieures“ gegenüber den „races supérieures“ den Einheimischen (aus der Sicht der Kolonisatoren) selbst zu Gute, andererseits bliebe eine Revolte aus, wenn Folgsamkeit gewährleistet ist. Die Methoden der Zivilisierung sind aber alles andere als „sanft“, so der verständliche Vorwurf Ferrys an die Kolonialpolitiker:

„vous les [ces populations de race inférieure] violentez, mais vous ne les civilisez pas.“ Zuletzt nennt er die Gründe, internationales Prestige erlangen zu wollen und in einer politischen Hierarchie Europas aufzusteigen.

2.2. Die Kolonisation Algeriens

Für die Analyse der Identitätsproblematik in Mohammed Dibs La Grande Maison ist die algerische Kolonialgeschichte von Bedeutung. Die Ära des zweiten Kolonialreiches begann 1830 mit der Besetzung Algeriens durch die französische Armee. Algerien war als erstes der drei Länder des «Maghreb»[6] vom Kolonialsystem Frankreichs betroffen. Dieses legte größten wert auf die Vermittlung der französischen Sprache in den eroberten Gebieten, um eine dauerhafte Bindung an sich zu garantieren. Der Kolonisator benutzte seine Muttersprache Mittel seiner Macht, einmal gegenüber den Eingeborenen, sowie gegenüber anderen Kolonialmächten, vordergründig der englischen.

Die politisch legitimierte Devise lautete „La mission civilisatrice“ und war ein optimistisches Konzept, das sich am besten mit den patriotischen Worten

Victor Hugos zur Kolonisation Algeriens veranschaulichen lässt:

Ich glaube, dass unsere neue Eroberung ein glückliches und ruhmreiches Unternehmen ist. Es ist die Zivilisation, die über die Barbarei siegt. Ein von (der Vernunft) erleuchtetes Volk trifft auf eines im Dunkeln. Wir sind heute die Griechen des Erdkreises; unsere Aufgabe ist es, die Welt zu erleuchten. Unsere Mission geht in Erfüllung. Ich singe Hosanna.[7]

V. Hugo vertritt die koloniale Sprachpolitik indem er die Erreichung von Gleichheit aller Menschen mittels einer gemeinsamen Sprache, sowie der Zivilisierung der Menschheit dadurch, als Frankreichs Bestimmung nennt. Dass ein solches Bestreben aber auch Schattenseiten bringt, nämlich die gewalttätige Unterdrückung und Zerstörung fremder Kulturen, wurde von der Kolonialmacht ignoriert bzw. verschönert oder im schlimmsten Fall verleugnet. Die Praxis von „La mission civilisatrice“ sah anders aus: Assimilation und „l´administration directe“. Letztere sollte die Idee eines Souveränitätstransfers und die Selbstverwaltung der Kolonie unterbinden. Die Assimilation geschah durch die Institutionen der kolonialen Sprachpolitik zu denen Verwaltung, Militär, Schule und Kirche zählten. Da die Kolonialverwaltung nur das Französische tolerierte, mussten es algerische Kolonisten, besonders jene, die mit administrativen Aufgaben betreut wurden (eine geringe Anzahl), erlernen. Ebenso war die Kenntnis des Französischen für die Soldaten von Vorteil, die vom Militär rekrutiert wurden, um auf der Seite Frankreichs in internationale Kriege zu ziehen. Neben der territorialen Expansion mittels neuer Handelswege und der Militärgewalt, zogen (vermeintlich friedlich) katholische Missionare durch die Kolonien, mit dem hintergründigen Ziel, das Eindringen protestantischer Engländer zu verhindern. Die französische Kultur wurde nach staatlicher Anordnung in den Schulen vermittelt, im Kolonialreich des 19. und 20. Jahrhunderts von Delegierten der Kolonialbehörden, obwohl religiöse Orden manchmal die Leitung übernahmen.

Wichtig ist also, dass sich die Beziehung zwischen einer Kolonie und seinem Mutterland nicht nur durch politisches Interesse definiert, sondern auch den bewussten Einsatz der Sprache als Machtmittel beinhaltet.

2.3. Die französische Sprache im heutigen Algerien

Besonders im gegenwärtigen Algerien sind die Nachwirkungen der französischen Kolonialpolitik stark zu sehen. Das Fehlen finanzieller Ressourcen behindert eine kontinuierliche Arabisierung der algerischen Bevölkerung. „Francité“ dominiert eisern das Bildungswesen, die Wissenschaft und die Medienlandschaft. Geringfügig wird das Arabische in den sozial- und humanwissenschaftlichen Bereich integriert. Der heutige starke frankophone Charakter Algeriens hat seine Wurzeln in der zuvor erläuterten Kolonialpolitik Frankreichs. Französisch war „de facto“ und „de jure“ die Amtssprache und die Schulsprache. Heute, im 21. Jhdt., ist Arabisch zwar die offizielle Sprache in den Maghrebstaaten, doch nimmt das Französische im öffentlichen Leben Algeriens einen wichtigen Platz ein. Der Trilinguismus setzt sich somit aus dem Arabischen, dem Französischen und dem Berberischen/Kabylischen zusammen. Das Französische als Sprache der Bildung wird von den sozialen Eliten benutzt. Aus diesem intellektuellen Kreis stammt eine große Zahl von arabophonen und/oder berberophonen Migranten in europäische Länder. Sie fassen die vorgängige Islamisierung als etwas Intolerantes, Unterdrückendes und Rückschrittliches.

Die Verbreitung des Französischen in Algerien wird von dem belgischen Sprachwissenschaftler W. Bal in seiner Typologie zu den „Zones de superposition“ gezählt. „La superposition“ bedeutet, dass das Französische in die sozialen Bereiche (Verwaltung, Bildung, internationale Politik) eines anderssprachigen Gebietes eingreift. Die zweite Algerien zugewiesene Eigenschaft der Importation meint die Etablierung des Französischen aufgrund beständiger Migrationsströme.

[...]


[1] Den Begriffen ähnlich ist das Wort «francité», das allerdings auf den senegalesischen Präsidenten und Dichter Léopold Sédar Senghor zurückgeht. Es wird als „Französischsein“ übersetzt und ist vielmehr mit kulturellem Verhalten konnotiert.

[2] Der ACCT nachfolgend, entstand die AIF (= Agence intergouvernementale de la Francophonie)

[3] Auf der offiziellen Homepage der OIF befindet sich eine vollständige Aufstellung der Mitglieder: www.francophonie.org/oif/membres.cfm

[4] Das Gipfeltreffen findet seither alle zwei Jahre statt, unter der Devise „Le sommet des chefs d´État et de Gouvernement ayant le francais en partage“.

[5] Guy Pervillé: De l´Empire francais à la décolonisation. Paris: Hachette (1991). S. 47-48.

[6] Die Bezeichnung «Maghreb» heißt aus dem Arabischen übersetzt „Sonnenuntergang“ und meint den Westen der arabisch-islamischen Welt, zu dem folgenden Länder zählen: Marokko, Algerien und Tunesien.

[7] János Riesz: Französisch in Afrika. Sprache durch Herrschaft. Frankfurt/M.: IKO – Verlag für Interkulturelle Kommunikation (1998), S. 114-115.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Das Problem der Identität des Kolonisierten in "La Grande Maison" von Mohammed Dib
Hochschule
Universität Wien  (Romanistik Französisch)
Note
1
Autor
Jahr
2008
Seiten
23
Katalognummer
V149634
ISBN (eBook)
9783640608539
ISBN (Buch)
9783640608973
Dateigröße
555 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Im Rahmen der freien Wahlfächer des Hauptstudiums Germanistik. In deutscher Sprache mit französischen Zitaten.
Schlagworte
Problem, Identität, Kolonisierten, Grande, Maison, Mohammed
Arbeit zitieren
Monika Slunsky (Autor), 2008, Das Problem der Identität des Kolonisierten in "La Grande Maison" von Mohammed Dib , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/149634

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